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Buchkritik | Beitrag vom 31.07.2021

Jean-Philippe Toussaint: "Die Gefühle"Wenn der menschliche Faktor in der Bürokratie stört

Von Sigrid Löffler

Buchcover von Jean-Philippe Toussaint: "Die Gefühle", Frankfurter Verlagsanstalt , 2021. (Frankfurter Verlagsanstalt / Deutschlandradio)
Wie sein aktuelles Buch, handelte auch Jean-Philippe Toussaints letzter Roman "Der USB-Stick" von einem leitenden EU-Beamten. (Frankfurter Verlagsanstalt / Deutschlandradio)

Philippe Toussaint widmet sich auch in seinem neuen Roman "Die Gefühle" dem Labyrinth der Brüsseler EU-Bürokratie. Erneut versucht er, private Krisen eines EU-Beamten mit politischen Notsituationen zu verknüpfen. Das Ergebnis: intelligente Unterhaltung.

Unter Schriftstellern scheint die unausgesprochene Überzeugung zu gelten, das Walten der EU-Behörden in Brüssel sei als literarischer Stoff eher unergiebig. Jedenfalls kann man diesen Eindruck gewinnen, denn abgesehen von Robert Menasses Erfolgsroman "Die Hauptstadt" hat sich kaum ein Autor je dafür interessiert, das Milieu der Hohen Behörden in Brüssel zum Schauplatz und die bürokratischen Vorgänge dort zum Romanthema zu machen.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

Mit einer Ausnahme: Der belgische Autor Jean-Philippe Toussaint machte im Vorjahr in seinem Roman "Der USB-Stick" einen leitenden EU-Beamten zu seinem Helden und Ich-Erzähler. Dieser Held Jean Detrez arbeitet als strategischer Zukunftsforscher für die Europäische Kommission und befasst sich mit Quantencomputern und Cyber-Sicherheit. In "Der USB-Stick" bekam es Detrez mit einem groß angelegten Betrugsplan rund um die Entwicklung einer EU-eigenen Krypto-Währung zu tun. Dahinter steckte ein chinesischer Spionageversuch zur Manipulation des Bitcoin-Handels.

Offensichtlich hält der Autor seine Romanfigur Detrez noch nicht für auserzählt, denn in seinem soeben erschienenen neuen Roman "Die Gefühle" erzählt er weitere Abenteuer seines Helden im Labyrinth der Brüsseler EU-Bürokratie, wobei das Berlaymont-Gebäude als Sitz der Europäischen Kommission selbst eine tragende labyrinthische Rolle spielt.

Das Politische und Private verbinden

Wiederum, wie schon im Vorgänger-Roman, sucht Toussaint das Politische und das Private miteinander zu verbinden. Er will die Ehe- und Familiengeschichte seines Helden mit dessen politischer Tätigkeit auf plausible Art verknüpfen. Private Krisen wie der Tod und das Begräbnis seines Vaters, eines ehemaligen EU-Kommissars, oder die Scheidung von seiner zweiten Ehefrau treffen bei Detrez zusammen mit politischen Krisen wie etwa dem Brexit, der Wahl Donald Trumps oder der Luftfahrtkrise im Gefolge des Ausbruchs des isländischen Vulkans im Jahr 2010.

Um diese Korrelation stringent zu machen, entwickelt der Autor Toussaint eine eigenwillige These. Die großen Krisen, die über Brüssel hereinbrechen und mit deren Bewältigung sich die EU-Beamtenschaft herumschlagen muss, erschüttern den Helden Detrez in seinen emotionalen Grundfesten und stürzen ihn in einen Schwindel der Gefühle. Auf den extremen Stress reagiert er regelmäßig mit einem Sturm widersprüchlicher Empfindungen zwischen Begehren und Angst, Verlangen und Furcht.

Anschauliche Schilderung des Brüsseler Geschehens

Mitten im Entscheidungs-Stress der Krisenbewältigung überfällt ihn die jähe Begierde nach einer Frau, sei’s eine seiner beiden Ex-Ehefrauen, sei's eine Fremde oder fast Unbekannte, die er auf einer Tagung der Zukunftsforscher oder in der Cafeteria des Berlaymont kennenlernt. Der politische Druck möchte sich im Sex entladen, doch das funktioniert bei Detrez nur bedingt. Am Orgasmus hindert ihn jeweils jähe Ernüchterung, entweder weil die Frau das Geschehen abbricht, weil beide sich plötzlich schämen oder weil die Begierde erschlafft. Detrez, der extrem geforderte EU-Beamte, kommt politisch wieder zu sich und erinnert sich der Verantwortung, die auf ihm lastet, und das stört beim Sich-Ausleben.

Toussaints Stärke ist die prägnante und anschauliche Schilderung der Brüsseler Arbeits- und Entscheidungsmechanismen. Immer wieder stört der menschliche Faktor – Geltungssucht, Rivalität, Konkurrenzdenken, Eitelkeit der Bürokraten – den glatten Betriebsablauf. Fachkompetenz und politische Zwänge geraten permanent miteinander in Konflikt. Detrez macht sich keine Illusionen über die derzeitige Lähmung der Brüsseler Behörden und ihre systemische Unfähigkeit, die aktuellen Weltkrisen zu bewältigen. Er erkennt die Quintessenz politischer Entscheidung – "nämlich zwischen zwei unhaltbaren Positionen wählen zu müssen".

Auch wenn man die Amalgamierung des Politischen und des Privaten im Roman nicht für überzeugend gelungen hält, lohnt sich die Lektüre dieses intelligenten und unterhaltsamen EU-Romans.

Jean-Philippe Toussaint: "Die Gefühle", Roman
Aus dem Französischen von Joachim Unseld
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2021
242 Seiten, 22 Euro

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