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Tonart | Beitrag vom 15.03.2018

Jazzmusiker Charles Lloyd wird 80Auf der Suche nach Schönheit und dem besseren Leben

Von Matthias Wegner

Charles Lloyd spielt das Saxophon bei einem Live-Konzert (imago/Leemage)
Charles Lloyd bei einer Session in der Grande Halle de la Villette in Paris. (imago/Leemage)

Der amerikanische Flötist und Saxofonist Charles Lloyd begann seine Karriere in den 60ern. Neben Miles Davis zählt er zu den wichtigsten Grenzgänger des Jazz und gastierte mit seinem Quartett weltweit auf großen Festivals. Jetzt wird er 80 Jahre alt.

Eine Begegnung mit Charles Lloyd ist immer etwas Besonders. Man spürt sofort, dass dieser Mann noch immer auf der Suche ist, aber auch schon so einiges gefunden hat. Bis heute fühlt sich Lloyd, wie er selbst sagt, inspiriert. Im Zentrum seiner Betrachtungen: Die Wahrheit, die Schönheit, die Sehnsucht nach einem besseren Leben.

"Ich kann auf ein Leben mit viel Freude, aber auch mit viel Leid zurückblicken. Man kann in seinem Leben oft hinfliegen, aber es ist sehr wichtig, dass es danach trotzdem weitergeht. Es ist auch gut zu wissen, dass es etwas Größeres, als uns Menschen gibt. Die Seele von allen Seelen ist dass, was mich interessiert. Und ich bin wirklich dankbar, dass ich mein Leben als Musiker bestreiten durfte. Das ist eine große Ehre. Ich möchte die Welt verändern, ich blicke auf sie, sehe das menschliche Leid und weiß nicht, warum das so sein muss. Ich kann das alles nicht verstehen, aber in der Musik kann ich eine bessere Welt schaffen". 

Markant und intensiv am Saxofon

Charles Lloyd ist nicht nur eine tiefgründige und nachdenkliche Persönlichkeit. Er ist vor allem auch einer der markantesten und intensivsten Saxofonisten in der Jazzgeschichte. Sein Ton atmete schon in jungen Jahren den spirituellen Geist des bereits 1967 verstorbenen Saxofonisten John Coltrane, wobei Lloyd auch bald seinen eigenen Sound, seine eigene Ästhetik entwickelte.

Ende der 60er Jahre rannte er mit seiner Musik weltweit offene Türen ein. Für das Publikum war er der Popstar des Jazz, und auch die Kritiker liebten ihn. Besonders legendär im Frühwerk: sein Album "Forest Flower" – live aufgenommen 1967 beim Monterey Jazz Festival.

In den 80ern griff er wieder zum Saxophon

Lloyd lebte mit einer Erbschaft und guten Plattenumsätzen im Rücken auf einer Farm in Kalifornien. Studierte indische Kultur und transzendentale Meditation. Erst in den frühen 80er Jahren - inspiriert durch den hoch talentierten französischen Pianisten Michel Petrucciani - holte er sein ordentlich eingestaubtes Saxophon wieder aus dem Schrank. Kurz danach gab es ein rauschendes Comeback, das im Grunde bis heute anhält.

Keith Jarrett und Michel Pertrucciani, aber auch Brad Mehldau oder Jason Moran: Ein besonderes Geschick besitzt Charles Lloyd immer wieder bei der Wahl der Pianisten in seiner Band, wofür Lloyd folgende Erklärung parat hat: 

"Mein großer Held war schon in jungen Jahren der Pianist Phineas Newborn. Er lebte in meiner Heimatstadt Memphis. Für uns war er wie Bach oder Beethoven. Oder mindestens wie Art Tatum oder Bud Powell. Er war ein großes Genie und er pflanze eine Saat in mir, was die Qualität der Pianisten betrifft. Die ganzen großartigen Pianisten haben sich nur bei mir gemeldet, weil hinter mir dieser bedeutende Musiker stand." 

Er sucht sich sensible, kontrastreiche Partner

Der weise, verträumte Melodiker sucht bis heute stets die Nähe zu besonders sensiblen, aber zugleich kontrastreichen musikalischen Partnern. Sein Saxofon-Spiel ist von einer starken gesanglichen Qualität geprägt, was ebenfalls nicht von ungefähr kommt.

"Ich wollte immer ein Sänger sein. Aber ich musste die Instrumente singen lassen, meine Stimme war nicht gut genug".

Er macht Musik, "weil er sie liebt"

Ein Statement, das so oder so ähnlich immer wieder fällt, wenn man sich mit Charles Lloyd unterhält. In seiner langen Karriere hat er interessanterweise kaum jemals mit Sängerinnen oder Sängern aufgenommen.

"Ich plane die Dinge nicht. Ich will einfach der Sache dienen und ich mache Musik, weil ich sie liebe und die Welt damit besser machen möchte. Als Musiker kann ich in einen Song fliehen. Und hoffentlich inspiriert und tröstet meine Musik die Menschen."

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