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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 07.01.2014

JapanDie ungeklärte Rolle des Kaisers Hirohito

Vor 25 Jahren starb der 124. Tenno der japanischen Thronfolge

Von Barbara Geschwinde

Der japanische Kaiser Hirohito im Januar 1981 am Strand Nahe der kaiserlichen Villa Suzaki in Shimoda in der Präfektur Shizuoka. (picture alliance / Pan-Asia)
Der japanische Kaiser Hirohito (picture alliance / Pan-Asia)

Die einen halten ihn für einen weltentrückten Gottkaiser, die anderen einfach für einen Kriegsverbrecher: Die Rolle des japanischen Kaiser Hirohito im Zweiten Weltkrieg wurde nie ganz geklärt. Am 7. Januar 1989 starb er.

"In der Winternacht steht der alte Föhrenbaum unerschüttert da, ob auch lastend-schwerer Schnee seine Äste niederzwingt."

In dieser klassischen Gedichtform präsentierte der japanische Kaiser Hirohito 1946 seine Neujahrsbotschaft. Es war das erste Jahr nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg. Das Land war von den alliierten Streitkräften besetzt. Am 15. August 1945 um 12 Uhr mittags hatte Kaiser Hirohito die Kapitulation seines Landes erklärt:

"Der Kriegsverlauf hat sich nicht unbedingt zu Japans Vorteil entwickelt. Sollten wir den Kampf fortsetzen, wird die völlige Vernichtung unserer Nation die Folge sein. Wir müssen dulden und ertragen, was untragbar scheint."

Zum ersten Mal wandte sich ein japanischer Kaiser in einer Radioansprache persönlich an sein Volk. Hirohito, geboren 1901 als ein Enkel des Kaisers Meiji, wuchs getrennt von seinen Eltern auf und besuchte eine Adelsschule. 1921 reiste er als erster japanischer Kronprinz nach Europa. Er heiratete Prinzessin Nagako, mit der er sieben Kinder bekam, und war der erste Kaiser, der keine Konkubinen mehr hatte. Als Regent jedoch war er schwach: Mit seinem Amtsantritt 1926 duldete er das Erstarken des Militärs - und nur fünf Jahre später besetzte Japan die Mandschurei. 1933 trat es aus dem Völkerbund aus und erklärte im Dezember 1941 mit dem Angriff auf Pearl Harbor den USA und Großbritannien den Krieg, anfangs gegen den Willen Hirohitos.

"Ich denke, dass also alle Menschen der Welt Kinder Gottes sind,
warum sind die Wellen und der Wind heutzutage so unruhig?"

Nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki, als er die bedingungslose Kapitulation Japans akzeptierte, übernahm Hirohito die Verantwortung für den Krieg. Die Amerikaner verschonten ihn; der Tenno wurde nicht vor Gericht gestellt. Bei Historikern ist die Frage nach der Schuld Hirohitos an den Kriegsverbrechen bis heute nicht geklärt. Der Bonner Japanologe Reinhard Zöllner:

"Ob es nicht besser gewesen wäre, ihn als Kriegsverbrecher anzuklagen, ob er nicht nach dem Zweiten Weltkrieg lieber hätte zurücktreten sollen, da gab es ja sehr viele in Japan, die das gefordert haben. Seine eigenen Brüder haben das unter anderem gefordert. Aber auch Politiker wie Nakasone zum Beispiel, der ja so als Inbegriff des konservativen Politikers gilt. Aber der hat gleich nach dem Krieg gesagt, Hirohito war Kriegsverbrecher und hätte zurücktreten müssen."

Gestorben im Alter von 87 Jahren

Unter der Leitung des amerikanischen Oberkommandierenden Douglas MacArthur bekam Japan 1947 eine parlamentarische Verfassung, in der der Kaiser zum "Symbol Japans und der Einheit des Volkes" erklärt wurde.

Hirohito betätigte sich nach dem Krieg als Hobby-Meeresbiologe und übernahm repräsentative Aufgaben. Er eröffnete 1964 die Olympischen Sommerspiele in Tokyo; bereiste Europa und die USA, 1971 besuchte der Tenno Westdeutschland.

Am 7. Januar 1989 starb Kaiser Hirohito im Alter von 87 Jahren. Das Interesse am Kaiserhaus ist heute bei vielen Japanern gering. Sogar die Mitglieder der Kommunistischen Partei, die sich lange Zeit für die Abschaffung des Kaiserhauses ausgesprochen haben, sind verstummt. Wenn bei Katastrophen, wie jüngst in Fukushima, Hirohitos Sohn Kaiser Akihito in die betroffene Region fährt, werten das die Menschen als Zeichen der Anteilnahme; stellvertretend für den Rest der japanischen Nation. Eine moralische Autorität oder gar ein Vorbild ist der Tenno heute nicht mehr.

Reinhard Zöllner: "Es gibt Stimmen, die kritisch anmerken, dass die Angehörigen des Kaiserhauses die einzigen Japaner sind, denen elementare Menschenrechte nicht zugestanden werden. Sie können nicht frei den Beruf wählen, sie können nicht frei ihren Ehepartner wählen, sie haben keine Reisefreiheit, keine Meinungsfreiheit, keine Religionsfreiheit, ja sie haben noch nicht einmal einen Familiennamen."

Der 124. Tenno saß insgesamt 62 Jahre auf dem Chrysanthemen-Thron, länger als jeder andere Herrscher in der japanischen Geschichte. Die Devise, die bei der Ernennung des Kaisers 1926 verkündet wurde, hieß "Showa" - "erleuchteter Friede".

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09.08.2013 | KRITIK
Japanischer Tempellauf
Cees Nooteboom: "Saigoku", Schirmer/Mosel Verlag, München 2013, 180 Seiten

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