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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.12.2020

Janet Lewis: "Verhängnis"True Crime im Frankreich des Sonnenkönigs

Von Anne Kohlick

Buchcover "Verhängnis" von Janet Lewis (dtv Verlag / Deutschlandradio)
Janet Lewis schildert einen realen Fall von Intrige und Verrat am Hof des Königs Ludwig XIV. (dtv Verlag / Deutschlandradio)

Schon in den 1940er-Jahren schrieb Janet Lewis Romane, die auf wahren Kriminalfällen basierten. Jetzt wird die amerikanische Autorin bei uns wiederentdeckt. Ihr Roman "Verhängnis" seziert Machtverhältnisse am Hof Ludwig XIV.

Büchergeschenke können Literaturgeschichte schreiben: Janet Lewis (1899-1998) bekommt in den 1930er-Jahren von ihrem Mann "Famous Cases of Circumstantial Evidence" geschenkt, ein Buch über historische Kriminalfälle. Die darin beschriebenen realen Gerichtsprozesse inspirieren sie zu ihren wichtigsten drei Büchern, die in den USA zwischen 1941 und 1959 erschienen.

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Es sind zeitlose historische Romane über Zweifel und Schuld, die erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurden: 2018 startete dtv seine Wiederentdeckung von Janet Lewis mit "Die Frau, die liebte" - über einen Doppelgänger im Frankreich des 16. Jahrhunderts, der schließlich enttarnt und zum Tode verurteilt wird.

Die deutsche Ausgabe feierten die Feuilletons als "modernen Klassiker". Ebenfalls übersetzt von Susanne Höbel folgten 2019 "Der Mann, der seinem Gewissen folgte" und jetzt "Verhängnis".

Verhöhnter König

Dieser Roman führt uns ins Paris des Jahres 1694 an den Hof des Sonnenkönigs in Versailles, genauso wie in die bescheidene Stube des Buchbinders Jean Larcher, dessen wahres Schicksal in den "Famous Cases" beschrieben wird. Fakten und Recherche – 1950 hatte Janet Lewis ein Stipendium in Paris, um den Roman vor Ort zu schreiben – kombiniert die Autorin mit Fiktion und zeichnet so ein lebendiges Bild der Vergangenheit.

Kleidung, Essen, Möbel hat man durch ihre präzisen, aber nie ausufernden Beschreibungen genau vor Augen, die Gerüche in der Nase. Geschickt webt Janet Lewis Zitate aus historischen Dokumenten ein in ihre Schilderung eines Jahres, in dem sich das Leben ihrer Hauptfigur Marianne für immer verändert. Denn in der Werkstatt ihres Mannes beginnt Paul Damas zu arbeiten und Marianne verliebt sich in den jungen Mann.

Zugleich erregt bei Hofe ein Pamphlet, das ihn und seine geheime zweite Ehefrau Madame de Maintenon verhöhnt, den Zorn Ludwigs XIV. Versteckt in einer Serviette wird es dem König überreicht, zusammen mit der Frühstücksbouillon, die Ludwig während der morgendlichen Zeremonie des Lever einnimmt. Die Urheber müssen gefunden und mit dem Tode bestraft werden, befiehlt der König.

Weibliche Perspektive

Wie Janet Lewis beide Geschichten miteinander verknüpft, macht die Spannung aus, die sich in der zweiten Hälfte des Buches immer weiter steigert. Hier wird klassisch chronologisch erzählt in einer Sprache, die an die großen französischen Romane des 19. Jahrhunderts erinnert: Stendhal, Maupassant - Schriftsteller, deren Werk Janet Lewis in den 1910er-Jahren an der University of Chicago studierte.

In "Verhängnis" legt die Autorin - anders als die Klassiker aus Frankreich - einen Fokus auf die weibliche Perspektive. Klar beschreibt sie die Machtverhältnisse, die sich zwischen Marianne und ihrem Liebhaber Paul zuungunsten der Frau etablieren. Im Licht der #MeToo-Debatte wirken diese Passagen besonders modern in einem Roman über existenzielle Fragen von Freiheit, Treue und Verrat.

Janet Lewis: "Verhängnis"
Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel
Mit einem Nachwort von Julia Encke
Dtv, München 2020
448 Seiten, 24 Euro

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