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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.10.2020

Jane Gardam: "Robinsons Tochter"Weibliche Selbstbestimmung statt einsamer Insel

Von Sigrid Löffler

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Das Buchcover des Romans "Robinsons Tochter" von Jane Gardam (Deutschlandradio / Carl Hanser Verlag )
Gardams Hauptfigur Polly Flint entscheidet sich gegen Lebensoptionen mit jungen Männern und für die Gesellschaft Robinsons aus "Robinson Crusoe". (Deutschlandradio / Carl Hanser Verlag )

Der Roman "Robinsons Tochter" von Jane Gardam ist die Geschichte einer weiblichen Emanzipation durch Literatur, im Zentrum steht das Motiv Robinson Crusoe. Ein Buch über die Konflikte zwischen Fiktion, Imagination und wirklichem Leben.

Die englische Erzählerin Jane Gardam, inzwischen 92 Jahre alt, wurde im deutschen Sprachraum spät entdeckt – erst 2015, als ihre "Old Filth"-Trilogie, ihr ironisch-resigniertes Porträt des britischen Empire im Augenblick seines Verschwindens, zum Überraschungs-Bestseller wurde. Dieser Erfolg weckte beim deutschsprachigen Publikum die Neugier auf die früheren Bücher dieser Autorin. Immerhin hatte Jane Gardam in den letzten 45 Jahren in England an die drei Dutzend Bücher veröffentlicht – Romane, Kinderbücher und allein neun Sammlungen mit Kurzgeschichten – und dafür etliche Literaturpreise eingeheimst. Nun ist ihr Roman "Robinsons Tochter" aus dem Jahr 1985 in der leichtfüßigen Übersetzung durch Isabel Bogdan auf Deutsch erschienen.

Schauplatz des Romans ist der windumtoste, verregnete Küstenstreifen an der Mündung des River Tees mit seinen Salzmarschen und staubenden Sanddünen – nicht zufällig die Kindheitslandschaft der Autorin und Schauplatz auch anderer Gardam-Romane wie etwa "Weit weg von Verona" (auf Deutsch erschienen 2018). Die Ich-Erzählerin des Romans ist Polly Flint, ein Waisenmädchen, deren fast 90-jähriges Leben sich ziemlich genau mit dem 20. Jahrhundert deckt. Nachdem die Vollwaise mehrere lieblose Pflegeplätze in Wales durchlaufen hat, wird sie 1904 als Sechsjährige ins Haus zweier frommer Tanten im rauen, nordöstlichen Yorkshire aufgenommen. In ihr einsiedlerisches Leben im Abseits der Weltgeschichte greifen die Großereignisse des Jahrhunderts (zwei Weltkriege, Holocaust, Industrialisierung, Umweltzerstörung) gleichwohl prägend ein.

Bücher als Flucht 

Aus Geldknappheit wird Polly nicht eingeschult, sondern von den Tanten zu Hause unterrichtet. Das einsame Mädchen erschließt sich all sein Weltwissen aus der vorgefundenen Bibliothek des Großvaters. Die großen Gestalten der englischen Literatur empfindet sie als lebendige Gefährten. Ihre Lektüre erweckt aber auch ihre Neugier auf die Welt, ihre Sehnsüchte und Ahnungen. Sie spürt, dass eine Welt außerhalb existiert, "eine schlechte, unsichere, komplexe, wilde Welt, die ich auch wollte". Sie rebelliert gegen die geistige Enge ihrer Umwelt und weigert sich erfolgreich, sich konfirmieren zu lassen. Mit 16 hat sie bereits 283 Romane gelesen und geht sonntags nicht mehr zur Kirche.

Vor allem entdeckt sie in Großvaters Bibliothek ihr Lebensbuch, Daniel Defoes "Robinson Crusoe", und eignet es sich mit aller identifikatorischen Lese-Inbrunst einer Heranwachsenden an. Sie bewundert die Figur Robinson nicht nur ("So vernünftig und mutig. So stark und schön. Er sortiert einen. Ich liebe ihn.") - mehr noch: Als der freien Entfaltung ihrer Möglichkeiten beraubte junge Frau identifiziert sie sich mit seiner Lage. Wie Robinson fühlt sie sich auf einer einsamen Insel gefangen: "Er ist so, wie Frauen fast immer sein müssen: auf einer Insel. Festgesetzt. Eingesperrt." Es geht ihr darum, wie Robinson aus dieser Lage etwas zu machen.

Story früher weiblicher Emanzipation

Pollys wenige Ausflüge in die Außenwelt erweisen sich als prägend für ihr Leben. Sie lernt die adelige englische Oberschicht in ihren dominanten Facetten kennen. Ihre garstige Seite: Klassenhochmut und Ressentiment gegen Ausländer und Juden. Und ihre exzentrische Seite: Mit 16 wird Polly in ein Adelsgut in den Hochmooren von Yorkshire eingeladen, wo eine extravagante Lady Celia einen künstlerischen Salon für allerlei Berühmtheiten und Scharlatane der englischen Kunstwelt führt.

Jane Gardam nutzt die Episode, um ihren Spott über die Anmaßungen von Pseudo-Künstlern auszugießen. Ihre Heldin Polly macht dort nicht nur erste ernüchternde Sex-Erfahrungen, sie lernt auch den sarkastischen Blick auf diese bizarre Künstlerkolonie, eine Mischung aus Narrenhaus, Hospiz und Privatklinik. Sie liebäugelt mit mehreren Lebensoptionen, die junge Männer ihr zu bieten scheinen und zieht es doch vor, lieber in Robinsons Gesellschaft zur schrulligen Eigenbrötlerin und verschrobenen alten Jungfer mit Hang zum Whisky zu werden.

So ist "Robinsons Tochter" weniger eine Adoleszenz-Geschichte als vielmehr die leichthändig erzählte Story einer frühen weiblichen Emanzipation mittels Literatur, fokussiert auf das schillernde Leitmotiv Robinson Crusoe. Der Kommentar über die ewigen Konflikte zwischen Fiktion, Imagination und wirklichem Leben läuft immer mit, ebenso wie die Feier der lebendigen Energie der kanonischen englischen Literatur. Und wie in Emily Brontës Roman "Sturmhöhe" ist die wilde Landschaft des ländlichen Yorkshire die heimliche Heldin auch dieses Romans.

Jane Gardam: "Robinsons Tochter"
Aus dem Englischen von Isabel Bogdan
Hanser Berlin Verlag, Berlin 2020
318 Seite, 24 Euro

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