Jane Draycott: "Fulvia"
© Piper Verlag
Weiblich, mächtig, verunglimpft
06:24 Minuten

Jane Draycott
Aus dem Englischen von Claudia Kotte
Fulvia. Die Frau, die im alten Rom alle Regeln brachPieper, München 2026304 Seiten
24,00 Euro
Rom zur Zeit der späten Republik. Intrigante Männer haben das Sagen. Eine Frau mischt mit: Fulvia, dreimal verheiratet, fünf Kinder. Ihr Ruf ist miserabel. Jane Draycott wäscht sie in ihrem Buch nicht rein, aber korrigiert das alte Zerrbild.
Die Frau mit den wild aufgetürmten Haaren ist in weiche Decken gebettet. Sie blickt aus großen Augen triumphierend, wollüstig und irre zugleich. Die Finger ihrer starr ausgestreckten Hand umgreifen den abgeschlagenen Kopf eines Mannes, dessen Zunge sie mit zwei Haarnadeln durchstochen hat: Auf dem Gemälde „Fulvia mit Ciceros Kopf“ (1898) von Pawel Swedomski erscheint Fulvia so, wie sie von ihren vielen Verächtern – Cicero war der wortmächtigste unter ihnen – einst beschrieben wurde.
Sie galt als grausam, blutrünstig, berechnend, manipulativ, sexuell deviant; ihr wurde Kinderschändung nachgesagt. Alles nur üble Nachrede chauvinistischer Männer? Das behauptet Jane Draycott keineswegs. Sie besteht jedoch darauf, dass Fulvia eine vielschichtige Persönlichkeit war, die es mit den intriganten Alphamännchen Roms aufnehmen konnte – und darin selbst von Kleopatra VII. kaum übertroffen wurde.
Fulvia wollte mehr
Fulvia, geboren um 80 vor Christus in einer wohlhabenden Plebejer-Familie, war dreimal verheiratet, zuletzt mit Marcus Antonius, dem Vertrauten Julius Caesars. Laut Draycott waren alle drei Ehen „strategisch“. Fulvia strebte unbestreitbar in die allerersten Kreise – um ihrer selbst und um der Macht willen, aber auch, um die Zukunft ihrer fünf Kinder zu sichern.
Letzteres gelang nicht. Eines ihrer Kinder wurde hingerichtet, ein zweites ermordet, ein drittes zum Selbstmord gezwungen. Was nichts daran ändert, dass Fulvia in puncto Haushaltsführung, Güter- und Finanzverwaltung offenbar kompetent war. Dass sie indessen noch mehr wollte, das irritierte die Männer.
Haifischbecken Rom
Draycott erklärt die traditionelle Rolle der römischen Frau, sie skizziert den nervösen Alltag der späten römischen Republik und sie beleuchtet die politischen Kämpfe, die extrem schmutzig sein konnten und oft blutig ausgingen. Octavian, der spätere Augustus, schrieb obszöne Gedichte über Fulvia, nachdem deren Ehemann Antonius eine Liebschaft mit der makedonischen Prinzessin Glaphyra begonnen hatte: „Weil Antonius Glaphyra vögelte, hat mir zur Strafe Fulvia bestimmt, dass ich sie auch vögeln solle. […] Was aber, wenn mir mein Schwanz lieber als selbst mein Leben ist?“
Das Rom jener Tage war ein Haifischbecken, Mord und Totschlag eine alltägliche Option. Dass auch Fulvia einen Gegner töten ließ, verteidigt Dreycott nicht. Sie prangert jedoch an, dass etwa die weit größeren Gräueltaten Cäsars dessen Ruhm und Nachruhm wenig anhaben konnten.
Aufmucken statt wegducken
Es geht Draycott also nicht um die Reinwaschung, sondern um die Korrektur der historischen Herabsetzung einer charakterlich keinesfalls untadeligen Frau, die sich nicht weggeduckt hat, sondern aufgemuckt und eingemischt.
„Fulvia“ verlangt nach erheblicher Konzentration (oder namhaften Vorkenntnissen), um im Gewimmel der Namen, Beziehungen und Verstrickungen die Orientierung zu behalten. Dass sich Draycott Was-wäre-gewesen-wenn?-Spekulationen gönnt (wenn Fulvia zum Beispiel erst später gestorben wäre), ist fachwissenschaftlich kaum tragbar, aber fürs Buch kein größerer Störfaktor.
Laut Draycott haben „der Chauvinismus, der Sexismus und die Frauenfeindlichkeit“, die Fulvia gefügig machen sollten, letztlich das Gegenteil bewirkt. Offenbar war das so. Und natürlich ist Fulvias Resilienz und Widerborstigkeit auch der Grund dafür, warum sich noch 2000 Jahre später die Lektüre von Draycotts Buch lohnt.












