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Frühkritik | Beitrag vom 28.02.2020

Jan Costin Wagner: "Sommer bei Nacht"Grausame Teddybären

Von Sonja Hartl

Zu sehen ist das Cover des Buches "Sommer bei Nacht" von Jan Costin Wagner. (Galiani / Deutschlandradio)
Ein Kind verschwindet. Die Polizei stößt auf Verbindungen zu einem weiteren vermissten Jungen. (Galiani / Deutschlandradio)

Das Unfassbare verstehen: Jan Costin Wagner erzählt in seinem Krimi "Sommer bei Nacht" von Kindern, die sexuell missbraucht werden - und führt einen pädophilen Ermittler ein.

Gerade war der fünfjährige Jannis noch mit seiner Mutter und Schwester auf einem Grundschulflohmarkt. Dann ist er auf einmal weg.

Die Polizisten Ben Neven und Christian Sandner übernehmen den Fall. Sie haben eine undeutliche Videoaufnahme einer Überwachungskamera und die Aussage einer Frau, die einen Mann mit einem Kind gesehen hat. Nichts sah für sie gefährlich daran aus – und darin besteht er auch, der schleichende, markerschütternde Schrecken in Jan Costin Wagners "Sommer bei Nacht": Die Auswahl des Kindes ist willkürlich, und die Männer, die Kindern Gewalt antun, sehen so harmlos aus wie Teddybären.

Dazu aber kommt in Jan Costin Wagners neuem Kriminalroman eine weitere Ungeheuerlichkeit: Der Ermittler Ben Neven ist ebenfalls pädophil. Er ist verheiratet und hat eine Tochter, niemand hegt einen Verdacht, seine Kollegen schätzen ihn. Doch er masturbiert zu Videos, die nackte Jungen beim Spielen an einem Strand zeigen.

Ben Neven weiß, dass es falsch ist, was er tut. Aber er schafft es trotzdem nicht, den USB-Stick mit den Filmaufnahmen einfach zu entsorgen.

Die Perspektive der Opfer fehlt

Jan Costin Wagner erforscht menschliche Abgründe. Er ergründet, was in den Ermittlern, den Eltern, den Geschwistern vor sich geht, wenn ein Kind verschwindet. Er schreibt über Trauer und die Unergründbarkeit von Unschuld.

Aus verschiedenen Blickrichtungen erzählt, ist eine Perspektive in "Sommer bei Nacht" allerdings weitgehend abwesend: die des Opfers. Dennoch sind die Folgen sexualisierter Gewalt in diesem Roman zu finden, auch wenn man erst am Ende erfährt, wohin man überall blicken muss. 

Es ist die Psychologie dieser Verbrechen, die Wagner interessiert, nicht der Effekt. Er versucht zu verstehen. In kurzen Sätzen mit poetisch-klarer Sprache entsteht so in der Schwüle eines hessischen Sommers ein bedrückender Kriminalroman, der mit dem weit verbreiten Glauben aufräumt, Gewalt komme von außen in die Gesellschaft.

Stattdessen wird Gewalt hier von Männern ausgeübt, die mitten in der Gesellschaft leben, die auf einem Campingplatz für Ordnung sorgen, im Supermarkt arbeiten - oder bei der Polizei. Noch reichen Ben Neven diese Bilder, aber wie lange noch? Und: Wie wird Jan Costin Wagner mit dieser Figur weitermachen?

Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht
Galiani, Berlin 2020
320 Seiten, 20 Euro

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