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Frühkritik | Beitrag vom 01.03.2019

James Sallis: "Willnot"Eine Zeitreise in Endlos-Schleife

Von Kolja Mensing

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Buchcover "Willnot" von James Sallis vor Hintergrund. Der Hintergrund zeigt eine Waldlichtung. (Unsplash / Liebeskind)
Dr. Hale, der Erzähler des Romans "Willnot", wird von Flashbacks aus seiner Kindheit verfolgt. (Unsplash / Liebeskind)

James Sallis ist der Existenzialist unter den Krimiautoren. Sein neuer Roman "Willnot" inszeniert das Drama des Daseins in Kulissen einer amerikanischen Kleinstadt. Dort kann ein Arzt den Seelen anderer Menschen bis in die Vergangenheit folgen.

Lamar Hale ist Arzt in Willnot, einer Kleinstadt an der amerikanischen Westküste. An einem verregneten Dienstagmorgen wird er zur alten Kiesgrube gerufen. Jäger haben am Waldrand die Überreste einer menschlichen Leiche gefunden, und als der Sheriff und seine Leute zu graben beginnen, stellt sich heraus, dass es sich um ein Massengrab handelt.

Kurz darauf trifft eine wortkarge FBI-Agentin ein und Bobby Lowndes taucht auf, ein traumatisierter Kriegsveteran und Scharfschütze, der in Willnot aufgewachsen ist, durch die Wäldern streift – und auch in der Nähe des Massengrabes gesehen wurde: "Willnot" von James Sallis könnte ein klassischer "Country Noir" sein, ein dunkler, brutaler Krimi aus dem ländlichen Amerika – aber dieser Eindruck hält nur die ersten zehn, vielleicht zwanzig Seiten an.

Gefühle werden in schwarze Materie verwandelt

James Sallis ist der Existentialist unter den nordamerikanischen Krimiautoren. Das Grab mit den Leichen am Anfang von "Willnot" ist darum nicht der Ausgangspunkt für einen "Mystery Thriller", in dem das Rätsel um ein grausames Verbrechen gelöst wird. Es ist ein schwarzes Loch, das nach und nach die Stadt und die Gefühle der Bewohner in schwarze Materie verwandelt: Dr. Hale, der Erzähler des Romans, wird von Flashbacks aus seiner Kindheit verfolgt – Erinnerungen an eine lange Krankheit, die ihn schutzlos gegenüber dem Seelenleben anderer Menschen zurückgelassen hat: "Besucher" nennt er die Menschen, wie den Scharfschützen Bobby Lowndes, die mit ihrem Leid und ihrer Verzweiflung gewissermaßen (wie in einem Horror-Film) durch ihn hindurchschreiten und dabei Spuren in ihm hinterlassen, denen er weit zurück in die Vergangenheit folgt.

"Das Leben muss vorwärts gelebt, kann aber nur rückwärts verstanden werden", dieser Satz von Kierkegaard fällt an einer Stelle, und das ist das Dilemma von Lamar Hale: Er ist gefangen zwischen der Zukunft und der Vergangenheit, wie ein Zeitreisender, der in einer Endlos-Schleife gefangen ist.

Wunsch nach einem Leben im Paralleluniversum

Bilder wie "Zeitreisender", "schwarzes Loch" und "dunkle Materie" drängen sich auf, weil einer der vielen verzweigten Pfade, die dieser Roman nimmt, in die Geschichte der amerikanischen Science-Fiction-Literatur führt. Lamars Vater war – genau wie James Sallis zu Beginn seiner Karriere! – Science-Fiction-Autor. Bei seinen Versuchen, das Leben rückwärts zu verstehen, erinnert Lamar sich an Schriftstellerkongresse, schlechtbesuchte Lesungen und traurige Treffen mit Fans, an Alkohol, Abstürze und den verzweifelten Wunsch nach einem anderen Leben – in einem Lichtjahre entfernten Paralleluniversum oder auch vielleicht einfach nur in einem zerlesenen Taschenbuch in einem Secondhand-Buchladen.

Das ist eine der vielen Reflexionsebenen dieses Roman. "Willnot" erforscht die Fluchtwege und versteckten Höhlensysteme, die unter den zerklüfteten Oberflächen der Genreliteratur liegen, sei es Science-Fiction, Horror oder Krimi. Ganz entschieden: ein Titel für unsere Bestenliste.

James Sallis: "Willnot"
Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt
Liebeskind Verlag, München 2019
224 Seiten, 20 Euro

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