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Buchkritik | Beitrag vom 15.01.2021

James Nestor: "Breath - Atem"Hinein ins Nasenloch

Von Volkart Wildermuth

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Das Cover zeigt auf knallig gelbem Grund die Visualisierung von Atem. (Cover: Piper)
Luft rein, Luft raus - kennt man, kann man. Dass es mit dem Atmen aber noch weit mehr auf sich hat, erklärt nun James Nestor in seinem Buch. (Cover: Piper)

Lange litt der US-Journalist James Nestor an Atembeschwerden. Dann meisterte er seine Atemtechnik. Jetzt erzählt er in einem Buch von der "vergessene Kunst des Atmens".

Einatmen – ausatmen. Nichts ist natürlicher. Und trotzdem: Nichts geht häufiger schief. "Insgesamt hat der Mensch das traurige Prädikat der verstopftesten Spezies der Welt", beklagt James Nestor in seinem gerade erschienenen Buch "Breath - Atem".

Moderne Nahrungsmittel verändern unsere Atmung

Denn seit Menschen industrialisierte Nahrung essen, müssen sie weniger kauen. Der Gesichtsschädel verkleinert sich dadurch. So kriegen wir nicht genug Luft, atmen durch den Mund und die Probleme beginnen, von Asthma bis zu Zahnfehlstellungen.

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All das lässt sich aber auch beheben: "Atmung, so hoffe ich, heißt auch Genesung", heißt es weiter. Offenbar vollkommen ist es, wenn man 5,5 Sekunden ein- und dann 5,5 Sekunden ausatmet. 

Von Selbstversuchen, Katakomben und Yoga

James Nestor litt selbst an einer chronisch verstopften Nase, hatte nächtliche Atemaussetzer, erkrankte immer wieder an Lungenentzündungen und hatte zudem generell das Gefühl, in seinem Leben festzustecken.

Das alles änderte sich, nachdem der so gebeutelte einen Kurs in Atemtechnik machte. Und das war Anlass genug für den Journalisten, der Bedeutung des Atmens ernsthaft auf den Grund gehen zu wollen.

Seine Recherche führt den Amerikaner tief unter die Erde, in die Pariser Katakomben, zu Tauchern, zu Ärzten und immer wieder zu Yogalehrern – wie zu allerlei mehr oder weniger seriösen Atemjüngern, den "Pulmonaten", wie Nestor sie nennt.

Die erigierende Nase

Auch vor Selbstversuchen schreckt der Autor nicht zurück. So lässt er sich eine Woche die Nase professionell verstopfen - es geht ihm schlecht -, um danach eine Woche gezielt nicht durch den Mund zu atmen – es geht ihm gut. Und das nicht nur subjektiv, sondern auch auf vielen Ebenen messbar.

Gerade auf dieser sehr persönlichen Erkenntnisreise erfährt man viel Interessantes über die Atmung: Die Nase kann erigieren, Kohlendioxid im Blut erleichtert die Sauerstoffaufnahme, Panikattacken haben etwas mit der Atemregulation zu tun und extreme Atemtechniken lösen heftige körperliche und geistige Reaktionen aus.

Wie relevant ist das alles?

Aber oft stellt sich die Frage, wie relevant das eigentlich ist? Der Ausflug in die Pariser Katakomben etwa ist gruselig und ausgesprochen plastisch beschrieben, führt aber nicht zu neuen Einsichten. Denn wie sich der menschliche Schädel seit den Jäger- und Sammlerzeiten verändert hat, kann man nicht beurteilen, wenn man als Laie ein paar Knochen in die Hand nimmt.

Ähnlich bei Aufmerksamkeitsstörungen von Kindern. Es gibt Studien die eine Verbindung zur Mundatmung herstellen, aber ist das wirklich die entscheidende Ursache für ADHS? James Nestor folgt zwar engagiert jedem Atemzug, tritt aber selbst kaum zurück, um einen Überblick zu gewinnen und seine Erkenntnisse einzuordnen.

Ein spannender Expeditionsbericht

Dabei ist "Breath - Atem" auch kein klassischer Ratgeber. Am Ende werden zwar Atemübungen beschrieben, doch welche bei konkreten Krankheiten sinnvoll sind, bleibt vage.

So gleicht dieses Buch einem spannenden Expeditionsbericht, hinein ins Nasenloch und weit darüber hinaus. In jedem Fall macht es Lust, mit dem eigenen Atem zu experimentieren. Schnelle Heilung schwerer Krankheiten sollte man davon aber nicht unbedingt erwarten.

James Nestor: "Breath - Atem. Neues Wissen über die vergessene Kunst des Atmens"
Übersetzt aus dem Englischen von Martin Bayer
Piper, München 2021
336 Seiten, 22 Euro

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