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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.02.2020

James Lovelock: „Novozän“Wenn nur noch Cyborgs die Welt retten können

Von Tabea Grzeszyk

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Zu sehen ist das Cover des Buches "Novozän" von James Lovelock. (C.H. Beck Verlag / Deutschlandradio)
These über die Zukunft: Das Beste, was der Mensch geschaffen hat, sind die Cyborgs, die die Welt retten werden. (C.H. Beck Verlag / Deutschlandradio)

James Lovelock hat als Begründer der Gaia-Theorie eine menschgemachte Umweltzerstörung vorhergesagt. Sein neuester Blick in die Zukunft: Ein Zeitalter der Hyperintelligenz wird kommen und die Welt von elektronischen Wesen vor dem Untergang bewahrt.

Wenn das 20. Jahrhundert von -ismen beherrscht wurde, vom Kapitalismus über Feminismus zum Öko-, Links-, oder Rechtsterrorismus, dann könnte das 21. Jahrhundert von Wortschöpfungen geprägt werden, die auf "-än" enden. So jedenfalls prophezeit es der britische Wissenschaftler und renommierte Welterklärer James Lovelock. Er sieht das Ende des heutigen "Anthropozän" gekommen, unseres vom Menschen bestimmten Zeitalters, das durch das Eingreifen in die Natur seit Beginn der Industriellen Revolution den Planeten Erde dauerhaft verändert hat.

Das Zeitalter der Hyperintelligenz beginnt

Wir könnten schon bald dem "Novozän" weichen, dem Zeitalter der Hyperintelligenz, das nicht länger von Menschen aus Fleisch und Blut bestimmt wird, sondern vom elektronischen Leben einer künstlichen Intelligenz. Lovelock wurde in den 1970er-Jahren als Begründer der "Gaia"-Hypothese des Lebens als sich selbst erhaltenden Systems bekannt.

Lovelock ist zugleich umstrittener ökologischer Vordenker und renommiertes Mitglied der britischen Royal Society. Kein Anthropozentrist, der den Menschen als "Krone der Schöpfung" oder Maß aller Dinge ansehen würde. In seinem Buch "Novozän" fragt der 100-Jährige, ob das Ziel der Evolution darin besteht, intelligentes Leben hervorzubringen und zu erhalten. Sind wir Menschen nur eine vorübergehende Entwicklungsstufe?

Der Mensch muss weichen

Vor etwa 3,4 Milliarden Jahren befähigte der Prozess der Photosynthese die ersten Einzeller, Licht in chemische Energie umzuwandeln. Die zweite Stufe der Entwicklung sieht Lovelock in der menschlichen Erfindung einer dampfgetriebenen Pumpe Anfang des 18. Jahrhunderts. Die Verbrennung von Kohle verwandelte gespeicherte Sonnenenergie in physikalische Energie. "Die dritte Stufe wird das Novozän sein, in dem aus Solarenergie Information wird", ist Lovelock überzeugt.

Der Mensch könnte somit einer nicht-organischen Spezies weichen, die 10.000-mal intelligenter ist als wir. Diesen elektronischen Wesen, die der Wissenschaftler "Cyborgs" nennt, traut er zu, die Welt vor dem Untergang zu bewahren: "Ich denke, es ist entscheidend zu begreifen, dass wir uns, welchen Schaden wir der Erde auch immer zugefügt haben mögen, gerade noch rechtzeitig gerettet haben, indem wir gleichzeitig als Eltern und Geburtshelfer der Cyborgs agieren." 

Eine faszinierende futuristische Tour de Force

Wenn es der Mensch verbockt, müssen es die Maschinen richten: Lovelocks essayistisch-futuristische Tour de Force führt seine Leserinnen und Leser anhand von drei Kapiteln in sein Nachdenken über nicht-menschliche Intelligenz zur Rettung des Planeten ein. Trotz der Komplexität seines Themas gelingt es Lovelock immer wieder, anhand von alltagspraktischen Beispielen und einer klaren Sprache verständlich zu bleiben.

Sein radikaler Perspektivwechsel auf eine kosmische Evolution intelligenten Lebens liest sich irritierend und inspirierend zugleich. Wer sich schon immer eine Welt ohne Menschen vorstellen wollte, findet hier faszinierendes Anschauungsmaterial.

James Lovelock: "Novozän: Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz"
Unter Mitarbeit von Bryan Appleyard
Aus dem Englsichen von Annabel Zettel
C.H. Beck Verlag, München 2020
160 Seiten, 18 Euro

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