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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.07.2016

James Grady: "Die letzten Tage des Condor"Kafka in der digitalisierten Welt

Von Ulrich Noller

Mehrere Kameras, Teil einer Kunstaktion unter dem Titel «Public Privacy #City», überwachen im Januar 2014 jeden Winkel am Grünen Markt in Bamberg. (picture alliance / dpa / David Ebener)
Der Held der Geschichte kämpft mit der allgegenwärtigen Überwachung. (picture alliance / dpa / David Ebener)

Nach 40 Jahren hat James Grady eine Fortsetzung seines Debütromans "Die sechs Tage des Condor" geschrieben. Ein meisterlich inszenierter Spionagethriller voller Paranoia, der die Fragen der Zeit auf den Punkt bringt.

Das ist mal eine Überraschung: Nach vier Jahrzehnten belebt der amerikanische Autor James Grady seine berühmte Figur des Condor neu – und landet damit ein weiteres Mal einen veritablen Treffer mitten ins Herz eines politischen Systems, das sich seit den ersten Tagen des Condors in den 1970er-Jahren so grundlegend geändert hat, dass man staunt über eine derartige Flexibilität und Tragfähigkeit eines narrativen Konzepts.

Condor, das ist Ronald Malcolm, Whistleblower und Spion, der Held von Gradys Debütroman "Die sechs Tage des Condor", erschienen 1974, verfilmt 1975 als "Die drei Tage des Condor" von Sydney Pollack, mit Robert Redford in der Hauptrolle; einer der großen Spionageklassiker.

Wie taucht man unter in der Überwachungsgesellschaft?

Ronald Malcolm (im Film heißt er Joseph Turner), ein kleines Licht in der CIA, zuständig für die strategische Auswertung von Literatur für den Geheimdienst, wird da, ohne zu wissen, wie ihm geschieht, in eine große Geschichte verwickelt, bei der, so scheint's, verschiedene Abteilungen des Geheimdiensts einander bekämpfen – und zwar mit tödlichen Mitteln. 

40 Jahre später im paranoiden Post-Nine-Eleven-Amerika des Zeitalters der Überwachung mutet dieses Setting weitaus weniger abenteuerlich an als seinerzeit, im Gegenteil. Es scheint wie geschaffen für die Gegenwart: Mehr als ein Dutzend Geheim- und Geheimstdienste konkurrieren in den Staaten, ob es eine übergeordnete politische Kontrolle gibt, ist fraglich. Ronald Malcolm ist alt geworden, und eigentlich längst raus aus dem Geschäft mit den geheimen Informationen. Aus ganz und gar heiterem Himmel steckt er eines Tages unvermittelt trotzdem wieder mittendrin – jemand hängt dem Condor einen Mord an und trachtet ihm zugleich nach dem Leben. Wer? Und vor allem: Warum? Der alte Mann muss untertauchen, um sich zu beweisen, um überhaupt erst herauszufinden, was vor sich geht, um sich zu retten – und das in einer Welt (fast) lückenloser Kontrolle und Überwachung. 

Atemlose Hatz in Höchstgeschwindigkeit

Der Condor, der zu allem Übel auch noch unter Erinnerungslücken leidet, wird zum Protagonisten unserer Zeit: Nur Erkenntnis würde helfen –  ist aber unmöglich in einer polyvalenten Welt, in der die Verbindlichkeit auf der Strecke geblieben ist. Es bleibt bloß, in Bewegung bleiben, weiter machen, auf der Suche sein, um nicht auf der Strecke zu bleiben.

James Grady dramatisiert diese Geschichte als atemlose Hatz in Höchstgeschwindigkeit. Eine meisterliche Inszenierung, auch formal und sprachlich. (Und im übrigen toll übersetzt von der Schriftstellerin Zoë Beck.) Im Grunde zeichnet "Die letzten Tage des Condor" ein literarisches Vexierbild: Dieser im Kern einfache und geradlinige Spionage- und Spannungsroman gerinnt, je nach Perspektive, zu einer kafkaesken Spiegelung der digitalisierten, paranoiden, beschleunigten Überwachungsgesellschaft in all ihrer Komplexität. 

Das ist brillant, keine Frage. Liest man "Die letzten Tage des Condor" allerdings "nur" als Spionagethriller, kann einen am Ende auch ein kleines Gefühl der Unzufriedenheit beschleichen: Wie so viele amerikanische Agentenromane der letzten Jahre, leidet auch dieser hier an seiner umfassenden Selbstreferentialität. Es gibt kein Außen, keine Gegner aus anderen Ländern, keine "Welt"; die Spione kreisen ausschließlich um sich selbst. Das geht auch anders, und da ist das Fernsehen mit seinen Serien – Beispiel "Homeland" – der Literatur im Moment deutlich voraus. 

James Grady: Die letzten Tage des Condor
Aus dem amerikanischen Englisch von Zoë Beck
Herausgegeben von Thomas Wörtche
Suhrkamp, Berlin 2016
367 Seiten, 14,99 Euro

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