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Fazit | Beitrag vom 18.03.2020

James Bridle über digitale KommunikationNetzwerke umgestalten – für eine demokratischere Welt

James Bridle im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Der Künstler James Bridle vor einem seiner Bilder zur Ausstellung "The Glomar Response" in Berlin - mit Kunst zur Überwachung. (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm/dpa)
In der jetzigen Krise sei jede Art der Isolation auch ein Akt der Solidarität, sagt James Bridle. (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm/dpa)

Der Künstler James Bridle ist ein Vordenker und Kritiker der digitalen Zukunft. Die Corona-Krise sei eine Chance zu erkennen, dass wir das Internet zur Kommunikation auch ohne die Produkte großer Konzerne nutzen können, um es besser zu machen.

Der Künstler und Autor James Bridle gilt mit seinem technologiekritischen Buch "New Dark Age" als Skeptiker des digitalen Zeitalters. Morgen wird er das "Spy on me"-Festival im HAU in Berlin als Redner eröffnen. Dass die Computertechnik in der jetzigen Situation, wo soziale Kontakte sehr stark beschränkt werden müssen, fast eine Art Rettungsanker für die Kommunikation ist, hat seine Sicht auf die Technik nicht verändert.

"Meine Kritik am digitalen Zeitalter war nie auf die Technologie bezogen, sondern auf die Machtverteilung durch Technologie", sagt Bridle. "Gerade jetzt in der Viruskrise können wir besser verstehen, wie das Digitale funktioniert und wie wir es besser für uns nutzen können. Wir verstehen gerade, wie wichtig es für unser Überleben ist. Und das heißt für mich, wir müssen die Netzwerke in unserem Interesse umgestalten."

Isolation als Akt der Solidarität

Bridle, der seit einiger Zeit auf einer griechischen Insel lebt, betont, dass jede Art der Isolation jetzt auch ein Akt der Solidarität sei: "Damit schützen wir die Schwachen. Indem wir Gesunde und Jüngere gesund bleiben, sichern wir auch die Gesundheit der anderen. Die andere Seite der Isolation ist die Solidarität. Das dürfen wir nicht vergessen."

Coronavirus-NewsletterAndere Nutzung des Internets

Die Möglichkeiten des Internets hätten nicht automatisch dazu geführt, die Welt demokratischer zu machen – dies sei kein Automatismus. Die Krise sollte dazu genutzt werden, das Netz besser zu machen, als einen Ort, wo sich Menschen auch ohne kommerzielle Interessen miteinander verbinden und sich näherkommen können:

"Das Internet gehörte schon immer den Konzernen. Inzwischen ist das gefährlich für unsere Gesellschaft geworden. Aber wir können das ändern, etwa indem wir Open Source nutzen, also Codes, die für alle zugänglich sind, oder Peer-to-Peer Systeme, also die direkte, unabhängige Kommunikation zwischen zwei Nutzern. Wir beide reden über Skype, ein Produkt von Microsoft – unser Gespräch funktioniert nur über deren Computer. Wir könnten aber andere Kanäle nutzen, das verringert deren Macht und vergrößert unsere. Wir müssen diese Tools lernen und sie nutzen. Dazu braucht es Zeit und den Willen dazu. So bekommen wir ein viel nützlicheres und besseres Netzwerk."

(mle)

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