James Adebola

Sprint durchs Leben

06:45 Minuten
Der Nachwuchssprinter James Adebola
James Adebola sei ein Athlet, der immer bereit sei, an seine Grenzen zu gehen, meint Bundestrainer Sven Buggel. © dpa / picture alliance / Klaus Peters
Von Thomas Wheeler · 09.01.2022
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Im Alter von sechs Jahren kommt James Adebola von Nigeria nach Deutschland. Hier wird entdeckt, dass er ein begnadeter Sprinter ist. Nach vielen Anfeindungen scheint sich sein jahrelanger sportlicher Einsatz jetzt auszuzahlen.
1. August 2021: James Adebola läuft 20,91 Sekunden über 200 Meter und wird Deutscher U20-Meister. Am Tag zuvor stellt der 19-Jährige bei der Deutschen Jugendmeisterschaft in Rostock über 100 Meter auch eine persönliche Bestzeit auf: 10,39 Sekunden. Ein Traumwochenende für den jungen Sprinter, der für den SC Charlottenburg startet. Erfolgreich soll es auch 2022 weitergehen. In diesem Jahr …

„ … ist mein Ziel, bei den Europameisterschaften in München reinzukommen und beim ISTAF, Deutsche Meisterschaft reinzukommen.“

Für diese Ziele arbeitet James Adebola hart. Vier Tage pro Woche trainiert er täglich drei bis vier Stunden in der Halle oder auf dem Platz. An zwei Tagen lässt er es etwas ruhiger angehen. Trainiert wird James seit Juni 2020 vom ehemaligen 400-Meter-Läufer Sven Buggel.

Der James ist auf jeden Fall ein ehrlicher und direkter Mensch. Eigentlich ein Mensch, den man nur lieben kann, weil wenn jemand zum Training kommt und ein Lächeln hat jeden Tag, dann ist er das.

Sven Buggel

Sven Buggel ist auch Bundestrainer der Nachwuchssprinter. Für ihn ist James ein Athlet, der immer bereit ist, an seine Grenzen zu gehen. Dazu bringt der 19-Jährige körperliche Voraussetzungen mit, die für einen Sprinter extrem wichtig sind, zum Beispiel sehr lange Sehnen: 

„Die sind für uns immer sehr entscheidend, weil darüber Kraftübertragungen schnell und vor allem sehr impulsiv funktionieren können.“

James Adebola ist ein Wettkampftyp. Für die Freiluftsaison haben sein Trainer und er sich viel vorgenommen.

„Im letzten Jahr ist er ein- oder zweimal eine 20,8 gerannt. Das wäre jetzt das Ziel, das zu stabilisieren - auch bei schlechten Bedingungen, bei etwas Regen, vielleicht auch Gegenwind. Wenn er das hinkriegt, immer im Bereich von 20,5 bis 20,8, dann kann eben auch mal der Ausrutscher Richtung 20,43 kommen bei sehr guten Bedingungen.“  

Sollte James über 200 Meter tatsächlich die 20,43 Sekunden knacken, hätte er gute Chancen, sich für die Leichtathletik-Europameisterschaft im August in München zu qualifizieren. Das heißt, er würde den Sprung in den Erwachsenenbereich schaffen. Für das große Ziel liegt noch viel Arbeit vor ihm und seinem Trainer.

„Wir haben uns mehr oder weniger seine Struktur angeguckt, wo er jetzt seine absoluten Stärken hat. Das ist bei ihm ganz klar der fliegende Bereich. Also ab 30 Meter bis ins Ziel. Da hat er eine unwahrscheinliche Höchstgeschwindigkeit, die für sein Alter oder auch für das, was maximal möglich ist in Deutschland, schon zu den Besten dort gehört.“

Im Alter von sechs Jahren verlässt er Nigeria

Rückblick: Im Alter von sechs Jahren kommt James mit seiner Familie aus Nigeria nach Deutschland. Zunächst lebt er mit seinen Eltern und seinen beiden Schwestern in Stendal. Später zieht die Familie nach Berlin um. Dort geht er in Neukölln zur Schule. Da er nur wenig Deutsch spricht, hat er große Schwierigkeiten, sich zu verständigen und verstanden zu werden. Mit einigen Mitschülern hat er deshalb Probleme:
„Da hat es schon angefangen, dass ich sehr viele Ängste hatte. Angst vor jedem hatte. Immer weggerannt bin, und ich bin dann so losgesprintet, dass es die geschockt hat, wie schnell ich bin.“
Der Sprinter James Adebola vom SC Charlottenburg
James Adebola hatte in der Schule auch mit rassistischen Beleidigungen zu kämpfen.© Deutschlandradio / Thomas Wheeler
James wird in dieser Zeit von Schulkameraden auch rassistisch beleidigt. Hilfe von seinen Lehrern bekommt er nicht.

Die Kinder haben mich geärgert. Ich habe versucht, das dem Lehrer zu melden, und ich konnte ja nicht so gut Deutsch. Ich konnte ja nur Englisch.  Die Lehrer haben nicht so viel gesagt, obwohl sie es mitbekommen haben.

James Adebola

Und verhalten sich zudem noch unsensibel:

„Die haben dieses Spiel gespielt. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Das kennt jeder. Und wenn man darüber richtig nachdenkt, das ist nicht lustig.“

Ein Lehrer entdeckt sein Talent

Mit zehn, elf Jahren wechselt er die Schule und hat diesmal Glück mit einem Lehrer. Michael Freyer erinnert sich:
„Als ich ihn damals in der Hans-Fallada-Schule entdeckt habe, also ich habe sein Talent gesehen, dass er wirklich ganz schnell auf den Beinen ist. Und habe ihn mal aus seinem Unterricht herausgenommen und mit ihm separat auf dem Schulhof trainiert, und war ganz erstaunt, wie er schnell er da auf den Socken war.“

Denn damals läuft James tatsächlich noch auf Strümpfen. Passend dazu geht er beim Schul-Wettkampf „Schnelle Socke“ an den Start. Betreut werden er und die anderen Kinder von Michael Freyer.

„Am Anfang, wo wir dann in den Startblock gegangen sind, da kann ich mich noch erinnern, wo er dann gesagt hat, volle Pulle James. Jetzt nicht einschlafen am Start.“

Er gewinnt und bekommt von seinem Lehrer einen Stein, der ihm bis heute viel bedeutet.

Ich dachte erst mal Mandarine oder irgendetwas. Dann war es ein Stein. Dann meint er hier, mache deinen Weg. Und dass ich weitermachen soll und nie aufgeben soll. An besonderen Tagen, wenn ich mal zurückblicke an meine Vergangenheit, nehme ich den Stein in die Hand, schaue meine Medaillen an, und denke einfach an den Moment, wo Micha mir das gegeben hat.

James Adebola

Bei seinem ersten Verein TSV Rudow läuft James zum ersten Mal mit Spikes. Dort bleibt er aber nur ein Jahr und wechselt dann zum Olympischen Sportklub Berlin. Wo der US-Amerikaner Lenard Mason viele Jahre sein Coach ist.
Die Sprinter Maximilian Heinrichs (TV Wattenscheid 01), James Adebola (OSC Berlin) und Florian Kordmann (TV Wattenscheid 01) bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Heilbronn 2020 (von links).
James Adebola (in der Mitte) sprintet vor Maximilian Heinrichs (links) bei der Deutschen Jugendmeisterschaft in Heilbronn 2020.© dpa / picture alliance / Fusswinkel
„Er hat das Zeug zum Profi, wenn er so bleibt wie er ist. Und der Grund dafür ist, er will.“

„Durch ihn habe ich den Glauben an die Leichtathletik gehabt, dieses Vertrauen. Ich habe so viel erlebt bei Lenard Mason.“

Ein Verein wie eine Familie

Trotzdem entscheidet sich James Adebola 2020 zum Vereinswechsel. Er macht den nächsten Schritt und geht zum SCC. Hier sind viele Berliner Spitzensportler zu Hause: „Ist wie eine Familie für mich.“
In knapp drei Wochen wird James Adebola 20 Jahre alt. Auch wenn seine Profi-Laufbahn erst am Anfang steht, denkt er schon jetzt an die Zeit danach. Nach berufsbezogenen Praktika in der Schule macht er seit einem Jahr eine Ausbildung zum Hilfskoch: „Ich liebe Essen. Ich esse besonders gerne Nudelgerichte.“
Bei seiner Ernährung achtet James Adebola auf Abwechslung. Isst auch Gemüse, Milchprodukte und Fleisch. Eine gesunde Einstellung, um als Leistungssportler noch weit zu kommen.


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