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Tonart | Beitrag vom 18.04.2019

Jamaikanische Musikkultur"Das beste System ist ein Soundsystem"

Von Julian Weber

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Soundsystem beim Notting Hill Carnival in London 1975 (dpa / picture alliance / Richard Braine)
Kultur-Export von Jamaika nach UK: Soundsystem beim Notting Hill Carnival in London 1975 (dpa / picture alliance / Richard Braine)

Basslastige Sounds, sozialkritische Texte: Soundsystems wurden ursprünglich vor Plattenläden in Jamaika als mobile Diskothek aufgebaut, um den Verkauf von Schallplatten anzukurbeln. Mittlerweile sind sie ein wichtiger Teil internationaler Musikkultur.

Die ersten Soundsystems sind nach dem Zweiten Weltkrieg auf Jamaika entstanden. Mit den Einwanderern aus der Karibik kamen sie in den 1960ern auch nach England. Heute gibt es Soundsystems in der halben Welt, auch in Deutschland. Den einzigartigen basslastigen und subsonischen Klang von Soundystems beschreibt der Londoner Filmemacher und Kulturwissenschaftler Julian Henriques so:

"Einem Soundsystem zuzuhören, bereitet Vergnügen, weil die Hochtöner und die Bassboxen so exakt eingestellt sind. Es macht den Ohren nichts aus, obwohl es sehr laut ist. Es ist eine in die Eingeweide zielende Erfahrung. Wir im Westen hören Musik etwa per Kopfhörer. Mit Kopfhörern steckt man Musik in seinen Körper. Beim Soundsystem steckt man den Körper in die Musik und man geht im Klang auf, der aus den riesigen Verstärkertürmen kommt."

Wirtschaftsmotoren für das "Getto"

Julian Henriques ist Autor von "Sonic Bodies", einem Standardwerk über die jamaikanische Soundsystemkultur. Dafür hat der gebürtige Brite, der am Londoner Goldsmiths College lehrt, monatelang im "Getto" der jamaikanischen Hauptstadt Kingston recherchiert. Betreiber von Soundsystems arbeiten wie Toningenieure, erklärt Henriques. Aber sie haben keine technische Ausbildung, sie bringen sich das Knowhow selbst bei.

"Soundsystem-Toningenieure sind in der Lage sehr fein zu unterscheiden. Sie wissen, wie ihr Sound funktioniert, und was sie tun müssen, damit er funktioniert. Sie haben ein praktisches Klangverständnis, es ist jedoch kein objektivierbares Wissen, das in Lehrbüchern aufgeschrieben steht."

Soundsystems sind wichtige Wirtschaftsmotoren für das Getto, sie locken Jamaikaner aus allen Schichten an, die bei den Partys ihr Geld für Essen und Trinken ausgeben, was der Ghetto- Community zugutekommt.

"Das Soundsystem dient in erster Linie dem Vergnügen. In so einem prekären Umfeld überhaupt einen wirtschaftlich florierenden Betrieb zu betreiben, wo alle hingehen können, um sich zu vergnügen, ist mit Anstrengung verbunden."

Musikalische Selbsthilfe

Natürlich geht es bei den Soundsystem-Partys um Unterhaltung, um die neueste Musik, ums Tanzen, aber die Ansagen der MCs, die sie zwischen den Stücken machen, oder ihr Gesang, den sie auf die gespielten Titel oben drauf setzen, haben immer eine Botschaft, erklärt Henriques:

"Neben dem DJ, der die Musik auswählt, ist der MC wichtig, der Texte einsingt oder zu den aufgelegten Platten spricht. Oft geht es in den Songs um Geld, auch um Sex. Slackness heißt das in Jamaika. Es gibt aber auch viele Tracks mit "cultural lyrics", mit sozialkritischen Texten. Die sind unterhaltsam und zugleich geht es darin um Upliftment, um die Erbauung von Menschen, eine Art musikalische Selbsthilfe."

Homophobe und sexistische Texte

Hierzulande fallen die sozialkritischen Texte von Dancehall-Songs in der Debatte über Soundsystemkultur oftmals unter den Tisch. Was dagegen auf Ablehnung stößt, sind homophobe und frauenfeindliche Texte. Aus Protest dagegen wurden in Deutschland bereits Tourneen mit jamaikanischen Künstlern wie Bounty Killer abgesagt. Julian Henriques kann das verstehen, wünscht sich aber eine differenziertere Auseinandersetzung mit den Wurzeln der Soundsystemkultur.

"Homophobe Texte und sexistisches Verhalten gegen Frauen sind inakzeptabel. Dafür gibt es keinerlei Entschuldigung. Aber man muss auch sehen, wo die Wurzeln dafür liegen, da wird es kompliziert. Wir unterscheiden zwischen Sex und Fortpflanzung, zwischen Fruchtbarkeit und Reproduktion, das ist da anders. Jamaikanische Frauen sind eben nicht Objekt der Männerfantasie. Es ist eine Sexualität, die mit der Macht der Frauen zu tun hat, die ein Mann eben nicht hat. Die alltägliche Gewalt im Getto wird durch Fortpflanzung beantwortet. Babys machen ist die einzige Möglichkeit, den Tod zu besiegen. Das wirft ein anderes Licht auf Sex. Das ist aber bitteschön keine Entschuldigung für sexistisches Verhalten und Homophobie."

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