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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.12.2016

JahreswechselDas Kreuz mit den guten Vorsätzen

Von Andrea Gerk

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Eine Liste mit guten Vorsätzen auf einem Kalender (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
(picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Lieber kleine Schritte als Radikalkuren - das empfiehlt Andrea Gerk allen, die zum Jahreswechsel nicht auf gute Vorsätze verzichten wollen. Sich zu viel vorzunehmen führe zu Demotivation: "Je ausgeprägter das Wunschdenken ist, umso seltener wird es real."

Mit dem nahenden Jahreswechsel weht selbst hartgesottene Gemüter gerne ein Hauch von Besinnlichkeit an. Leicht zermürbt von den obligatorischen Familienscharmützeln während der Weihachtstage wird Bilanz gezogen, und das nicht nur mit Blick auf den Gabentisch, auf dem sich - wie immer - eine ganze Reihe völliger Missgriffe stapelt.

Wenn sich schon die gestreiften Handtücher der Schwiegermutter so wenig vermeiden lassen wie die gereizte Auseinandersetzung über die Größe des Tannenbaums, der Gans oder des Silvesterfeuerwerks, müssten sich doch andere eingefahrene Gewohnheiten im neuen Jahr endlich einmal beherzt ändern lassen. Mehr Zeit für die Kinder! Mehr Sport, weniger Fleisch, sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, endlich in den Chor eintreten oder einen Nähkurs belegen!

"Profunde Demotivation" durch zu viel Optimismus

Wobei zu viel des Guten auch nicht das Wahre ist, wie die Glücksforschung neuerdings weiß. Gerade der viel gepriesene Optimismus, mit dem wir selbst schweren Erkrankungen, Todesfällen und anderen Schicksalsschlägen entgegenlächeln sollen, enthält nämlich haufenweise negative Aspekte. Genau wie Glück führt er zu profunder Demotivation – ob es sich um ein Diätvorhaben oder die Karriereplanung handelt.

Gabriele Oettingen, die an der New York University forscht, hat in psychologischen Versuchen herausgefunden, dass Studenten, die sich einen erfolgreichen Abschluss ausmalen, weniger erreichen und Patienten, die von einer Verbesserung ihres Zustandes träumen, nachweislich langsamer genesen. In verschiedenen Studien konnte Oettingen nachweisen: Je ausgeprägter das Wunschdenken ist, umso seltener wird es real. "Man sagt: Lebe deinen Traum, aber das ist problematisch, sogar, wenn es darum geht, abzunehmen oder mit dem Rauchen aufzuhören."

Interessant ist, dass diese Kausalität auch für Gesellschaften zutrifft. Dazu verglich die Wissenschaftlerin Zeitungsartikel, die sich mit der Wirtschaftslage befassten und mit der tatsächlichen ökonomischen Situation eine Woche oder einen Monat später. Je optimistischer der Inhalt war, umso mehr verfiel die tatsächliche Leistungsfähigkeit beziehungsweise Arbeitsleistung.

"Reflektierter Pessimismus" statt Zwangsoptimismus

Und was lehrt uns das? Dem grassierenden Zwangsoptimismus einen reflektierten Pessimismus entgegenzusetzen, wie ihn der Philosoph Arthur Schopenhauer vorexerziert hat. Konkret könnte das bedeuten, heute Nacht nicht gleich die ganze Schachtel Zigaretten in den Mülleimer zu schmeißen, nur um dann wochenlang die gesamte Umgebung zu tyrannisieren, bis die Mitmenschen darum betteln, dass man wieder anfängt zu rauchen. Keine Radikalkuren, sondern sich kleine Schritte vornehmen. Wie nur eine weniger am Tag zu rauchen oder das letzte Glas Wein am Abend weglassen, anstatt ganz zum freudlosen Abstinenzler zu werden. Sparen und Hungern ist sowieso out, weshalb eigentlich genug Raum ist, um sich mal wieder auf die wirklich einfachen Dinge zu besinnen.

Was im Übrigen zum schwersten überhaupt gehört, wie schon Bertolt Brecht wusste, dessen Stücke ja heute kaum noch jemand liest oder spielt, womöglich gerade, weil seine Texte auf so verblüffende Weise einfach sind. Das ist die 'neue Einfachheit', die wir heutzutage praktizieren, überhaupt nicht - im Gegenteil: Wer einfach mal entspannen will, der kann nicht nur spazieren gehen oder einen gepflegten Mittagsschlaf einlegen, sondern er sollte zumindest einen Meditationskurs in einem auf Wellness umgerüsteten Kloster absolvieren. Die dazugehörigen klösterlichen Pflegeprodukte finden sich in einem Warenkatalog, der in neubürgerlich-avancierten Kreisen als die Bibel der neuen Einfachheit gilt: Vom Turnschuh aus handgestreichelten Kalbsleder bis zum Schirmgriff mit traditioneller Mokkassinnaht findet hier jeder seine schlichten Freuden. Während man sich früher einfach mal was gekauft hat, guckt man jetzt vorsichtshalber erstmal im besagten Katalog nach, ob das auch geht, sprich: geschmacksmäßig konform ist.

Lob der Langeweile

Wer sich im neuen Jahr wirklich mal was Gutes tun will, sollte am besten einfach mal gar nichts machen, nur zu Hause herumhängen, bis einem so richtig schön langweilig wird. Denn die Langeweile – so heißt es bei Walter Benjamin –  ist "ein warmes graues Tuch, das innen mit dem glühendsten, farbigsten Seidenfutter ausgeschlagen ist." Und - sie unterliegt keinem Trend und kostet überhaupt nichts.

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Glosse - Lob der schlechten Laune
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 01.01.2016)

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