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Tonart | Beitrag vom 18.06.2019

Jacques Offenbach und das VioloncelloDer Meister des Augenzwinkerns

Von Haino Rindler

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Ein realistisches fotoähnliches Porträt des älteren Komponisten, der seine Nickelbrille trägt (Rheinisches Bildarchiv Köln)
Der Komponist Jacques Offenbach in einer Aufnahme um 1870. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

Jacques Offenbach ist den meisten als Operettenkomponist bekannt. Doch bevor der "Erfinder" der Operette seine großen Bühnenwerke schuf, trat er auch als Interpret eigener Cellowerke in Erscheinung und hinterließ sogar ein Cellokonzert.

Alles begann mit Rossini. Als Raphaela Gromes im vergangenen Jahr ihr Rossini-Jubiläums-Album veröffentlichte, da überraschte sie mit dem Namen Offenbach auf der Playliste.

"Ich war schon immer großer Rossini-Fan und wollte einfach ihm zu Ehren dieses Album machen. Und bei meiner Recherche bin ich dann auf ein Stück von Offenbach gestoßen namens 'Hommage à Rossini'. Und ich dachte mir: Wahnsinn! Offenbach ist ja eigentlich nicht minder bedeutend als Rossini, und wenn er jetzt eine Hommage an ihn schreibt, dann ist es doch bestimmt ein tolles und wichtiges und bekanntes Stück."

Rossini und Offenbach

Die Recherche führte direkt zu Jean-Christophe Keck, der mit seiner Offenbach Edition Keck, kurz OEK, schon für manche Offenbach-Überraschung gesorgt hat. Das Stück, das tatsächlich zum ersten Mal an die Öffentlichkeit kam, basiert auf Themen aus Rossinis "Wilhelm Tell". Umgekehrt hat auch Rossini seiner Verehrung für Offenbach Ausdruck verliehen. In seinen Alterssünden findet sich die "Petit Caprice (Style Offenbach)". Doch neben solchen kleinen musikalischen Verneigungen zog Offenbach noch ganz anderen Nutzen, als er ab 1835 als Cellist im Orchester der Pariser Opéra comique seinen Lebensunterhalt verdiente und massenhaft Rossini-Opern spielte. 

"Da hat er gedacht, aha, das kommt beim Publikum an, da lacht das Publikum besonders viel, da ist es mitgenommen gefühlsmäßig", erklärt Raphaela Gromes. "So baut Rossini seine Oper auf. Und das war für Offenbach die Schule, diese drei Jahre, die er dort im Opernorchester in der Opéra comique ausgeholfen hat, in diesen drei Jahren hat er eigentlich komponieren gelernt durch Zuhören. Also er hat durch sein Ohr von Rossini hauptsächlich komponieren gelernt."

Offenbach - ein Workaholic und Tausendsassa

Seine Zeit am Conservatoire war ohnehin nur ein Intermezzo. Offenbach war ein Selfmade-Komponist, ein Tausendsassa und ein Workaholic, der immer und überall arbeitete. 

"Es gibt diese Anekdote, dass er sich in seiner Kutsche ein Pult eingerichtet hatte, wo er immer, wenn er von Station A nach B unterwegs war, wie manisch Melodien geschrieben hat", sagt Raphaela Gromes. "Das passt zu mir auch ein bisschen, wenn ich im Auto bin oder im Zug, dann krame ich immer irgendwas heraus und übe entweder mental oder recherchiere oder so. Das ist schon etwas, was ein Vorbild ist für mich an Offenbach."

Um seine Künste auf dem Cello zu präsentieren, komponierte Offenbach 1847 sein einziges Cellokonzert, das mit seinem mitreißenden Finale bereits die Handschrift des späteren Bühnenkomponisten trägt. Daneben entstanden zahlreiche Salonstücke für den Eigenbedarf.

Opernkomponist Friedrich von Flotow begleitete ihn

Sein Klavierbegleiter auf vielen Konzerttourneen durch ganz Europa war Friedrich von Flotow, später selbst anerkannter Opernkomponist. Man kann sich vorstellen, wie viel Spaß die beiden bei ihren Auftritten hatten, die sogar kleine Operninszenierungen waren. Augenscheinlich ist das besonders bei einem Stück mit dem Titel "Tarantelle"- eine wahnwitzige Kombination aus technischer Herausforderung und Humor à la Offenbach. Dazu Raphaela Gromes:

"Er will in diesem Stück ausdrücken, Tarantella ist der Tanz, wo man das Spinnengift ausschwitzen muss. Und jetzt machen wir es dann halt wirklich so, dass selbst der Spieler so ins Schwitzen kommt, dass er danach ohnmächtig umfällt. Er hat seine ganzen Auftritte auch immer inszeniert. Er ist dann einmal in Ohnmacht gefallen nach seinem Konzert. Dieses Augenzwinkern, diese In-Szene-Setzen, das steckt auch in seinen ganzen Salonwerken oder Cellostücken drin."

Offenbach - eine spitzbübische Persönlichkeit 

Interessant ist der Offenbach-Stil, der zum einen ein Ergebnis seiner Lebensstationen zwischen Köln, Paris und Wien ist, zum anderen ein Ausdruck seiner schillernden und spitzbübischen Persönlichkeit. Cellistin Raphaela Gromes sieht Jacques Offenbachs Personalstil als Synthese ganz verschiedener Einflüsse:

"Er ist ja in Deutschland aufgewachsen, allerdings als Jude. Er hat auch viel von dieser jüdischen Synagogenmusik mitgenommen, hat viel vom Kölner Karneval mitbekommen. Diese Karnevalsmusik, die Synagogenmusik - das alles spielt auch in seine Werke mit rein. Dann natürlich Italien, der Belcanto von Rossini, den Offenbach nochmal auf die Spitze treibt. Ich glaube, keiner hat so schöne Melodien geschrieben wie Offenbach. Und so vielfältige. Er hat morgens, mittags und abends Melodien geschrieben. Sie sind alle unterschiedlich und alle eingängig, nie trivial und immer berührend."

Ein in sich gekehrter musikalischer Clown

Die bekannteste dieser Melodien ist "Les Larmes de Jacqueline". Berühmt deshalb, weil die großartige Cellistin Jacqueline du Pré dieses Stück zu ihrem persönlichen Markenzeichen gemacht hat. Ein sentimentaler Schmachtfetzen für die einen, ein Werk mit tiefem Ausdrucksgehalt für die anderen. Manchmal hilft es, genau in die Noten zu schauen, denn Jacques Offenbach war nicht nur der geniale possenreißende Komödiant, er war auch der in sich gekehrte musikalische Clown, der hinter dem Lachen seines Publikums die Grausamkeit der Welt erblickte.

"Ja, es gibt ja tatsächlich eine Vorlage, eine literarische", sagt Raphaela Gromes. "Da wird eine Geschichte beschrieben, die überhaupt nicht sentimental ist, sondern die sehr sehnsüchtig und melancholisch ist, aber eigentlich innig. Es ist eine Liebesbeziehung zwischen einer Nonne und einem Mann, in den sie sich lange verliebt hat, und sie haben sich immer heimlich am Brunnen getroffen, und dann kommt er irgendwann nicht mehr und sie weint ihm sozusagen hinterher. Es ist aber eine sehr intime Geschichte, und ich finde, wenn man dieses Stück zu langsam spielt, zu sentimental, mit zu vielen Schmierern, Glissandi, Portati, dann macht man es ein bisschen kitschig, und es muss gar nicht kitschig sein, wenn man den Notentext anschaut. Offenbach schreibt nämlich Andante darüber, und das heißt: gehend."

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