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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.04.2018

Jacqueline Woodson: "Ein anderes Brooklyn"Eine Hymne an das Erwachsenwerden

Von Kim Kindermann

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Im Vordergrund das Cover von Jacqueline Woodsons "Ein anderes Brooklyn", im Hintergrund verschwommene Lichter einer Großstadt. (Piper, Unsplash/ Thong Voh)
Jacqueline Woodson erzählt in "Ein anderes Brooklyn" die Geschichte von August und ihren Erinnerungen. (Piper, Unsplash/ Thong Voh)

Jacqueline Woodsons "Ein anderes Brooklyn" begeistert: Die Geschichte der jungen August und ihrer drei Freundinnen, die unzertrennbar sind und doch auseinander gerissen werden, erzählt sie mit einer Poesie, die den Leser mitreißt.

Dieses Buch liest man wie im Rausch. Komponiert als Jazzstück, das durch eine kluge Improvisation aus Noten, "die sich immer schneller aufeinander zubewegen", mitreißt ins Leben von August, in ihre Kindheit im Brooklyn der 70er-Jahre, ihre Freundschaft zu Angela, Gigi und Sylvia, ihre Pubertät, das langsame Erwachsenwerden und die damit verbundenen Abschiede. Jacqueline Woodson, die gerade mit dem Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis ausgezeichnet wurde, beweist damit erneut, dass sie eine der besten Jugendbuchautorinnen der Welt ist. "Ein anderes Brooklyn" ist schlicht der Hammer!

Als August zur Beerdigung ihres Vaters nach New York zurückkehrt und in der U-Bahn zufällig auf eine ihrer ehemals besten Freundinnen Sylvia trifft, beginnt ihre Reise in die Vergangenheit. Als sie mit ihrem Vater und Bruder nach Brooklyn zieht - ohne ihre Mutter, die sie scheinbar zurückgelassen haben in Tennessee, weil sie, die Mutter, verrückt geworden ist und "nur noch mit einem Messer unter dem Kopfkissen schläft".

Vier einsame Mädchen, die miteinander dem Leben trotzen

Die drei ziehen in eine heruntergekommene Wohnung: August ist acht, ihr Bruder vier Jahre alt. Ihre Nachbarschaft besteht aus Drogendealern, Prostituierten, traumatisierten Vietnamveteranen und zahlreichen Kindern, die sich größtenteils ohne elterliche Aufsicht auf den Straßen bewegen. Straßen, die von den weißen Nachbarn immer öfter verlassen und die dafür bevölkert werden von "alleinerziehenden Müttern, Junkies, Puerto Ricanern und Schwarzen". Während Augusts Vater arbeiten geht und versucht, seine Kinder vor dem Abrutschen ins soziale Aus zu bewahren, lernt August schließlich Angela, Gigi und Sylvia kennen.

Die Vier geben einander Schutz und Liebe, versuchen dem Leben zu trotzen, sind untrennbar miteinander verbunden - und werden am Ende doch voneinander getrennt. "Wir waren vier Mädchen, unglaublich schön und schrecklich allein." Allein in einer Welt, die geprägt ist von Armut, Rassismus und Sexualität, in der das Schlimmste, was einem Mädchen passieren kann, ist, minderjährig schwanger zu werden.

Eine Welt, in der Augusts Vater den Islam für sich entdeckt, in der Kinder hungern - in Biafra und in den USA, wo es zu Aufständen kommt und Plünderungen und in der der Vietnamkrieg seine immer tödlicheren Spuren nach sich zieht. Eine Welt, in der aber auch Musik durch die Straßen dröhnt und Breakdance erfunden wird. Es sind wilde, gefährliche, schrecklich schöne Zeiten und den Mädchen schien alles möglich, solange sie zusammen sind.

Ein poetischer Sound, dem man sich kaum entziehen kann

Jacqueline Woodson verwebt all dies zu einer grandiosen Geschichte über August und ihre Erinnerungen. Und wie es Erinnerungen eigen ist, sind sie selten stringent, sondern sprung- und wechselhaft. Genauso ist das Buch geschrieben: In oft nur sechs Zeilen lagen Absätzen wird jeder Aspekt Augusts Geschichte erzählt. Schnell entsteht so ein ganz eigener Sound, poetisch schön, dem man sich kaum entziehen kann.

Denn schon bald ergeben die Erinnerungsbilder ein großes Ganzes. Zumal immer klarer wird: August stellt sich erst ganz am Ende, der wichtigsten Erinnerung: der an ihre Mutter. Und so ist dieses Buch nicht nur eine Hymne an das Erwachsenwerden, an die berauschende Zeit der Entdeckung des eigenen Körpers, der eigenen Gedanken und der tiefen ersten Freundschaften, sondern auch eine Hymne an den Tod und den Abschied und an das Neue, das auch sie mit sich bringen. Ein Buch, das glücklich macht!

Jacqueline Woodson: "Ein anderes Brooklyn"
Übersetzt von Brigitte Jakobeit
Piper Verlag, München 2018
160 Seiten, 20 Euro

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