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Buchkritik | Beitrag vom 22.05.2021

Jacqueline Woodson: "Alles glänzt"Treuer Vater, flatterhafte Mutter

Von Maike Albath

Zu sehen ist das Cover des Buches "Alles glänzt" von Jacqueline Woodson. (Deutschlandradio / Piper Verlag)
Jacqueline Woodson vermittelt mit leichter Hand, weshalb das Wissen um die eigene Herkunft der erste Schritt in Richtung Zukunft ist. (Deutschlandradio / Piper Verlag)

Die vielfach prämierte Jugendbuchautorin Jacqueline Woodson hat ein großes Gespür für die seelische Lage von Heranwachsenden. In "Alles glänzt" erzählt sie von der 16-jährigen Melody, die in äußerst komplizierten Familienverhältnissen aufwächst.

Das Leben mit 16 ist so eine Sache, vor allem, wenn die eigene Mutter praktisch nicht präsent ist und stattdessen die Großmutter das Sagen hat. Melody fühlt sich jedenfalls im Stich gelassen.

Immerhin gibt es einen Vater namens Aubrey, der sie vergöttert. Aber mit Iris, ihrer Mutter, die mit 15 schwanger wurde, aufs College floh und ihre kleine Tochter in ihrem Brooklyner Elternhaus zurückließ, liegt immer Streit in der Luft. Selbst am Abend eines großen Festes, das die Großeltern für Melody ausrichten, weil nun ihr Erwachsenenleben beginnt.

Vielzahl von Perspektiven

Um die allgemeine Verwirrung, was Familie, Bindungen, Wiederholungen und das Ringen um Eigenständigkeit angeht, noch zu steigern, trägt Melody ein Kleid ihrer Mutter. Es war genau 15 Jahre zuvor für Iris geschneidert worden und hatte ihr plötzlich nicht mehr gepasst – ihr Bauch war zu dick. Erst da kam ihre Schwangerschaft ans Licht.

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Jacqueline Woodson, Jahrgang 1963, ist ein vielfach prämierte und äußerst gewiefte Jugendbuchautorin. Sie hat ein Gespür für die seelische Lage von Heranwachsenden. In ihrem neuen Roman "Alles glänzt", mit dem sie sich zum zweiten Mal an ein älteres Publikum wendet, macht sie diese Fähigkeit zum Ausgangspunkt ihrer Geschichte. Sie splittert die Handlung in eine Vielzahl von Perspektiven auf und erteilt ihren Figuren abwechselnd das Wort.

Die pubertierende Melody kommt ebenso zum Zuge wie ihr treuer Vater, die flatterhafte, ehrgeizige Iris, die unbeirrbare Großmutter und der beständige Großvater. In Rückblenden wird von Aubreys schwieriger Kindheit ohne Vater erzählt; aus Iris‘ Perspektive erleben wir die Überforderung durch die frühe Mutterschaft und die Faszination durch Bildung und Wissen, die sie letztlich Aubreys Mutter verdankt.

Das Schicksal von Melodys Urgroßmutter, die 1921 als Kind das Massaker von Tulsa knapp überlebte, liegt wie ein sirrender Oberton über den Geschehnissen. Bis in die Gegenwart scheinen sich die Verletzungen in die Schicksale der Nachgeborenen einzuschreiben.

Aus der Trickkiste des Melodrams

Die Tonlagen des Personals wechseln je nach Status und Gemütsstimmung, der mündliche Gestus wird durch die Druckgestaltung mit Flattersatz verstärkt. Tatsächlich stimmt jedes Familienmitglied seinen eigenen Blues an. Dass Woodson an erzählerische Formen anknüpft, wie sie James Baldwin und Toni Morrison geprägt haben, vermittelt sich an mehreren Stellen, und sie versteht es, das Schicksal ihrer Heldin mitreißend zu gestalten.

Nur gegen Ende, als ausgerechnet Aubrey zum Opfer der Terrorangriffe vom 11. September 2001 wird, trägt die Autorin eine Spur zu dick auf und bedient sich aus der Trickkiste des Melodrams. Da greifen die Rädchen der Romankonstruktion ein bisschen zu perfekt ineinander, schnurrt der Erzählfaden allzu glatt von der Spule.

Lesenswert ist "Alles glänzt" dennoch, zumal für Jüngere. Jacqueline Woodson vermittelt mit leichter Hand, weshalb das Wissen um die eigene Herkunft der erste Schritt in Richtung Zukunft ist.

Jacqueline Woodson: "Alles glänzt"
Aus dem amerikanischen Englisch von Yvonne Eglinger
Piper Verlag, München 2021
206 Seiten, 22 Euro

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