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Buchkritik | Beitrag vom 23.10.2019

J. M. Gaßner/ J. Müller: "Können wir die Welt verstehen?"Schritt für Schritt zum Gravitationsgesetz

Von Gerrit Stratmann

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Das Bild zeigt ein Buchcover mit dem Titel: Können wir die Welt verstehen? Meilensteine der Physik von Aristoteles zur Stringtheorie. (S. Fischer Verlag / Deutschlandradio)
Endlich verständlich, Physik für Nichtphysiker - so bewirbt der Fischer-Verlag das Erklärbuch von Josef M. Gaßner und Jörn Müller. (S. Fischer Verlag / Deutschlandradio)

Die beiden Physiker Josef M. Gaßner und Jörn Müller haben den Stand der Wissenschaft auf ihrem Fachgebiet zusammengefasst. Das ist ihnen perfekt gelungen. Ergebnis: ein Laienlehrbuch der Physik, komplex und trotzdem anschaulich und verständlich.

Schon wieder ein Buch, das die erfolgreichen Theorien der Wissenschaftsgeschichte bis in die Gegenwart hinein vorstellt? Ja, und was für eines! Die beiden Physiker Josef M. Gaßner und Jörn Müller fassen in ihrem Monumentalwerk "Können wir die Welt verstehen?" auf einzigartige Weise zusammen, wie die immer präziser werdende Beschreibung unserer Welt entstanden ist.

Das Ergebnis darf man mit einigem Recht als Laienlehrbuch der Physik bezeichnen. Trotz der eher philosophischen Frage im Titel geht es darin nicht um Erkenntnistheorie, sondern darum, wie Physiker heute unsere Welt verstehen und – ganz entscheidend – wie sie zu diesem Verständnis gekommen sind.

Anstrengend und mühsam, aber großartig

Von anderen populärwissenschaftlichen Büchern unterscheidet es sich vor allem durch seine Genauigkeit. Wo andere Bücher die echten physikalischen Berechnungen hinter oft wolkigen Allegorien und Beschreibungen verstecken, nehmen Gaßner und Müller die Leser an die Hand und führen sie Schritt für Schritt durch die Herleitung von Newtons Gravitationsgesetz oder Einsteins E=mc².

Ja, das lässt sich nicht so einfach runterlesen. Ja, das ist stellenweise anstrengend und mühsam. Und zugleich großartig. Denn nie werden zwingende Zusammenhänge deutlicher, als wenn man sie in der Sprache der Mathematik nachvollzieht.

Und wenn die beiden einfach mal drauflos rechnen, obwohl die Datenlage unzureichend ist und das Ergebnis bestenfalls eine Näherung darstellt, bekommen die Leser zudem eine spürbare Ahnung davon, wie Physiker ticken. Zahlreiche gut platzierte Illustrationen helfen dem Verständnis an vielen Stellen zusätzlich auf die Sprünge.

Jedes Modell der Welt hat sich als vorläufig erwiesen

Gaßner und Müller weisen schon im Vorwort darauf hin, dass sich bislang noch  erwiesen hat. Noch im letzten Jahrhundert war man davon überzeugt, dass die Welt aus kleinsten Teilchen besteht. Aber nach aktueller Interpretation besteht der Kosmos eher aus Quantenfeldern, die, wenn sie angeregt werden, in Form von Teilchen in Erscheinung treten. Auch dieses abstrakte Modell der Welt ist noch unvollständig und falsch, und stimmt doch bereits bemerkenswert exakt mit der Realität überein.

Können wir die Welt also verstehen? Josef M. Gaßner und Jörn Müller vermitteln überzeugend die Hoffnung: "Unser Weltbild wird von Generation zu Generation besser falsch."

Zu den einzelnen Kapiteln finden sich als Brückenschlag zwischen analoger und digitaler Welt eine Menge QR-Codes, die direkt auf vertiefende Videos im Internet verlinken. Der über 650 Seiten schwere Wälzer schafft auch einen anderen Spagat: nachvollziehbare Forschung laiengerecht zu präsentieren. Dieses Buch ist eine unbedingt lohnenswerte Zumutung.

Josef M. Gaßner/ Jörn Müller: "Können wir die Welt verstehen? Meilensteine der Physik von Aristoteles zur Stringtheorie"
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2019
672 Seiten, 32 Euro

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