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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.08.2016

Italienische Bausünden "Erdbebensicher sind vielleicht 50 Prozent der Häuser in Italien"

Architekturhistoriker Marco de Michelis im Gespräch mit Britta Bürger

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Feuerwehrleute untersuchen ein beschädigtes Gebäude in Amatrice. (AFP/ Andreas Solaro)
Feuerwehrleute untersuchen ein beschädigtes Gebäude in Amatrice. (AFP/ Andreas Solaro)

Durch das Erdbeben rund um den italienischen Ort Amatrice sind Hunderte historischer Bauten beschädigt worden. Das größte Problem beim Wiederaufbau seien die geringen Informationen über die Bausubstanz, sagt Architekturhistoriker Marco de Michelis.

Durch das Erdbeben in Italien und seine zahlreichen Nachbeben sind Hunderte historischer Bauten beschädigt oder komplett zerstört worden. Eine erste Erhebung des römischen Kulturministeriums - die sich allerdings nur auf die Region im Umkreis von 20 Kilometern um das Epizentrum des Bebens bezieht - geht von 300 zerstörten Kirchen, Palazzi und anderen mittelalterlichen Gebäuden aus. Doch die Zahl wird weiter steigen. Korrespondent Markus Epping fasst in einer ersten Bilanz die Schäden zusammen:

Wie soll Italien mit seinem kulturellen Erbe umgehen?

Der Architekturhistoriker Marco de Michelis spricht sich im Deutschlandradio Kultur für eine "undogmatische, intelligente" Hilfe aus, damit die betroffenen Dörfer "so schnell und gut wie möglich" wieder aufgebaut werden können. Bei einigen Gebäuden habe man Unterlagen, die eine Rekonstruktion zulassen, bei anderen nicht. Bei manchen Gebäuden ließe sich die Bausubstanz retten, bei anderen sei dieser Versuch vergebens.

Dabei müsse von Einzelfall zu Einzelfall entschieden werden, damit "so wenig wie möglich wieder zerstört wird". Denn auch die Rekonstruktion und der Aufbau könnten die Bausubstanz weiter in Mitleidenschaft ziehen und seien "gefährlich und teuer".

Die Grafik des US Geological Survey zeigt das Beben der Stärke 6,2 in Zentralitalien (dpa/US Geological Survey)Die Grafik des US Geological Survey zeigt das Beben der Stärke 6,2 in Zentralitalien. (dpa/US Geological Survey)

Das größte Problem in Italien sei das geringe Wissen über die Bausubstanz. "Wir wissen nicht, wann ein Haus gebaut wurde, wann es rekonstruiert, erweitert wurde. Wir wissen viel zu wenig." Deswegen fordert Marco de Michelis, eine Art Verzeichnis mit genauen Daten anzulegen.

De Michelis: "Wir sollten anfangen, einige Fragen zu beantworten. Einige der zusammengestürzten Gebäude wurden vor wenigen Jahren erdbebensicher restauriert, und erdbebensicher sind sie überhaupt nicht gewesen." Dazu zähle auch die Schule in Amatrice.

Es gab keine ausreichende Prävention – vor welcher Aufgabe steht Italien da?

"Erdbeben und Italien gehören zusammen", meint der Architekturhistoriker de Michelis. 40 Prozent Italiens seine seismisch gefährdet. Doch, so ergänzt er:

"Erdbebensicher sind vielleicht 50 Prozent der gesamten Häuser in Italien. Das heißt, wir sollten Millionen von Häusern befestigen, wir sollten Tausende von Schulbauten, Tausende von öffentlichen Gebäuden und x-Tausende von historischen Denkmälern [sichern]. Ich glaube das Problem ist so riesengroß, dass wir schon wieder nicht erwarten können, das wir das Problem innerhalb der nächsten Monate lösen werden. Und ich glaube, wir sollten diesmal positiv diskutieren, wie wir die betroffenen Dörfer so schnell wie möglich wieder aufbauen können."

Wie kann eine Rekonstruktion gelingen?

Das Erdbeben sei ein "unmenschliches Drama" und die Zahl der Toten mit 300 enorm hoch. Gleichzeitig sei die Anzahl der durch Zerstörung Betroffenen mit 3000 relativ gering. "Wir müssen nicht ganze Städte neu konstruieren." Es sei vielleicht eine Milliarde Euro notwendig. "Keine Summe, die Italien sich nicht leisten kann. Es ist also eher eine Frage der Intelligenz, des technischen und kulturellen Könnens und der politischen Effizienz."

Bei aller Kritik an politischer Korruption, die bei vergangenen Erdbeben einen Aufbau erschwert habe - es gebe auch positive Beispiele für einen erfolgreichen Wiederaufbau, so de Michelis. Die Provinz Friaul sei 1976 von einem riesigen Erdbeben zerstört worden, wurde aber "vollständig rekonstruiert, inklusive der Denkmäler, Paläste und Kirchen".

Und auch in der Nähe des aktuellen Erdbebens, in Umbrien, wurden 1997 viele kleine Orte stark durch ein Erdbeben zerstört. "Sie wurden seismisch gesichert. Und bei dem heutigen Erdbeben wurde keines der Gebäude zerstört." (lk)

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