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Studio 9 | Beitrag vom 08.08.2016

IstanbulMassendemo für den Präsidenten

Von Christian Buttkereit

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Sie sehen den türkischen Präsidenten Erdogan, dahinter eine große Menschenmenge. (picture-alliance / dpa / Pressebüro des Präsidenten)
Der türkische Präsident Erdogan spricht auf der Großkundgebung in Istanbul. (picture-alliance / dpa / Pressebüro des Präsidenten)

Rund drei Millionen Menschen kamen am Sonntagabend in Istanbul zu einer Großdemo zusammen, um Präsident Erdogan ihre Unterstützung zu zeigen. Der sprach sich erneut für die Wiedereinführung der Todesstrafe aus und traf damit den Nerv vieler Teilnehmer.

Es war eine Kundgebung der Superlative – die riesige Bühne auf dem Festgelände von Yenikapi im europäischen Teil der Türkei war auch vom asiatischen Ufer des Marmara-Meeres aus gut zu sehen. Das Festgelände war eingetaucht in ein Meer aus türkischen Flaggen.

Einheimische Medien sprechen von gut drei Millionen Teilnehmern. Damit sie das Gelände erreichen konnten, fuhren die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos und es wurden Dutzende Schiffe eingesetzt. 13.000 Polizisten sicherten die Veranstaltung ab. Auch Vertreter verschiedener Religionen, bekannte Sänger und andere Künstler waren gekommen.

Auftritt als Präsident und Oberbefehlshaber

Unter dem Motto Demokratie und Märtyrer hatte Recep Tayyip Erdogan eingeladen – nicht nur als Präsident, sondern – so wörtlich auf den Plakaten – auch als Oberbefehlshaber. Bestimmt war Erdogans Rede von der Abrechnung mit der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen, der im freiwilligen US-Exil lebt. Die türkische Regierung macht ihn für den Putschversuch verantwortlich. Das Gülen-Netzwerk habe große Teile der Armee, der Justiz und des Bildungssystems unterwandert, sagte Erdogan.

"Wir werden all diese Examen und Gerichtsverfahren überarbeiten und auch die schmutzigen Geschäfte in Politik, Medien und Geschäftswelt, die illegaler Weise eingefädelt wurden, untersuchen. All diese Bereiche werden wieder in Ordnung bringen."

Bis Erdogan sprach, vergingen drei Stunden in sengender Hitze. Zuvor kamen die Parteivorsitzenden zu Wort – auch die der Oppositionsparteien CHP und MHP. Die pro-kurdische HDP hatte Erdogan nicht eingeladen. Er begründete das mit ihrer angeblichen Nähe zur verbotenen kurdischen PKK. 

Der Chef der Republikanischen Volkspartei CHP, Kemal Kilicdaroglu, dankte der Bevölkerung für den Widerstand gegen die Putschisten und sagte, die Türkei wolle weder einen Putsch noch eine Diktatur.

USA soll Fethullah Gülen ausliefern

Der Vorsitzende der nationalistischen MHP, Bahceli, wandte sich gegen eine weitere Spaltung der türkischen Gesellschaft. Der gescheiterte Putsch sollte alle Demokraten einen. Ministerpräsident Binali Yildirim forderte die USA auf, Gülen auszuliefern.

Für die meisten Türken gilt der islamische Prediger Fethullah Gülen als Drahtzieher des Putschversuchs vom 15. Juli. Ein Teilnehmer hatte eine Gülen-Puppe mitgebracht, die an einem Galgen hing:

"Er soll hängen. Das ist das einzig Richtige. Man sollte alle Mitglieder der Gülen-Bewegung hängen. Es gibt keinen Grund, sie zu schützen. Sie sind alle Verräter. Sie haben uns mit den Panzern und Waffen angegriffen, die uns, dem Volk, gehören."

Den inhaltlichen Superlativ brachte Staatspräsident Erdogan dann in seiner Rede in der Abenddämmerung. Er stellte die Wiedereinführung der Todesstrafe in Aussicht. Auch wenn die Todesstrafe wohl der Todesstoß für die Beitrittsverhandlungen mit der EU wäre – Erdogan traf damit den Nerv einer Reihe von Teilnehmern.

"Die Todesstrafe sollte wieder eingeführt werden, auch rückwirkend. Präsident Erdogan wird die heutige Unterstützung nicht mehr erfahren, sollte er die Todesstrafe nicht einführen. Wem wollen wir folgen - Gott oder der Europäischen Union?"

Die Istanbuler Großveranstaltung wurde auf Videoleinwände in alle Landesteile und international in sieben Sprachen übertragen. 

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