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Religionen / Archiv | Beitrag vom 04.09.2010

Ist die Bibel eine „Heilige Schrift“?

Serie: Was muss ich wissen, was kann ich glauben? (Folge 1)

Von Andreas Malessa

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Die älteste Bibel der Welt, der Codex Sinaiticus, gezeigt in der British Library in London (AP Archiv)
Die älteste Bibel der Welt, der Codex Sinaiticus, gezeigt in der British Library in London (AP Archiv)

Göttlich offenbart oder von Menschen erdacht? Im ersten Teil der Reihe "Was muss ich wissen, was kann ich glauben" geht es darum, ob in der Bibel tatsächlich heilige Worte stehen.

Bach-Biografie, Backen mit Kindern, Buddenbrooks, Bildband Bayern ... Wer sein Bücherregal alphabetisch geordnet hat, stößt bald auf jenes Buch, das fast alle besitzen und kaum einer je durchgelesen hat: Die Bibel. Die "Heilige Schrift", wie es in kalligraphisch kunstvollen Lettern auf dem Deckblatt heißt. Ein dickes "Altes" und ein dünneres "Neues Testament". Insgesamt 66 Bücher und Briefe mit seltsamen Autoren- und Adressaten-Namen: von "Jeremia" über "Hesekiel" bis "Haggai".

Mindestens 1.300 Jahre - vor Christus wohlgemerkt - dauerte der Entstehungsprozess, bis aus den mündlichen Erzählungen hebräischer Nomadensippen, aus liturgischen Texten des Tempels in Jerusalem und aus der Exil-Literatur des antiken Judentums jene Textsammlung entstanden war, die zu Beginn unserer Zeitrechnung als griechisch übersetztes "Altes Testament" vorlag. Dann aber passiert etwas Ungewöhnliches :

Ihr könnt sicher sein, liebe Brüder: Das Evangelium, wie ich es Euch gelehrt habe, ist nicht das Ergebnis menschlicher Überlegungen. Auch hat es mir niemand überliefert, kein Mensch hat es mich gelehrt. Jesus Christus selbst ist mir erschienen und hat mir sein Evangelium offenbart.

Das schreibt Ende der 50er Jahre des ersten Jahrhunderts ein Mann namens Paulus an die Christen in Galatien. Er ist jüdischer Schriftgelehrter, das heißt die Geschichtsbücher, die Profetentexte und die Weisheitsliteratur der hebräischen Bibelsind ihm "heilig". "Heilig" im Sinne von "göttlich inspiriert und normgebend autoritativ". Jetzt aber, seit seiner sprichwörtlichen Bekehrung "vom Saulus zum Paulus", beansprucht er dieselbe Autorität für seine eigenen Briefe und Predigten! Warum? Weil ihm die Texte "offenbart" worden seien. Wie? Das sagt er nicht. Schreibt aber frohgemut allerlei alltäglichen Kleinkram in seine Briefe:

Lieber Timotheus, den Mantel, den ich in Troas bei Karpus zurückgelassen habe, bringe bitte mit, wenn Du kommst. Ebenso die Bücher und die Pergamentrollen. Ich wäre froh, wenn Du noch vor Beginn des Winters hier sein könntest.

Wenn viele biblische Bücher und Briefe klipp und klar sagen, von wem und wann aus welchem Anlass sie geschrieben wurden und an wen sie sich richten; wenn man erst 367 n. Chr. endgültig festlegte, welche Texte in die Bibel reinkamen und welche nicht; wenn die Bibel also nicht vom Himmel gefallen, sondern bestenfalls Gottes-Wort-in-Menschenmund ist – warum nennen Christen sie dann trotzdem "Heilige Schrift" und richten sich nach ihr?

"Die Bibel ist zunächst 'Heilige Schrift', weil sie vom heiligen Gott erzählt und von der Inkarnation Gottes, das heißt der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Das heißt, ihr Thema und ihr Inhalt ist das heilige Wirken Gottes."

Professor Dr. Peter Bubmann vom Institut für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Erlangen macht die religiöse Autorität der Bibel an ihren Aussagen fest, nicht an ihrem Entstehungsprozess.

"Dann war es allerdings tatsächlich so über einen Großteil der Kirchengeschichte, dass es immer wieder Gruppen gab, die dachten, die Schriften des Neuen wie auch des Alten Testaments seien 'verbalinspiriert'. Also direkt, vielleicht durch einen Engel eingeflößt, wie man das auf manchen bildlichen Darstellungen ja auch sehen kann. Der Vorteil dieser Interpretation liegt darin, dass man dann ganz sicher sein kann, dass man es mit dem Wort Gottes zu tun hat. Der Nachteil besteht darin, dass man dann die Differenzen und auch die Widersprüche, die sich zwischen einzelnen biblischen Schriften ja doch auch auftun, nicht mehr erklären kann."

Wie in allen Gemeinden sollen die Frauen in den Gemeindeversammlungen schweigen, denn es wird ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wollen Sie aber etwas lernen, sollen sie daheim ihre Männer fragen.

Jahrtausendelang hielten es fromme Männer für "biblisch geboten", Frauen von höherer Schulbildung, Führungspositionen im Beruf oder dem Predigtdienst in der Gemeinde fern zu halten. Sklaverei, Mord an Ungläubigen, Ehebrechern oder Homosexuellen – alles ist zu finden in den Texten. Haben da nicht jene Radikal-Atheisten recht, die die Bibel auf den Index jugendgefährdender Schriften verwünschen ? Professor Peter Bubmann dazu:

"Also das Recht dieser kritischen Einwände besteht darin, dass, wenn man ganz ohne Vorwissen, ohne Kenntnis, ohne Anleitung an die Bibel geht, man tatsächlich auch irregeleitet werden kann. Da sind menschliche Irrtümer drin, das ist zeitgebunden und das müssen wir heute keineswegs alles so nachsprechen. Es gibt in der Bibel bereits eine Entwicklungsgeschichte der Gotteserfahrung und auch des Gottesdenkens. Und es bildet allmählich sich immer klarer die Überzeugung heraus, dass Gott kein strafender Gott ist, dass Gott nicht Leben zerstören will, um das Recht wiederherzustellen, sondern dass alle seine Offenbarungen dazu dienen, dass Menschen gut leben können."

Und nach welchen Kriterien unterscheidet ein Christ dann, was archaisch-zeitgebundene Gebote und was auch heute noch gültige Lebensregeln sind ?

"Das hat etwa Martin Luther so getan, dass er sagt: Es gibt ein inhaltliches Zentrum in der Schrift, einen 'Kanon im Kanon', ein inhaltliches Prüfprinzip. Und das ist Jesus selber. Alles, was diese Person uns weitervermittelt, das ist eben der Maßstab dafür, was an der Bibel als Offenbarung Gottes gelten kann und was nicht."

Selig sind die Sanftmütigen, sie werden das Land besitzen.
Selig die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erfahren.
Selig, die nach Gerechtigkeit hungern,. sie sollen satt werden.
Selig die Friedensstifter, sie werden Söhne Gottes heißen.


Es gibt biblische Texte, die nehmen Christen nach wie vor wörtlich und stehen stramm, wenn sie erklingen. Psalm 23, das Vaterunser, die Bergpredigt Jesu, das Hohelied der Liebe, die Zehn Gebote zum Beispiel. Warum sprechen Professor Bubmann und Millionen Christen auf der Welt solche Texte auch heute noch als "heiliges Wort Gottes" nach?

"Wir tun dies, weil sie sich im Leben von Generationen als hilfreich erwiesen haben, um ein christliches Leben gut führen zu können. Den Nächsten nicht umbringen zu dürfen, nicht ehebrechen zu dürfen, das sind Grundregeln gelingender Lebensführung, Weisheitsregeln, die eigentlich allen vernünftigen Menschen einleuchten, weshalb sie ja heute durchaus auch über die Grenzen des Christentums und des Judentums hinaus Respekt finden."

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