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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 06.11.2014

ISS, Mondbasis, MarsflugSinn und Unsinn der bemannten Raumfahrt

Von Dirk Lorenzen

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst winkt kurz vor seinem Abflug lachend in die Kamera.
Der deutsche Astronaut Alexander Gerst

Angesichts der immensen Kosten für die Raumfahrt stellt sich die Frage: Ist es wirklich nötig, dass Menschen im All tätig sind - oder könnten Roboter diese Aufgaben besser und preiswerter durchführen?

"Alles Gute, Alex!" [russische Rufe]

Der Weltraumbahnhof Baikonur in der Nacht zum 29. Mai dieses Jahres, sinnigerweise dem Himmelfahrtstag. Alexander Gerst und zwei Kollegen klettern in ihre Soyuz-Rakete – direkt an der Startrampe euphorisch verabschiedet von Jan Wörner, dem Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt.

"Alles Gute, Alex!" − Gerst: "Auf Wiedersehen!"

Der deutsche Astronaut dreht sich noch einmal um, winkt und verschwindet in der Kapsel.

"Launch command has been issued, boosters are beginning to fire, we have preliminary booster ignition..."

Zwei Stunden später zünden die Triebwerke und die Rakete startet zur Internationalen Raumstation.

"Lift-off of Reid Wiseman, Maxim Surajew and Alexander Gerst..."

Der Feuerstrahl taucht die kasachische Steppe von Baikonur für einige Sekunden in gleißendes Licht, bevor er im nachtschwarzen Himmel verschwindet. Nach vier Erdumkreisungen dockt die Soyuz-Kapsel an der Raumstation in 400 Kilometern Höhe an.

"We have contact – and we have capture!

Kapitel 1: Forschung in der Schwerelosigkeit

Seit mehr als fünf Monaten lebt Alexander Gerst auf der Internationalen Raumstation und führt wissenschaftliche Experimente durch. Er verbringt täglich einige Stunden im europäischen Raumlabor Columbus. Schon eine Woche nach dem Start berichtete der Astronaut begeistert von der Arbeit im Forschungsmodul der ISS:

"Weitere Experimente, die wir jetzt im Columbus-Labor haben, ist eines zum Pflanzenwachstum. Da geht es darum, dass wir Nutzpflanzen züchten, die robuster sind, die in Zeiten des Klimawandels auch in trockenen Gegenden gut wachsen. Ich freue mich auf die Experimente am meisten, weil wir doch sehr viel lernen können, wie wir neue Legierungen basteln können, wie wir Krankheiten auf der Erde bekämpfen können. Für all das finden wir Stück für Stück Antworten hier. Es ist wirklich toll, hier zu arbeiten."

Bei den Experimenten im All geht es unter anderem um Materialwissenschaften, Physik, Medizin und Biologie. Alexander Gerst wohnt und arbeitet gemeinsam mit drei russischen und zwei amerikanischen Kollegen in den Modulen der ISS. Doch dort oben kreist keineswegs eine sechsköpfige Forschergruppe. Denn die Hälfte der Besatzung ist stets damit beschäftigt, den fußballfeldgroßen Komplex in Schuss zu halten. Auch Sicherheitsübungen und sportliche Aktivitäten gegen Muskelabbau und Knochenschwund in der Schwerelosigkeit stehen täglich auf dem Plan. Da wird die Forschung zeitlich zur Nebensache – der Astronaut mahnt jedoch, daraus nicht die falschen Schlüsse zu ziehen:

"Man hat auf der Raumstation ungefähr 35 Stunden pro Woche, die die gesamte Crew für Wissenschaft verwendet. Das ist bei weitem nicht die Zeit, die man für Wissenschaft hat, weil die meisten Versuche finden komplett ohne unser Zutun statt die meiste Zeit. Wir müssen sie nur manchmal etwas reparieren, einbauen, neu starten, etwas umbauen etc. Das braucht dann je nach Versuch gar nicht viel Zeit."

Alexander Gerst hat während seiner fünfeinhalb Monate auf der Raumstation mit mehr als 100 Experimenten zu tun. Dabei geht es sowohl um grundlegende Forschung wie um ganz praktische Anwendungen – so untersucht der Astronaut in der Schwerelosigkeit die Eigenschaften neuer Werkstoffe.

Doch Wolfgang Hillebrandt fällt über die Wissenschaft auf der Raumstation ein vernichtendes Urteil:

"Also das, was da vorgeschoben wird an Grundlagenforschung, ist für mich ein Feigenblatt."

Der renommierte Forscher und Wissenschaftsmanager vom Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching ist einer der profiliertesten Kritiker der bemannten Raumfahrt in Deutschland:

"Das ist dann immer die Frage, ob die Experimente, die man dort tut, den hohen finanziellen Einsatz, der dafür nötig ist, auch rechtfertigen. Da müsste man halt mal sagen: Gesetzt den Fall, ich möchte irgendwelche speziellen Kristallformen züchten in der Schwerelosigkeit. Würde ich das auch auf der Erde machen und dafür eine Milliarde ausgeben? Wahrscheinlich nicht."

Bei vielen Experimenten auf der Raumstation steht der Mensch im Mittelpunkt: Es geht um grundlegende medizinische Fragestellungen. Jan Wörner, Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, ist überzeugt, dass sich die Raumstation allein wegen dieser Projekte lohnt:

"Wenn wir Salzhaushalt und Blutdruckregulation verstehen wollen, wenn wir verstehen wollen, was passiert bei Osteoporose oder wie funktioniert das Immunsystem, dann ist Schwerelosigkeit offenbar ein ganz spannender Parameter. Weil alle diese Funktionen sich dann plötzlich verändern. Menschen in der Schwerelosigkeit sind unmittelbar Versuchsobjekte für die medizinische Forschung."

Anders als bei Shuttle-Missionen, die maximal zwei Wochen gedauert haben, bleiben die Menschen auf der Internationalen Raumstation sechs Monate im All. Ab März werden manche Astronauten sogar ein volles Jahr in der Umlaufbahn bleiben. Der Südtiroler Klaus Heiss hatte einst gemeinsam mit Wernher von Braun für die NASA gearbeitet und später Pläne für künftige Missionen entwickelt. Als er vor vier Jahren gestorben ist, hatte die Raumstation nach 15 Jahren Bauzeit gerade den Routinebetrieb aufgenommen – den Außenposten in der Umlaufbahn hat Klaus Heiss mit sehr kritischen Augen betrachtet:

"Entweder brauche ich eine Weltraumstation, um zum Mond zu kommen oder um diese großen Satelliten zusammenzustellen. Eine Weltraumstation ist nicht Selbstzweck. Das ist die große Tragödie."

Kein überzeugendes Ziel, etwas beliebige Forschungsaufgaben und mehr als 100 Milliarden Dollar teuer: Bei diesem Projekt ist für Klaus Heiss sehr viel schief gelaufen. Doch bei aller Kritik hielt er die Langzeitaufenthalte auf der ISS für unverzichtbar:

"Was kann der menschliche Körper aushalten? Was sind die Probleme? Es gibt arge Probleme, vor allem psychologische Probleme. Es gibt da einige Zwischenfälle, auch im Shuttle-Programm, wo sie einfach durchdrehen, sowohl die Russen als auch die Amerikaner. Es ist wichtig, um den Körper selber zu verstehen, aber auch um zu beantworten, kann überhaupt ein menschlicher Körper über lange Zeit über den Mond hinaus andere Destinationen erreichen im Sonnensystem? Die Antwort heute ist nein. Und das verneint die NASA und das verneinen die Weltraumenthusiasten. Ich brauche die Antworten, bevor ich sage, jetzt gehe ich über den Mond hinaus zu Mars oder wo auch immer."

Eine fast kuriose Entwicklung: Bis vor wenigen Jahren lautete der NASA-Slogan zur Raumstation "It's about Life on Earth" – es geht um das Leben auf der Erde. Jetzt geht es um das Leben auf dem Mond, auf dem Mars, irgendwo im All. Die Raumstation ist heute eine Art Selbsterfahrungsgruppe, um für lange Reisen durch das All gewappnet zu sein, kritisiert Wolfgang Hillebrandt:

"Das ist ja genau die Situation, dass die meisten Experimente, die auf der ISS laufen eigentlich nur Sinn machen für die bemannte Raumfahrt wieder. Die ist sozusagen self-fulfilling prophecy. Die ist halt für den Zweck gemacht und wird auch für den Zweck genutzt."

Zwar kommen gerade aus Deutschland viele Experimente, die sich an Bord der Raumstation wirklich um Grundlagenforschung für die Erde drehen. Doch Alexander Gerst war schon vor seinem Start klar, dass es bei seiner Mission nicht nur darum geht, in Tiegeln zu rühren und bestimmte Versuchssequenzen zu starten.

Kapitel 2: Für die Erde ins All

Der deutsche Astronaut ist promovierter Geophysiker, spezialisiert auf Vulkane in der Antarktis. Europas Weltraumorganisation ESA hat seine Mission „Blue Dot" genannt, blauer Punkt – eine Wahl ganz in seinem Sinne. Alexander Gerst:

"Unsere Erde ist nichts anderes als ein kleiner blauer Punkt, eine kleine blaue Kugel, die einmal im Jahr mit uns um die Sonne reist – mit uns als Passagier. Wir sind alle Teil dieses Raumschiffs, wir sind so gesehen alle Astronauten. ... Und jetzt ist es eben so, jetzt kümmere ich mich nicht mehr um das Innere der Erde, sondern um das, was darum herum ist. Also für mich ist das ein Schritt nach vorn."

Zwar kreist der Astronaut, der in Künzelsau aufgewachsen ist und in Hamburg studiert hat, jetzt 15 Mal am Tag um die Erde – doch was auch immer er dort oben tut: Es dreht sich um den blauen Punkt, um seinen Heimatplaneten, der Alexander Gerst so vertraut ist:

"Ich denke, eines der wichtigsten Dinge, die wir überhaupt im Weltraum tun können, ist, die Perspektive zurückzubringen, die wir da oben bekommen, weil die wirklich einzigartig ist. ... Wenn man ein kleines Kind ist, denkt man, die Erde ist unendlich, die Ressourcen sind unendlich. Das ändert sich, wenn man diesen Ort von außen sieht. Das haben mir die Kollegen gesagt, die da oben waren. Das ist wirklich nur eine Kugel aus Stein. Wenn man das sieht, erschrickt man erst einmal. Wenn man sieht, wie dünn die Atmosphäre ist, erschrickt man. Und man sieht, wie verletzlich sie ist."

Tatsächlich kehren viele Astronauten nach einer Reise in den Weltraum verändert zurück – von außen sehen sie unsere Erde buchstäblich mit anderen Augen. Dieser Aspekt der bemannten Raumfahrt beeindruckt auch den Theologen Stefan Atze. Er lehrt Wissenschafts- und Technikethik an der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität.

"Eine gesamte neue Perspektive auf die Erde zu gewinnen, ist mit Sicherheit gut. Die Apollo-Mission hat auch gezeigt, dass der Blick aus dem Weltraum oder vom Mond auf die Erde auch den Menschen eine andre Perspektive offenbart. Und dass es unter anderem dieses Sinnbild, das damit verbunden ist, der aufgehenden Erde vielleicht oder der blaue Planet in der Weite des Weltraums, der dazu beigetragen hat, zum Beispiel die Umweltschutzdebatte voranzutragen."

Weihnachten 1968 hat das Raumschiff Apollo 8 den Mond umkreist. Die drei Astronauten an Bord waren die ersten Menschen, die die Erde als blaue Kugel in den schwarzen Weiten des Weltalls gesehen haben – der Anblick der aufgehenden Erde über dem Mondhorizont hat sie ebenso überrascht wie völlig überwältigt.

[Gespräch der Besatzung von Apollo 8]:

"Oh, my God! Look at that picture over there! Here's the Earth coming up. – Wow, is that pretty!" („Mein Gott, seht euch das an. Da kommt die Erde hoch! – Wow, ist das schön!")

"Hey, don't take that, it's not scheduled." „[Laughter] You got a color film, Jim? – Oh man, that's great! – Take several of them! Here, give it to me. [Lachen] ("Leute, kein Foto machen. Das steht nicht auf dem Plan. – Hast Du nen Farbfilm?")

– Let's get the right setting, here now; just calm down. Calm down, Lovell. Well, I got it right - Oh, that's a beautiful shot." (– "Bleibt ruhig, Leute. Wir brauchen den richtigen Moment." – "Was für ein schönes Bild!")

Ihre Aufnahme "Earthrise", "Erdaufgang", ist längst eine Ikone der Raumfahrt geworden. Sie hat vielen Menschen schlagartig klar gemacht, wie schön, aber zugleich auch verwundbar unser Planet ist – und wie einzigartig, denn die staubige Mondlandschaft im Vordergrund ist vollkommen lebensfeindlich. Die Astronauten von Apollo 8 waren losgereist, den Mond zu erforschen – und sie haben die Erde entdeckt.

Kapitel 3: Menschen statt Roboter

Dieses Foto ist ein vermeintlich banales Beispiel dafür, dass die Anwesenheit des Menschen einen großen Unterschied machen kann. Nur Menschen reagieren spontan auf plötzliche Ergebnisse – keine der Mondsonden, die es schon vor Apollo 8 gegeben hat, hat den Erdaufgang so eindrucksvoll aufgenommen. Dennoch meint der kritische Astrophysiker Wolfgang Hillebrandt, dass Menschen für die meisten Missionen nicht gebraucht würden:

"Im Endeffekt kann man eigentlich fast alles robotisch machen. Ich glaube, es gibt nur ganz ganz wenig, wofür man den Menschen wirklich vor Ort braucht. Die Entwicklung in der Mikrotechnologie ist so rasant. Ich bin der Meinung, Proben kann man nehmen, analysieren, kann man vor Ort machen von Maschinen. Ich kann mir kaum etwas vorstellen, das die Anwesenheit des Menschen erfordert."

[Funkverkehr der Astronauten des Space Shuttle bei der Reparaturmission des Hubble-Weltraumteleskops 1993]

Doch ein sehr überzeugendes Beispiel betrifft ausgerechnet die Astrophysik, in der Wolfgang Hillebrandt zuhause ist. 1993 haben die Astronauten der Raumfähre Endeavour das Hubble-Teleskop in der Umlaufbahn besucht und seine fehlerhafte Optik repariert. Dass das Weltraumteleskop nun schon seit fast einem Vierteljahrhundert spektakuläre Einblicke ins Weltall gewährt, verdankt es allein den insgesamt fünf Wartungsmissionen, räumt der Wissenschaftler schließlich auch ein:

"Ich gebe es zu, im Prinzip ja: Das Hubble Space Telescope gäbe es dann nicht mehr. Da haben Sie recht."

Roboter können zwar die Erde umrunden, Wetterbilder aufnehmen, unseren Planeten umfassend beobachten, die Eismassen an den Polen überwachen und Spurengase in der Atmosphäre messen. Da funktioniert unbemannte Raumfahrt exzellent – doch nur Menschen können ihre Erfahrung nutzen und in schwierigen Situationen angemessen reagieren. Wie nah bei der robotischen Raumfahrt Triumph und Tragödie beieinander liegen, zeigt unser Nachbarplanet Mars. In den siebziger Jahren haben die automatischen Viking-Sonden dort vergeblich nach Leben und Wasser gegraben. Mittlerweile ist klar, dass sie nur ein bis zwei Zentimeter tiefer hätten vordringen müssen, um eine Schicht mit viel Wassereis zu erreichen, erläutert Alexander Gerst:

"Dass sich da wahrscheinlich auch schon die Bodengegebenheit verändert hat, hat der Bagger nicht verstanden, weil ihm das nicht programmiert wurde. Als Mensch geht man anders heran an so eine Sache. Da gräbt man irgendwo und man denkt, hoppla, die Farbe ändert sich, das fühlt sich anders an. Das hat man auf dem Mond gesehen. Da haben die Astronauten das auch so gemacht: Die haben sich die Steine ausgesucht, die plötzlich anders aussehen als die anderen. Die haben sich gedacht, da ist etwas komisch, das sehe ich mir genauer an. So eine Intuition legen Roboter einfach noch nicht an den Tag."

Viele Biologen bezweifeln, dass man jemals mit Automaten Leben auf dem Mars entdecken wird. Zwar gibt es höchst wahrscheinlich einige Meter unter der Marsoberfläche noch immer Mikroben – doch um die absolut zweifelsfrei zu identifizieren, dürfte es nötig sein, Wissenschaftler vor Ort arbeiten zu lassen. Roboter werden das nicht leisten – jedenfalls nicht in absehbarer Zeit.

Kapitel 4: Weltfrieden nur im Weltall

Ob die Forschung in den Modulen nun den hohen finanziellen Aufwand rechtfertigt oder nicht. Die politische Bedeutung der Internationalen Raumstation lasse sich kaum hoch genug einschätzen, betont Jan Wörner:

"Als in den 60er-Jahren der Film Raumpatrouille Orion über die deutschen Fernseher flimmert, war das, wenn man genau hinguckt, eine Vision der internationalen Zusammenarbeit, die damals undenkbar war. Also sowjetische Kosmonauten an Bord, Italiener, Deutsche, Amerikaner, Japaner – alles war vertreten. Man sprach davon, es gäbe gar keine Nationen mehr, sondern nur eben diesen Zusammenhalt der Menschheit. Und heute auf der ISS ist es tatsächlich so, dass wir Amerikaner, Russen, Japaner, Kanadier und alle Europäer, die in der ESA zusammengefasst sind, wirklich dort in perfekter Zusammenarbeit beobachten können, ohne dass es Schwierigkeiten mit irgendwelchen Pässen gibt. Und auch während Zeiten von durchaus kritischen Situationen auf der Erde funktioniert die Zusammenarbeit in der Raumfahrt, speziell auf der ISS, perfekt."

Alexander Gerst befindet sich derzeit gemeinsam mit drei Russen und zwei Amerikanern in der Umlaufbahn. Ende des Monats nimmt eine Italienerin seinen Platz im All ein. Die Besatzungen der ISS wurden Ende Oktober mit dem westfälischen Friedenspreis ausgezeichnet – die Völkerverständigung im All steht nun auf einer Stufe mit Vaclav Havel und Kofi Annan. Die Raumstation ist tatsächlich eine sehr internationale, was auch den US-Raumfahrtexperten Klaus Heiss stets begeistert hat:

"Das Positive an der Weltraumstation ist, dass es ein Managementteam heute gibt, das es erlaubt, dass die USA und Europa und Russland und Japan zusammenarbeiten. Sie glauben, das ist einfach – aber das ist nicht einfach. Das sind verschiedene Sprachen, verschiedene Kulturen. Das Ganze zusammenzubringen, das ist ein unheimlich großer Wert. Das ist auf technischem Gebiet, im Managementgebiet, auch im politischen Gebiet. Das darf nicht verloren gehen. ... Ich sage: Bitte gemeinsam jetzt eine Mondstation machen, je schneller desto besser."

Kapitel 5: Mond, Mars, Menschheit

In der Nacht zum 21. Juli 1969 blicken etwa 500 Millionen Menschen gebannt auf das flimmernde Fernsehbild in schwarz-weiß.

Atmo 5, [Funkverkehr Apollo 11]:

"Houston, Trainquility Base here – the eagle has landed..."

Etwas unscharf lässt sich erkennen, wie eine Person in klobiger weißer Montur ungelenk eine kleine Leiter hinunter klettert. Dann der Moment, an dem alle den Atem anhalten.

[Funkverkehr Apollo 11]: "It's one small step for man  --  a giant leap for mankind."

Neil Armstrongs Worte sind Legende. Als er als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte, war das ein kleiner Schritt für ihn, aber ein Riesensprung für die Menschheit. Doch das Apollo-Projekt zeigte auch die Kehrseite der bemannten Raumfahrt. Neil Armstrong hätte genauso gut sagen können, dass es ein kleiner Schritt für die Wissenschaft war, aber ein Riesensprung für das politische Prestige. Nachdem die USA den Wettlauf zum Mond im Kalten Krieg gewonnen hatten, lief das Apollo-Programm sang- und klanglos aus. Seit 42 Jahren hat kein Mensch mehr den Mond betreten – doch das könnte sich in absehbarer Zeit ändern, hofft Jan Wörner:

"Der Mond ist da. Und der Mensch wird es sich nicht nehmen lassen, seinen Fuß erneut auf den Mond zu setzen, insbesondere dann, wenn er mit größeren Projekten wieder in den Weltraum will. Dann ist der Mond ein ideales Sprungbrett, nicht in dem Sinne, ich fliege zum Mond und dann weiter, sondern ich fliege zum Mond, um Dinge zu verstehen. Der Mond ist noch lange nicht ausgeforscht. Da gibt es noch ganz spannende Dinge zu entdecken, zum Beispiel an den Polen des Mondes die Frage von Wasser und Eis. ... Der Mensch wird, da bin ich ganz sicher, zum Mond zurückkehren."

Zwar ist der Mond im Wortsinne ein nahe liegendes Ziel. Dennoch erwägt derzeit nur China Flüge mit Menschen zu unserem Trabanten – natürlich erneut aus Prestigegründen, um im All endgültig mit den Amerikanern auf Augenhöhe zu sein. Die USA lassen den Mond dagegen erst einmal links liegen. Bei einer Grundsatzrede im Jahre 2010 zur Raumfahrtpolitik, ausgerechnet in einer Montagehalle am Kennedy Space Center, wischte US-Präsident Barack Obama die Mondpläne seines Vorgängers vom Tisch. Auf dem Mond sei man schließlich schon gewesen, erklärte er lapidar. Dann gab er der NASA wirklich neue Ziele vor:

"Wir beginnen damit, Astronauten zum ersten Mal in der Geschichte zu einem Asteroiden zu schicken. In etwa 20 Jahren sollten wir so weit sein, dass Menschen zum Mars fliegen, ihn umkreisen und sicher zurückkehren. Ich erwarte, dass ich auch noch eine Landung auf dem Mars miterleben werde."

Da muss der US-Präsident womöglich mehr als ein biblisches Alter erreichen. Derzeit gibt es weder Raketen noch Raumschiffe, die Menschen zum Mars und wieder zurück bringen könnten. Die Reise quer durch das Sonnensystem birgt enorme Gefahren – und würde mindestens zwei Jahre dauern. Daher will ein niederländisches Medienunternehmen nach dem Jahr 2020 Menschen auf eine Einwegreise zum Mars schicken. Die Teilnehmer sollen dort eine erste Kolonie errichten, was die Firma als Big-Brother-Format vermarkten will. Nicht nur Wissenschaftler, auch der Theologe Stefan Atze können darüber nur den Kopf schütteln:

"Aus wissenschaftsethischer Sicht halte ich solche Einweg-Missionen für höchst fragwürdig. Forschung sollte aus meiner Sicht immer einen Fortschritt für die Menschheit darstellen oder einen Nutzen für die Menschheit ..., aber Kamikaze-Aktionen, die eher dem Abenteuer-Charakter dienen oder faktisch einfach der Kosteneinsparung halte ich für höchst fragwürdig und würde sie ablehnen."

Gleiches gilt wohl für das Projekt eines Milliardärs, der Passagiere mit einem Raketenflugzeug in gut hundert Kilometer Höhe bringen will. Für wenige Minuten soll die kräftig zahlende Kundschaft Schwerelosigkeit erleben und in das schwarze Weltall blicken. Doch so ein Hüpfer in die Hochatmosphäre hat mit bemannter Raumfahrt nichts zu tun, sondern ist vor allem sehr riskant: Beim Testflug in der vergangenen Woche kam es zu einem tödlichen Unglück. Die physikalischen Gesetze, die es so schwer machen, der Anziehungskraft der Erde zu entkommen, lassen sich auch von einem egozentrischen Unternehmer nicht einfach weg kaufen.

Doch irgendwann wird der Mensch alle Hürden überwinden. Die Reise zum Mars wird kommen – und zwar nicht erst, wenn in Hunderten Millionen Jahren die immer heißer werdende Sonne Leben auf der Erde unmöglich macht, betont Jan Wörner.

"Ich glaube, dass der Mensch viel früher den Weg zu anderen Planeten gehen wird, einfach auch – und das sollte man nicht unterstützen – weil er extrem neugierig ist. Bei Kindern freuen wir uns über Neugier und unterschätzen das sogar. Bei erwachsenen Leuten sagen dann die einen oder anderen abfällig, na ja, er ist halt Forscher und Forscherin. Ich glaube, dass unsere Gesellschaft diesen kulturellen Wert von Neugier auch bewahren sollte."

Technische und finanzielle Gründe zwingen zumindest in dieser Epoche die Raumfahrtnationen, eine Reise weit in den Weltraum als globales Projekt zu starten. Im Moment kann sich kein Land allein eine Mission leisten, die Menschen zum Mars bringt.

Kapitel 6: Neugier und Abenteuer

Die bemannte Raumfahrt steckt derzeit allerdings in der Forschungsfalle, in die sich die Raumfahrtverantwortlichen bei der Planung der ISS in den 80er- und 90er-Jahren manövriert haben. Damals hat die Politik den himmlischen Außenposten stets mit der Wissenschaft an Bord gerechtfertigt, bedauert Jean-Jacques Dordain, Chef der Europäischen Weltraumorganisation ESA:

"No, no! Manned space flight is not only for microgravity. I think we can do microgravity experiments without manned space flight."

Nein, betont er, die bemannte Raumfahrt werde eben nicht nur für Experimente in der Schwerelosigkeit betrieben. Diese Forschung könne man auch ohne Menschen im All durchführen:

"Bemannte Raumfahrt geht viel weiter – ich würde sogar sagen, da gibt es viele Aspekte jenseits des Weltraums. Für mich gehört bemannte Raumfahrt viel mehr zur Geschichte der Menschheit als zur Geschichte des Weltraums. Die Menschheit hat schon immer versucht, dorthin zu gelangen, wohin sie mit ihrer Technologie gehen konnte. Als man reiten konnte, hat man Kontinente durchquert. Als man Schiffe bauen konnte, hat man Ozeane überquert. Als man fliegen konnte, ist man geflogen. Jetzt dringen wir eben in den Weltraum vor. Bemannte Raumfahrt hat mit viel mehr zu tun als nur mit dem Weltraum."

Doch in der ISS, die Tag für Tag mehr als 15mal die Erde umkreist, sind die Astronauten gefangen wie in einem Hamsterrad. Zudem trägt die Besatzung selbst zur Trivialisierung der Raumfahrt bei – denn manchmal hat man den Eindruck eine Twittermeldung oder ein Facebook-Posting seien wichtiger als die Arbeit in der Station. Oder, wenn der kanadische Astronaut Chris Hadfield – in perfekter Inszenierung mit Gitarre durch die Module schwebend – den David-Bowie-Hit "Space Oddity" trällert.

Die Astronauten sollten nicht auf einer kosmischen Odyssee sein, sondern dem ewigen Ansporn folgen, stets hinter den nächsten Horizont blicken zu wollen, fordert Stefan Atze. Grenzen würden dauerhaft kaum akzeptiert, sofern es irgendwie technisch möglich sei, sie zu überwinden:

"Das liegt sicherlich im Menschen. Das hat in erster Linie bestimmt nichts mit Forschung zu tun, sondern auch mit einer Form von Abenteuerlust. So ein Forscher-Eros hat schon sehr viel damit zu tun, sich Fragen zu stellen und einfach auch eine bestimmte Form von Neugier zu haben."

Selbst Kritiker der bemannten Raumfahrt wie Wolfgang Hillebrandt, ein glühender Science-Fiction-Fan, sind von den Reisen in die Unendlichkeit begeistert – allerdings fordert er, dass die Verantwortlichen endlich mit offenen Karten spielen und nicht mehr die Forschung dort oben als Feigenblatt missbrauchen.

"Ich meine, es ist klar, man ist immer fasziniert, jemanden da oben in der Schwerelosigkeit zu sehen. Man muss dann halt sagen, vielleicht ist es so was ähnliches wie Kultur. Der Mensch muss so etwas machen, der soll so etwas machen. Dann soll man das den Menschen und den Steuerzahlern auch so erklären. Wenn sie dann bereit sind, so viel Geld auszugeben oder mehr für Opernhäuser und Museen und dergleichen, warum nicht, ist ja in Ordnung."

Der Drang des Menschen auf zu neuen Horizonten wird sich auch im Weltall durchsetzen, auch wenn derzeit die finanziellen Ressourcen keine großen Sprünge zulassen. Irgendwann brechen die nächsten Abenteurer auf in unbekannte Welten. Für DLR-Chef Jan Wörner treten die Astronauten von morgen dann in die Fußstapfen der legendären Entdeckungsreisenden:

"Es sind Columbus, Marco Polo, Amerigo Vespucci alles zusammen, die neue Welten erkunden. Und auf diesem Weg zu neuen Welten permanent aber auch Produkte mit fördern, die auf der Erde wieder hilfreich sind."

Einer, der sofort zu solchen Reisen aufbrechen würde, ist Alexander Gerst. Seine Mission trägt den Namen Blue Dot, Blauer Punkt. Doch aus einer Höhe von 400 Kilometern ist die Erde kein Punkt, sondern eine blaue Scheibe. Erst bei Flügen über den Mond hinaus, etwa zum Mars, erscheint unser Planet wirklich als blauer Punkt im schwarzen Weltall. Einen Erdaufgang über dem Mars würde Alexander Gerst nach dem halben Jahr auf der Raumstation gerne bei seiner nächsten Reise erleben:

"Selbstverständlich. Ich denke, die Frage brauchen Sie keinem Astronauten zu stellen. Wenn es die Möglichkeit gibt, noch weiter weg zu fliegen und wieder zurückzukehren, das ist ja immer der wichtigste Teil einer solchen Entdeckungsreise, dann würde ich das natürlich sehr gerne machen."

 

Mehr zum Thema:

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