Israels Gewissen

Von Fredy Gareis |
Arik Ascherman wurde beschimpft, verprügelt und vor Gericht gestellt. Er ist Rabbiner in Israel und Generalsekretär der Nichtregierungsorganisation "Rabbis for Human Rights". Insofern steht er für eine liberale, unvierselle Auslegung der Thora.
Es ist Freitag morgen und der Bus ist unterwegs von Jerusalem ins palästinensische Westjordanland. An Bord ist Arik Aschermann, Generalsekretär der Rabbiner für Menschenrechte und eine Gruppe von Rabbinerstudenten.

Sie fahren in den Norden, um den Palästinensern bei der Olivenernte zu helfen. Jeden Tag sind die Rabbiner zur Zeit draußen, denn es gibt immer wieder Krach zwischen den Palästinensern und den jüdischen Siedlern. In diesen heiklen Situation springen die Rabbiner ein und stellen sich als menschliche Schilde zwischen die Fronten.

Auf dem Weg erklärt Arik Aschermann den Studenten die Lage vor Ort und erzählt eine Anekdote, als er Siedler dabei erwischte, wie sie Oliven stehlen wollten:

"Sie trugen Kippa, ich trug Kippa und auf einmal führten wir diese theologische Debatte darüber, mitten im Olivenhain, was die Thora denn zu den Eigentumsrechten von Nicht-Juden im Staate Israel zu sagen hat."

Es sind solche Situationen, in denen sich der groß-gewachsene, hagere Rabbiner immer wieder findet. Der 50-Jährige ist die Gallionsfigur der 1988 gegründeten "Rabbis for Human Rights". Es ist die einzige Rabbiner-Organisation in Israel, die sich aus Anhängern aller Richtungen des Judentums zusammensetzt. Ihr Ziel ist ein Staat Israel, der die Menschenrechte universell anwendet, unabhängig von Glauben, Nationalität und Geschlecht.

Damit hat sich Ascherman nicht nur nur Freunde gemacht. Er wurde beschimpft, verprügelt und vor Gericht gestellt:

"Es gibt einen großen Hass auf Menschenrechtsorganisationen, die es früher nicht gab. Und die religiöse Gemeinschaft ist immer mehr zu einer gefährlichen Mischung aus extremem Nationalismus und extremer Voreingenommenheit erzogen worden."

An einer kleinen Straße in der Nähe von Nablus stoppt der Bus schließlich und die Gruppe steigt aus.

Oben auf dem Hügel eine jüdische Siedlung. Unten, die Olivenhaine der Palästinenser. Die Gruppe marschiert feldeinwärts.

Unter ihnen auch Barry Leff, aus dem Vorstand der Organisation:

"Wir müssen einen Weg finden, um mit den Palästinensern auf diesem kleinen und umkämpften Stück Land zu leben. Und deswegen ist es sehr wichtig, dass wir Brücken bauen zu jenen Palästinensern, die friedlich mit uns leben wollen. Wir wollen ihnen zeigen, dass nicht alle Israelis waffentragende Soldaten sind."

Als der Muezzin aus dem nahe gelegenen Dorf zum Gebet ruft, setzen sich auch die Rabbinerstudenten hin und beginnen ein Gebet zu singen.

Dann ist es Zeit, Hand anzulegen. Durch die Konflikte mit den Siedlern und den Restriktionen der israelischen Armee, bleibt für die Ernte oft nicht so viel Zeit wie nötig.

Arik Aschermann: "Denkt dran, dass das hier kein Picknik ist. Bleibt immer in Gruppen. Ok, ab zum Olivenhain."

Während die Studenten den Palästinensern zur Hand gehen, die Oliven Frucht für Frucht von den Bäumen ziehen, bahnt sich Ärger an: Auf dem Hügel taucht ein israelischer Militärjeep auf, kaum zu erkennen zwischen den Hainen, wäre da nicht die lange Antenne.

Mit einem Ordner in der Hand läuft Ascherman zu den Soldaten. Ascherman zeigt auf seine Karten, auf denen verzeichnet ist, wo gepflückt werden darf, und wo nicht, aber die drei jungen Soldaten zeigen sich unbeeindruckt.

Arik Aschermann: "Ich wollte, dass sie mir die Karten zeigen, die besagen dass es illegal ist, hier zu arbeiten. Aber sie haben nur gesagt: Wir brauchen keinen Karten, wir sind hier das Gesetz."

Sichtlich verärgert geht Ascherman zurück zu der Gruppe und erklärt die Lage. Die Armee hat seine Pläne durchkreuzt.

Arik Aschermann: "Lasst uns nicht vergessen, dass wir hier in einer Demokratie sind, aber es war sehr schmerzhaft, als ich mir eingestehen musste, dass die Armee meines Volkes nicht besser als andere ist. Ich dachte immer, dass unsere Armee moralischer handelt – aber das kann ich einfach nicht mehr sagen."
Oft gewinnen die Rabbiner das Katz und Maus Spiel mit Armee und Siedlern – nicht aber heute – sie müssen den Olivenhain verlassen. Eines ist dennoch klar: Wären alle Rabbiner wie Arik Aschermann, der Frieden im Nahen Osten wäre viel näher.