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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 30.11.2014

IslandReiter-Abenteuer im unbewohnten Hochland

Der Abtrieb aus dem isländischen Hochland fordert Pferd und Reiter

Von Vanja Budde

Der Herbstabtrieb der Schafe stellt an die Fitness der Reiter hohe Anforderungen. (picture alliance / dpa / Steffen Trumpf)
Der Herbstabtrieb der Schafe stellt an die Fitness der Reiter hohe Anforderungen. (picture alliance / dpa / Steffen Trumpf)

Jeden Sommer grasen Tausende Schafe auf Island im unbewohnten Hochland. Wenn der Herbst kommt, müssen sich die Schafzüchter und ihre Helfer in den Sattel schwingen: Ohne die perfekten Pferde wäre der Abtrieb der Schafe nicht möglich.

Sigurdur Oddur Ragnarsson beschlägt im Stall auf seiner Farm Oddsstadir im Nordwesten Islands zwei Pferde. Schweißperlen rinnen dem drahtigen Farmer von der Stirn, er ist im Stress: Es ist der Nachmittag vor dem Réttir, dem großen herbstlichen Abtrieb der Schafe aus dem Hochland ins Tal. Und Oddur, der fast 100 Pferde besitzt, hat einem Nachbarn versprochen, ihm Reittiere auszuleihen.

"Dieses Pferd hat sehr schlechte Hufe. Er läuft schon sein ganzes Leben lang ohne Eisen herum. Aber für den Réttir mache ich ihm einen Schutz aus Kunststoff drunter."

Denn in den Bergen wartet eine felsige Einöde voller Lavageröll auf uns. Und ohne das Islandpferd geht beim Réttir nichts: In dem Gebiet im Hochland, in dem wir morgen 3000 Schafe zusammensuchen wollen, gibt es keine Straßen.

"Man könnte zu Fuß gehen, aber es wäre viel mehr Arbeit. Man könnte nicht ein so großes Gebiet absuchen und bräuchte auch viel mehr Leute."

Oddur richtet sich auf, wischt sich über die Stirn und den rötlich-grauen Schnurrbart. Der 61-Jährige sieht mich schockiert an. "Wie, Du hast seit zwei Jahren auf keinem Pferd mehr gesessen?"

Immerhin bin ich früher viel geritten und habe in der Uckermark ein bisschen Tölt geübt: Den berühmten fünften Gang des Islandpferdes, flott und bequem. Anders als Trab und Galopp hat Tölt keine Schwebephase, sondern es ist eine gelaufene Gangart mit derselben Fußfolge wie im Schritt, nur viel schneller. Oddur winkt ab: Reiten auf Island sei mit harmlosen Ausritten in Deutschland nicht zu vergleichen. Er überlegt kurz und verschwindet dann nach draußen, wo in der Dämmerung im Nieselregen ein paar Pferde in einem Auslauf stehen.

"Das ist ein gutes Pferd für Dich"

Oddur kommt mit einem kleinen, zottigen Dunkelbraunen wieder und drückt mir den Führstrick in die Hand. "Das ist ein gutes Pferd für Dich", knurrt er, "es ist schon alt." "Takk fyrir Oddur": "Vielen Dank!" Der Farmer verschwindet ein weiteres Mal im Paddock und kommt mit einem zweiten Pferd wieder, ein kleiner, ebenso zottiger Schimmel. "Der ist auch gut", meint Oddur, "leicht unter Kontrolle zu halten."

Im Hochland braucht man mindestens zwei Pferde, zum Wechseln. Die Strapaze ist für ein Tier zu viel. Zu spät wird mir klar werden, dass ein Reiter zum Einwechseln beim Réttir auch ganz gut gewesen wäre.

"Es ist unser altes System, dass alle zusammen kommen und die Schafe ins Tal treiben. Das Grasland in den Bergen wird von allen gemeinsam genutzt, also machen wir den Abtrieb zusammen. Und nicht nur die Leute, die Schafe da oben haben, auch die Besitzer der Farmen hier in der Gegend ohne Schafe müssen mit helfen, die Tiere der Nachbarn nach Hause zu bringen."

Ein Farmer allein hätte auch gar keine Chance, seine Tiere wieder zu finden: Die Schafe sind im Hochland in alle Himmelsrichtungen verstreut.

Er sei fertig und wir könnten jetzt los, murmelt Oddur in seinen Schnauzbart. Wie losreiten? Morgen doch erst? Nein, jetzt. Wir müssen die Pferde zu einer Hütte in den Bergen reiten.

Doch halt: Erst einmal die Montur anziehen: Im Hochland ist es kalt. Unter die Lederhose eine Wollstrumpfhose, zwei Paar Wollsocken, Winterstiefel, Fleece unter die Daunenjacke, Skimaske unter den Reithelm, Wollhandschuhe mit Lederbesatz, damit die Zügel nicht durchrutschen. Ein Ersatzpaar in die Satteltasche. Zu guter Letzt noch die Regensachen drüber: Eine Jacke in Signal-Orange und eine dunkelgrüne Gummihose. Das Ergebnis ist eine wenig elegante Mischung aus Müllmann und Nordatlantik-Fischer.

Stockfinster - und strömender Regen

Vier kleine Islandpferde verfrachtet Oddur mit Hilfe seiner Bordercollies in einen Anhänger: Meine zwei, "Dreki" und "Snerrir" und zwei für sich. Dann rumpeln wir im Geländewagen über eine lavaschwarze Schotterpiste durch das Tal Lundarreykjadalur zum Treffpunkt mit den Nachbarn.

Acht Isländer haben sich am Straßenrand versammelt, mit 16 Pferden. Und alle gucken neugierig, wen Oddur da mitgebracht hat. Dass es mittlerweile stockfinster ist und in Strömen regnet, scheint außer mir niemand zu bemerken. Auf Island wechselt das Wetter so oft, dass es einfach kein Thema ist. Man zieht sich richtig an und fertig. Nur Touristen reden auf Island übers Wetter.

Wohin nun mit dem Aufnahmegerät? Es geht nicht anders, es muss in eine Plastiktüte gewickelt in die Satteltasche.

Islandpferde stehen vor dem Panorama des Lanjgökull-Gletschers (picture alliance / ZB / Peer Grimm)Islandpferde stehen vor dem Panorama des Lanjgökull-Gletschers: Sie waren jahrhundertelang fast einziges Transportmittel. (picture alliance / ZB / Peer Grimm)

Alle schwingen sich auf ihre Pferdchen, unter den Reitern sind große, kräftige Farmer, die sicher mehr als 100 Kilo auf die Waage bringen. Und los geht es, im schnellen Tölt die Hochstraße entlang, in die Berge. Das Islandpferd ist nicht nur sehr stark, sondern auch ein geborener Fünfgänger: Außer Schritt, Trab und Galopp kann es auch Pass und Tölt gehen. Und "Snerrirs" Tölt ist wunderbar weich. Man sitzt dabei wie auf einem Sofa, fast erschütterungsfrei und kommt trotzdem flott voran.

Ich merke schon auf diesen ersten Metern, wie gut Oddurs Pferde ausgebildet sind: Eine leichte Gewichtsverlagerung genügt, schon wechselt "Snerrir" nach links oder rechts, ein Hauch von Schenkeldruck und er wird schneller, eine sanfte Parade am Zügel und er verlangsamt. Er ist mit seiner Aufmerksamkeit immer ganz bei mir. Und das mitten in einem Pulk von 20 Pferden unter einem fremden Reiter.

Der Schimmel "Dreki" läuft ungesattelt als Handpferd mit, seine Zügel habe ich mir irgendwie zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt. Kein Problem, denn "Dreki" bleibt brav immer mit seiner Nase an meinem rechten Knie. Ich bin begeistert, könnte stundenlang so weiter durch die Nacht tölten.

Pferde dürfen nicht nach Island importiert werden

An einer Berghütte unweit des Sees Reydarvatn satteln wir die Pferde ab und lassen sie laufen. Bis morgen, wenn der große Ritt auf der Suche nach den Schafen beginnt: Der Réttir.

Das Islandpferd kam vor 1000 Jahren auf diese windgepeitschten Insel im Nordatlantik, als die ersten Siedler das damals unbewohnte Neuland entdeckten. Seitdem hat die Rasse ihre Robustheit behalten, dank der Isolation. Pferde dürfen nämlich nicht nach Island importiert werden, erzählt Björn Haukur Einarsson. Der Mittdreißiger ist Pferdetrainer in West-Island, nicht weit von Oddurs Farm Oddsstadir entfernt.

Björn Haukur übt in einer kleinen Reithalle mit einem jungen Hengst. Der läuft schon gut an der Longe im Kreis herum, obwohl erst vor drei Tagen von der Weide in den Stall geholt wurde.

"Das Besondere des Isländischen Pferdes sind natürlich seine fünf Gänge. Und das Temperament ist nett: Es ist sehr angenehm, mit dem Islandpferd zu arbeiten, weil es sehr bemüht ist, seinem Reiter zu gefallen. Mit Pferden, die schwierig sind oder die Reiter abwerfen, wird nicht gezüchtet und das schon seit sehr langer Zeit. So wurde die Rasse immer besser, und heute ist es ungewöhnlich, ein Pferd zu haben, das Schwierigkeiten macht."

Diese widerspenstigen Exemplare findet man auf der Speisekarte: Pferdefleisch gibt es in jedem Supermarkt, da sind die Isländer pragmatisch.

Am nächsten Morgen stehen wir um fünf Uhr früh auf. An der Hütte in den Bergen suchen 17 müde Reiter ihre Pferde im dämmrigen Nebel zusammen und satteln sie. Es ist nasskalt und windig. Aus Spaß an der sportlichen Herausforderung sind dennoch einige Reiter extra aus Reykjavik gekommen. Obwohl sie keine Schafe hier oben haben, wollen sie beim Abtrieb mitmachen. An die 100.000 Pferde leben auf Island – und nur 300.000 Menschen.

Der Bergkönig hat keine Lust auf ein Interview

Birta Sigurðardóttir ist eine Farmerstochter aus dem Tal. Der Nieselregen erschwert ihr mit feinen Tröpfchen den Durchblick durch ihre Brillengläser. Birta hat an Reitturnieren teilgenommen, an Dressur und Fünfgangprüfungen. Für den Réttir heute hat sie zwei andere Tiere dabei.

"Dafür brauchst Du vor allem ein sehr hart arbeitendes Pferd. Ich würde mein Turnierpferd nicht für so etwas nehmen und auch nicht eine wertvolle Zuchtstute. Das wird heute schwer für die Pferde."

Der so genannte Bergkönig organisiert den Gemeinschafts-Abtrieb. Für dieses Tal ist es seit 20 Jahren Ólafur Jóhannesson: Ein grimmiger Kerl mit Bart und langen Haaren, der überhaupt keine Lust auf ein Interview hat. Darum muss Birta die Aufgaben des Bergkönigs erklären.

"Er bestimmt, wer welches Gebiet absucht. Manche reiten nach Süden, an den See Reydarvatn, andere in den Norden. Und wenn es irgendwelche Probleme gibt mit den Leuten, sei es, dass sie zu betrunken sind (lacht) oder nicht die richtige Kleidung anhaben, dann kann er sie nach Hause schicken."

Aber das ist schon lange nicht mehr vorgekommen. Plötzlich, ohne Vorwarnung, schwingt sich Ólafur Jóhannesson auf sein Pferd und reitet los. Wir anderen sehen zu, dass wir in den Sattel kommen. Ich erklimme "Dreki", den Schimmel.

Es geht einen sehr steilen, grasbewachsenen, regenassen, rutschigen Abhang hinunter. Einkaufswagengroße Felsbrocken liegen überall, wir folgen einem schmalen Pfad, der wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten genutzt wird: Der Réttir ist eine sehr alte Tradition.

Unten angekommen müssen wir einen ersten Bach überqueren. Nach einer Stunde trennt sich die Gruppe, jeder reitet alleine weiter in sein jeweiliges Suchgebiet. Oddur und ich folgen mit unseren vier Pferden und seiner jungen Bordercolliehündin "Lif" der "Kaldidalur", einer der höchsten Passstraßen Islands. Sie führt hinauf zum Ok: Islands kleinstem Gletscher.

Im Schritt über Geröll und Sand

Schon bald biegen wir nach links von der Schotterpiste ab und reiten querfeldein nach Norden. Im Schritt über Geröll und Sand. Bis zum Horizont erstreckt sich leere, wilde Landschaft, Wolkenschatten ziehen über dunkle Vulkankegel, es ist, als reite man über einen fremden, unbewohnten Planeten: Wunderschön und ein bisschen beängstigend.

Soweit das Auge reicht, ist kein Mensch zu sehen, keine Stromleitung, kein Haus, kein Baum, kein Strauch – und auch kein Schaf. Es wird Stunden dauern, bis wir das erste erspähen. Und wir suchen 3000 Stück, 260 allein von Oddurs Farm Oddsstadir.

Ein Islandpferd steht auf einer Weide nahe Husavik im Norden von Island. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)Ein Islandpferd steht auf einer Weide nahe Husavik im Norden von Island. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Vormittags um 11 Uhr wechseln wir zum ersten Mal die Pferde. Mir tun alle Knochen weh und ich schnalle die Steigbügel länger. Am Ende des Réttir werde ich jeden korrekten Sitz komplett aufgegeben haben und den Isländern gleich auf dem Pferd hängen wie auf einer Harley: Die Beine nach vorne ausgestreckt, den Buckel krumm, die Zügel irgendwie gegriffen, die Hände auf dem Sattel abgestützt. Sag mal, Oddur, wie lange wird das hier denn noch dauern? Und wo sind all die Schafe?

"Wir müssen etwa 100 Quadratkilometer absuchen. Und die Schafe laufen hier nicht in Herden, sondern in Kleinfamilien herum, immer ein Mutterschaf mit ihren Lämmern. Das ist ein bisschen wie bei den Wikingern, als sie hier ankamen: Das waren sture Leute, die aus Norwegen abgehauen sind, weil sie den König nicht mochten. Jeder von ihnen wollte sein eigener kleiner König sein."

Der Réttir dauert bis zum Abend, verrät Oddur erst jetzt. Um 20 Uhr etwa würden wir den Sammelpferch im Tal erreichen. Aber keine Sorge: "Wir machen gleich mal Pause".

Ein deutsches Pferd käme nicht voran, ohne sich die Beine zu brechen

Geröllfelder wechseln sich mit sattgrünen Grasflächen ab, auf denen wir flott tölten können. Dann wieder müssen die Pferde wie Katzen über Felsen klettern, die mit weichem Moos und bunten Flechten bewachsen sind. Ein deutsches Pferd käme hier nicht einen Meter voran, ohne sich die Beine zu brechen. Immer wieder kommt die Sonne durch und zaubert Regenbögen über die Vulkanlandschaft. Im Süden schimmert dann golden der Berg Hvatfall. Oddur versucht, mir die Landschaft zu erklären, die ihm seit Jahrzehnten vertraut ist: Als Junge ging er hier Füchse jagen. Doch ich höre nur den Wind, der in den Ohren faucht.

Wir reiten durch ein Dutzend Bäche, die in der Sonne glitzern und über Felsvorsprünge plätschern. Rutschen steile Abhänge hinunter und fegen am anderen Ufer im Galopp vier Meter hohe Böschungen hinauf. Bordercollie "Lif", das heißt "Leben", läuft dabei immer an unserer Seite.

Die ersehnte Pause entpuppt sich als kurzer Halt in einem Sumpf. Unter den Stiefeln gluckert Wasser, wir stehen in weichem Moos, das der Herbst rot und gelb gefärbt hat. Oddur bietet großzügig von seiner Wegzehrung an: getrockneter Heilbutt. Schmeckt wie ein alter Teppich, nein danke, Oddur! Die Pferde grasen in der Nähe, ihr Instinkt rät ihnen, sich vollzustopfen, denn der Winter steht vor der Tür. Es gibt nichts zum Anbinden in dieser vergoldeten Wildnis, aber das macht nichts: Sie sind brav und laufen nicht weg.

"Wir züchten so gute Pferde wie nur möglich. Denn Du kannst hier keine Pferde gebrauchen, die stur sind und da nicht lang wollen und dort nicht hin. Solche Pferde will hier kein Mensch. Und wir haben ja so viele, wir können aussuchen. Da kannst Du als Züchter nicht mit Pferden ankommen, die nicht nett sind."

Um "Dreki" und "Snerrir" muss ich mich auch beim Reiten nicht kümmern, sie machen ihren Job alleine, immer höflich ein Plüschohr nach hinten geklappt, um sich nach etwaigen Wünschen zu erkundigen. Reiten im isländischen Hochland, dem unbewohnten Herzen der Vulkaninsel, ist dank der Freundlichkeit der Rösser also nicht unbedingt nur etwas für Fortgeschrittene.

"Auf unseren Touren hatten wir schon Leute mit viel Reiterfahrung dabei, bis hin zu welchen, die noch nie auf einem Pferd gesessen haben. Es ist natürlich besser, wenn man einigermaßen geübt ist, denn dann kann man das Reiten viel mehr genießen. Wenn Du noch Anfänger bist, konzentrierst Du Dich darauf, im Sattel zu bleiben. Da kann man dann die schöne Natur nicht so genießen, wie wenn Deine Balance OK ist."

Endlich sichten wir die ersten Schafe

Die braucht man vor allem, wenn es steile Abhänge hinauf und hinunter geht auf der Suche nach den verflixten Schafen. Endlich sichten wir die ersten Wolltiere: Erst zwei, dann noch einmal drei. Bordercollie "Lif" hilft beim Zusammentreiben. Die Schafe sehen zwar aus wie aufgeplatzte Sofakissen auf kurzen Stelzen, aber sie sind flink, und sie wollen nicht nach Hause, als wüssten sie, dass auf die meisten von ihnen der Schlachthof wartet. Man braucht viel Erfahrung, um sie vorsichtig in die richtige Richtung zu drängen: Nach Süden, runter ins Tal, zum Fluss, der sich aus dem See Reydarvatn speist.

Hunderttausende Schafe werden im Herbst in ganz Island im Hochland so zusammen getrieben. Jedes von ihnen ist knapp 100 Euro wert. Vor drei Jahren kam der Winter zu früh, vor dem Réttir. 10.000 Lämmer erfroren. Eine Katastrophe für die Farmer auf der von der Finanzkrise gebeutelten Insel.

Endlich haben wir eine kleine Herde von 20 Schafen beisammen. Langsam treiben wir sie ins Tal. Immer wieder sehen wir jetzt auch die anderen Reiter, die sich mit ihren Schafen aus allen Himmelsrichtungen dem Sammelpunkt nähern. Wie ein Netz, das sich zusammenzieht.

Am Nachmittag machen wir endlich richtig Pause. In einer windgeschützten Senke treffen wir Birta Sigurðardóttir mit ihren zwei Pferden. Wir legen uns in voller Montur ins nasse Gras. Bordercollie "Lif" ist auch müde und rollt sich auf einem feuchten Moospolster zusammen. Die Arme und Beine schmerzen und der Rücken. Kein Wunder: Acht Stunden sind wir jetzt schon unterwegs.
Selbst Farmerstochter Birta, die lange Strecken im Sattel gewöhnt ist, wirkt nicht mehr ganz taufrisch.

"Nee, ich werde wirklich müde am Ende des Tages. Dann willst Du Dich einfach nur noch hinlegen und ein bisschen ausruhen. Aber die letzten Kilometer werden jetzt leichter: Am Fluss entlang, da ist auch ein Zaun, die Schafe können nicht weg laufen. Und dann sind auch alle Schafe zusammen. Es ist viel einfacher, hunderte Schafe zu hüten als zwei (lacht). Dann wissen sie, wo es lang geht und schlagen die richtige Richtung ein. Kein Problem."

Bis in die 1950er-Jahre war Island bitterarm und das Pferd das einzige Transportmittel. Es gab kaum Straßen und Autos. Und zu Zeiten der Wikinger trug das Pferd die Krieger in den Kampf, inklusive Kettenhemd, Schwert, Schild und Speer. Drei Wochen war man aus Ost-Island unterwegs zur Thingversammlung in Thingvellir in der Nähe von Reykjavik. Manche alten Reitpfade führen quer über die größten Gletscher Europas. Den Pferden hat man damals Lederlappen um die Hufe gewickelt, damit sie auf dem Eis Halt fanden. All das wundert mich nun nicht mehr, nach näherer Bekanntschaft mit "Dreki" und "Snerrir", die sich auch jetzt noch geduldig umsatteln lassen.

Wer mitreitet, muss auch trinken

Ich sitze auf dem Schimmel "Dreki", als wir um sechs Uhr abends den Treffpunkt am Fluss erreichen, wo alle 28 Reiter sich versammeln. Andere haben viel mehr Schafe gefunden, als Oddur und ich oben im Norden: An der Biegung des Flusses sind tatsächlich Tausende zusammen gekommen.

Die vom Windbrand rotgesichtigen Reiter lassen kleine Plastikflaschen mit Hochprozentigem herum gehen. Ablehnen wird nicht geduldet: Wer den Réttir mitreitet, muss auch den Brennivin mittrinken, aus fermentierter Kartoffel-Pampe gebraut und "Der Schwarze Tod" genannt. "Skál!"

Sechs Kilometer sind es jetzt nur noch zum umzäunten Sammelpferch nahe Oddurs Farm Oddsstadir. Immer am breiten Fluss entlang, der sich durch die Ausläufer der Berge windet. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht ziehen die Schafe und ihre Lämmer ins Tal. Ein biblisches Bild, wären da nicht unsere Regenjacken in Signalfarbe. In der Abenddämmerung erreichen wir das Lundarreykjadalur. Das Ziel in Reichweite mobilisiert "Dreki" die letzten Kräfte für einen flotten Tölt. Die Farmerfamilien warten schon gespannt auf die Ankunft ihrer Tiere, die Landrover im Kreis aufgestellt wie zu einer Wagenburg. Und dann sind wir endlich da: 3000 Schafe, 56 Pferde, 28 Reiter und drei Bordercollies.

Steif wie ein Brett rutsche ich nach 13 Stunden aus dem Sattel. Dank an "Dreki" und "Snerrir": Ich bin schon in Deutschland und in Polen geritten, in Spanien, Portugal und in Namibia. Aber nie saß ich auf besseren Pferden, als auf diesen zwei kleinen, zottigen Isländern.

Kein Wunder, dass die nordischen Sagas voll von ihnen sind. Von Sleipnir erzählen sie, dem achtbeinigen Pferd des Göttervaters Odin. Von "Frühwach" und "Allgeschwind", die den Wagen der Sonne ziehen.

Pferdegeschichten sind denn auch das Hauptthema beim traditionellen gemeinsamen Hammelsuppe-Essen am Réttir-Abend. Beim Reiten fühlen sich die Isländer eins mit der ungezähmten Natur ihrer Insel, erzählt Jómundur Hjörleifsson. "Jói", wie er genannt wird, verkauft im Küstenstädtchen Borganes Landmaschinen, doch sein Herz hängt an seiner kleinen Pferdezucht.

Schlimmer war der Kater vom Brennivin

"Ich kam mal eines Abends nach Hause, hatte den ganzen Tag gearbeitet, war todmüde und hatte keine Lust, noch irgendetwas zu unternehmen. Da kam ein Verwandter von mir vorbei und fragte, ob wir ausreiten wollten. Ich hatte keine Lust, bin aber mitgekommen, um ihm einen Gefallen zu tun. Als wir zurückkamen fühlte ich mich voller Energie und hätte Bäume ausreißen können."

Jómundur Hjörleifsson hat wie viele Isländer mehrere Jobs und arbeitet nebenbei auch als Pferdetrainer. Natürlich kennt er das Reiterlied "Sprengisandi", das auf Island jedes Kind pfeifen kann. Der Text geht in etwa so: "Lauf schnell, mein Pferdchen, denn es wird schon dunkel, auf dem Gletscher ist es nicht geheuer und der Weg nach Hause ist noch weit."

Ach ja, zu guter Letzt: Wie das nach zwei Jahren Reitpause mit dem Muskelkater war, am Tag danach?

Es ging. Dem Bad in einer heißen Quelle noch vor der Hammelsuppe am Abend des Réttir sei Dank. Viel schlimmer war der Kater vom Brennivin.

Auf den Réttir nimmt Sigurdur Oddur Ragnarsson normaler Weise keine Gäste mit. Er bietet auf seiner Farm Oddsstadir aber im Sommer auch für weniger erfahrene Reiter längere Touren an, ins Hochland oder auf die Halbinsel Snaefellsnes: www.oddsstadir.is Es gibt einige wenige Anbieter für Reittouren auf Island, die den Réttir im Programm haben. Oft sind das kürzere Touren für Touristen.

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