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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 21.02.2006

Islamwissenschaftler: These vom Kampf der Kulturen stammt von Islamisten

Ralph Ghadban nennt mangelnde Solidarität des Westens mit Dänemark "beschämend"

Moderation: Liane von Billerbeck

Der Karikaturenstreit wurde politisch inszeniert und missbraucht, glaubt der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban. (AP)
Der Karikaturenstreit wurde politisch inszeniert und missbraucht, glaubt der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban. (AP)

Ralph Ghadban, Islamwissenschaftler an der Evangelischen Fachhochschule Berlin, bezeichnet die aktuelle Debatte um einen Kampf der Kulturen als nicht neu. Es handele sich um eine islamistische These, die mehrere hundert Jahre alt sei. Die Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen seien politisch inszeniert, so Ghadban weiter. Es sei "beschämend", dass der Westen bisher keine Solidaritätskundgebung für Dänemark abgehalten habe.

Billerbeck: Eine handvoll dänischer Karikaturen, die im September gedruckt wurden, haben in der islamischen Welt heftige Proteste ausgelöst. Doch nicht nur das. Zwei Pressemeldungen aus diesen Tagen: Der Minderheitenminister des indischen Bundesstaates Utapradesh hat ein Kopfgeld von elf Millionen Dollar auf die Ermordung der Karikaturisten ausgesetzt, und die Vereinigung der Goldschmiede in der pakistanischen Nordwestgrenzprovinz versprach eine Million Dollar für die Tötung der dänischen Zeichner. Rache statt demokratischer Auseinandersetzung? Reden wir im Westen und die Protestierer in den islamischen Ländern eigentlich von der gleichen Sache, wenn dort Monate nach der Veröffentlichung dieser Karikaturen dänische Produkte boykottiert werden und Karikaturisten auf der Abschussliste stehen? Geht es überhaupt um demokratische Rechte bei diesen Protesten?

Darüber wollen wir jetzt mit dem Islamwissenschaftler Ralph Ghadban sprechen. Er wurde 1949 im Libanon geboren, lebt seit über 30 Jahren in Deutschland und lehrt unter anderem an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialarbeit in Berlin. Geht es eigentlich bei den Protesten in den islamischen Ländern noch um die Mohammed-Karikaturen oder gehen die Proteste eigentlich viel weiter?

Ghadban: Es geht nicht um die Mohammed-Karikaturen. Diese Karikaturen wurden in einer ägyptischen Zeitung schon im Oktober letzten Jahres veröffentlicht, und die haben zu keiner Aufruhr und keinem Aufstand geführt. Der Mufti von Al-Azhar wurde gefragt, was er von dieser Sache hält. Er hat gesagt, Mohammed war ein Mensch, und Mohammed ist gestorben, kann sich nicht verteidigen. Ich verurteile diese Aktion schärfstens, aber das war es bei dem Gelehrten von Al-Azhar.

Die Aktion startete Mitte Januar, angeheizt von bestimmten Gruppen in Saudi-Arabien, die zum Boykott aufgerufen haben, und dann wurde die Sache von den Islamisten aufgenommen und dirigiert. Interessanterweise, abgesehen davon, welche Absichten Saudi-Arabien hatte mit dieser Aktion, andere Länder haben diese Aktion für ihre politischen Ziele ausgenutzt. Der Iran hat am schärfsten reagiert und Syrien.

Und Syrien hat auch im Libanon diese brutalen und gewalttätigen Auseinandersetzungen inszeniert. Das ist bewiesen. Die Polizei hat die Leute verhaftet. Das ist alles politisch. Die ganze Aktion ist keine Empörungsaktion, die spontan gestartet wurde, sondern sie wurde von den Islamisten und von anderen politisch interessierten Parteien oder Staaten inszeniert.

Billerbeck: Samuel Huntington hat ja vor Jahren schon vom Kampf der Kulturen geschrieben. Ist das nun die Auseinandersetzung Islam versus westliche Welt oder werden jetzt sozusagen, das, was sie beschrieben haben, verschiedene politische Interessen, verschiedene islamische Regime oder Staaten kanalisiert in diesen Protesten?

Ghadban: Also im Westen geht man immer davon aus, dass diese These vom Kampf der Kulturen von Huntington stammt. Diese These ist eine islamistische These und ist ein paar Jahrhunderte alt. Das ist die These der Wahabiten (…) im 18. Jahrhundert schon, und diese Ideologie regiert in Saudi-Arabien, und die greift auf eine Auffassung des Islam, die die Welt in zwei Gebiete aufteilt, das Gebiet des Islam und das Gebiet des Krieges, also der Ungläubigen, und das Gebiet des Islam muss das andere Gebiet beherrschen und den Islam verbreiten. Diese Ideologie ist immer noch aktuell und leitet immer noch die saudi-arabische Politik.

Im 20. Jahrhundert sind andere Bewegungen entstanden, die auch diese Linie aufgenommen haben. Die Muslimbrüderschaft 1928, das ist der politische Islam der Moderne, die haben auch dieselbe Auffassung. Sie unterscheiden sich nur in der Gewaltanwendung. Das ist genau wie die terroristischen Gruppen, die gehören auch dazu, aber die wollen das mit Gewalt durchsetzen. Die gehen alle von einer Konfrontation versus Dialog der Kulturen. Eigentlich die ganze Politik wird durch diesen Kulturalismus unter den Tisch gekehrt.

Billerbeck: Seit zwei Jahrhunderten ist ja nun die islamische Welt mit der Moderne konfrontiert. Es hätte doch aber in den islamischen Staaten auch zu einer Demokratisierung führen können, also zu Menschenrecht statt Gottesrecht. Wo liegen denn die historischen Ursachen dafür, dass sich die Demokratie in den islamischen Staaten nicht durchsetzen konnte?

Ghadban: Also mit der islamischen Renaissance im 19. Jahrhundert hatten wir einen Ansatz für die Säkularisierung der Gesellschaft. Der war seit weit fortgeschritten, aber die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und später mit dem, was man Imperialismus nennt, hat dazu geführt, dass die säkularen Kräfte, also Nationalismus und Sozialismus, von dem Westen selber bekämpft worden sind. Ein Stichwort: Gamal Abdel Nasser. Man hat ihn gezwungen sozusagen, in die Arme der Sowjetunion zu laufen. Er hatte eine andere Perspektive. Man vergisst, dass er mit Nehru und Tito damals in Bandung 1956 einen dritten Weg vorgeschlagen hatte. Man hätte sie gewinnen können. Stattdessen hat man sie abgelehnt und bekämpft.

Billerbeck: Woran lag das?

Ghadban: Weil der Westen hier seinen Kampf mit dem Kommunismus an vorderste Stelle stellte. Der Westen gerade wurde ständig von den säkularen Kräften kritisiert. In den arabischen Ländern wollte man als Partner auftreten in der modernen und in der westlichen Kultur. Das wurde ständig abgelehnt. Diese Ablehnung wurde noch dadurch gestärkt, dass der Westen total auf Seite Israels stand. Also der Kampf gegen den Kommunismus und die Unterstützung Israels haben dazu geführt, dass all diese säkularisierenden Kräfte bekämpft worden sind. Der Westen hat die Islamisten hochgezogen. Er hat sie unterstützt. Bis heute glauben viele Leute, dass Saudi-Arabien ein Freund des Westens ist. Aber sie brauchen nur saudische Zeitungen, Webseiten, die ganze Ideologie usw. zu lesen, um zu verstehen; sie wollen das nicht begreifen. Von den 15 Attentätern in New York kamen neun aus Saudi-Arabien.

Billerbeck: Nun ist ja gerade in den Palästinensergebieten die Hamas, die ja aus der Muslimbrüderschaft hervorgegangen ist, an die Macht gekommen auf ganz demokratische Weise. Ist das so ein Prozess, dass die Islamisten sozusagen auf demokratische Weise die Macht erobern wollen?

Ghadban: Hamas ist ein Ableger der Muslimbrüderschaft in Ägypten. Die Muslimbrüderschaft entscheidet sich für einen demokratischen Weg und für einen bewaffneten Weg. Alle Optionen sind offen. Aber sie lehnen hier den demokratischen Prozess nicht ab, im Unterschied zu den Terrorislamisten, die nur mit Gewalt sich durchsetzen wollen. Bei der Hamas ist es auch so der Fall gewesen. Die PLO hat ein Osloabkommen mit Israel abgeschlossen, und dann hat die israelische Politik die ganze Zeit versucht, das zu verzögern und zu entleeren. Sie hat dadurch ihren Gesprächspartner, die PLO, geschwächt, und jetzt wundert man sich, dass Hamas an die Macht kommt. Was stört hier und was der Westen total unglaubwürdig macht, ist die Tatsache, dass sie eigentlich nicht für die Demokratie in dem Orient sind. Also es gibt kein Beispiel im Laufe der Geschichte, was zeigt, dass der Westen jemals einen demokratischen Prozess im Nahen Osten zum Beispiel unterstützt hat.

Billerbeck: Wann hätte er das zum Beispiel tun können? An welcher Stelle hat er versagt?

Ghadban: Er hätte damals Nasser… also diese ganze nationalistische Bewegung, Nationalismus ist Träger des Säkularismus und der Trennung von Staat und Religion. Nationalismus ist eine Ideologie, die aus Europa kommt. Der Nationalismus hat hier die Aufklärung begleitet. Denken Sie an Napoleon und den französischen Staat. Das ist eine säkularistische Dimension, die vom Westen total bekämpft worden sind, und wenn wir Laizismus und Säkularismus in der Türkei haben, weil der Nationalismus dort mit Atatürk gewonnen hat.

Billerbeck: Was meinen Sie, wie wird sich das weiterentwickeln, oder deutlicher: Was haben wir im Westen von den Islamisten zu befürchten?

Ghadban: Weil die säkularistischen Strömungen in den islamischen Ländern gescheitert sind, wegen der Obstruktion von Seiten des Westens, die einzige Opposition, die sich dort entwickeln kann, ist die religiöse Opposition gegen die Despotien und Diktaturen, die sich überall etabliert haben.

Billerbeck: Und gegen die korrupten Regimes zum Teil?

Ghadban: Ja. Also das ist der Aufstand gegen sie, und unter Druck dieser Opposition sind diese Despotien und autoritären Regimes dazu gezwungen, also sie waren in der letzten Zeit gezwungen, ihre Gesetzgebung zu islamisieren. Nehmen wir Ägypten: Im Jahre 1981 wurde die Verfassung geändert und die Scharia wurde als Hauptquelle der Gesetzgebung eingeführt. 1991 wurde das nochmals geändert, und die Scharia ist die einzige Gesetzgebung. Wir haben in Ägypten sozusagen einen islamischen Staat genau wie in Saudi-Arabien und woanders. Also, dass dieser islamische Staat demokratische Formen annimmt oder scheinbare Formen, ist kein Widerspruch, weil der Islam kein politisches System ist, Hauptsache es wird die Scharia hier umgesetzt, ob in einer autoritären Form wie in Ägypten, wo die Regierungspartei trotzdem über 70 Prozent der Stimmen bekommt, oder im Iran oder ohne Demokratie wie in Saudi-Arabien. Dieselbe Struktur ist in all diesen Ländern vorhanden, und das ist der große Druck.

Das heißt, das Politische wird ständig von diesen Islamisten vereinnahmt, weil sie hier ihre Linie und ihre Politik schon durchgesetzt haben, und wenn wir im Westen vor diesem, was ich persönlich Drohgebärde nenne, der beste Beweis ist, dass die Muslime selber, in den islamischen Städten selber festgestellt wird, dass diese ganzen Aktionen schädlich waren, also wenn man im Westen sich dadurch einschüchtern lässt und hier die Demokratie abbaut, dann haben die Islamisten gewonnen. Ich möchte auf alle Fälle hier betonen, dass es beschämend ist für den ganzen Westen, keine Solidaritätsbekundungen hier zu dem Premierminister in Dänemark gezeigt zu haben. Das ist eine Schande, und das ist schon an sich ein Sieg der Islamisten.

Billerbeck: Was könnte der Westen denn tun, um die Demokratie auch in diesen islamischen Ländern wieder attraktiver zu machen, oder ist dieser Prozess derzeit kaum noch umzukehren?

Ghadban: Der Westen muss ehrlich werden. Also diese zwei Maßstäbe, hier Demokratie in dem Westen, und nach außen man akzeptiert alles Mögliche, das muss aufhören, und vor allem hier in den Krisengebieten, vor allem bei der Nahostproblematik, was Israel und Palästina betrifft, da muss eine Politik betrieben werden, die alle Leute dort als Menschen betrachtet, Menschen erster Qualität und nicht hier dieser Unterschied. Natürlich muss das Recht Israels auf Weiterbestehen verteidigt werden, auf alle Fälle, das steht überhaupt nicht zur Diskussion. Aber gleichzeitig muss die israelische Regierung gezwungen werden, mindestens die Abkommen, die sie unterschrieben haben in Oslo und nachfolgenden Verhandlungen, umzusetzen.

Billerbeck: Vielen Dank für das Gespräch.

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