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Tacheles / Archiv | Beitrag vom 14.02.2015

Islamwissenschaftler Michael KieferWelcher Islam gehört zu Deutschland?

Moderation: Patrick Garber

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Der Islamwissenschaftler Dr. Michael Kiefer. (picture alliance / dpa / Universität Osnabrück)
Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer: "Man muss die Eltern in die Schule einbestellen." (picture alliance / dpa / Universität Osnabrück)

"Die Integrationsprobleme, die wir haben, sind nicht der Religion geschuldet", sagt der Düsseldorfer Islamwissenschaftler Michael Kiefer. Er setzt auf Bildung, einen mündigen Umgang mit dem Islam und die neue Generation von Theologen aus Deutschland.

Deutschlandradio Kultur: Tacheles reden wir heute über den Islam in Deutschland, darüber, wie diese Religion hierzulande an Schulen und Universitäten gelehrt wird und was Islamkunde mit Integration zu tun hat. Mein Gast ist Dr. Michael Kiefer. Er ist Islamwissenschaftler. Er lehrt am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. Und er ist Geschäftsführer der Agentur für partizipative Integration in Düsseldorf. Die gibt Hilfe zur Selbsthilfe bei der Integration besonders jüngerer Menschen mit Migrationshintergrund. – Guten Tag, Herr Kiefer.

Michael Kiefer: Guten Tag.

Deutschlandradio Kultur: Herr Kiefer, "Der Islam gehört zu Deutschland“, das sagt inzwischen auch die Bundeskanzlerin. Können Sie mit diesem Satz etwas anfangen, vor allem mit der Formulierung "gehört zu“?

Michael Kiefer: Ja, die Formulierung kommt ein wenig spät angesichts der Tatsache, dass das erste Anwerbeabkommen mit einem muslimischen Land 1961 abgeschlossen wurde. Das war die Türkei. Das sind mehr als fünf Dekaden. Und nach einer so langen Zeit eine solche Äußerung, das ist sehr dünn. Man hätte sich früher und deutlichere Worte gewünscht.

Deutschlandradio Kultur: Ist dieser Satz hilfreich, um das Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in unserer Gesellschaft etwas zu entkrampfen?

Michael Kiefer: Vielleicht hilft er ein wenig, aber so richtig hilft er nicht. Denn wir haben offenbar ja Probleme in dieser Hinsicht. Das zeigen die Pegida-Demonstrationen, die wir seit einiger Zeit sehen können – insbesondere dort, wo nur wenige Muslime leben. Das ist ganz erstaunlich. Aber es scheint hier doch noch Probleme zu geben, die leider vermutlich auch noch eine Zeitlang anhalten werden.

Deutschlandradio Kultur: Sie haben die Pegida-Demonstrationen erwähnt. In Düsseldorf haben Sie so etwas ja auch, Dügida. Wir hatten ja auch die furchtbaren Anschläge in Paris. Wird dieses Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen dadurch jetzt noch schwieriger oder besteht umgekehrt vielleicht gerade jetzt eine Chance nach eben diesen entsetzlichen Vorgängen, dass Mehrheitsgesellschaft und hier lebende Muslime etwas besser ins Gespräch miteinander kommen?

Michael Kiefer: Es ist beides zu beobachten. Natürlich gab es insbesondere im politischen Bereich ganz starke Signale. Die Mahnwache vorm Brandenburger Tor mit großer Beteiligung der Muslime, mit großer Beteiligung der Politik, das war sicherlich ein sehr wichtiges Signal in die Zivilgesellschaft hinein, dass man hier aufeinander zugehen muss. Aber die andere Seite ist leider auch die, dass offenkundig die Zahl der Übergriffe gegen Muslime, seien sie verbaler oder auch körperlicher Natur, leider seit diesen fürchterlichen Anschlägen in Paris zugenommen haben.

Ich selbst habe muslimische Kolleginnen und Kollegen, die Opfer solcher verbalen oder zum Teil auch tätlichen Attacken geworden sind. Das missfällt mir sehr und das macht mir auch eine gewisse Sorge.

Deutschlandradio Kultur: Auch tätliche Attacken?

Michael Kiefer: Ja. Es gab erst vor zwei Tagen einen Übergriff gegen eine kopftuchtragende Frau. Das hat es in dieser Art und Weise vor ein oder zwei Jahren noch nicht in diesem Ausmaß gegeben.

Deutschlandradio Kultur: Das zeigt, wie tief die Vorurteile stecken. Eines dieser Vorurteile ist ja die Auffassung, der Islam an sich sei ein Integrationshemmnis für Muslime in unserer freiheitlichen Gesellschaft wegen der Moralvorstellungen, der Rolle der Frau, Stichwort Kopftuch, der Scharia. Was sagen Sie dazu? Müssen Muslime sich lockerer machen, um sich hier besser integrieren zu können?

Michael Kiefer: Eigentlich ja nicht. Die Integrationsprobleme, die wir haben, sind ja nicht der Religion geschuldet, sondern sie sind herkunftsbedingt insofern, als dass die allermeisten Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, aus bäuerlichen Milieus gekommen sind, aus schlecht gebildeten Milieus. Und hier lagen auch in den vergangenen Jahrzehnten die Probleme. Es ist nicht die Religion. Es ist nicht der Islam mit seinen Regeln, die uns vielleicht auch manchmal fremd vorkommen, sondern es sind andere Dinge, die die Probleme machen.

Deutschlandradio Kultur: Diese Probleme kommen ja dann auch immer wieder im Alltag ganz plötzlich hoch. Beispiel: Muslimische Schülerinnen dürfen nicht bei Klassenfahrten mitfahren oder am Schwimmunterricht teilnehmen, weil die Eltern das verbieten. Was bedeutet in diesem Fall Integration, dass die Eltern ihre Moralvorstellungen ändern, seien es nun islamische Moralvorstellungen oder einfach, weil sie vom Dorf kommen, oder dass die Schulen diesen Mädchen Sonderrechte einräumen?

Michael Kiefer: Das mit der Koedukation sehe ich ganz locker. Natürlich wäre es wünschenswert, dass muslimische Kinder an Klassenfahrten teilnehmen, dass sie am Schwimmunterricht teilnehmen. Und oft hilft hier auch ein Gespräch, ein einfaches Gespräch. Man muss die Eltern in die Schule einbestellen. Man muss ihnen darlegen, wie wichtig die Teilnahme an der Klassenfahrt für das Kind ist. Und dann geht das sehr oft.

Aber Sie haben natürlich auch Recht, wenn Sie sagen, man muss auch nach der Einstellung mancher Muslime fragen. Manche haben Vorstellungen, die nicht unbedingt zur Schule passen, so wie sie sich heute darstellt. Und deshalb müssen einige sich auch hier ganz klar bewegen. Das ist eine Forderung, die man ganz ruhig an diese Menschen herantragen kann.

Viele Muslime knien auf dem Boden und sprechen ein Friedensgebet gegen Extremismus in Kreuzberg, Berlin in Deutschland. (imago/Mike Schmidt)Muslime knien auf dem Boden und sprechen ein Friedensgebet gegen Extremismus in Berlin-Kreuzberg. (imago/Mike Schmidt)
Deutschlandradio Kultur: Ein anderes, noch wesentlich heikleres Thema, das nach dem Anschlag auf die französische Zeitschrift "Charlie Hebdo“ wieder hochgekommen ist, das ist eine angebliche Affinität des Islam zur Gewalt. – Ist da was dran? Sollten Muslime, sollte islamische Theologie auch sich verstärkt mit Traditionen der Gewalt im Islam beschäftigen?

Michael Kiefer: Es gibt diese Traditionen der Gewalt. Allerdings darf man jetzt nicht in den Trugschluss hineinfallen, dass man behauptet, der Islam sei eine gewaltförmige Religion. Wir haben Texte, die in der Tat Gewalt zum Gegenstand haben. Aber die Theologie, wie sie sich heute darstellt in den islamischen Ländern und auch in Deutschland, hat hier ein absolut abgeklärtes Verhältnis. Und die Probleme sind nicht größer als im Christentum oder in anderen Weltreligionen.

Deutschlandradio Kultur: Nun gibt es im Koran ja einige ziemlich blutrünstig klingende Verse, Suren. Und auch das Leben des Propheten Mohammed war ziemlich bewegt. Er war ein Feldherr, ein großer Kriegsherr. – Wie schwierig ist die Auseinandersetzung damit aus theologischer Sicht? Denn der Koran gilt ja immerhin als unmittelbar geoffenbartes Wort Gottes und das Leben des Propheten als Vorbild, dem alle muslimischen Gläubigen nacheifern sollten.

Michael Kiefer: Das ist in der Tat richtig. Aber auch die Muslime gehen davon aus, dass der Koran nicht am Stück offenbart wurde, sondern in einem Zeitraum von 22 Jahren und zwar jeweils anlassbezogen. Das heißt also, die Offenbarungen kamen nicht einfach so in die Welt, sondern es gab jeweils spezifische Situationen, in denen die junge Gemeinde nach Antworten suchte. Und die klassische islamische Theologie, so wie sie sich in den letzten 1400 Jahren entwickelt hat, die zieht nun, wenn sie eine Stelle im Koran beurteilt, den Offenbarungsanlass mit hinzu und versucht so dann zu einer Deutung dieser Sure zu gelangen.

Leider ist es so, dass durch das Erstarken des Salafismus die literalistische Lesart des Korans, die wortwörtliche Lesart des Korans zugenommen hat. Aber diese steht eigentlich klar im Widerspruch zur Tradition der Theologie, zur Tradition des Tafsir, also der auslegenden Wissenschaft, die hier anders verfährt.

Deutschlandradio Kultur: Es gibt ja immer wieder die Forderung, der Islam bräuchte eine Art Reformation. Wenn ich Sie so höre, ist da schon einiges am Laufen. Woher können diese Impulse kommen, aus der arabischen Welt, wo ja Saudi-Arabien mit seiner sehr konservativen, sehr wortwörtlichen Auslegungsart ja doch einen großen Einfluss hat? Oder eher von Muslimen, die im Westen leben?

Michael Kiefer: Also, von saudischer Seite erwarte ich hier, offen gestanden, gar nichts, im Gegenteil. Die Saudis haben eher mit dafür Sorge getragen, dass in den letzten zwei Jahrzehnten die Probleme mancherorts noch angewachsen sind.

Viel erwarte ich von den neu geschaffenen Islamischen Instituten, die wir zum Beispiel in Deutschland haben. Sie wissen es ja, wir haben mittlerweile fünf Standorte, wo islamische Theologie gelehrt wird, wo große Nachwuchsgruppen von Theologen bestehen. Und ich gehe fest davon aus, dass in den nächsten Jahren gerade aus diesen Institutionen doch einige Reformimpulse kommen, die langsam dann auch manche Dinge ändern werden.

Deutschlandradio Kultur: Könnte das zu einem europäischen Islam führen, also einer Religion, die auch Elemente der Aufklärung in sich aufnimmt, wie das bei den christlichen Konfessionen ja langsam, aber dann doch mehr oder weniger stattgefunden hat?

Michael Kiefer:  Nun ja, aufklärerische Momente gibt es auch heute bereits in vielen theologischen Sichtweisen. Beispielsweise die hermeneutische Interpretation von Texten ist vielen Kollegen bekannt. Also, man lebt nicht im 16. oder im 15. Jahrhundert bei der wissenschaftlichen Arbeit. Man hat natürlich die Moderne immer mit im Rücken, immer mit im Hintergrund. Das darf man nicht vergessen. Wir sind ja nicht aus der Zeit. Die Kollegen sind nicht aus der Zeit. Insofern kann man eine historische Periode, die in Europa stattgefunden hat, nicht einfach 1:1 auf den Islam anlegen.

Man darf ja auch nicht vergessen, wenn wir in Deutschland auf Reformation schauen, dass es sich hier ja auch um ein außerordentlich gewaltförmiges Geschehen gehandelt hat. Es gab ja so etwas wie den 30-jährigen Krieg, der mit dafür Sorge trug, dass weite Teile Mitteldeutschlands fast vollkommen entvölkert waren. Insofern bin ich immer ein wenig skeptisch bei diesen Vergleichen, bei diesen Anforderungen, die an den Islam gestellt werden, den es ja so gar nicht gibt. Wir können immer nur nach den jeweiligen Strömungen fragen. Wir können danach fragen, welche Positionen stehen im Raum, welche können noch dazu gezogen werden? Insgesamt muss man hier mehr differenzieren. Ich bin aber ganz zuversichtlich, dass wir es in den nächsten Jahren mit einer Vielzahl liberaler Ansätze auch zu tun haben.

Deutschlandradio Kultur: Herr Kiefer, zurzeit beobachten wir in Deutschland das rasante Wachstum des Salafismus, von dem wir gerade schon mal kurz gesprochen haben, also einer extrem fundamentalistischen, fortschrittsfeindlichen Version des Islam. Und aus diesem Milieu stammen viele der jungen Menschen, die nach Syrien oder in den Irak reisen, um dort für den IS zu kämpfen. Sie haben intensiv über den Salafismus geforscht, darüber auch ein Buch geschrieben. – Was macht Salafismus für manche junge Muslime so anziehend?

Michael Kiefer: Ja, das ist ein sehr trauriges Thema. Über 500 junge Menschen aus Deutschland sind ausgereist, kämpfen als Kombattanten beim Islamischen Staat. Und wir haben uns auch tatsächlich die letzten zwei Jahre sehr intensiv gefragt: Woran liegt das? Wie kann es sein, dass sich zum Teil ausgebildete Ingenieure oder Ärzte, die das Leben in einer sehr günstigen Konstellation vor sich haben, zu einem solchen Schritt entschließen? Und die Antworten sind hier unterschiedlich.

Das eine, was man sehen muss, ist, dass offenbar viele junge Leute, die nach Syrien gehen, auf der Suche nach Bedeutung sind. Sie wollen an einer Art historischem Geschehen eine Rolle übernehmen. Sie wollen Teil einer Avantgarde sein, die in, so ihre Selbstsicht, einer historischen Konstellation die Schlacht der Schlachten kämpft. Man muss wissen, dass der Islamische Staat von sich behauptet, er erfülle quasi eine Prophetie. Demnach eine Armee von Gerechten in Dabiq, das ist eine Ortschaft bei Syrien, die Schlacht der Schlachten kämpft und dass von dort aus dann die Eroberung Konstantinopels, die Eroberung Roms beginnen wird.

Und Sie können an dieser Prophetie schon erkennen, dass es hier dem Islamischen Staat und seiner Anhängerschaft um mehr geht als nur um die Implementierung eines islamischen Staatswesens, sondern man will die Niederwerfung der Welt. Man will, dass diese Form des kruden Islams sich überall verbreitet.

Deutschlandradio Kultur: Sind denn alle Salafisten gewaltbejahende Glaubenskrieger?

Michael Kiefer: Nein, ganz und gar nicht. Der Begriff Salafismus trifft nicht immer so richtig zu. Ich weiß manchmal gar nicht, inwieweit man beim Islamischen Staat, bei der Anhängerschaft des Islamischen Staats überhaupt noch von Salafiyya sprechen kann. Denn sie sind so weit von manchen muslimischen Grundsätzen entfernt, dass es hier schwer ist, diesen Begriff überhaupt noch zur Anwendung zu bringen.

Sven Lau spricht bei einer Kundgebung in ein Mikrofon, links von ihm hört Pierre Vogel zu. (dpa / Markus Scholz)Die salafistischen Prediger Pierre Vogel (l.) und Sven Lau auf einer Kundgebung im Juli in Hamburg. (dpa / Markus Scholz)
Aber nochmal zurück zu Ihrer Frage: Der Salafismus in Deutschland hat viele Gesichter. Es gibt auch einen durchaus ausgeprägten puristischen Teil, der sich hier auch in Moscheegemeinden wiederfinden lässt. Und darunter sind durchaus viele ehrwürdige Muslime, die Gewalt strikt ablehnen, die mit Politik und islamischem Staatsverständnis nichts am Hut haben und ihr Leben ganz normal leben. Sie sehen aber so aus wie die anderen und deswegen kommt es hier mitunter auch zu unangenehmen Verwechslungen.

Deutschlandradio Kultur: Was kann man denn vorbeugend tun, damit junge Muslime gar nicht erst auf diese Bahn kommen, speziell jetzt auch auf die Bahn in die dschihadistische Gewalt? Gibt es Konzepte zur Prävention?

Michael Kiefer: Ja, es gibt Ansätze zur Prävention, aber die Prävention ist in diesem Bereich natürlich eine sehr, sehr schwierige Angelegenheit. Prävention muss weit vor der Radikalisierung ansetzen, wenn sie Erfolg haben soll. Sie muss Lebenslagen stabilisieren. Sie muss dafür Sorge tragen, dass Menschen chancengleich sind. Sie muss dafür Sorge tragen, dass Menschen in einem guten emotionalen Setting aufwachsen. Das sind Aufgaben, die insbesondere die Schule, die Schulsozialarbeit, die Eltern, zum Teil auch Gemeinden und andere Akteure wahrnehmen müssen.

Aber das, was hier getan werden muss, ist sehr vielschichtig und man muss es sehr lange tun, damit man junge Menschen auf dem richtigen Weg hält. Und für diejenigen, die sich bereits radikalisiert haben, ist es hier leider zu spät.

Deutschlandradio Kultur: Es gibt ja auch schon, gerade in Stadtvierteln mit hohem Migrantenanteil, allerlei Projekte zur Integration gerade muslimischer Jugendlicher. Auch Sie kümmern sich mit Ihrer Agentur in Düsseldorf darum. Warum hat der Salafismus trotzdem solchen Zulauf? Zu wenig Geld, die falschen Konzepte oder ist das alles nicht nachhaltig genug?

Michael Kiefer: Ja, das ist eine gute Frage, die uns auch befasst. Ich meine, wir können das auch mal andersrum sagen: Die Probleme gibt es ja nicht nur in Deutschland, sondern wir beobachten diese Probleme in ganz Westeuropa. Und in Frankreich, Belgien, zum Teil in den Niederlanden ist es, wenn man die Gesamtzahl der Radikalisierten betrachtet, ja noch schlimmer als in Deutschland. Also, hier wird, was die Förderung von Menschen betrifft, schon einiges getan. Aber es reicht in der Tat noch nicht.

Schauen wir uns beispielsweise das eine oder andere Berufsbildungszentrum an mit mehr als vier- oder fünftausend Schülern, mit vielen Berufsgrundschuljahren, mit vielen jungen Menschen, die ihre Schwierigkeiten haben, die manchmal nicht immer so wissen, wie es weitergeht. Und für all diese Nöte steht oft nur eine Schulsozialarbeiterin zur Verfügung. Das reicht nicht aus. Da kann man so viele Präventionskonzepte machen, wie man will, wenn die Grundversorgung in den Regelsystemen auf so schwachen Füßen steht, kann man hier nicht zu Erfolgen kommen.

Deutschlandradio Kultur: Bleiben wir mal bei der Schule. Herr Kiefer, Sie haben Ihre Doktorarbeit über den Schulversuch Islamkunde in Nordrhein-Westfalen geschrieben. Inzwischen bieten immer mehr öffentliche Schulen nicht nur in NRW islamischen Religionsunterricht an. – Ist das ein probates Mittel gegen islamistische Rattenfänger?

Michael Kiefer: Ja, insbesondere dann, wenn er über einen langen Zeitraum angeboten wird. Denn im islamischen Religionsunterricht lernen die Schülerinnen und Schüler, wie mit den islamischen Quellen zu verfahren ist, dass eben genau das literalistische, das wortwörtliche Verstehen des Korans eigentlich an vielen Punkten nicht statthaft ist, nicht funktionieren kann, dass man hier auf die falsche Fährte gelockt wird. All dies lernen die Schüler. Und man muss natürlich auch sehen, eine Zieldimension des islamischen Religionsunterrichtes ist die Mündigkeit, also der souveräne, der reflektierte Umgang mit Religion, mit dem, was die Religion fordert.

Und ich glaube schon, dass der islamische Religionsunterricht, der leider bislang in Nordrhein-Westfalen und auch in anderen Bundesländern nur an relativ wenigen Schulen erteilt wird, ein geeignetes Präventionsmittel darstellt.

Ein Islamlehrer mit Schülern der ersten Klasse beim islamischen Religionsunterricht. (dpa / picture alliance / Roland Holschneider)Der Lehrer Timur Kumlu unterrichtet an der Henri-Dunant-Schule in Frankfurt am Main islamische Religion. (dpa / picture alliance / Roland Holschneider)
Deutschlandradio Kultur: Abgesehen davon, dass es zu wenig Angebote gibt, wo hakt es Ihrer Ansicht nach noch bei dem, was bisher läuft beim islamischen Religionsunterricht an den Schulen?

Michael Kiefer: Na ja, es liegt natürlich immer noch daran, dass die Bundesländer hier insgesamt zu wenig Ressourcen bereitstellen. Der Unterricht in Nordrhein-Westfalen wird nur für einige tausend Schüler angeboten. Wenn man mal die Gesamtzahl der muslimischen Schülerinnen und Schüler betrachtet, es sind hier alleine 320.000, ist das natürlich ein Tropfen auf den heißen Stein.

Ich würde mir sehr wünschen, dass die Landesregierung hier etwas zügiger, etwas beherzter vorgeht, also, dass wir mit den Unterrichtsangeboten doch langsam, aber sicher in die Fläche hineinkommen.

Deutschlandradio Kultur: Gibt es denn genug ausgebildete Lehrer?

Michael Kiefer: Nein. Die haben wir auch noch nicht in ausreichender Zahl. Schätzungen gehen davon aus, dass wir allein für Nordrhein-Westfalen ungefähr 1200 ausgebildete Lehrkräfte brauchen. Die sind im Moment nicht da. Aber die gute Nachricht ist, Münster-Osnabrück als Doppelstandort hat die Lehrerausbildung ja seit einigen Jahren mit im Gepäck. Und Jahr für Jahr verlassen fertig ausgebildete Lehrkräfte die Universität, die, wenn das Land es will, sofort den Unterricht in den Schulen aufnehmen können.

Deutschlandradio Kultur: Nun hört man, dass es da Probleme mit dem Kopftuchverbot an staatlichen Schulen gibt für Lehrerinnen, für Lehrerinnen, die muslimischen Religionsunterricht erteilen wollen, selber Muslima sind und ein Problem haben, wenn sie dann das Kopftuch ablegen müssen.

Michael Kiefer: Ja, in der Tat ist es so. Wir haben Kopftuchverbote in einigen Bundesländern. Die sind aus meiner Sicht nicht richtig. Die müssen fallen. Denn es ist unsinnig, einerseits einen islamischen Religionsunterricht anzubieten und auf der anderen Seite von Lehrkräften zu verlangen, dass sie ihr Kopftuch ablegen. Ich vermag diesem Gesetz keinen Sinn abzugewinnen. Man hat diese Regelung eingeführt zu einem Zeitpunkt, wo man dachte, man muss möglicherweise islamistisch gesonnene Lehrerinnen und Lehrer aus dem Unterricht fernhalten. Ich glaube, es gibt durchaus andere geeignete Mittel, um dies zu tun. Insofern wäre man wirklich gut beraten, man würde dieses Kopftuchverbot, was sowieso nichts gebracht hat, endlich aus der Welt schaffen.

Deutschlandradio Kultur: Die Frage ist ja auch, was im islamischen Religionsunterricht gelehrt wird, welche Art von Islam. Im Grundgesetz steht, dass Religionsunterricht unter staatlicher Aufsicht, aber "in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften“ erteilt wird. Das sind beim christlichen Religionsunterricht die beiden großen Kirchen. Wer vertritt die islamische Religionsgemeinschaft, wenn es um die Festlegung von Lehrplänen geht?

Michael Kiefer: Hier hat man unterschiedliche Regelungen gefunden. In Nordrhein-Westfalen wird diese Funktion durch einen Beirat wahrgenommen. Darin sitzen die großen Islamverbände, die wir alle kennen. Das ist die DITIB, das ist der Verband islamischer Kulturzentren. Das ist der Islamrat. Diese haben einzelne Persönlichkeiten, zum Teil auch Fachleute in den Beirat entsandt. Und dieser Beirat, der macht dann in Abstimmung mit dem Ministerium die Inhalte für die Lehrpläne bzw. für die Kompetenz. Man hat ja heute keine richtigen Lehrpläne mehr in der Schule. Es sind ja eher Kompetenzen, Richtlinien, die verabschiedet werden.

Deutschlandradio Kultur: Und wer hat im Zweifelsfall das Sagen, wenn – nehmen wir mal ein Beispiel – die Vertreter der Islamverbände im Unterricht ein Bild der Frau vermittelt sehen wollen, das den Schulbehörden nicht behagt?

Michael Kiefer: Dann wird man darüber diskutieren müssen. Aber bislang gab es meines Wissens in der Kommission keine Konflikte in dieser Hinsicht. Und eines ist sowieso klar. Es gibt natürlich die übergeordneten Erziehungsziele, die auch für einen islamischen Religionsunterricht gelten. Selbstverständlich würde in einen Lehrplan nichts hineinkommen, was in irgendeiner Form dem Grundgesetz, also auch dem Gleichbehandlungsgrundsatz widersprechen könnte.

Deutschlandradio Kultur: Herr Kiefer, das eine sind die Lehrplan- oder Kompetenzvorgaben für den islamischen Religionsunterricht. Das andere sind die Lehrer, die diesen Unterricht erteilen. Von denen gibt es zu wenige, das haben wir ja schon erwähnt. Aber es werden ständig weitere ausgebildet an Hochschulen, die Islamkunde für das Lehramt anbieten. Auch hier stellt sich die Frage: Was für ein Islam wird an den Unis gelehrt und wer entscheidet das? Wie ist es bei Ihnen an der Universität Osnabrück?

Michael Kiefer: In Osnabrück haben wir natürlich, wie andere Universitäten auch, so genannte Modulhandbücher. In denen steht drin, was die Studierenden zu lernen haben für den Bachelor oder später für den Master. Man muss sich das jetzt nicht so vorstellen, dass die Religionsgemeinschaften den Dozenten und Professoren diktieren, was sie zu tun haben, sondern abgestimmt werden hier im Grunde genommen nur die Eckpunkte einer Theologie, die Eckpunkte einer Lehre. Also, welche Grundsätze hier sehr wichtig sind, welche Wissenschaften zum Kanon der islamischen Wissenschaften gehören. Und die Zusammenarbeit mit der Schura in Osnabrück, mit DITIB gibt wenig Anlass zu Beschwerden.

Deutschlandradio Kultur: Nun gibt es Kritiker auch aus dem muslimischen Bereich, wie zum Beispiel die Publizistin Necla Kelek oder Ahmad Mansour, die sagen: Die muslimischen Verbände in Deutschland würden überwiegend dann doch eine sehr konservative Auffassung des Islam repräsentieren und auch versuchen durchzusetzen. – Wie sehen Sie das?

Michael Kiefer: Ja, in der Tat ist das so, dass manche Verbände hier eher konservativen Sichtweisen anhängen. Aber was soll man dazu sagen? Also, natürlich können die Verbände ihre Sicht der Dinge darlegen. Wenn es andere Verbände gibt, dann können diese auch ihre Sicht der Dinge darlegen.

Das Problem ist hier, der Staat, letztendlich auch die Universität müssen sich in dieser Hinsicht neutral verhalten. Sie können nicht hingehen und sich in innere Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften einmischen oder gar ihnen vorschreiben, welche Inhalte sie vertreten. Hier gibt es mitunter Reibungspunkte. Das hat man ja auch gesehen bei den Kollegen in Münster. Dort ist nicht immer alles gut gegangen in den letzten Jahren. Man muss hier konsequent aushandeln. Man muss über die Probleme, die sich darstellen, reden und kann hierbei immer nur hoffen, dass man zu Einigungen kommt.

Im Übrigen ist es auch bei der katholischen Theologie nicht immer einfach. Auch hier gibt es mitunter Schwierigkeiten, Lehrstühle zu besetzen, wenn zum Beispiel der zuständige Bischof sein Nihil obstat, das ist eine Genehmigung, verweigert. Auch hier haben wir ähnliche Konstellationen, also Mitwirkungsrechte der Religionsgemeinschaften bei den Inhalten der Lehre, bei der Bestimmung der Person, die lehrt. Das ist nicht immer einfach. Aber bisher hat man es irgendwie immer hingekriegt.

Mouhanad Khorchide, Leiter Zentrum für Islamische Theologie Münster, vor dem Schloss. (Rolf Vennenbernd / picture alliance / dpa)Mouhanad Khorchide, Leiter Zentrum für Islamische Theologie, vor dem Schloss in Münster. (Rolf Vennenbernd / picture alliance / dpa)

Deutschlandradio Kultur: Bleiben wir mal bei diesem Fall der Universität Münster, den Sie gerade angerissen haben. Da gab es handfesten Streit zwischen dem Leiter des dortigen Zentrums für Islamische Theologie, Prof. Mouhanad Khorchide, auf der einen Seite und dem Koordinationsrat der Muslime, in dem sich die Verbände zusammengeschlossen haben, auf der anderen Seite. Der Vorwurf der Verbände: Prof. Khorchide Lehre des Islam sei nicht bekenntnisgetreu und deshalb solle die Universität ihn entlassen. – Haben sich da die Verbände zu Zensoren von Forschung und Lehre aufgeschwungen?

Michael Kiefer: Ein bisschen, ja. Es gab in der Tat dieses Gutachten des KRM, des Koordinationsrats der Muslime. Das hat bei manchen regelrechtes Kopfschütteln ausgelöst. Ich fand die Schärfe der Auseinandersetzung maßlos. Es war alles etwas übertrieben. Und die Entwicklung in den letzten anderthalb Jahren war ja auch so, dass zu vielem nicht mehr viel gesagt wurde. Bekir Alboğa, immerhin von der DITIB, arbeitet mittlerweile am Lehrstuhl…

Deutschlandradio Kultur: …die DITIB ist die türkische Religionsbehörde, die dann eben auch hier in Deutschland einen Ableger hat und auch etliche Moscheen betreibt.

Michael Kiefer: Ja, so ungefähr. Auf jeden Fall, Bekir Alboğa arbeitet mittlerweile als Lehrbeauftragter am Lehrstuhl, ein ziemlich klares Signal, wo der Konflikt steht, ist damit gegeben worden.

Deutschlandradio Kultur: Bedeutet das, dass die Verbände eingelenkt haben oder dass Herr Khorchide auf Linie gebracht worden ist?

Michael Kiefer: Na ja. Er ist ja noch da. Sein Buch, was diesen Sturm der Entrüstung ausgelöst hat, ist auch noch da. Also haben offenbar doch eher die Verbände eingelenkt.

Deutschlandradio Kultur: In diesem Buch ging es um sein Bild des Islam, nämlich ein Bild eines Islams der Barmherzigkeit, der Menschenfreundlichkeit, wo von Scharia und islamischer Rechtsgelehrtheit nicht mehr so viel die Rede war. – War das das Problem?

Michael Kiefer: Ja. Es gab natürlich noch ein paar Dinge mehr, die hier kritisiert wurden, aber in der Tat ist es so, dass Mouhanad Khorchide mit seinen Auffassungen von klassischen Positionen, wie wir sie in der Theologie finden, zum Teil abweicht. Aber das ist für viele auch eigentlich kein Problem. Denn eines ist klar: Der Islam ist wie andere Religionen auch eine Interpretationsreligion. Und selbstverständlich können Intellektuelle, selbstverständlich können auch Theologen ihre Sicht der Dinge darstellen, ohne dass man direkt über sie herfallen muss.

Deutschlandradio Kultur: Herr Kiefer, Sie leben und arbeiten in Düsseldorf. Dort findet übermorgen der Rosenmontagszug statt. Falls es da auch Motivwagen gibt, die sich mit Islamismus befassen, etwa mit dem Anschlag auf "Charlie Hebdo“, wie weit kann aus Ihrer Sicht als Islamwissenschaftler dabei die Satire gehen? Und wo sollte der Spaß aufhören?

Michael Kiefer: Ja, das weiß ich so genau gar nicht. Das muss man immer Fall für Fall entscheiden. Aber ich würde mir einen sehr entspannten Umgang mit Satire, mit Religionskritik wünschen. Durch die Meinungsfreiheit ist ja nun mal sehr viel gedeckt. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass manche regelrecht drauf warten, dass eine Karikatur oder ein Karnevalswagen erscheint, damit wieder Anlass zu Empörung gegeben ist. Ich und meine Kollegen, wir sehen das eigentlich sehr gelassen.

Deutschlandradio Kultur: Aber ein Karnevalswagen, auf dem der Prophet Mohammed unvorteilhaft stattfinden würde, hätten Sie Verständnis dafür, wenn Muslime sich dann davon beleidigt fühlen?

Michael Kiefer: Klar kann ich das verstehen, wenn sie sich dann beleidigt fühlen. Aber es wird so einen Wagen mit Sicherheit nicht geben in Düsseldorf. Das glaube ich zu wissen. Und selbst wenn es ihn gäbe, kann man sich aufregen, aber man muss trotzdem Maß halten.

Deutschlandradio Kultur: Vielen Dank für das Gespräch.

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