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Länderreport | Beitrag vom 03.07.2019

Islamverband DitibZu abhängig von der Türkei?

Von Melahat Simsek

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Die Ditib moschee in Köln bei Nacht (imago/Future Image)
Die Ditib-Zentralmoschee in Köln ist die größte Moschee Deutschlands. (imago/Future Image)

Vom Islamunterricht bis zum Begräbnis betreut der Islamverband Ditib das religiöse Gemeindeleben vieler Türken in Deutschland. Doch nachdem Imame im Auftrag der Türkei Regierungskritiker ausspähten, hat der Verband ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Das Freitagsgebet in der Kölner Zentralmoschee. Die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion, kurz DITIB, führt in Köln die größte Moschee der Republik. "Die ist schon sehr wichtig, weil die uns und unseren Glauben vertritt. Deshalb ist es uns sehr wichtig, dass es so eine Institution gibt."

Leyla Kiziltas ist 45 Jahre alt und führt ein Kosmetikstudio in Köln. Ihre 15-jährige Tochter besucht seit drei Jahren jedes Wochenende eine Jugendgruppe in der Kölner Ditib-Zentralmoschee. "Da gibt es auch Freizeitgestaltungen. Sie lernt den Islam intensiver kennen. Das ist so eine Art Islamunterricht", sagt Kiziltas.

Ayse Turan möchte ihren wirklichen Nachnamen nicht nennen, weil sie sich eigentlich aus solchen Diskussionen raushalten möchte. "Ditib ist als türkische Organisation für uns Muslime sehr wichtig" , sagt sie. Die 62-Jährige ist Schneiderin in Köln und kam mit ihren Eltern als kleines Mädchen Mitte der 60er-Jahre von der Schwarzmeerküste nach Deutschland. Sie gehört zur zweiten Generation türkischer Einwanderer.

"Damals, als unsere Väter in den ersten Jahren hier waren, zu Beginn der Gastarbeiterwelle, da wussten sie nicht, wo sie beten sollten. Die Kirche hat ihnen dann einen Raum für das Gebet zur Verfügung gestellt. Wenn Sie das mit früher vergleichen, hat die Ditib ganz klar eine große gesellschaftliche Bedeutung für uns."

Die Muslime bleiben, auch über das Leben hinaus

1984 als eingetragener Verein beim Kölner Amtsgericht gegründet, wollte die Ditib eine Lücke füllen und türkischen Einwanderern ein religiöses Gemeindeleben ermöglichen. Dazu gehören bis heute Aufgaben wie: Gebetsräume schaffen, Religionsunterricht, die Organisation von Pilgerreisen und – ganz wichtig – Bestattungen nach islamischem Ritus. Das Bewusstsein ist sehr spät entstanden, dass die Gastarbeiter von einst zu Bürgern dieses Landes geworden sind.

Zekeriya Altug kam als Sechsjähriger mit seiner Familie nach Rendsburg in Norddeutschland. Als Gastarbeiterkind studierte er Physik und promovierte in Physik. Heute ist der 45-Jährige Vorstandsmitglied des Ditib- Landesverbands Nordrhein-Westfalen. Außerdem kümmert er sich seit neun Jahren im Bundesverband der Zentralmoschee in Köln um die Außenbeziehungen.

"Das geht vom interreligiösen und interkulturellen Dialog bis hin zur Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen auf Bundes- oder kommunaler Ebene. Bis hin zur Zusammenarbeit mit anderen zivilen Organisationen, Universitäten, Schulen und zum interislamischen Dialog. Auch dafür bin ich als Abteilungsleiter bei der Ditib zuständig."

Und auch dafür, mit ansässigen Stadtverwaltungen die Gestaltung muslimischer Friedhöfe zu verhandeln. Mit der Einrichtung muslimischer Friedhöfe in Deutschland wurde Anfang 2000 begonnen. Wer muslimisch bestattet werden möchte, muss nicht mehr zwangsläufig in die Türkei überführt werden. Die Ditib bezuschusst eine muslimische Bestattung bei Versicherungsabschluss mit knapp 2000 Euro.

"Das ist übrigens das stärkste Signal, das zeigt: Die Muslime bleiben hier. Nicht nur im Leben, sondern über das Leben hinaus, auch im Tod werden sie hier bleiben. Sie sind ansässig."

Berichte über Regierungskritiker an Ankara

Über zwei Jahrzehnte wurde gute und wichtige Arbeit geleistet. Doch unter Erdogan nahm die Nähe zwischen Staat und Religion immer stärker zu – mit Auswirkungen auch auf die Ditib.

Die muss sich seit geraumer Zeit den Vorwurf gefallen lassen, türkische Regierungspolitik in Deutschland zu betreiben, was schließlich im Januar 2017 in der sogenannten Bespitzelungsaffäre gipfelte: Ditib-Imame hatten Berichte über potenzielle Regierungskritiker unter den Moscheemitgliedern an Ankara weitergegeben.

"Wir haben 1.000 Imame bundesweit, die von der Diyanet kommen, und wir reden hier von ca. 13 Imamen, von denen aber tatsächlich nur einige einen Allgemeinbericht verfasst haben. Fünf bis sechs Imame haben auch personenspezifische Daten in ihrem Bericht benutzt. Und auch dort hat sich die Ditib sehr deutlich geäußert, dass das nicht geht, dass die Imame auch aufgrund des Vertrauensverlustes hier nicht weiter tätig sein können und zurück müssen."

Menschen wie Ayse Turhan sehen sich in einem Konflikt:

"Natürlich macht es mich traurig, wenn ich die negativen Schlagzeilen über die Ditib höre. Ich glaube schon, dass die Ditib auch Fehler gemacht hat, aber ich glaube, dass die das hinkriegen werden. Ich würde mir wünschen, dass die Ditib wieder ein gutes Standing erlangt und die Rechte der hier lebenden Türkischstämmigen gut vertreten werden. Natürlich leben wir hier in Deutschland und sollten uns selbstverständlich an deutsche Gesetze und Gepflogenheiten halten und nicht sagen, wir sind aber eine türkische Institution."

Kein Ende der "Import-Imame"

Sie kann sich als türkische Muslimin ein Leben in Deutschland ohne die Ditib nicht vorstellen. Wer sollte hierzulande deren Aufgaben übernehmen? Gleichzeitig verunsichern sie die Vorwürfe. Die Bundesregierung jedenfalls verlangt, dass sich die Ditib glaubhaft von Ankara löst. Die Imame dürften nicht weiter unter dem politischen Einfluss Ankaras stehen. Dazu gehört, dass sie auch nicht mehr von der Türkei bezahlt werden.

Ein Ende der sogenannten "Import-Imame" lehnt die Ditib aufgrund von Nachwuchsmangel ab. Zwar gibt es seit etwa zehn Jahren das Studienfach Islamische Theologie an deutschen Universitäten, aber die Absolventen werden überwiegend an deutschen Schulen eingesetzt, weil es auch da einen akuten Mangel an islamischen Religionslehrenden gibt.

Inzwischen schickt der Verband mithilfe von Stipendien Abiturientinnen und Abiturienten mit deutschem Pass und deutschem Abitur zum Theologiestudium nach Istanbul und Ankara, um sie nach fünf Jahren in deutschen Gemeinden als Prediger einzusetzen.

"Der Islam ist eine Religion, die sehr flexibel ist und sich auch anpasst. Wir können mitwirken, und dieses Mitwirken in diese gesellschaftlichen Prozesse ist sehr wichtig. Da haben wir auch unsere Ansätze im Islam."

Eyüp Kalyon ist einer von mittlerweile 60 Ditib-Stipendiatinnen und -Stipendiaten, die nach dem Abitur in Deutschland in der Türkei Islamwissenschaft studiert haben. Nun ist er, mit 28 Jahren, Imam an der Ditib-Moschee in Essen. Er ist dort außerdem für die Jugend und die Außenkontakte mit Behörden und Vereinen vor Ort zuständig.

Eyüp Kalyon sieht sich als in Deutschland sozialisierter Islamlehrer gegenüber den Imamen aus der Türkei klar im Vorteil: "Weil ich hier geboren bin, ich kann die Sprache, ich kenne die gesellschaftlichen Kontexte, ich kenne auch die Problematik, die gerade in Deutschland gegenwärtig ist."

Kollegialer mit den Deutschen zusammenarbeiten

Doch auch Eyüp Kalyon und seine Studienkollegen stehen allesamt in Lohn und Dienst des türkischen Religionsministeriums Diyanet. Eine glaubhafte Unabhängigkeit von der türkischen Regierung ist damit immer noch nicht gegeben.

Gerade in Zeiten von wachsender Islamfeindlichkeit braucht die Politik verlässliche Ansprechpartner, die sich nicht von der Türkei abhängig machen, wenn es um die Lösung einheimischer Probleme geht.

Das Nachsehen haben auf Dauer die sonst hier lebenden Muslime, Menschen wie Zeynep Turan:

"Ich würde mir wünschen, dass es die Ditib noch viele Jahre gibt. Aber Ditib muss mehr mit den Deutschen zusammenarbeiten. Sie müssen kollegialer zusammenarbeiten. Das würde ich mir wünschen." 

Man könnte für den Ditib-Skandal womöglich sogar dankbar sein, würde man ihn als Chance begreifen. Für beide Seiten. Denn offenkundig geht es jetzt ans Eingemachte. Es ist ein Ringen um Integration im wahrsten Sinne des Wortes. Die Diskussion um die Zusammenarbeit mit der Ditib geht erst richtig los.

Der ehemaliger Chef der Ditib in Niedersachsen, Yilmaz Kilic, versuchte Reformen anzustoßen. Aus seiner Sicht mischte sich die türkische Regierung so sehr in seine Arbeit ein, dass er und der gesamte Vorstand letztes Jahr zurücktraten. 
Was halten andere Landesverbände von der engen Bindung an die türkische Religionsbehörde? Sebastian Engelbrecht hat beim Berliner Verband nachgefragt –  und stieß auf eine Mauer des Schweigens.  
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