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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.10.2016

Islamkritiker Hamed Abdel-Samad "Der Koran wird zu ernst genommen"

Hamed Abdel-Samad im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Hamed Abdel-Samad, deutsch-ägypischer Politologe und Autor, aufgenommen am 22.08.2013 während der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" zum Thema: "Ägypten zwischen Glaube und Gewalt - erwartet der Westen zu viel?" im ZDF-Hauptstadtstudio im Berliner Zollernhof Unter den Linden. (dpa picture alliance/ Karlheinz Schindler)
Der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad analysiert in seinem neuen Buch den Koran (dpa picture alliance/ Karlheinz Schindler)

Der Koran sei "ein Supermarkt", aus dem sich alle bedienen könnten, sagt der Autor Hamed Abdel-Samad. Es gebe Passagen, die Gewalt rechtfertigten und solche, die Toleranz lehrten. Man solle das Werk daher nicht als politischen oder juristischen Ratgeber verwenden.

Wir bieten hier die zwölfminütige Langversion des Interviews an:


Der islamkritische ägyptisch-deutsche Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad hat sich für eine Öffnung der gesellschaftlichen Diskussion über den Islam ausgesprochen. Diese Debatte müsse wieder verstärkt in der Mitte der Gesellschaft geführt werden, sagte Abdel-Samad im Deutschlandradio Kultur. Es sei "extrem gefährlich", sie nur dem rechten Rand zu überlassen:

"Wenn wir diese Debatte nicht in der Mitte der Gesellschaft führen -  humanistisch, ohne Muslime auszuschließen -, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass der rechte Rand solche Themen natürlich für sich beansprucht."  

Er betrachte sein heute erscheinendes Buch "Der Koran. Botschaft der Liebe. Botschaft des Hasses" zwar als Kritik am Koran, meinte Abdel-Samad. Es sei aber zugleich als ein Beitrag zum "Wohle der Muslime" gedacht:

"Dass wir endlich einmal das Gewaltpotenzial dieses Buches neutralisieren können. Dass wir auch – und das schreibe ich im Buch – positive Aspekte dieses Buches hervorheben können, in der Erziehung, in den Moscheen. Aber dass man aus Angst vor dem rechten Rand Debatten unterdrückt und dabei hofft, dass die Debatte entkrampft wird, das ist die falsche Konsequenz. Das Gegenteil ist der Fall."  

Liefert Abdel-Samad dem rechten Rand Argumente?

Auf die Frage, ob er für seine islamkritische Haltung möglicherweise Applaus von der falschen Seite erhalte, entgegnete Abdel-Samad:

"Applaus tötet nicht. Ich habe andere Probleme. Ich lebe ständig unter Polizeischutz, weil ich von Islamisten bedroht werde, weil sie mich umbringen wollen, konkret umbringen wollen. Das ist viel ernster für mich."  

Er höre oft, dass seine Bücher dem rechten Rand Argumente auch für Gewalt gegen Muslime lieferten, sagte Abdel-Samad:

"Das sind die gleichen Leute, die sagen: 'Der IS missbraucht den Koran für Gewalt.' Das heißt: Gott kann sein heiliges Buch nicht vor Gewaltmissbrauch schützen, aber ich soll das tun? Nein, das geht nicht."

"Mein Buch ist auch ein Angebot an Muslime"

Als Schriftsteller sei er für seine Publikationen und für seine Äußerungen verantwortlich. Das sei manchmal in der Sache hart, "aber niemals gegen Menschen gerichtet." Er stelle die Existenzberechtigung von Muslimen keineswegs in Frage und verteidige sie gegen Rassismus, betonte Abdel-Samad. Er verstehe sein Buch auch als ein Angebot an Muslime, die Debatte über den Koran und den Propheten endlich einmal zu öffnen:

"Die vielen moderaten Muslime, die auf der  Unantastbarkeit des Koran beharren, helfen indirekt auch den Fundamentalisten und den Islamisten, die im Namen des Koran töten. Und das ist viel schlimmer und viel gravierender, als Applaus von irgendeiner Seite zu bekommen."

"Der Koran ist praktisch ein Supermarkt"      

Der Koran sei "praktisch ein Supermarkt", aus dem sich alle bedienen könnten, kritisierte Abdel-Samad. Dort gebe es Toleranz und Nächstenliebe, es gebe aber auch Gewalt und Ausgrenzung. Das Problem sei, dass der Koran heute von vielen Menschen zu ernst genommen werde. Er werde als politischer oder juristischer Ratgeber verwendet:

"Und genau dagegen versuche ich in meinem Buch vorzugehen, indem ich sowohl die Friedens- als auch die Gewaltpassagen, die Toleranz- und die Intoleranzpassagen (versuche), in historischem Kontext zu lesen und sie einfach zu neutralisieren."


Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Ist Ihnen das auch schon einmal passiert: Sie verfolgen im Fernsehen eine Diskussion zwischen einem Islamkritiker und einem gläubigen Muslim über das Gewaltpotential im Koran und können am Ende nicht beurteilen, wer von beiden recht hat. Der eine zitiert Passagen, die Gewalt gegen Anders- und Ungläubige und gegen Frauen befürworten, der andere zitiert Passagen, die für Vielfalt, Nächstenliebe und Vergeltung werben. Diese Zeilen sind nicht von mir, sie stammen von Hamed Abdel-Samad, der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler, der mit seinem Buch "Mohammed: Eine Abrechnung" als Kritiker des Islam bekannt wurde, und diese Zeilen eröffnen sein neues Buch, das heute erscheint, und mit dem ist er bei uns zu Gast. Hamed Abdel-Samad, ich grüße Sie!

Hamed Abdel-Samad: Hallo!

Frenzel: "Der Koran: Botschaft der Liebe. Botschaft des Hasses", das ist der Titel – also alles eine Frage des Blickwinkels?

Abdel-Samad: Ja, der Koran ist praktisch ein Supermarkt: man kann darin alle möglichen Produkte kaufen, erwerben, benutzen, brauchen, missbrauchen. Es gibt Toleranz und Nächstenliebe, es gibt Gewalt und Ausgrenzung, es gibt Passagen, die Frauen als gleichberechtigt betrachten und andere Passagen, die Frauen als Sexobjekte des Mannes auch betrachten. Das Problem ist nicht, was im Koran steht, sondern der Stellenwert des Korans als das endgültige letzte Wort Gottes, das angeblich direkt von Gott offenbart wurde. Da liegt das Problem.

Frenzel: Was ist der aus Ihrer Sicht eher, eine Botschaft des Friedens oder eben des Hasses oder stellt sich diese Frage eigentlich gar nicht heute?

Abdel-Samad: Man kann natürlich die Chronologie verfolgen, welche Passagen zuerst offenbart worden zwischen Anführungszeichen, und welche kamen erst später. Die späteren Passagen leider rufen zu Gewalt auf, heben die früheren Passagen auf.

"Jeder kann aus dem Koran machen, was er will"

Frenzel: Das heißt, wenn ich Sie richtig verstehe, wird der Koran heute von vielen zu ernst genommen oder falsch gelesen?

Abdel-Samad: Zu ernst genommen. Er wird gelesen. Jeder kann daraus machen, was man will, was man ist. Die friedlichen Muslime stöbern natürlich die friedlichen Passagen und sagen, das ist der wahre Koran, und die gewalttätigen Muslime nehmen die Gewaltpassagen und sagen, das ist die letzte Botschaft des Korans.

Problematisch ist, dass man dieses Buch zu sehr ernst nimmt als politischen Ratgeber oder juristischen Ratgeber verwendet, und genau dagegen versuche ich in meinem Buch vorzugehen, indem ich sowohl die Friedenspassagen als auch die Gewaltpassagen, die Toleranz- und die Intoleranzpassagen im historischen Kontext zu lesen und sie einfach zu neutralisieren.

Manche friedliche Muslime nutzen diese friedlichen Passagen, um Frieden mit Israel oder mit dem Nachbarn oder das Zusammenleben hier zu rechtfertigen, aber man tut das gleiche Spiel der Fundamentalisten: man hebt den Koran zu einem politischen Instrument auf, man wertet ihn auf, und diesen Fehler darf man nicht machen. Beide, Friedenspassagen und Gewaltpassagen, sind heute nicht mehr zeitgemäß und können uns heute nicht mehr weiterhelfen.

Sexualität und die Stellung der Frau im Koran

Frenzel: Schauen wir mal konkret rein in Ihr Buch. Sie beschäftigen sich da auch unter anderem mit dem Thema sexuelle Belästigung. Was hat der Koran mit den oft wohl alkoholisierten Grapschern etwa in der Kölner Silvesternacht zu tun?

Abdel-Samad: Selbstverständlich verlangt der Koran von einer muslimischen Frau und einem muslimischen Mann Keuschheit und natürlich, dass man keine fremde Frau anfasst, aber der Koran übertreibt auch diese Sexualmoral, und alles kippt ins Gegenteil, wenn es übertrieben wird. Wenn der öffentliche Raum von Frauen befreit werden sollte, wenn Frauen verschleiert werden sollten und zu Hause bleiben sollten, wie der Koran verlangt, das rechtfertigt indirekt die Gewalt gegen sie, wenn sie diese Regeln nicht befolgen.

Wenn die Jugendlichen übersexualisiert in ihrer Erziehung einfach durch die Verbote aufwachsen, all das führt dazu, dass die Beziehung zwischen Mann und Frau nicht gesund ist, dass die Frau auch als Sexobjekt gesehen wird, und das, leider Gottes, und das kommt sehr oft in der islamischen Welt vor, dass die Frau für die sexuelle Belästigung verantwortlich gemacht wird und nicht die Erziehung und nicht der sexuelle Hunger des Mannes.

Forderung nach einer Debatte in der Mitte der Gesellschaft

Frenzel: Herr Abdel-Samad, ich kann diese Analyse nachvollziehen, und gleichzeitig erleben wir zurzeit ja eine Debatte in diesem Lande, wir haben Phänomene wie die AfD, wie Pegida, gerade jetzt nach dem Tag der deutschen Einheit wieder sehr präsent – was ist der Nutzen einer solchen Analyse, wie Sie sie am Ende vornehmen? Liefern Sie am Ende nicht nur den Islamhassern von den genannten Organisationen Argumentationsmaterial?

Abdel-Samad: Nein, das ist extrem gefährlich, was Sie gerade sagen. Wenn wir diese Debatte nicht in der Mitte der Gesellschaft führen, humanistisch, ohne Muslime auszuschließen, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass der rechte Rand solche Themen natürlich für sich beansprucht wie die Themen Freiheit und wie die Themen Menschenrechte, was nicht stimmt.

Wir müssen diese Debatte in der Mitte der Gesellschaft führen, weil sie eine ernsthafte Debatte ist. Wir müssen über den Islam und insgesamt über Migration und Flüchtlinge offener, entkrampfter sprechen und mehr in der Mitte der Gesellschaft zum Wohle der Menschen. Ich betrachte dieses Buch zwar als Kritik an dem Koran, aber zum Wohle der Muslime, dass wir endlich mal das Gewaltpotential dieses Buches neutralisieren können, dass wir auch – und das schreibe ich im Buch – positive Aspekte dieses Buches hervorheben können in der Erziehung, in den Moscheen, aber dass man aus Angst vor dem rechten Rand Debatten unterdrückt und dabei hofft, dass die Debatte entkrampft wird, das ist die falsche Konsequenz. Das Gegenteil ist der Fall.

Wenn ich dieses Buch nicht veröffentliche, dann ist es ein Kniefall vor Islamisten und vor dem rechten Rand, und das ist nicht richtig. Ich bestimme als Schriftsteller, und die Medien bestimmen, was sie veröffentlichen sollten und nicht, dass wir uns erpressen lassen sowohl von Islamisten als auch von Rassisten.

"Ich lebe ständig unter Polizeischutz"

Frenzel: Aber gleichzeitig kriegen Sie den Applaus von dort. Stört Sie das?

Abdel-Samad: Applaus tötet nicht. Ich habe andere Probleme: Ich lebe ständig unter Polizeischutz, weil ich von Islamisten bedroht werde, weil sie mich umbringen wollen, konkret umbringen wollen. Das ist viel ernster für mich. Vielleicht kriegt Habermas manchmal für einige Aussagen auch vom rechten Rand Applaus. Kant wird auch vom rechten Rand zitiert. Das beeindruckt mich nicht.

Ich höre dieses Argument sehr oft und auch in Bezug auf dieses Buch: Herr Abdel-Samad, haben Sie nicht Angst, dass Ihr Koranbuch Argumente für den rechten Rand, dass auch Gewalt gegen Muslime verwendet wird. Das sind die gleichen Leute, die sagen, IS missbraucht den Koran für die Gewalt. Das heißt, Gott kann sein heiliges Buch vor Gewaltmissbrauch nicht schützen, aber ich soll das tun. Das geht nicht.

Nein, ich bin verantwortlich für das, was ich sage und für das, was ich schreibe, und das ist in der Sache hart, aber niemals gegen Menschen gerichtet. Im Gegenteil, ich nehme Muslime in Schutz, ich stelle ihre Existenzberechtigung nicht infrage, ich verteidige sie gegen Rassismus, aber mein Buch ist auch ein Angebot an Muslime: öffnen wir endlich mal die Debatte über den Koran und über den Propheten. Die vielen moderaten Muslime, die auf die Unantastbarkeit des Koran beharren, helfen indirekt auch den Fundamentalisten und Islamisten, die im Namen des Koran töten, und das ist viel schlimmer und viel gravierender als Applaus von irgendeiner Seite zu bekommen.

"Der Koran ist kein Ratgeber für politische Fragen"

Frenzel: Was brauchen wir dann in der Konsequenz? Brauchen wir eine Neuschreibung des Korans, braucht der Islam eine Art Aufklärung? Also brauchen wir eine Art westlichen Weg?

Abdel-Samad: Wir müssen den Koran so lesen wie er ist, als ein menschengemachtes Buch, ein Buch, das eine menschliche Erfahrung beschreibt, das eine Gemeindebildung protokolliert, wie diese Gemeinde zustande gekommen ist, Fragen und Antworten für die damalige Gemeinde bietet, aber nicht für unser Leben heute. Es gibt zwar ein paar allgemeine Prinzipien, wie Gerechtigkeit, wie Bewahrung der Schöpfung, die man natürlich aus dem Koran herleiten kann, aber dieses Buch disqualifiziert sich als ein Ratgeber für politische Fragen, für Gesetzgebung.

Frenzel: Hamed Abdel-Samad, Autor des Buches "Der Koran: Botschaft der Liebe, Botschaft des Hasses", das heute erscheint. Das Gespräch haben wir vor der Sendung geführt etwas ausführlicher. Die ungekürzte Fassung, die finden Sie online, deutschrandradiokultur.de

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Hamed Abdel-Samad: "Der Koran. Botschaft der Liebe. Botschaft des Hasses."
Droemer Knaur Verlag, München 2016.
240 Seiten, 19,99 Euro.

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