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Religionen / Archiv | Beitrag vom 05.03.2017

Islam und AlkoholIm Paradies ist Wein erlaubt

Von Michael Hollenbach

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Eine Weinflasche mit Drehverschluss und zwei mit Korken stehen am 24.03.2013 auf der Messe ProWein in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen).  (picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd)
Irdischer Wein oder paradiesischer Wein? Im Islam ist das ein großer Unterschied. (picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd)

Viele Menschen in Europa verzichten in der Fastenzeit auf Alkohol. Im Islam ist Alkohol immer verboten, sagt man. Aber stimmt das? Ein paar Koran-Suren sprechen da eine etwas andere Sprache – und die islamische Geschichte erst recht.

Das islamische Alkoholverbot gründet im Koran. Allerdings gibt es in der heiligen Schrift des Islam durchaus unterschiedliche Ansichten über den Alkohol. So heißt es in Sure 16, Vers 67:

"Und wir geben euch von den Früchten der Palmen und der Weinstöcke, woraus ihr euch ein Rauschgetränk macht und einen schönen Lebensunterhalt. Darin liegt ein Zeichen für Leute, die Verstand haben."

Peter Heine:
 "Das heißt, der Rauschtrank, der aus Wein oder Datteln hergestellt ist, ist eine Wohltat, die Gott den Menschen zukommen lässt. Der ist ein Zeichen für die Vollkommenheit der Schöpfung."

Dann in Sure 4, Vers 43:

"Oh ihr, die ihr glaubt, kommt nicht zum Gebet, während ihr betrunken seid, bis ihr wieder wisst, was ihr sagt."

Peter Heine: "Das ist natürlich nicht unvernünftig, diese Formulierung."

Und in Sure 5, Vers 90:

"Oh ihr, die ihr glaubt. Der Wein, das Glückspiel, die Opfersteine, die Lospfeile sind ein Gräuel und  Teufelswerk. Meidet es, auf dass es euch wohl ergehe. Der Satan will ja durch Wein und Glückspiel Feindschaft und Hass zwischen euch erregen und euch vom Gedenken Gottes und vom Gebet abbringen. Werdet ihr wohl damit aufhören."

Eine Frage der Interpretation

Berücksichtigt man die vermutete Offenbarungsreihenfolge der Koransuren, sieht man einen Wechsel von einer bejahenden zu einer akzeptierenden bis hin zu einer ablehnenden Position. Wein oder Nicht-Wein? Die Koranexegeten nach Mohammed standen vor dem Problem, wie sie diese Worte interpretieren sollten. Bis heute streiten zwei Richtungen um die rechte Interpretation.

In der traditionellen islamischen Auslegung wird auf die so genannte Abrogation verwiesen: Im Falle sich widersprechender Suren heben die späteren Aussagen die früheren auf. Das bedeutet: die Verse aus der späten Medina-Zeit gelten. Alkohol ist tabu.

Die liberale Auslegung betont dagegen, dass es in den späteren Versen um die Verbindung zwischen Alkohol und Glücksspiel gehe. Und da der Wein in einem anderen Koranvers zu den guten Gaben der Schöpfung gezählt wird, gehe es in Sure 5 darum, dass der Alkohol in Zusammenhang mit dem Glücksspiel verboten sei.

Irdischer versus paradiesischer Wein

Außerdem gab es aus Sicht des Propheten offenbar zwei verschiedene Weinarten: die irdischen und die paradiesischen, erklärt der Islamwissenschaftler Peter Heine.

"Die Seligen im Paradies, die können ja Wein trinken, im Koran wird gesagt, dass da Flüsse von Milch und Honig und Wein vorhanden sind. Und der Wein, der ist so: Da kann man so viel davon trinken, wie man will; man bekommt keine Kopfschmerzen."

Man kann davon ausgehen, dass sich die Muslime in den ersten Jahrhunderten nach Mohammed nicht alle aufs Jenseits vertrösten ließen. Auf jeden Fall prosteten sich 200 Jahre nach dem Tod des Propheten Muslime noch mit Weinkelchen zu, sagt Stephanie Brinkmann. Die Hamburger Professorin für Islamwissenschaften hat sich intensiv mit dem Thema Alkohol im Islam beschäftigt.

"Wir haben im 9. Jahrhundert Prosaschriften zur Weinzeremonie. Welchen Wein trinkt man zu welchem Essen? Wir haben Listen zu Weinnamen, wir wissen von vielen Herrschern, die Wein konsumiert haben. Aus all diesen Berichten wissen wir: Wein gab es, Wein wurde getrunken."

Gedichte auf den Wein

Wenn der Wein deine Knochen durchströmt, sich mit deinen Gliedern vermischt und in dein Inneres eindringt, verleiht er deinem Gefühl Aufrichtigkeit und befreit deine Seele von Wünschen.

So schrieb im 8. Jahrhundert der klassische arabische Literat al-Dschahiz.

Peter Heine: "Im neunten Jahrhundert gibt es ganz bedeutende Dichter, die für ihre Weinlyrik berühmt sind, und Dichter bedeutet auch, dass sie am Kalifenhof als Zechgenossen eine Art Anstellung hatten. Sie mussten den Kalifen abends unterhalten und dabei wird es nicht so ganz trocken zugegangen sein."

Welche Bedeutung der Wein damals hatte, werde auch dadurch deutlich, dass es im Arabischen 150 verschiedene Namen für den Traubensaft gibt. Der Wein wurde in den Regionen des heutigen Syrien, Libanon, Ägypten und Irak angebaut und auch auf die arabische Halbinsel geliefert, berichtet Peter Heine:
 
"Das arabische Wort, das heute noch für Kaufmann benutzt wird, bedeutete früher nichts anderes als Weinhändler."

Muslimische Gläubige beten in der Al-Nur Moschee in Berlin. (picture alliance / dpa / Miguel Villagran)Muslimische Gläubige beten in der Al-Nur Moschee in Berlin. Viele halten sich streng an das Alkoholverbot. (picture alliance / dpa / Miguel Villagran)

Ab dem 13. Jahrhundert ging der Weinkonsum in muslimisch geprägten Gesellschaften offenbar zurück. Einen Grund dafür sieht Peter Heine in den Eroberungsfeldzügen der mongolischen Heere. Die Zerstörungen verteuerten den Wein, der bis dahin ein alltägliches Getränk auch der einfachen Leute war. Die Weinökonomie und Weinkultur geht immer mehr in die Hände der Christen und Juden über. Während der Alkoholkonsum unter Muslimen  abnahm, traten andere Rauschmittel stärker hervor wie Haschisch und Opium:

"Das steht nicht im Koran. Haschisch kommt nicht vor. Das ist eine Pflanze. Pflanzen sind erlaubt, und das dauert im Grund bis in die 1960er Jahre, dass angefangen wird, intensiv von den Rechtsgelehrten auch gegen diese Form von Rauschmittel vorzugehen."

Doch während die hanbalitische Rechtsschule auf der arabischen Halbinsel das Alkoholverbot sehr streng auslegte, waren die im Nahen Osten überwiegenden Hanafiten da liberaler. Nicht nur Wein, sondern auch Anisschnaps war zwischen Istanbul, Damaskus und Persien bis ins 19. Jahrhundert weit verbreitet:

 "Es hat Phasen gegeben vor allem zur Zeit der Osmanischen Herrschaft, dass zumindest an den Höfen in Istanbul kräftig gebechert wurde. Man behauptet, dass manche der Expansionsbemühungen auf Mittelmeerinseln wie auf Zypern durchgeführt worden sind, weil es da so guten Wein gab. Ob das stimmt oder nicht, lassen wir mal dahingestellt sein."

Die Sitten und Gebräuche der Kolonialherren

Stephanie Brinkmann weist darauf hin, dass auch die Kolonisation Nordafrikas durch Frankreich und Großbritannien Einfluss hatte auf die Frage des Alkoholgenusses:

"Im 18., 19. Jahrhundert beobachten wir zwei Entwicklungen. Das eine ist: Im Rahmen der europäischen Expansion haben Teile der Bevölkerung, vor allem die gehobenen Schichten, gern die Sitten der Europäer übernommen, eben auch Kognak, Whiskey. Damit hat man sich gebrüstet. Das hatte auch mit Statussymbol zu tun. Auf der anderen Seite die Widerstandsbewegung gegen den europäischen Einfluss: da war der Alkoholkonsum ein Teil von einem größeren Thema, gegen diesen kulturellen Einfluss. Da haben wir dezidiert Abgrenzungsmechanismen."

Und heute? Mehrheitlich hat sich unter Muslimen die strenge Auslegung des Korans durchgesetzt: Alkohol ist Teufelszeug. In einer Fatwa, einem islamischen Rechtsgutachten, sollte sogar geklärt werden, ob sich ein Muslim mit einer Creme die Zähne putzen darf, in der Spuren von Alkohol zu finden sind. Und auch die Einnahme lebenswichtiger Medikamente, die Alkohol enthalten, wird heftig diskutiert:

Peter Heine: "Da ist es schon interessant, dass auch fromme Leute diese Medikamente ablehnen, obwohl es genügend entsprechende Rechtsgutachten gibt, in denen gesagt wird, in dem Fall muss das sogar genommen werden."

Fromme Muslime beschäftigt auch die Frage, ob sie selber sündigen, wenn sie andere nicht vom Alkoholkonsum abhalten. So zum Beispiel Kellner in der Gastronomie: Darf man als Muslim Bier ausschenken und Wein servieren?

"Die Antworten waren, wie häufig ja im islamischen Recht, sehr praxisbezogen, in dem gesagt wird: wenn ihr keine andere Arbeit findet, dann könnt ihr da arbeiten, dann ist das soweit in Ordnung."

Die aus dem Iran stammende islamische Religionswissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi ist aktiv im interreligiösen Gespräch und oft mit Christen und Juden zusammen. Sie kennt Muslime, die den Raum verlassen, wenn andere Alkohol trinken. Für sie selbst gilt aber:

"Ich bin dann immer dabei, wo Freunde dabei sind. Und da gucke ich nicht, ob Alkohol getrunken wird oder nicht. Mir ist wichtig, dass man zusammen ist, und ich werde den anderen nicht vorschreiben, was sie trinken dürfen und was nicht."

Viele halten sich nicht ans Alkoholverbot

Vor allem viele junge Muslime nehmen es ohnehin nicht so genau mit dem Alkoholverbot, sagt Ali Özdil, Leiter des Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstituts in Hamburg.

"Interessanterweise ist es so, gerade bei Jugendlichen, dass unter allen Verboten im Islam das Schweinefleischverbot am stärksten eingehalten wird, aber Alkohol konsumiert wird."

Dass man gern mal zu Bier, Wein oder Wodka greift, gilt nicht nur für Muslime in der Diaspora – wie zum Beispiel in Deutschland:

"Es gibt Untersuchungen in den jeweiligen Ländern, auch in der Türkei, da gibt es Regionen und Städte, in den der Alkoholkonsum sehr hoch ist. Das ist in der Türkei eher in der Ägäisregion als im Südosten der Türkei, wo die Menschen noch viel stärker religiöser geprägt sind."

Selbst Muslime aus hanbalitisch geprägten Ländern können der Versuchung nicht immer widerstehen:

"Es gibt Länder, in denen Alkohol verboten ist wie in Saudia-Arabien, aber dann fliegen sie nach Paris und konsumieren da Alkohol."

Zuhause drohen Saudis ebenso wie Ausländern bei Alkoholkonsum Peitschenhiebe. Die Tradition wird bis zu Mohammed zurückgeführt, denn unter den ihm zugeschriebenen Aussprüchen, den Hadithen, finden sich Vorschriften für drakonische Strafen:

Wenn sie Wein trinken, peitscht sie;
Wenn sie noch mal Wein trinken, peitscht sie.
Wenn sie noch mal Wein trinken, tötet sie.

Bis heute gibt es im Iran die Todesstrafe für wiederholten Alkoholkonsum.

Ali Özdil sieht das allerdings wesentlich entspannter: Auch wer als Muslim öfter mal beschwipst ist, werde nicht in der Hölle landen.

"Weil jeder Mensch sündigt. Wenn im Islam jemand eine Sünde begeht und akzeptiert, dass es eine Sünde ist, dann ist er ein Muslim. Wenn er aber etwas, was durch Gott und den Propheten verboten wurde, als erlaubt erachtet, dann fällt er aus dem Glauben raus."

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