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Kompressor | Beitrag vom 02.07.2020

"Irrenkunst" der Sammlung Prinzhorn Der Marquis im Copyshop

Thomas Röske im Gespräch mit Max Oppel

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Ordnerwand von Harald Bender. (Harald Bender(Pseudonym: Adelhyd van Bender), ohne Titel, vor 2000, Sammlung Prinzhorn Inv.Nr. 8070 © Sammlung Prinzhorn, Universitästklinikum Heidelberg)
Ordnerwand von Harald Bender. (Harald Bender(Pseudonym: Adelhyd van Bender), ohne Titel, vor 2000, Sammlung Prinzhorn Inv.Nr. 8070 © Sammlung Prinzhorn, Universitästklinikum Heidelberg)

Die Sammlung Prinzhorn findet und zeigt Kunst psychisch kranker Menschen. In der neuen Dauerausstellung nimmt Harald Bender mit seinem Werk eine zentrale Rolle ein. Sein Lebensprojekt war die Suche nach dem Ursprung des Menschen - und seiner selbst.

Die Sammlung Prinzhorn an der Uniklinik Heidelberg ist bekannt für die Kunst von psychisch kranken Menschen und solchen, die dazu erklärt wurden. Neuerdings hat die Sammlung auch eine Dauerausstellung: "Die Sammlung Prinzhorn – von 'Irrenkunst' zur Outsider Art" umfasst rund 120 Werke aus dem psychiatrischen Kontext von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute, wie es auf der Website heißt. 

Ein forschender Künstler

Ein Hauptwerk, das – derzeit nach Anmeldung per Mail oder Telefon – in der Dauerausstellung zu sehen ist, stammt von Harald Bender. Die Installation sei eine Art Bücherwand von Leitz-Ordnern, wie Thomas Röske, der Leiter der Sammlung Prinzhorn, berichtet.

Ein Aktenordner, in den der Künstler Zeichnungen abgeheftet hat, wurde durchkopiert und kann als Faksimile durchgeblättert werden.

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Daneben gebe es auch noch ein Konvolut von DIN-A1-Arbeiten in Benders Oeuvre, fast plakatartige Verlautbarungen der wissenschaftlichen Erkenntnisse mit seinem Vokabular: "Sehr interessante abstrakte Arbeiten", wie Röske sagt. Auch davon werde eine in der Dauerausstellung gezeigt.

"Harald Bender war ein sehr eigensinniger Mensch, der sehr zurückgezogen in einer Ein-Zimmer-Wohnung gelebt hat, diese fast vollständig gefüllt mit aufgehäuften, aufgeschichteten Aktenordnern, in denen er seine Forschungsresultate aufbewahrt hat", erzählt Thomas Röske. 

"Das sind Beweise"

Er habe Bender, der 2014 gestorben ist, zweimal besucht, die Kommunikation sei nicht einfach gewesen, sagt der Kunsthistoriker, der auch Psychologie studiert hat. Als er bei einem dieser Besuche in Benders Wohnung gesagt habe, all das sei eine tolle Installation – "wir müssen das unbedingt in einer Ausstellung zeigen" –, habe Bender gesagt: "Was? Ausstellung? Das ist keine Kunst. Das sind Beweise. Die gehören vor Gericht."

Ordner mit Zeichnungen von Harald Bender. (Ausstellungsansicht Dauerausstellung © Sammlung Prinzhorn, Universitästklinikum Heidelberg)Ordner mit Zeichnungen von Harald Bender. (Ausstellungsansicht Dauerausstellung © Sammlung Prinzhorn, Universitästklinikum Heidelberg)

Bender sei also nicht davon ausgegangen, dass es sich bei seiner Arbeit um ein Kunstwerk handele. "Das ist ein ganz spezifisches Merkmal davon, was heute als Outsider Art bezeichnet wird", erläutert Röske. 

Harald Bender hatte sich vor allem einer Aufgabe verschrieben, berichtet Röske aus einem seiner Gespräche mit dem Künstler: "Der Verbindung von Atom, für ihn Lichtenergie, und dem Eisprung."

Suche nach dem Ursprung 

Sein Interesse habe der Suche nach dem Ursprung des Menschen gegolten und auch dem Ursprung seiner selbst. Ihm sei nicht ganz klar gewesen, wer er war, auch nicht, ob er ein Mann oder eine Frau sei, er habe gemutmaßt, von adeliger Herkunft zu sein. Entsprechend habe er sich auch Adelhyd van Bender oder Marquis von Kensington genannt.

Für die Klärung dieser Fragen nach der Herkunft habe er sich dann bemüht, alle ihm vielversprechend erscheinenden Wissenschaften einzubeziehen, erklärt Sammlungsleiter Thomas Röske.

Bender sei einmal obdachlos gewesen, später habe ihm eine Erbschaft das selbstständige Leben in der kleinen Wohnung erlaubt, wo er sich dann mit den Fragen beschäftigt habe, die ihn interessierten – allenfalls unterbrochen für einen Gang zum Copyshop. Denn eine typische Arbeitsweise Benders sei gewesen, Zeichnungen durch Kopieren zu vervielfältigen und dann weiterzubearbeiten.

Ähnlichkeit zu Konzeptkunst

Schon im Jahr 2000 hat Bender der Sammlung dann 180 Aktenordner vermacht. Röske sagt zu dem Gesamtwerk: "Im Grunde erinnert das schon an ein konzeptuelles Kunstwerk." Es gebe oft frappierende Ähnlichkeiten zwischen Werken, die der Outsider Art zugerechnet werden, und der Konzeptkunst. "Das Verbindende ist, dass jemand sein ganzes Leben einer Idee widmet und diese kreativ ausgestaltet."

(mfu)

Fazit

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