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Thema / Archiv | Beitrag vom 28.06.2010

"Irgendwie ein Spotlight draufsetzen"

Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek über seinen Roman "Rabenliebe"

Peter Wawerzinek im Gespräch mit Joachim Scholl

Peter Wawerzinek: mein Lebensthema, mein Lebensschmerz. (Bachmannpreis)
Peter Wawerzinek: mein Lebensthema, mein Lebensschmerz. (Bachmannpreis)

Mit seiner Teilnahme in Klagenfurt wollte er vor allem etwas für seinen neuen Roman "Rabenliebe" tun, sagt der 55-jährige Berliner Autor Peter Wawerzinek. In dem vielschichtigen Buch habe er sich endlich an sein Lebensthema gewagt.

Joachim Scholl: Es ist ein literarischer Wettstreit vor vielen Augen – vor Publikum, umrahmt von Kritikern, das Fernsehen guckt auch zu, und in diesem Umfeld lesen und schwitzen auch oft die Autoren und Autorinnen alljährlich beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt nicht schlecht. Mehrere Preise werden jedes Mal vergeben, der wichtigste, zentrale ist der Ingeborg-Bachmann-Preis. Gestern war Finale, und triumphiert hat gleich doppelt mit dem Hauptpreis und dem Publikumspreis der Berliner Schriftsteller Peter Wawerzinek. Und dieser Text hat Publikum wie die Kritiker überzeugt:

Peter Wawerzinek: Ich habe gedacht, wenn ich mich schreibend verschenke, entfliehe ich dem Teufelskreis der Erinnerung. Schreibend bin ich tiefer ins Erinnern hineingeraten, als mir lieb ist. Schnee ist das Erste, woran ich mich erinnere. Verschneiet liegt rings die ganze Welt. Ich hab nichts, was mich freuet. Verlassen steht der Baum im Feld. Hat längst sein Laub verstreut, der Wind nur geht bei stiller Nacht, und rüttelt an dem Baume, da rührt er seinen Wipfel sacht und redet wie im Traume. Es schneit sanft in den Ort hinein. Danach gewinnt der Schneefall an Stärke. Es ist so oft Winter in meinem Kopf. Es schneit so häufig, dass ich denke, in meinen Kinderheimjahren hat es nur Schnee, Winter und Eiseskälte gegeben. Ich sehe mich eingemummelt. Frost und Rotz klebt an der Nase. Ich bin das ewige Winterkind unter Winterkindern beim täglichen Schneemannbauen.

Scholl: "Rabenliebe", ein Auszug aus dem unveröffentlichten Roman des Schriftstellers Peter Wawerzinek. Mit diesem Text hat der Berliner gestern den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewonnen. Die Kritiker haben sich dafür entschieden wie auch die Zuhörer, die Peter Wawerzinek auch noch den Publikumspreis verliehen. Der Autor ist jetzt am Telefon. Guten Tag, Herr Wawerzinek!

Wawerzinek: Guten Tag!

Scholl: Zunächst auch unsern Glückwunsch natürlich! In der Regel sind die Kandidaten für diesen Wettbewerb eher jünger, Sie, Herr Wawerzinek, sind mit 55 Jahren längst ein alter Hase im literarischen Betrieb. Wie sehr freut Sie diese Auszeichnung?

Wawerzinek: Ja, es freut mich vor allen Dingen, diese Auszeichnung für das Buch. Das ist ein Thema, was ich mir wirklich richtig abgerungen habe, oder besser gesagt, immer vorher zur Seite geschoben habe oder vor mir hergeschoben habe und dann doch die letzten sieben Jahre bearbeiten musste, und das nicht mal freiwillig, denn ich wurde von ein paar Freunden oder Leuten gedrängt, das zu machen. Und es freut mich, dass das jetzt auch wirklich angenommen wird. Also mich freut es für das Buch, mich freut es dafür, dass eben sehr viele Leute das jetzt lesen werden.

Scholl: Sie haben 1991 ja schon mal das Stipendium des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs bekommen, waren also schon mal da vor 20 Jahren. Wie war das jetzt?

Wawerzinek: Na ja, das war genau vor 19 Jahren, und damals war es einfach Aufgeregtheit nach dem Mauerfall und so weiter. Da war ich ein kleiner Shootingstar danach, das hat so vier, fünf Jahre lang angehalten, da konnte man dann noch Lesungen machen. Aber jetzt ist alles irgendwie so, dass ich sagen muss, es sind sehr viele Leute im Hintergrund, bei denen ich mich allen bedanken muss. Ich habe das auch im Buch als Danksagung hinten drin. Das ist eine viel größere Gruppe, ich bin gar nicht mehr der einzelne Autor, sondern, ja gut, ich habe das noch geschrieben und ich muss das jetzt auch vorlesen und ich bringe es auch gerne rüber, aber es sind sehr viele Leute mit mir jetzt froh, dass das Ding jetzt in der Welt ist.

Scholl: Auf das Buch kommen wir gleich zu sprechen, Herr Wawerzinek. Viele Autoren mögen diese Art des Wettbewerbs da in Klagenfurt ja nicht, manche weigern sich sogar zu lesen. Also wie ist das, wenn man angerufen und gefragt wird? Haben Sie überlegt, soll ich es überhaupt noch mal machen?

Wawerzinek: Nee, bei mir war es ziemlich klar, dass ich für das Buch was tun wollte. Also ich habe gedacht, man müsste irgendwie ein Spotlight draufsetzen, sonst hätte es wenig Chancen. Das ist leider so, und das muss man als Autor dann auch hinnehmen, dass das ein sehr kompliziertes, sehr vielschichtiges Buch ist und dass es mitunter Leser überfordert. Das wusste ich. Und da war natürlich Bachmann-Preis, da war ich natürlich überrascht, dass das die Meike Feßmann wirklich vorhatte, das dahin einzuladen. Und die Einladung an sich hätte mir wirklich schon gereicht, das wäre auch wirklich genügend Aufmerksamkeit da vorhanden, denn in Klagenfurt dabei zu sein, ist nun mal, glaube ich, auf dem Literaturgebiet schon mit das Schönste.

Scholl: Meike Feßmann, die Kritikerin, hat Sie vorgeschlagen. Waren Sie denn überrascht von dem ja doch durchaus großen Zuspruch, den Ihr Text erhielt?

Wawerzinek: Ich müsste lügen, wenn ich sage, ich bin überrascht gewesen. Ich bin mir bewusst gewesen, dass so emotionale Texte – von dem Findelkind, von der Waise oder so, dass das emotional schon berührt. Und deswegen habe ich ja versucht, auch so viel wie möglich Facetten auch sogar des Humors oder des schwarzen Witzes mit reinzubringen. Und letztendlich, wenn ich jetzt in Klagenfurt hier rumgehe, dass Personen vom Rad absteigen und sagen: Lassen Sie sich die Hand geben, danke schön, dass Sie es geschrieben haben – dann weiß ich, dass sie gar nicht mal den Text direkt meinen, sondern dass sie in der Verwandtschaft, in der Bekanntschaft auch adoptierte Kinder haben, dass sie Problemkinder haben, dass sie selber vielleicht sogar selber auch eine schwierige Kindheit hatten und dass sie vielleicht jetzt jemanden ansprechen, der sagt, endlich hat es mal einer auch in unserem Sinne. Und das, glaube ich, das ist das wirklich Überraschende, dass dieses Thema nicht als abgeleiert oder ach, na wieder eine Waisengeschichte oder wieder ein Lazaruskind, sondern dass sehr viele Leute von den – das waren ja nur acht Seiten, das war ja nur der Romananfang – schon so was von angerührt sind und ergriffen sind, das ergreift und rührt mich auch selber an.

Scholl: Peter Wawerzinek hier im Deutschlandradio Kultur. Er hat den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt gewonnen. Jetzt haben Sie schon einen kleinen Einblick gegeben in den Charakter und in das Wesen dieses Romans. Es werden Szenen aus einer Kindheit reflektiert, die man mit fug die Ihre nennen kann, Herr Wawerzinek. Es ist die Geschichte eines verlassenen Kindes, Ihre Eltern sind kurz nach der Geburt, nach Ihrer Geburt, aus der DDR geflohen und haben Sie zurückgelassen. Zehn Jahre sind Sie dann in staatlichen Kinderheimen aufgewachsen. Was hat Sie dazu gebracht, dieses Drama, vielleicht auch Trauma jetzt nach so vielen Jahren literarisch zu fassen?

Wawerzinek: Das ist ganz einfach beantwortet: Das hat einfach so lange gedauert. Ich habe ja vorher schon bestimmt zehn andere Bücher gemacht und fand mich immer einen verlogenen Typ, der sein Hauptthema, die Mutter, nie angerührt hat. Also ich habe das in verschiedenen Werken mal anklingen lassen, dass ich da Probleme habe, ich habe auch verschiedene ähnliche vergleichhafte …, zum Beispiel im Roman "Nix", meinen allerersten, da habe ich schon fantasiert, wie meine Mutter mich quasi beinahe geschlachtet hätte, weil sie mich für einen Broiler hält und in einer Großküche arbeitet. Aber ich habe das immer für feige gefunden und ich war auch feige. Mein eigenes größtes Thema, mein Lebensthema, mein Lebensschmerz aber auch mal zu einem 400-seitigen Werk zu machen, wo eben alle Facetten mal auch poetisch, auch verspinnert, aber auch irgendwie sich selber zurückerinnernd behandelt werden.

Scholl: "Schreibend bin ich tiefer in die Erinnerung hineingeraten, als mir lieb ist", haben Sie im Umfeld der Lesung geäußert. Auf was sind Sie denn in diesem Prozess des Erinnerns neu gestoßen?

Wawerzinek: Ich bin vor allen Dingen drauf gestoßen, dass ich doch ganz anders bin, als ich irgendwie von mir denke, und das Bild, das andere von mir haben. Und ich bin auch darauf gestoßen, dass die Erinnerung wirklich kein sicheres Ding ist. Ich glaube, wenn man irgendwas erlebt, beginnt dann schon die Erinnerung, das ganze Erlebte zu verfälschen. Oder man hört es dann von anderen, die das miterlebt haben, und die geben es ganz anders wieder. Und wenn so viele Jahrzehnte vergangen sind, dann muss ich leider sagen, dass ich Erinnerungen erinnere, die gar nicht so waren, sondern das waren schon Einbildungen, aus Verdrängung heraus geboren, um sich selber zu schützen vor der wirklichen Wahrheit. Und ich musste halt sehr viele Sachen freilegen, wo ich dann selber erschüttert war, dass das dann wirklich so trivial mit mir war, wo ich ... Ich glaube, ich habe das mit dieser Limousine gut beschrieben – die es natürlich nicht gibt. Natürlich war es ein Bus, da wurde man reingesetzt und wurde dann in Empfang genommen.

Scholl: Die Anfangsszene, wie sich das Kind sozusagen erinnern möchte, dass es gern ins Kinderheim gefahren worden wäre. Herr Wawerzinek, es ist zugleich aber auch ein sehr, sehr poetischer Text. Also an einer Stelle heißt es: "Im Nebel weiß ich die Mutter hinterlegt, die vergessen hat, wer ich bin". Ist das auch ein Text, der, ja, Frieden schließt, gerade mit der Mutter?

Wawerzinek: Es wird in dem Buch noch eine Stelle geben, die wird bestimmt auch noch viel diskutiert werden, weil ich da meine Mutter quasi in Schutz nehme und sage, sie konnte gar nichts anderes machen. Und ich habe da die ganze Nachkriegszeit mir von Menschen aus ihrer Generation, also von jetzt 75-, 76- bis 80-Jährigen erzählen lassen, und es war tatsächlich so, dass ich ein bisschen Verständnis hatte für die Mutti.

Scholl: Was diese Poesie dann wiederum bricht, sind kleine Einlassungen im Roman, also Nachrichtenmeldungen gewissermaßen über vernachlässigte, verwahrloste und dadurch auch zu Tode gekommene Kinder, so Meldungen, wie wir sie in den letzten Jahren ja oft lesen mussten. Welche Absicht steckt so hinter diesen, ja, schlimmen Nachrichten?

Wawerzinek: Ja, ich habe das jetzt so in letzter Zeit immer mit einer Wäscheleine verglichen, wo Wäscheklammern sind, dass man sich immer bewusst bleiben muss, dass es das immer wieder geben wird, dass das also kein Einzelfall ist, dass ich hier zwar mein Einzelschicksal benenne und dass viele Leute aber auch stumm sind und nicht mehr drüber reden wollen, dass Leute von den ganzen Erlebnissen auch fertig sind, die nicht mehr drüber nachdenken wollen, die dann lieber sagen: Einfach weiterleben! Und es gibt ja auch selber Leute, die sich aufgrund der Nichtbewältigung dann sogar umbringen und umgebracht haben. Und es wird immer wieder Übergriffe geben, von Mächtigen auf Schutzbefohlene. Das ist leider so, und es wird so bleiben. Und ich wollte damit alles ziemlich gerade rücken. Ich wollte einfach sagen, das ist ein poetischer Text, das ist ein literarischer Text, aber seid euch bewusst, die Welt ist nicht poetisch, die Welt ist nicht literarisch, sondern sie ist ziemlich gemein mitunter.

Scholl: Noch einmal zurück zum Wettbewerb: Wie war das eigentlich mit den jüngeren Kollegen so jetzt in diesen Tagen, man ist ja auch mal vielleicht was essen oder was trinken gegangen, hat vielleicht sogar Fußball geguckt?

Wawerzinek: Ja, also das ist ja, was mich nebenbei sehr freut, dass ich da mit fast 60 mich noch mal in diesen Wettbewerb mit Jüngeren, also aus der jüngeren Generation messen durfte oder zumindestens dabei sein durfte. Und ich finde, es haben sich auch sehr viele von den Jüngeren darüber gefreut oder mit mir gefreut, dass das dann der Preisträger geworden ist. Und das finde ich wirklich auch beachtlich, weil das ist ja immerhin ein Wettbewerb, es ist Konkurrenz da, aber im Zusammensein mit dem Großteil der Mitkonkurrenten bin ich – jedenfalls scheinbar, mir kam es so vor – recht gut zurechtgekommen.

Scholl: Der Roman "Rabenliebe" wird im kommenden Herbst im Berliner Verlag Galiani erscheinen. Viel Aufmerksamkeit dürfte ihm sicher sein. Peter Wawerzinek, Ingeborg-Bachmann-Preisträger des Jahres 2010, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Wawerzinek: Ich danke auch!

Programmtipp:
Im Deutschlandradio Kultur wird am Dienstag, 29. Juni 2010, von 19.30 bis 20 Uhr in der Sendung Literatur der Preisträger-Text von Peter Wawerzinek vorgestellt.

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