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Tonart | Beitrag vom 07.02.2019

Iranische Musikszene Musik im Schatten der Revolution

Bamdad Esmaili im Gespräch mit Oliver Schwesig

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Der iranische Sänger Mohsen Yeganeh im Februar 2016 auf einem Musikfestival in Teheran. 
Der iranische Sänger Mohsen Yeganeh im Februar 2016 auf einem Musikfestival in Teheran.

In den 70ern gab es eine lebendige Musikszene im Iran. Mit der Revolution vor 40 Jahren verschwand diese schlagartig und viele Künstler gingen ins Exil. Heute haben es Musiker im Land wieder einfacher, doch Sängerinnen werden weiterhin diskriminiert.

Oliver Schwesig: Wie hatte sich die Situation der Musiker mit der Revolution vor 40 Jahren verändert?

Bamdad Esmaili: Sie konnten nicht mehr ihren Beruf ausüben. In der Anfangszeit war die Musik komplett verboten. Khomeini hat gesagt die Musik ist harram. Weder im Radio noch im Fernsehen wurde Musik gespielt. Nur religiöse Musik oder Revolutionslieder waren erlaubt, das waren aber eher Chöre. Erst so 1982-83, also drei, vier Jahre nach der Revolution hörte man immer mehr traditionelle Songs und Ensembles.

Sänger wie Shahram Nazeri und Shajarian waren die ersten, die dann angefangen haben, Kassetten rauszugeben. Das erste Album was von sich Reden gemacht hat, war Bidad 1986. Der Sänger Mohammad Reza Shahjarian ist nach wie vor der größte Star der Szene im Land. Mit dem Komponisten Meshkatian. Wie gesagt, nur traditionelle Musik war in den 80ern und 90ern erlaubt.

Der iranische Sänger Shahram Nazeri 2009 (picture alliance/dpa/Foto: Fred Toulet/Leemage)Der iranische Sänger Shahram Nazeri 2009 (picture alliance/dpa/Foto: Fred Toulet/Leemage)

Oliver Schwesig: Was wurde aus den Popmusikern, denn in den 70ern gab es eine Blütezeit der Popmusik im Iran?

"Die meisten sind nach Los Angeles gegangen"

Bamdad Esmaili: Die wichtigsten Künstler sind Anfang der Revolution ausgewandert. Die meisten sind nach Los Angeles gegangen. Und dort war dann der Treffpunkt der iranischen Popstars wie Ebi, Dariush oder Hayede. Dort ist eine neue Epoche der iranischen Popmusik entstanden. Und die Musik, die dort produziert wird, nennen die Iraner "Los Angelesi" – also Musik, die in Los Angeles entstanden ist.

Einer der Hits ist vom Sänger Shahram aus dem Jahr 1981 – also zwei Jahre nach der Revolution. Die Iraner nennen die Stadt auch "Teheran Jeles", denn rund eine halbe Million Iraner oder Exiliraner leben in Los Angels. Rund 30 iranische Sender gibt es allein in dieser Stadt an der Westküste. Die Künstler können natürlich nicht in den Iran, deshalb gibt es in den letzten zehn, 15 Jahren einen regelrechten Hype um ihre Konzerte um den Iran herum. Sie machen also Konzerte in der Türkei, in Dubai, im Irak oder Armenien. Alles Länder, die die gut betuchten Iraner im Land einfach ohne Visum bereisen können.

Oliver Schwesig: Irgendwann kam aber die Wende auch im Iran und dort konnte man Pop Musik machen. Wie kam das?

Bamdad Esmaili: Der Druck auf die Regierung wurde dann scheinbar immer größer. Denn die Leute haben natürlich die Kassetten der Popsänger aus den USA illegal besorgt und auf Partys gehört. Wenn man jemanden im Auto mit den Kassetten erwischt hat, dann wurden die Kassetten kaputt gemacht und die Leute wurden bestraft.

Sharareh Farnejad, Gitarristin der Band Aryan, während eines Konzerts 2007 in Teheran.   (imago/ZUMA Press)Sharareh Farnejad, Gitarristin der Band Aryan, während des Konzerts. (imago/ZUMA Press)
So kam es, dass im Jahr 2000 die erste iranische Popmusik aus dem Iran offiziell eine Genehmigung bekam. Das war die zehn köpfige Band Aryan. Das war eine Sensation. Eine Popband im Iran. Musiker und Musikerinnen auf der Bühne gemeinsam – das gab es bis dato nicht. Die Band Aryan hat sich 2015 also nach 15 Jahren aufgelöst. Aber seitdem gibt es zig Popbands.

"Somit ist die ’Los Angelesi’ so gut wir tot"

Oliver Schwesig: Wie kam das zu dieser Wende?

Bamdad Esmaili: Scheinbar haben die Machthaber gemerkt, dass die Leute im Land sowieso die verbotene Musik aus Los Angeles hören. Dann haben sie gedacht, ok, dann werden wir gegensteuern und selber unsere Popmusiker fördern und groß machen. Einer der aktuellen Popstars aus dem Iran ist Mohsen Yeganeh. Mohsen Yeganeh und etwa weitere 20, 30 Musiker aus dem Iran haben genau das geschafft, wovon die Machthaber geträumt haben.

Sie haben es geschafft, dass die Fans im Iran aber auch Exiliraner immer mehr Musik aus dem Iran hören. Somit ist die Musik "Los Angelesi" so gut wir tot. Auf den Partys kommen die richtigen Kracher aus dem Iran. Nur die richtig großen Exilmusiker wie Ebi oder Googoosh können noch große Hallen füllen.

Der iranische Sänger und Musiker Ebi  (picture alliance/dpa/Foto: Lutz Müller-Bohlen)Der iranische Sänger und Musiker Ebi beim internationalen humanitären "HOPE Concert" für den Iran am 07.06.2013 im Berliner Velodrom. (picture alliance/dpa/Foto: Lutz Müller-Bohlen)

Oliver Schwesig: Es gibt aber auch eine Kehrseite der Medaille im Iran. Die Musiker müssen nach wie vor viele Einschränkungen in Kauf nehmen. Wie ist dort die Situation?

Bamdad Esmaili: Vor allem Sängerinnen leiden darunter. Denn Frauen dürfen im Iran nicht solo auf der Bühne singen. Wenn, dann nur im Chor. Das frustriert natürlich. Aber die Frauen versuchen durch Videoclips, auf sich aufmerksam zu machen. Immer wieder versuchen sie es auch auf der Bühne. Aber wenn sie ein paar Sekunden singen, dann werden sie mit dem Berufsverbot bestraft. Für Musiker ist es grundsätzlich eine Tortur im Iran, Konzerte zu veranstalten oder Alben rauszugeben.

Das Kulturministerium prüft alle Details und Textzeilen. Vieles wird zensiert. Es ist ein Kampf und das führt oft zur Frustration der Musiker. Und eine skurrile Geschichte noch zum Schluss: Im iranischen Fernsehen werden seit der Revolution keine Musikinstrumente gezeigt. Man hört dann den Gesang. Die Musiker sind hinter Schallwänden versteckt oder die Kamera zeigt sie einfach nicht. Oder oft werden auch Blumen und Wiesen gezeigt!

Oliver Schwesig: Seit 40 Jahren gibt es die islamische Revolution im Iran. Bamdad Esmaili hat berichtet, wie die Musikszene sich dort entwickelt hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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