Landwirtschaft im Irak

Die Alternative zum Öl

21:52 Minuten
Zwei Bauern auf einem Feld füllen Heu mit den Händen in große Säcke.
Die irakische Wirtschaft ist auf das Öl ausgerichtet. Dabei hieß das fruchtbare Land zwischen Euphrat und Tigris einmal "Kornkammer der Welt". © AFP / Ahmad Al-Rubaye
Von Azadê Peşmen  · 04.01.2022
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Mesopotamien – zwischen Euphrat und Tigris – gilt als Wiege der Zivilisation. Auf den fruchtbaren Böden soll es vor 7000 Jahren erstmals Ackerbau gegeben haben. Heute lohnt es sich kaum noch, Bauer im Irak zu sein. Das Öl regiert die Region.
Najat Muhammad Ahmad bewässert sein Salatfeld. Die braune Erde ist trocken, geregnet hat es schon lange nicht mehr, das Feld ist durchzogen von vielen schwarzen Schläuchen, die alle zu einer Bewässerungsanlage führen.
Sein Land liegt in der Nähe von Erbil – in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Er wirkt fast schon abgeklärt, wenn er davon erzählt, dass die Landwirtschaft allein nicht ausreicht, um sein Leben zu finanzieren, dass der „Nebenjob“ als Polizist nötig ist, damit es für ihn und seine Familie reicht.
„Ich bin jetzt 42 Jahre alt und war vielleicht zwölf Jahre meines Lebens nicht auf dem Feld, sonst habe ich durchgehend als Landwirt gearbeitet“, erzählt er. „Aber Landwirtschaft zu betrieben ist wie Glücksspiel. Wenn ich eine Garantie von der Regierung hätte, dass sie mir den Salat abkauft, dann würde ich auch nicht mehr nebenbei als Polizist arbeiten.“
Auf dem staubigen, roten Traktor im Feld steht das Mädchen Lana in pinkem T-Shirt. Neben ihr der Vater und Landwirt in grauer Hose und mit der Sonne im Gesicht.
Najat Muhammad Ahmad mit seiner Tochter Lana auf dem Traktor: Weil es nicht reicht zum Leben, arbeitet er nebenbei als Polizist.© Deutschlandradio / Azadê Peşmen
Najat trägt eine Mütze, die ihn vor der prallen Sonne schützen soll, ein grünes T-Shirt und eine graue Arbeitshose. Am Rande des umzäunten Feldes steht ein großer roter Traktor, auf dem seine Tochter Lana herumklettert. Die Erträge seien gering erzählt er, das liege vor allem an der Konkurrenz aus den Nachbarländern. Gegen die billigen Importe könne er mit seinem Salat nicht mithalten.
„Ich kann nur dann etwas verkaufen, wenn die Produkte, die von außen reinkommen, nicht gut sind. Oder wenn ich sie in den Süden des Irak exportiere. Aber vor allem, wenn die Grenzen zur Türkei und zum Iran geschlossen sind und nichts aus diesen Ländern importiert wird. Nur dann kann ich etwas verdienen“, sagt er.
„Ich habe noch nie versucht, selbst meine Produkte zu exportieren.Es gibt hier keine Unternehmen, mit denen wir Verträge machen könnten, die dann unsere Produkte in andere Länder verkaufen. Ich versuche einfach, meine Produkte zum Gumrîk zu schicken. Das ist der tägliche Markt. Wenn ich dort etwas verkaufe, dann verdiene ich Geld, aber wenn nicht, dann muss ich das wegschmeißen.“
Das Salatfeld ist mit Bändern abgesteckt. Es sind grüne Keimlinge zu sehen. Im Hintergrund stehen flache Häuser.
Hier wächst der Salat, den Najat Muhammad Ahmad in der Nähe von Erbil im Nordirak anbaut.© Deutschlandradio / Azadê Peşmen

Teures Saatgut aus USA, UK, Deutschland

Der Gumrîk ist eine Art Umschlagplatz, eine halbe Stunde vom Stadtzentrum Erbils entfernt. Hier stehen Bauern oder ihre Angestellten vor ihren meist weißen Pick-ups, voll beladen mit Kisten und Tüten voller Obst und Gemüse.
Samad Assad ist einer von ihnen. Er steht vor seinen in durchsichtigen Plastiktüten verpackten Tomaten und ist nicht gut zu sprechen auf die billige Konkurrenz aus der Türkei und dem Iran. Hier müsse es während der eigenen Erntezeit einen Importstopp geben, sonst würden viele Bäuerinnen und Bauern Verluste einfahren.
„Ich bin dankbar und glücklich mit meiner Arbeit, es ist nichts Unanständiges, aber wenn das mit den Importen aus der Türkei und dem Iran so weitergeht, dann muss ich damit aufhören und ich weiß auch nicht, was für einer Arbeit ich dann nachgehen kann. Ich habe dieses Jahr 100 Hektar mit Pfeffer und Wassermelonen angebaut und ich hatte einen täglichen Ertrag von 50 Tonnen. Und ich habe dabei 30 Millionen irakische Dinar verloren“, erzählt er.
Es sind aber nicht nur die billigeren Produkte aus anderen Ländern, unter denen irakische und kurdische Bäuerinnen und Bauern wie Samad Assad leiden. Die meisten haben ziemlich hohe Ausgaben, lange bevor sie das Produkt ernten können, es beginnt schon beim Anbau, erklärt der Bauer.
„Das nächste Problem ist das Saatgut, das ist auch zu teuer, wenn ich ein kleines Paket kaufe, kostet das 60 US-Dollar. Allein dieses Jahr, habe ich fast 5000 US-Dollar für Saatgut ausgegeben. Das Saatgut, das wir kaufen, kann man nicht noch mal verwenden, es kommt aus Großbritannien, den USA und Deutschland“, erzählt er.
„Bevor diese Unternehmen kamen, nutzten wir irakisches Saatgut. Die bekamen wir von der irakischen Regierung, die waren sehr gut, weil wir sie wiederverwenden konnten, aber mittlerweile gibt es das nicht mehr, also sind wir darauf angewiesen, neues Saatgut zu kaufen.“

Irak galt als "Kornkammer der Welt"

Die Anbauflächen der Bäuerinnen und Bauern hier auf dem Markt liegen in der seit Jahrtausenden fruchtbaren Region Mesopotamien – zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris. Bis zum Irakkrieg 2003 – und dem Einmarsch der US-geführten Militärallianz – wurde vor allem Weizen mit traditionellen Methoden angebaut.
„Kornkammer der Welt“ hieß die Region noch in den 1930er-Jahren. Viele unterschiedliche Arten Saatgut wurden verwendet und so gab es eine große Produktvielfalt, erklärt Kareem Ali, Dekan der Fakultät für Agrartechnik an der Salaheddin Universität in Erbil.
„Der Irak – und wenn wir uns auf die Region Kurdistan konzentrieren, dann ist das der Ursprung der Landwirtschaft und Zivilisation in der Welt–, das ist für alle Menschen wichtig, die hier leben“, sagt er.
„Wenn wir historisch weit zurückgehen, dann sehen wir, dass wir schon immer Getreide, zum Beispiel Weizen oder Gerste produziert haben oder Sesam. Die Kurdistan-Region ist – wenn man das so nennen will – ein multi-ökologischer Ort, wir haben zum Beispiel sowohl kalte Orte als auch warme Orte.“
Das Saatgut wurde – statt es jährlich neu zu kaufen – wie es jetzt meistens der Fall ist, aufbewahrt und wiederverwendet. In Abu Ghraib gab es eine zentrale Saatgutbank, die aber im Jahr 2003, während des letzten Irak-Kriegs zerstört wurde. Nun kaufen die Iraker ihr Saatgut von westlichen Firmen und sind darauf angewiesen. Das sei qualitativ besser als das frühere, traditionelle Saatgut. Das habe Nachteile, meint Kareem Ali.
„Die Ernte wird weniger. Im ersten Jahr wird die Ernte noch hoch sein, aber im zweiten, dritten und vierten Jahr wird sie sinken, deshalb sind wir von dem Saatgut aus anderen Ländern abhängig“, sagt er.
„Daran arbeitet aktuell auch der Landwirtschaftsminister, dass es mehr unterschiedliche Weizenarten gibt. Das Problem ist, dass es von dem irakischen Saatgut-Gremium abhängt, neue Sorten zu benennen. Derzeit gibt es nur drei unterschiedliche Sorten, die das irakische Komitee für Saatgut genehmigt hat.“

US-Invasion brachte die Marktwirtschaft

Vor 2003 mussten Bäuerinnen und Bauern kein Saatgut selbst kaufen. Entweder sie haben es von der irakischen Regierung bekommen oder sie konnten es aus dem vorherigen Jahr wiederverwenden.
Mit der Besatzung der USA hat sich für die Landwirte einiges geändert. Paul Bremer, der von George Bush eingesetzte Zivilverwalter für den Irak hat die sogenannten ‚100 orders‘ festgelegt, die weitreichende wirtschaftliche Konsequenzen nach sich zogen. Ziel war es, den Irak von der Planwirtschaft hin zu einer Marktwirtschaft zu entwickeln.
Nummer 81 dieser 100 Beschlüsse hat vorgesehen, dass Bäuerinnen und Bauern ihr Saatgut nicht wiederverwenden dürfen. Eine wirtschaftliche Verbesserung für die Landwirtschaft im Irak hat sich so aber nicht ergeben. Im Gegenteil. Sie fällt immer weiter zurück – hinter dem wichtigsten Exportgut: Öl.

99 Prozent der Exporte sind Öl-Geschäfte

Große Tanker, die das schwarze Gold von A nach B transportieren, gehören zum Straßenbild im Irak, sobald man sich am Stadtrand befindet. Wirtschaftlich gesehen spielt es mit Abstand die wichtigste Rolle. Großbritannien – als ehemalige Kolonialmacht im Irak – baute in den 1920er-Jahren den Ölsektor auf und kapitalisierte ihn. Mit der Gründung der „Iraq Petroleum Company“ konnten die Briten so ihre Monopolstellung festigen.
Erst in den 70ern wurde der Ölsektor verstaatlicht. Heute machen die Öl-Geschäfte laut Weltbank 99 Prozent der irakischen Exporterlöse aus und 85 Prozent der Regierungseinnahmen.
Ein irakischer Arbeiter überprüft in Kirkuk eine Ölpipeline.
Überprüfung einer Ölpipeline in Kirkuk: In den 1970ern wurde der Ölsektor verstaatlicht.© dpa / picture alliance / epa afp Sahib
Die Landwirtschaft in der Region Kurdistan geriet ins Hintertreffen. Auch wegen der Zeit unter Machthaber Saddam Hussein, erklärt Landwirtschaftssprecher Hussein Kareem in Erbil.
„Historisch gesehen ist Kurdistan natürlich eine Region der Landwirtschaft, die Region eignet sich gut für den Anbau. Wir haben auch viele Produkte in den Süden des Irak exportiert, aber aufgrund der politischen Situation wurde die Landwirtschaft in Kurdistan größtenteils zerstört, Landwirtschaft fand in erster Linie auf den Dörfern statt“, sagt er.
„In den 80er-Jahren haben sie die ganzen Dörfer zerstört. Viele Landwirte mussten zwangsweise an anderen Orten in Camps leben. Es wurden Menschen aus dem Norden in den Süden vertrieben. Das hat natürlich die Mentalität der Konsumentinnen und Konsumenten und auch die Produktivität der Landwirte verändert.“

Innerirakische Konflikte behindern Landwirtschaft

In den 80er-Jahren hat Saddam Hussein ganze Dörfer zerstört, Minderheiten, vor allem Kurdinnen und Kurden vertrieben und ermordet. All das war Teil der „Anfal-Operation“ des Diktators und hatte auch Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Wo es keine Felder und Bauern mehr gibt, kann auch nichts mehr angebaut werden.
Hinzu kommt die wirtschaftliche Konkurrenz innerhalb des Iraks, die auch zu Problemen führt: Der Norden – die Region Kurdistan ist teilautonom und relativ sicher – im Vergleich zum Süden, wo es häufiger zu Anschlägen kommt. Produkte aus dem Süden sind nicht gern gesehen bei den Bauern in Kurdistan und umgekehrt. Es gibt Forderungen nach Einfuhrzöllen oder Steuern.
Aber der Landwirtschaftssprecher winkt ab: „Aus politischen Gründen gab es früher Probleme, sodass der Irak es verhindert hat, dass Produkte aus der Region Kurdistan in den Irak eingeführt werden. Aber wir trennen das nicht: Produkte aus der Region Kurdistan und dem Irak sind aus ein und demselben Land, deshalb besteuern wir das auch nicht“, sagt er.
„Aber es treffen sich regelmäßig Vertreterinnen und Vertreter aus der Region Kurdistan und dem Irak, um dafür zu sorgen, dass es einfacher wird, die Produkte in unterschiedliche Landesteile zu importieren. Das ist für uns auch wichtig, denn für die Landwirtschaft sind die klimatischen Unterschiede von Vorteil: In der Region Kurdistan ist das Klima kälter und im Süden des Iraks ist es wärmer.“

Proteste gegen Tomaten aus dem Iran

Das Produkt, das für die Bäuerinnen und Bauern die größte Konkurrenz darstellt, sind Tomaten aus der Türkei und dem Iran. Im vergangenen Jahr protestierten sie und zertrampelten wütend kiloweise Tomaten, die sie nicht losgeworden sind.
Das liege auch am fehlenden ökonomischen Wissen, meint Agrarexperte Kareem Ali. In der Zeit vor 2003 – unter Saddam Hussein – wären die Bäuerinnen und Bauern ihre Produkte immer losgeworden, die Produktionsmittel hat die Regierung gestellt. Mittlerweile müssen sie sich selbst auf Angebot und Nachfrage einstellen und ihre Anbaumethoden danach ausrichten.
„Ihnen fehlt das Wissen über Nachfrage. Das ist ein Problem. Dieses Jahr haben zum Beispiel die meisten Bauern keine Gurken angebaut. Jetzt ist der Preis für Gurken in der gesamten Region Kurdistan recht hoch. Mit Tomaten läuft es derzeit recht gut, weil es mittlerweile Fabriken gibt, in denen Tomatenmark hergestellt wird“, sagt er.
„Aus Gurken kann man auch Essiggurken machen. Bauern brauchen einfach Informationen: Du kannst deine Gurken nicht verkaufen? Dann tue sie ins Gefrierfach, du kannst sie später verkaufen. Da fehlt es an Kommunikation zwischen Wissenschaft und Bauern.“

Privatisierung durch US-Behörde

Auch das Landwirtschaftsministerium möchte die verarbeitende Industrie stärken und so die Agrarindustrie und Bäuerinnen und Bauern unterstützen. Der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums Hussein Kareem verspricht sich vor allem durch die fortschreitende Privatisierung Fortschritte.
„Es gibt Unternehmen, die Tomatensauce und Tomatenmark produzieren, eine Fabrik ist in Halabja, die andere in Harir. Es gibt jetzt auch Firmen die den Überschuss an Kartoffeln nutzen und daraus Pommes produzieren, es gibt Verträge mit diesen Unternehmen, dass sie dafür lokale Produkte nutzen müssen, wenn sie Tomatenmark oder Pommes herstellen. Dafür setzt sich das Landwirtschaftsministerium ein“, erklärt er.
Nicht nur das Landwirtschaftsministerium unterstützt die Privatisierung, auch ein weiterer, nicht unwichtiger Akteur tut das: die „United States Agency for International Development“, also die Behörde der Vereinigten Staaten für Entwicklungszusammenarbeit.
Die USA sind weiterhin einer der wichtigsten Partner und Geldgeber des Iraks. Die US-Entwicklungsbehörde hat ein millionenschweres Investitionsprogramm angekündigt. Geplant ist ein Agrobusiness-Inkubator, also eine Art „Brutkasten“ für neue Ideen in der Landwirtschaft. Damit sollen sowohl Unternehmen als auch Start-ups mit Sachleistungen und technischer Hilfe unterstützt werden. Außerdem solle der Konsum lokaler Produkte beworben werden.
Diese Initiative ist nur ein Beispiel für ausländische Investitionen, die von der kurdischen Regionalregierung nicht nur begrüßt, sondern ausdrücklich gefördert werden. 2006 wurde eigens dafür ein Investitionsgesetz verabschiedet, das ausländischen Unternehmen erleichtern soll, in die Region zu investieren. So sind ausländische Firmen zum Beispiel nicht dazu verpflichtet, lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzustellen.
Erfolge in der irakischen Landwirtschaft sind dringend notwendig, damit Bäuerinnen und Bauern wie Najat Muhammad Ahmad weitermachen können, um das Land und die eigene Familie zu versorgen. Auch ohne seinen Nebenjob als Polizist: „Natürlich, wenn es so weitergeht habe ich keine andere Möglichkeit als mit der Landwirtschaft aufzuhören, aber solange wir genug zu essen haben, bin ich dankbar.“
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