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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 11.06.2019

Investmentunternehmen BlackrockDer unscheinbare Finanzgigant

Von Caspar Dohmen

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Firmensitz von BlackRock in New York. Drei Männer laufen in einer Halle, im Hintergrund  steht an einer Wand BlackRock. (imago/IP3press/Vincent Isore)
Blackrock ist weltweit an mehr als 17.000 Unternehmen beteiligt. Hier der Firmensitz in New York. (imago/IP3press/Vincent Isore)

Von Blackrock haben viele erst gehört, als Friedrich Merz CDU-Parteivorsitzender werden wollte. Merz ist dort im Aufsichtsrat. Seit Jahren ist der Vermögensverwalter an fast allen größeren Börsenunternehmen beteiligt – auch an der "Deutsche Wohnen".

6. April. Berlin Alexanderplatz. Sammelpunkt der Demonstration für das Volksbegehren "Spekulation bekämpfen – Deutsche Wohnen & Co enteignen". "Miete kostet mehr, als wir verdienen", singt eine Sängerin und "Verdrängen lassen wir uns nicht, denn Wohnen ist ein Menschenrecht." "Deutsche Wohnen" gehören alleine in Berlin rund 112.000 Wohnungen. Abseits des Getümmels eine Frau mit einem Plakat, auf dem in dicken schwarzen Lettern steht: "Blackrock enteignen".

Demonstrantin: "Ich gebe einfach keine Interviews so gerne, ich finde, es ist Aufgabe von Journalistinnen und Journalisten und auch vom Deutschlandfunk, sich mit Blackrock auseinanderzusetzen, weil das können Journalisten viel besser und Sie haben alle Möglichkeiten dazu, bitte machen Sie das."
"Ja das mache ich ja auch, aber..."
"Okay, okay."
"Hat es für Sie einen Anlass, dass Sie gerade Blackrock rausnehmen, weil die meisten hier sind ja mit anderen Schildern unterwegs. Also haben Sie einen Bezug gerade jetzt zu Blackrock?"
Demonstrantin: "Haben Sie keinen?"

Olga: "Die sind in 'Deutsche Wohnen' drin und seitdem die drin sind, kann sich Deutsche Wohnen alles erlauben."

Blackrock ist beteiligt an Deutsche Wohnen

Ihre Begleiterin Olga schaltet sich ein, Therapeutin im Ruhestand. Olga erzählt von der Wohnungssuche einer Rollstuhlfahrerin, der sie hilft. Sie weiß von leer stehenden Wohnungen in einer Großsiedlung in Spandau. Die frühere städtische Sozialsiedlung gehöre mittlerweile der "Deutsche Wohnen":

Olga: "Die halten sie jetzt seit ca. einem Jahr hin. Drei Wohnungen sind frei. Und dann habe ich gelesen, dass Blackrock zu acht Prozent drin waren. Und ich denke, ja, das können die sich erlauben, wenn so eine Riesenimmofirma da drin ist,  dann können die sich erlauben, so mit den Leuten umzugehen, die haben es nicht nötig. Die haben es noch nicht einmal nötig, die zu vermieten."

Für Olga ist es eine ausgemachte Sache, dass der Finanzgigant Blackrock Schuld am Leerstand ist. Blackrock wird für vieles verantwortlich gemacht. Das ist insofern verständlich, als Blackrock tatsächlich mit vielem zu tun, denn er ist als größter Vermögensverwalter der Welt an fast allen wichtigen börsennotierten Unternehmen der Welt beteiligt.

In Deutschland hat man die Aktivitäten des unscheinbaren Riesen lange Jahre wenig beachtet. Das änderte sich, als Friedrich Merz vergangenen Herbst CDU-Parteichef werden wollte – Merz ist Aufsichtsratschef von Blackrock und somit für dessen Kontrolle in Deutschland zuständig.

Seitdem bekannt ist, in welchen Dimensionen Blackrock auch in Deutschland engagiert ist, empfindet nicht nur Olga Blackrock als Bedrohung.

Demonstration gegen steigende Mieten und Gentrifizierung am 6. April in Berlin. Mit einem Transparent "Deutsche Wohnen & Co Enteignen". (imago images/Stefan Boness/Ipon)Demonstration gegen steigende Mieten und Gentrifizierung am 6. April in Berlin. An dem Tag startete auch das Volksbegehren „Deutsche Wohnen & Co enteignen!“. (imago images/Stefan Boness/Ipon)
"Der unheimliche Gigant", schrieb die konservative "Welt am Sonntag" und warnte:

"Der Geldverwalter Blackrock wurde einst gegründet, um das Unmögliche zu erreichen: Das Risiko auszuschalten, entstanden ist ein Riese, der das ganze Finanzsystem gefährden kann."

Und Heike Buchter, US-Korrespondentin, betitelt ihr Buch zum Thema:

"Blackrock. Eine heimliche Weltmacht greift nach unserem Geld."

"Es gibt keinen Geheimplan"

Frankfurt, am Main, Opernplatz. Elf Wochen nach der Berliner Demonstration. Der marmorverkleidete Aufzug fährt innerhalb weniger Sekunden vom Erdgeschoss in das oberste Stockwerk des Opernturms. Im Flur stehen Vitrinen mit Preisen und Auszeichnungen für Finanzprodukte. Hier im 41. Stock sind auch die Konferenzräume von Blackrock.

"Guten Tag! Dirk Schmitz ist mein Name"

Fester Händedruck, verbindliches Lächeln. Dirk Schmitz, der Deutschlandchef von Blackrock, ist ein zugewandter Endvierziger, der alle Fragen freundlich pariert, auch die etwas provokanten.

"Sie waren ja lange im Investmentbanking zu einer Zeit, wo das sexy war und so etwas wie ein Vermögensverwalter – todlangweilig. Jetzt sitzen Sie hier, haben Sie keine Lust mehr darauf, dass es spannend ist, und bevorzugen jetzt die Langeweile?"

Dirk Schmitz: "Nein, ich bin auch nie in das Investmentbanking gegangen, weil es sexy war, sondern ganz einfach, weil die Arbeit mir dort Spaß gemacht hat, aber genauso macht die Arbeit mir hier Spaß."

"Wenn über Blackrock berichtet wird, finden sich da oft Überschriften wie 'Die unheimliche Macht' oder 'Der gefährliche Gigant' – können Sie das nachvollziehen?"

"Ja, ich denke mal, dass kommt dann oftmals aus der Tatsache heraus, dass man uns nicht gut genug kennt, also wir sind eine ganz normale Fondsgesellschaft, die global agiert, die ganz normal Fonds anbietet für Anleger und für Kunden, natürlich haben wir eine gewisse Größe, die oftmals dann dazu verleitet, gewisse Geschichten erzählen zu wollen. Aber diese Geschichten haben wenig mit der Realität zu tun. Es gibt ja keinen Geheimplan, es gibt keine unheimliche Macht, es gibt diese ganzen Dinge nicht, die gerne in Geschichten erzählt werden."

Also alles ganz harmlos? Das sehen nicht alle so, denn natürlich birgt eine solche Konzentration von Geld und Macht Risiken: politische, wirtschaftliche, technologische und soziale. Nils Goldschmidt, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Siegen:

"Blackrock ist ein Riese, das kann man nicht anders sagen. Wir haben Assets, die sie verwalten, im Bereich von sechs Billionen Euro ungefähr. Das ist eine enorme Summe."

6.000.000.000.000 Euro

Sechs Billionen Euro – das ist eine Sechs mit zwölf Nullen und entspricht einem 14tel der globalen Wirtschaftsleistung. Eine solche Ballung von Anlagevolumen hat es in privater Hand noch nicht gegeben. Aber aus Wettbewerbssicht allein alarmiert die Größe von Blackrock Goldschmidt nicht.

Goldschmidt: "Gleichzeitig und das ist, glaube ich, auch wichtig, muss man sehen, dass der Markt für Vermögensverwaltung eigentlich relativ plural ist. Also, wenn man den nächstgrößeren sieht –Vanguard – hat auch fünf Billionen ungefähr, auch andere, State Street ist relativ groß. Also es gibt sehr viele große Akteure dort. Auch ist es in dem Sinne plural, dass es nicht alles nur US-amerikanische Firmen sind, sondern denken wir an die Allianz, denken wir an die UBS, es gibt auch französische wirklich große Player.

Das heißt also, der Markt als solcher ist zwar riesig, was das Volumen angeht, aber selber ist er kein monopolistischer Markt oder ein Markt, der von ganz, ganz wenigen nur beherrscht wird."

Goldschmidt ist Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft und entschiedener Verfechter des Wettbewerbs als Motor für wirtschaftlichen Wohlstand. Er sieht aber in der Konzentration der Beteiligungen bei den größten Vermögensverwaltern sehr wohl ein wirtschaftspolitisches Risiko: 

"Ordnungspolitisch ist die Entwicklung durchaus bedenklich, also wenn man die großen drei US-amerikanischen Anbieter nimmt Blackrock, Vanguard, State Street, dann sind sie bei fast 90 Prozent der 500 größten Unternehmen in den USA beteiligt, und das hinterlässt schon einen etwas fahlen Beigeschmack."

Warum aber werden Vermögensverwalter immer größer? Mit solchen Fragen beschäftigt sich der Politikwissenschaftler Benjamin Braun am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. In wenigen Wochen geht er als Gastforscher an die US-Eliteuniversität Princeton.

"Einmal die Anhäufung von Wohlstand über die Jahrzehnte hinweg. Wir werden einfach immer reicher, und dieser Wohlstand wird investiert und die Unternehmen, die das Investieren übernehmen, wachsen entsprechend."

Der deutsche Firmensitz von Blackrock in München. (imago/Alexander Pohl)Der deutsche Firmensitz von Blackrock in München. (imago/Alexander Pohl)
Neben Nordamerikanern und Europäern legen längst auch viele Anleger aus Schwellenländern Gelder bei Vermögensverwaltern an. Außerdem haben Regierungen das Geschäft der Vermögensverwalter, die im Englischen Asset-Management-Gesellschaften genannt werden, beflügelt.

"Der andere Faktor ist die Privatisierung von Rentensystemen, zunächst mal die zunehmende Kapitaldeckung von früher umlagefinanzierten Rentensystemen und gleichzeitig und zusätzlich die Privatisierung von Rentensystemen. Beides führt dazu, dass professionelle Asset-Management-Gesellschaften an Business hinzugewinnen."

Zwei Drittel der Anlagegelder bei Blackrock dienen laut Unternehmensangabe der Altersvorsorge.

Braun: "Aus meiner Sicht als Sozialwissenschaftler ist es interessanter zu fragen, wovon ist Blackrock eine Manifestation und das ist, was ich als Asset-Manager-Kapitalismus bezeichnen würde, also eine Konstellation, in der nicht mehr die Banken die erste und wichtigste Rolle im Finanzsystem spielen, sondern Asset-Management-Gesellschaften."

Wandel vom Industriekapitalismus zum Finanzkapitalismus

Der Kapitalismus hat sich im Laufe seiner Geschichte einige Male gewandelt, etwa vom Industriekapitalismus zum Finanzkapitalismus. Der Sozialwissenschaftler konstatiert einen erneuten Wandel, bei dem die Vermögensverwalter dominant sind. Für ihn spricht einiges dafür, von einem Asset-Management-Kapitalismus zu sprechen. 

"Erstens: sehr hohe Konzentration der Eigentümer-Landschaft, zweitens: die dominanten Eigentümer sind bloße Intermediäre, sie halten die Assets, sie halten die Aktien im Auftrag ihrer Kunden. Diese Kunden sind in erster Linie andere institutionelle Investoren, insbesondere Pensionsfonds, aber auch z.B. Staatsfonds, Stiftungen, reiche Universitäten usw. Andererseits aber auch einzelne Sparer, Haushalte, in erster Linie natürlich vermögende Haushalte, sie sind also bloße Intermediäre. Und drittens sind diese Asset-Manager aufgrund ihrer Größe und aufgrund ihrer dominanten Investmentstrategie nahezu vollständig diversifiziert."

Alleine Blackrock ist weltweit an mehr als 17.000 Unternehmen beteiligt, gewöhnlich mit drei bis zehn Prozent. In den 31 Jahren seines Bestehens ist der Vermögensverwalter zum größten Investor in den meisten Ländern der Welt geworden – auch in Deutschland.

Etwa die Hälfte der Kundengelder managt Blackrock passiv und verteilt sie nach Kundenwünschen auf sogenannte börsengehandelte Indices. Diese passive Anlagestrategie stellt die bisherigen Verhältnisse auf dem Aktienmarkt auf den Kopf.

"Das heißt, Blackrock hat in den gesamten Markt investiert und hat ein Interesse am Return on Investment im Hinblick auf den gesamten Aktienmarkt, nicht im Hinblick auf einzelne Unternehmen, auch das ist ein fundamentaler Unterschied zum Shareholder-Value-Kapitalismus, in dem die Annahme immer war, einzelne institutionelle Investoren schließen Wetten auf einzelne Unternehmen ab, das mögen viele Unternehmen sein, aber es waren niemals alle Unternehmen."

In 30 Jahren zum größten Vermögensverwalter der Welt

Anfang der 1980er-Jahre kam Larry Fink von der Westküste  nach New York, in einer Zeit, in der die Deregulierungspolitik von Ronald Reagan der Wall Street immer mehr Geld zuführte und dem Investmentbanking keine Grenzen gesetzt waren.

Die renommierte Wallstreet Investmentbank First Boston stellte ihn ein. Fink handelte dort mehrere Jahre sehr erfolgreich mit Bonds – also Anleihen von Staaten oder Unternehmen. Er gehörte zu den Erfindern der strukturierten Hypothekenwertpapiere, mit denen Investmentbanken Hauskredite bündeln und weiterverkaufen konnten.

Diese Vehikel lösten 2008 die Pleite von Lehman Brothers und letztlich die große Rezession aus. Aber da war Larry Fink schon lange mit etwas anderem beschäftigt.

Ein verzweifelter Händler auf der Warenterminbörse (NYMEX) am 16. September 2008 in New York nach der Pleite von Lehman Brothers.  (picture alliance/dpa/Seth Wenig)Ein Händler auf der Warenterminbörse (NYMEX) am 16. September 2008 in New York nach der Pleite von Lehman Brothers. (picture alliance/dpa/Seth Wenig)
1988 hatte sich Blackstone bei ihm gemeldet, die größte Private Equity Firma der Welt. Solche Unternehmen kaufen vor allem Unternehmen auf, nehmen sie von der Börse und versuchen, durch Teilverkäufe und/oder Einsparungen bei Personal oder Forschung deren Gewinn zu steigern, um sie dann weiterzuverkaufen.

Gemeinsam gründeten die Blackstone-Partner mit Larry Fink ein Jointventure: Blackstone Financial Management. 1995 übernahm Larry Fink dann alleine diese Firma und nannte sie Blackrock: "Schwarzer Felsen". Larry Fink schreibt über das Selbstverständnis der Firma:

"Wir handeln stets in vollem Bewusstsein der großen Verantwortung, die wir tragen. Denn wir sind Treuhänder der Ersparnisse vieler Millionen Menschen weltweit. Unser Ziel ist es, unseren Kunden einen einfachen Zugang zu den Anlagemärkten und damit die Teilhabe am Wirtschaftswachstum zu ermöglichen, schon ab einem Anlagebetrag von 25 Euro."

Klingt zu gut, um wahr zu sein – stimmt aber! Vermögensverwalter wie Blackrock oder Vanguard haben den Zugang zum Kapitalmarkt zweifellos ein Stück demokratisiert. Heute kann sich ein Kleinanleger für Anlagestrategien entscheiden, die früher nur Wohlhabenderen vorbehalten waren. Möglich machen dies die sogenannten Exchanged Trading Fonds, kurz ETFs. An dem Produkt findet selbst Gerhard Schick gefallen, ehemaliger finanzpolitischer Sprecher der Grünen und Initiator der "Bürgerbewegung Finanzwende". 

"Von den Produkten her für den Kunden ist das erst einmal nichts Böses, sondern das ist an vielen Stellen eine bessere Dienstleistung, als es andere machen, und daher kommt ein Teil des Erfolges und deswegen gibt es bei den Blackrock-Kritikern auch diejenigen, die vor allen ihren eigenen Marktanteil verteidigen wollen. Und da müssen wir, glaube ich, sauber sein und das auseinander halten."

"DAX-Investment von Blackrock ist 50 Milliarden Euro wert"

Seitdem Blackrock 2009 den Fondsanbieter BGI von der angeschlagenen Bank Barclays übernahm, gehört Blackrock zu den führenden Verkäufern solcher börsennotierter Indexfonds. 

Schick: "Im einzelnen Unternehmen hat Blackrock in der Regel keine Anteile über zehn Prozent. Das ist nicht problematisch. Aber Blackrock ist bei jedem DAX-Unternehmen einer der großen Aktionäre und bei einigen auch der größte und in der Summe wird das dann schon viel. Alleine das DAX-Investment von Blackrock ist 50 Milliarden Euro wert und das schafft eine starke Stellung und deswegen kann man, glaube ich, die politische Macht, die da entstanden ist und die wirtschaftliche Macht, nicht wegdiskutieren: Die ist da.

Wenn man sich anschaut bei Blackrock, wie gut die Vernetzung in den politischen Bereich ist, wie die in allen Ländern es geschafft haben, immer wieder ehemalige Spitzenpolitiker für sich zu engagieren, dann muss man schon davon ausgehen, dass die dieses Instrumentarium der politischen Beeinflussung dann auch spielen können."

Auf der Gehaltsliste von Blackrock stehen prominente Namen, in Deutschland etwa der CDU-Politiker Friedrich Merz, in der Schweiz der ehemalige Notenbankchef Philipp Hildebrand oder in den USA Cherryl Mills, die ehemalige Stabschefin von Hillary Clinton. Auch die Kunden von Blackrock sind keine Nobodys. Unter ihnen sind auch die Zentralbanken, etwa die amerikanische Fed oder die EZB.

"Die Entstehung von Blackrock und die Entstehung der Marktmacht von Blackrock ist nicht erklärbar ohne die Zusammenarbeit mit den Zentralbanken, gerade in der Eurokrise. Und ich glaube, dass es da auch massive Interessenkonflikte gegeben hat. Wenn eine Zentralbank Blackrock zur Analyse von Bankdaten beauftragt und gleichzeitig Blackrock einer der großen internationalen Investoren ist, also auch in Bankaktien investiert hat, dann befürchte ich, dass es da Interessenkonflikte gegeben hat oder Informationsvorsprünge."

"Aladdin", ausgetüftelte Software oder Klumpenrisiko?

Mit Argusaugen beobachtet Gerhard Schick das Herzstück von Blackrock, das Analysesystem Aladdin. Er sieht technologische Risiken. Larry Fink hat die Software mit dem Namen des Helden aus 1001 Nacht entwickelt. Heerscharen von Analysten und tausende Großrechner rechnen in Sekundenfrist Szenarien durch, an deren Ende die Bewertung von Aktien, Anleihen, Devisen oder Kreditpapieren steht. Diese Analysen nutzt Blackrock nicht nur selbst, sondern verkauft sie auch an Dritte – mit Erfolg. Mehr als 20.000 Zugangsberechtigte – praktisch die halbe Finanzwelt – nutzen die Software.

Schick: "Herdenverhalten wird ja normalerweise so erklärt, dass Menschen sich ähnlich angesichts bestimmter Informationen verhalten, dass sie bestimmten Leuten hinterherlaufen und so. Und das führt dazu, dass im Finanzmarkt häufig überschießend reagiert wird. Das heißt, wenn es gut läuft, geht es viel zu lange gut und werden die Preise viel zu weit nach oben getrieben.

Und wenn es schlecht läuft, gehen sie dann superstark in den Keller. Wenn ein relevanter Teil des Marktes sich am selben Computeranalysesystem orientiert, wird meines Erachtens das Herdenverhalten gestärkt – aus technologischen Gründen. Anstatt also das Herdenverhalten auszubremsen, ist möglicherweise in den letzten Jahren eine Entwicklung entstanden, die das Herdenverhalten noch verstärkt hat, also die Finanzmärkte noch erratischer werden lässt. Und das verheißt für Krisenzeiten nichts Gutes."

Könnte das Analysesystem Aladdin eine künftige Finanzkrise verstärken, weil es ein Herdenverhalten begünstigt? Dirk Schmitz, Deutschlandchef von Blackrock, glaubt das nicht.

"Nein, überhaupt nicht, die Entscheidung, wenn ich mal bei der Herde bleibe, ob ich loslaufe und galoppiere oder nicht, liegt absolut beim Anleger, da liefert das System auch in dem Sinne kein Signal, sondern das System, unser Aladdin-System, hilft bei der prozessualen Abarbeitung von den ganz normalen operativen Tätigkeiten, die ein Investment-Manager hinten dran natürlich machen muss."

Gerhard Schick sieht das kritischer und stellt dazu einen interessanten Vergleich an:

"Ich finde, wir müssen Blackrock eigentlich verstehen wie die anderen Internetgiganten. Ähnlich wie Google, Apple, Facebook und Amazon revolutioniert Blackrock aufgrund einer IT-Überlegenheit gerade einen bestimmten Markt: Amazon bringt den ganzen Handelsmarkt durcheinander, durch gute Leistungen für die Kunden, und Blackrock bringt den ganzen Asset-Management-Bereich durcheinander, weil sie bessere und günstigere Anlageprodukte für die Kunden schaffen als viele traditionelle Asset-Manager.

Es gibt da eine Art natürliches Monopol, dass, wenn mal diesen Vorsprung hat, man das noch günstiger für die Kunden anbieten kann und deswegen hat Blackrock da eine ziemlich einzigartige Stellung aufgrund seines Computersystems Aladin."

Dirk Schmitz: "Wir glauben wirklich, dass wir da ein sehr, sehr gutes System haben, was sehr effizient und kostengünstig alle wichtigen Prozesse abliefern kann, aber auch hier ist es so, dass wir im Gesamtmarkt der IT-Dienstleistungen für andere Asset Manager und andere Kapitalanleger noch einen verschwindend geringen Marktanteil haben und wir weit, weit entfernt davon sind, dass sich irgendjemand Sorgen machen muss über unsere Marktmacht."

Autor: "Aber das könnte sich natürlich schnell entwickeln, so wie das in der Plattformökonomie überall sonst ja auch der Fall ist?"

Dirk Schmitz: "Nochmals: Über die Zukunft Prognosen zu erstellen, ist dann natürlich sehr schwierig."

An Dirk Schmitz prallen Sorgen anderer ab, wie an einem Felsen – auch die Kritik, der der Finanzriese kümmere sich viel zu wenig um seine vielen Beteiligungen.

"Wir setzen uns mit den Unternehmensführungen zusammen und wollen natürlich sicherstellen, dass das Unternehmen langfristig, nachhaltig und erfolgreich gemanagt wird. Da geht es aber natürlich um strategische Richtungsentscheide. Es ist nicht so, dass wir als Blackrock in das operative Tagesgeschäft der Unternehmen, an denen wir beteiligt sind, eingreifen." 

Wer kontrolliert Bayer und Monsanto?

Bonn. Vorplatz des Kongresszentrums am Rhein. Hauptversammlung von Bayer. Bereitschaftspolizisten in schwarzen Monturen trennen heraneilende Aktionäre von hunderten Demonstranten ab. Unter ihnen Schüler von Friday for Futures, Landwirte, Imker. Bayerchef Werner Baumann verteidigt in der Halle vor den Aktionären die Übernahme von Monsanto.

"Der Vorstand hat sich vor Abschluss der Übernahmevereinbarung mit Monsanto im September 2016 sehr eingehend und in zahlreichen Sitzungen mit den Chancen, aber auch den Risiken der Transaktion auseinandergesetzt und diese sorgfältig abgewogen."

US-Gerichte haben Klägern hohe Entschädigungssummen zugesprochen. Der Aktienkurs von Bayer ist um 40 Prozent gesunken. Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitzer, zieht ein vernichtendes Urteil.

"Monsanto ist der größte Fehler von Bayer gewesen in der Geschichte."

Werner Baumann wird an dem Tag nicht entlastet. Das ist eine Premiere bei einem DAX-Konzern und kommt einer Palastrevolution von Aktionären gleich. Auch Blackrock entzieht dem Bayer-Chef sein Vertrauen. Blackrock kann aber seine Aktien an Bayer nicht einfach abstoßen, solange seine Kunden etwa börsennotierte Indexfonds auf den Dax haben, ist Blackrock auch an Bayer beteiligt. Eigentum verpflichtet – auch die Inhaber von Aktien, denen letztlich die großen Unternehmen gehören.

Die meisten Aktionäre haben Blackrock ihr Stimmrecht übertragen. Bei Blackrock gibt es 43 Mitarbeiter, die für alle großen Unternehmen in 90 Märkten über das Abstimmungsverhalten bei Hauptversammlungen entscheiden. Wissenschaftler Benjamin Braun sieht  darin ein wirtschaftspolitisches Risiko.

Werner Baumann, Vorstandsvorsitzender, CEO, auf der Hauptversammlung der Bayer AG in Bonn am 26.04.2019. (imago images / Malte Ossowski/Sven Simon)Werner Baumann, Vorstandsvorsitzender, CEO, auf der Hauptversammlung der Bayer AG in Bonn am 26.04.2019. (imago images / Malte Ossowski/Sven Simon)
"Die Idee war immer, dass Aktionäre sozusagen dem Management unmittelbar im Nacken sitzen. Diese Situation besteht aktuell mit den großen Asset-Management-Gesellschaften sicher nicht mehr."

Für Braun ergibt sich dies logischerweise aus dem Geschäftsmodell der Vermögensverwalter.

"Das Geschäftsmodell der Asset Manager Gesellschaften beruht darauf einerseits mehr Assets, mehr Kapital anzuziehen und zu verwalten und andererseits dies zu möglichst geringen Kosten zu tun. Bis vor wenigen Jahren hatten die großen Asset-Management-Gesellschaften überhaupt keine Teams, keine Abteilungen, die überhaupt diesem Bereich Corporate Governance hauptberuflich zugeordnet waren."

Die großen Vermögensverwalter ziehen also immer mehr Kapital an und wachsen. Gleichzeitig vertreten überraschend wenige ihrer Mitarbeiter bei den Hauptversammlungen der Unternehmen das Interesse der Aktionäre, also der Leute, deren Geld sie investieren. Denn bei dem Wettbewerb um Kunden zählen die Preise. Da will man den eigenen Aufwand gering halten.

Trotz seines Erfolges hat Blackrock vergangenes Jahr Stellen gestrichen. In Deutschland arbeiten heute 150, weltweit 14.000 Mitarbeiter.

Autor: "Also, wenn man sich anschaut, wie viele von den 14.000 Mitarbeitern dafür zuständig sind, bei Hauptversammlungen zu entscheiden, wie Blackrock entscheidet, kommt man auf eine Zahl. glaube ich, von 43. Da fragt man sich natürlich als Außenstehender, wie gut kann Blackrock überhaupt an der Stelle seine Verantwortung wahrnehmen?"

Dirk Schmitz: "Ich denke, die nehmen wir in ausreichendem Maße wahr. Wir spüren wirklich die Verantwortung, die unsere Anleger uns übertragen haben, da sind wir wieder beim treuhänderischen Prinzip."

Der Begriff Verantwortung fällt oft in diesem Gespräch.

Autor: "Also 43 Leute für 17.000 Unternehmensbeteiligungen ist adäquat?"

Dirk Schmitz: "Ja sie sehen uns nicht unbedingt bei jeder Unternehmung in der Presse, da haben wir auch eine ganz andere Herangehensweise. Wir machen das im Dialog mit den Unternehmensführungen."

Es wäre interessant, wenn Schmitz einmal aus dem Nähkästchen plaudern und verraten würde, was bei Blackrock vor der Fusion von Bayer und Monsanto alles gedacht wurde – schließlich war Blackrock an beiden beteiligt. Aber zu einzelnen Engagements sagt Schmitz nichts.

"Die Verteilung des Reichtums hat sich verändert"

"Bayer ist Weltmarktführer, was Saatgut angeht."

Axel Köhler-Schnura steht vor der Hauptversammlung wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten.

"Früher gab es keine Investoren. In den 70er-, 80er-Jahren gab es dieses Wort überhaupt noch nicht, da gab es nur AktionärInnen und es gab sehr wohl schon Großaktionäre. Mittlerweile haben wir Investoren. Das heißt, wenn wir über Investoren reden, dann reden wir über GroßaktionärInnen und da hat sich wahnsinnig was verändert."

Axel Köhler-Schnura, Unternehmer, hat die Organisation "Coordination gegen Bayer Gefahren" gegründet, die dem Konzern seit mehr als drei Jahrzehnten auf die Finger schaut. Der Mann mit dem langen graumelierten Zopf ist seit seiner Jugend bei der DKP und hat den Dachverband der kritischen Aktionäre mitgegründet, die bei Hauptversammlungen soziale und ökologische Verfehlungen von Konzernen anprangern.

"Dieser Reichtum auf der Welt, die Verteilung des Reichtums des ganzen Planeten, das hat sich verändert. Dieses Jahr im Januar zu Davos hat Oxfam gemeldet, dass 1900 Milliardäre im Jahr 2018 täglich ihr Vermögen, täglich 365 Tage im Jahr um 2,5 Milliarden erhöht haben. So und das sind die Investoren, also wenn wir über Investoren sprechen, dann sprechen wir über Ultra-Reiche. Dieses Geld stecken diese Menschen natürlich in Aktien, unter anderem auch in Immobilien und andere Sachen, aber eben auch in Aktien und das sind die Investoren. Und diese würden ihre Gelder bei Vermögensverwaltern anlegen.

Vorher hat ein Ultrareicher eine eigene Investmentfirma gehabt, die noch ein bisschen verschachtelt über drei Etappen, dass er hinterher gar nicht mehr sichtbar war, aber jetzt poolen sie und es gibt inzwischen eben mehrere Finanzkonzerne, da gehört eben beispielsweise auch der von Warren Buffet dazu, Berkshire Hathaway oder eben Capital Investment oder eben Blackrock.

Andererseits gibt es nicht nur Reiche, sondern auch viele institutionelle Anleger, ob Pensionskassen, Versicherungen, reiche Universitäten, Stiftungen und nicht zu vergessen Millionen Privatanleger, die etwa private Altersvorsorge betreiben.

Aber ein Großteil der Menschen besitzt selbst in den wohlhabenden Ländern keine Aktien, viele sogar überhaupt kein nennenswertes Vermögen. Das macht der Forscher Benjamin Braun mit Blick auf die USA deutlich, wo es Daten der amerikanischen Zentralbank zur Verteilung einzelner Vermögensarten in der Bevölkerung gibt:

"Die obersten zehn Prozent, nach der Vermögensverteilung in den USA, halten nahezu den gesamten Aktienbesitz, es kommt dann noch ein wenig hinzu von den nächsten 40 Prozent, die unteren 50 Prozent, die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung, hat überhaupt keinen Aktienbesitz."

Die Gesellschaft war schon einmal weiter

Die Größe von Blackrock alleine stellt nicht das Problem dar. Denn es gibt ausreichend Wettbewerber. Es macht auch keinen Sinn, die Produkte zu verteufeln, denn viele sind gut gemacht. Aber man sollte sich fragen, was eigentlich aus der viel beschworenen Verantwortung der Eigentümer wird. Und oft gibt es Menschen, die die Gewinne bezahlen müssen.

Olga hat das Thema am Rande der Demonstrantin in Berlin mit Blick auf eine Wohnsiedlung in Spandau angesprochen.

"Der Senat hat unheimlich Geld reingepowert, dass die Jugendlichen da runterkommen von Kriminalität und die haben auch sehr viel erreicht, ja. Und jetzt machen die das zu einem Luxusviertel, nur weil das oben an der Pionierstraße ist am Friedhof, schöne frische Luft. Und diese Hochhäuser, das weckt auf einmal die Begehrlichkeit der Leute, die ihr Geld anlegen wollen. Und meiner Meinung nach sind es auch die Kleinanleger und denen können wir hier das Handwerk legen."

Waren wir nicht einmal längst weiter? Gibt es nicht ein System, welches stabiler ist und bei dem wir uns die ganze Vermögensanlage sparen können, was wiederum ein Schrumpfen der Vermögensverwalter bedeuten würde? Ja – dieses System heißt umlagefinanzierte Rente.

Braun: "Wichtig ist, dass bei der umlagefinanzierten Rente heute niemand sparen muss und meine Rente wird in Zukunft aus den Steuern meiner Kinder bezahlt. Es findet keine Intermediation von Finanzvermögen heute statt."

Für Benjamin Braun ist die umlagefinanzierte Rente ein Instrument, um die weitere Vermarktlichung immer größerer Teile der Gesellschaft zu stoppen.

"Es gibt viele Stimmen, die sagen, eine der großen Stellschrauben, die wir haben, um der Finanzialisierung entgegenzuwirken, ´Definanzialisierung` oder wie auch immer man das nennen möchte, wäre eine Abkehr von der Doktrin, dass die kapitalgedeckte Altersvorsorge die bessere Option sei. Es gibt eine Kraft, eine große Kraft in der Gesellschaft, die dagegen Lobbyarbeit betreiben wird, und das ist die Asset-Management-Industrie, die natürlich davon mehr als von jedem anderen einzelnen Faktor abhängt."

Autor: Caspar Dohmenn
Ton: Christiane Neumann
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Sprecher: Viktor Neumann
Redaktion: Martin Hartwig

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