Medizinischer Dschungel

Ein unabhängiges Informationsportal muss her

04:39 Minuten
Ein Haufen bunter Tabletten und Pillen
Welches Mittel hilft und welches ist günstig? Schon bei der Auswahl der Medikamente ist es für Patientinnen und Patienten schwer, den Durchblick zu behalten. © picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt
Ein Kommentar von Markus Grill · 08.08.2022
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Ob wir an eine gute Ärztin oder das passende Krankenhaus geraten, darüber entscheidet oft der Zufall. Denn unser Gesundheitswesen ist höchst intransparent, beklagt Investigativ-Journalist Markus Grill. Das führe zu hohen Kosten und schade dem Patienten.
Haben Sie schon mal einen guten Arzt gesucht? Falls ja, dann kennen Sie auch die Erfahrung, dass man überhaupt nicht weiß, wie man ihn finden kann. Im Internet gibt es zwar ein paar Arzt-Portale, doch wirklich unabhängig sind die nicht. Ärzte und Ärztinnen, die Geld bezahlen, bekommen dort besonders gute Bewertungen.
Bleiben also doch nur die Tipps von Tante Julia oder des Kollegen, dessen Schwester selbst Ärztin ist? Leider führt so eine Suche nur in seltenen Fällen zu einem guten Ergebnis. Denn die Qualität eines Arztes ist, wie nahezu das gesamte Gesundheitswesen, ein vollkommen intransparentes Feld.

Patienten fehlen wichtige Informationen 

Bei Krankenhäusern und Pflegeheimen sieht es ein wenig besser aus. Da gibt es immerhin die Weiße Liste, eine Online-Datenbank der Bertelsmann Stiftung. Hier kann man kostenlos nach bestimmten Eingriffen wie Brustkrebsoperation, Geburt oder Kniegelenk-OP in seiner Region suchen und sieht, wie häufig jede Klinik den Eingriff gemacht hat oder wie zufrieden Patienten waren. Wie häufig der Eingriff aber mit Komplikationen verbunden war, erfährt man ebenso wenig, wie die Zahl der Patienten, die sich in der Klinik einen multiresistenten Keim eingefangen haben.
Kaum möglich ist es auch, ein gutes von einem schlechten Pflegeheim zu unterscheiden. Oder gute von schlechten Medikamenten. Oder teure von günstigen Hilfsmitteln. Oder herauszufinden, welche Ärzte Geld von Pharmaunternehmen einstreichen – im Unterschied zu jenen, die das ablehnen.

Intransparenz ist teuer und schadet

Alle diese Informationen können für die eigene Entscheidung aber wichtig sein, manchmal sogar lebenswichtig. Dass sie nicht vorliegen, ist aber kein Zufall, denn es gibt viele Profiteure dieser Intransparenz, der jeder Patient ausgeliefert ist. Wenn ich nicht weiß, welches Pflegeheim gut und welches schlecht ist, profitiert das schlechte Heim davon. Wenn ich nicht weiß, dass das günstige Medikament genauso gut ist wie das teure, hat der teure Pharmahersteller einen Vorteil von diesem Nicht-Wissen.

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Gerade die Pharmaindustrie profitiert enorm von der Intransparenz. Als im Jahr 2015 diskutiert wurde, ob die Industrie ihre Zahlungen an Ärzte veröffentlichen muss, versprachen die Konzerne freiwillig Transparenz. Doch was ist die Folge? Nur 22 Prozent der Ärztinnen und Ärzte, die 2021 Geld von Pharmakonzernen erhalten hatten, sind damit einverstanden, dass ihre Namen veröffentlicht werden dürfen. Um zu erfahren, ob auch mein Arzt dazugehört, müsste ich also die Webseiten von 42 Pharmaunternehmen durchsuchen. Das macht kein Mensch und ist deshalb eine Pseudotransparenz.
Doch Intransparenz verhindert nicht nur gute Entscheidungen, sie macht das Gesundheitswesen auch unnötig teuer. Millionen von Menschen geben jeden Monat sinnlos Geld für Vitaminpillen und Nahrungsergänzungsmittel aus, weil sie sich kaum irgendwo unabhängig über die Nutzlosigkeit der Präparate informieren können. Die Krankenkassen wiederum zahlen viel zu hohe Preise für Krebsmedikamente oder Kontrastmittel, weil sie nicht wissen, dass die Hersteller nur deshalb so überzogene Listenpreise haben, damit sie ohne finanziellen Mehraufwand großzügige Geldgeschenke an Ärzte und Apotheker verteilen können.

Patienten brauchen unabhängige Informationen

Natürlich gibt es Experten im Gesundheitswesen, die diese Tricks durchschauen. Weil aber jeder Patient andere, oftmals auch sehr spezielle Fragen hat, funktioniert unabhängige Wissensvermittlung weder über einen Zeitungsartikel noch über eine Ratgebersendung wirklich gut.
Ideal wäre deshalb eine App fürs Handy, die alle diese Informationen bündelt. Denn der Witz ist: Viele Daten sind an versteckten Stellen schon heute verfügbar. Sie müssten nur zusammengeführt werden und einfach abrufbar sein. Ähnlich wie bei der Stiftung Warentest könnte der Staat auch ein unabhängiges Informationsportal finanzieren. Gemessen an den gigantischen Summen, die im Gesundheitswesen versickern, wäre diese Transparenz nicht teuer. Teuer ist die Intransparenz, und sie schadet uns allen.

Markus Grill ist Chefreporter im NDR/WDR Investigativ-Ressort. Er studierte Geschichte und Germanistik in Freiburg und Berlin und absolvierte im Anschluss ein Volontariat bei der „Badischen Zeitung“. 2003 ging er zum „Stern“ nach Hamburg, wo er als Redakteur und Reporter im Politik- und Wirtschaftsressort unter anderem den Schmiergeld-Skandal bei Ratiopharm und den Überwachungsskandal bei Lidl aufdeckte. 2009 wechselte er zum Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und berichtete von 2012 bis 2014 als Wirtschaftskorrespondent aus Washington D.C. Nach seiner Rückkehr wurde er Chefredakteur des Recherchezentrums „Correctiv“. Seit November 2017 arbeitet Markus Grill in der Recherchekooperation von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung“ und deckte unter anderem 2021 zusammen mit Kolleg:innen den Corona-Schnelltest-Skandal auf.

Der Journalist Markus Grill
© picture alliance / dpa / Horst Galuschka
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