Interview mit Claas Relotius

    Die Selbstinszenierung eines Lügners

    09:42 Minuten
    Der ehemalige "Spiegel"-Reporter Claas Relotius erhielt 2017 den Reemtsma Liberty Award.
    Claas Relotius präsentiere die Geschichte eines mit sich selbst kämpfenden, aber im Grunde doch leidenden und sympathischen Betrügers, findet Krsto Lazarević. © picture alliance / Eventpress / Golejewski
    Krsto Lazarević im Gespräch mit Gesa Ufer · 02.06.2021
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    Ex-Spiegel-Reporter Claas Relotius spricht in einem Interview erstmals über seine gefälschten Artikel: Er sei psychisch krank gewesen, kein Karrierist. Der Journalist Krsto Lazarević findet das unglaubwürdig, er kritisiert auch die Interviewer.
    Der Name Claas Relotius steht für einen der größten Betrugsskandale im deutschen Journalismus. Vor zweieinhalb Jahren flog der ehemalige Spiegel-Reporter mit seinen zahlreichen gefälschten oder erfundenen Geschichten auf. Jetzt hat Relotius zum ersten Mal und exklusiv ein Interview gegeben: dem Schweizer Magazin "Reportagen". Er ließ sich also von einem Medium interviewen, das er ebenfalls mit mehreren Texten getäuscht hatte.
    In dem ausführlichen Interview weist Relotius weit von sich, aus karrieristischen Motiven gehandelt zu haben. Sein Verhalten erklärt er mit psychischen Problemen. Der Journalist Krsto Lazarević, der für das Onlinemagazin Übermedien über den Fall Relotius geschrieben hat, zweifelt an dieser Aussage: "Dass er jahrelang so gehandelt hat und gelogen hat – das hat er nicht nur gemacht, weil er psychische Probleme hat." Relotius habe als Hochstapler Karriere machen wollen und auf Ruhm und Preise hingearbeitet.

    Wie eine Figur aus einer Relotius-Reportage

    In dem Interview gehe es vor allem um die Motive des Ex-Reporters, seine psychischen Probleme und seine persönlichen Befindlichkeiten, sagt Lazarević. Er findet, dass in diesem Gespräch dasselbe passiere, was auch an Relotius’ Texten so problematisch gewesen sei:
    "Er präsentiert uns hier die Geschichte von einem mit sich selbst kämpfenden, aber im Grunde doch leidenden und sympathischen Betrüger. Einer, der auch viel Geld gespendet hat und dem alles furchtbar leid tut – der aber selber nicht aus niederen Motiven gehandelt hat. Sondern weil er psychische Probleme hatte."
    Es passe alles zu perfekt. Relotius spreche fast wie eine der erfundenen Figuren aus seinen Reportagen, so der Journalist: "Wenn man weiß, wer das ist, dann wirkt das doch alles ein bisschen zu sehr auf die Erwartung des Publikums zugeschnitten, um wahr zu sein."

    Texte voller Ressentiments

    Anders als Relotius in dem Interview behaupte, seien seine Texte auch nicht unpolitisch gewesen, betont Lazarević. "Seine Reportagen bauten gerade auf Ressentiments und teilweise auch wirklich auf rassistischen Vorstellungen auf."
    Auch einige Aspekte der Interviewführung findet Lazarević problematisch: etwa, dass die Interviewer sich so stark auf das psychologische Gutachten von Relotius bezögenen. Es sei aber nicht die Aufgabe von Psychologen, Wahrheitsfindung zu betreiben. Deshalb frage er sich, ob das Interview überhaupt so viel aussage – außer über die Selbstinszenierung von Relotius.
    (jfr)
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