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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 22.12.2013

Interview"Kein Horrorfilm, sondern eine Liebesgeschichte"

Jim Jarmusch über seinen Film "Only Lovers Left Alive"

Moderation: Susanne Burg

Der Filmemacher Jim Jarmusch im Porträt, als er zur Premiere seines Filmes "Only Lovers left Alive" in Köln eintrifft. (dpa picture alliance / Henning Kaiser)
Der Regisseur Jim Jarmusch (dpa picture alliance / Henning Kaiser)

Kultiviert, gebildet und vor allem unsterblich: Ein Gespräch mit dem Regisseur Jim Jarmusch über Vampire und seinen Blutsauger-Film "Only Lovers Left Alive".

Von Hollywood hat er sich fern gehalten. Dafür wurde Jim Jarmusch in den achtziger Jahren zu einer Ikone des US-amerikanischen Independentkinos - mit seinen körnigen, existentialistischen Schwarz-Weiß-Filmen "Permanent Vacation" und "Stranger than Paradise". In den 90ern dann gab es ein paar Berührungspunkte mit der Hollywood-Industrie: Er heuerte Johnny Depp für seine Version eines Western an, für "Dead Man", und Bill Murray für "Broken Flowers". Und trotzdem gilt Jarmusch in den USA als Filmemacher mit einer sehr europäischen Sensibilität. Bei der Finanzierung seines neuen Filmes konnte er auf jeden Fall nicht auf dem Erfolg der Twilight-Filme mitschwimmen. Für seinen Vampirfilm hat er Geld in Europa gesucht und gefunden. Nun kommt "Only Lovers Left Alive" bei uns in die Kinos, am 25. Dezember. Und viele deutsche Kritiker sind sich einig: es ist die filmische Weihnachtsempfehlung schlechthin.

Anke Leweke stellt den Film vor.

"Only Lovers Left Alive" - ein melancholischer und auch ein bisschen ein nostalgischer Film. Deswegen habe ich Jim Jarmusch auch erst mal gefragt, ob er selber ein nostalgischer Mensch ist.

Jim Jarmusch: Nein. Ich schätze Dinge aus der Vergangenheit, und ich habe auch Dinge aus der Vergangenheit gelernt, aber ich bin nicht jemand, der zurückschaut und der sagt: "Oh, damals war alles schöner oder interessanter." In dem Sinne bin ich nicht nostalgisch.

Burg: Ich frage deswegen, weil Adam und Eve im Film ja sehr, sehr viel Zeit haben zu lernen, zu studieren, zu reflektieren. Sie sind unabhängig von Moden und der schnelllebigen Moderne, sie speichern Kultur, bewahren Bildung - deswegen denke ich, sie sind in gewisser Weise kulturelle Nostalgiker. Verkörpern die beiden Vampire damit auch für Sie eine Art Utopie?

Jarmusch: Oh. Na ja. Die leben eben seit Hunderten und Hunderten von Jahren. Und natürlich sind sie kultiviert und gebildet. Sie kennen sich aus in Geschichte, sie kennen sich aus mit Wissenschaften. Sie haben auch natürlich die Menschen studiert und auch menschliche Erfahrungen gemacht. Und unser Film ist ja eine Charakterstudie, und das sind eben auch besondere Wesen. Und die haben natürlich im Laufe der Zeit sich sehr, sehr viel Wissen aneignen können.

Burg: Die Kunst versucht ja häufig, mit der Vergänglichkeit des Lebens umzugehen. Das ist wiederum ein Problem, das die Vampire nicht haben, denn sie leben bereits seit Hunderten von Jahren. Wie verändert das dann die Einstellung zur Kunst und auch zum Leben?

Jarmusch: Nun, die beiden haben natürlich einen ganz anderen Überblick über die Zeit, über die Geschichte Und sie sind auch manchmal lange voneinander getrennt. Als der Film beginnt, ist Adam in Detroit und Eve ist in Tanger. Und das ist vielleicht ein Jahr, dass sie sich nicht gesehen haben, aber für sie bedeutet das dann das, was für uns Menschen normalerweise ein Wochenende ausmachen würde. Das heißt, sie haben einfach ein ganz anderes Zeitgefühl und dadurch sehen sie die Dinge ganz anders, und potenziell sind sie ja auch unsterblich, aber sie sind auch sehr empfindlich, was diese Unsterblichkeit betrifft.

"Kein Horrorfilm. Es ist eine Liebesgeschichte"

Burg: Wie gefährdet ist ihr Biotop, in dem sie leben?

Jarmusch: Ihr Habitat ist nicht das Problem, sondern die Welt, in der sie leben. Unsere Welt ist gefährlich für sie. Natürlich rede ich jetzt immer so, als ob ich mich da auskennen würde. Letztendlich habe ich mir das alles ausgedacht. Es ist ja nichts anderes als eine Geschichte. Aber natürlich haben sich die Umstände verändert, und sie leben von menschlichem Blut, aber sie können einfach nicht mehr losgehen und Leute beißen. Das ist viel zu gefährlich. Sie könnten eben auf kontaminiertes Blut stoßen, es könnte zu Krankheiten führen. Und dann leben wir im 21. Jahrhundert eben auch in Zeiten, wo die Behörden einfach viel zu gefährlich sind und zu einem großen Problem werden. Insofern müssen sie sehr vorsichtig agieren, um zu überleben.

Burg: Sind Adam und Eve für Sie noch Verwandte von Christopher Lee aus der Dracula-Verfilmung von 1958 oder ein ganz anderer Typ?

Jarmusch: Unser Film ist kein Horrorfilm. Darum geht es hier nicht. Es ist eine Liebesgeschichte, und Christopher Lee hat einen ganz anderen Vampir verkörpert. Es gibt Hunderte von Vampir-Filmen. Davon sind viele sehr interessant, andere auch wieder für mich uninteressant. Und ich hab mich ja an Filmen orientiert, die eben ungewöhnlicher waren, die nicht so formelhaft über Vampire geredet haben. Beispielsweise Tony Scotts "The Hunger" oder der schwedische Film "So finster die Nacht". Abel Ferrara hat einen Film gedreht, "The Addiction", und vor Kurzem hat auch Claire Denis "Trouble Every Day" gedreht. Also das sind so die Geschichten und die Filme, die ich ungewöhnlich fand und die mich eher interessiert haben.

Burg: Und was ist es, das Sie daran interessiert?

Jarmusch: Ich mag Genrefilme, die das Genre nicht bedienen, wo der Zuschauer etwas ganz anderes erwartet hat und die von diesen Zuschauererwartungen auch wieder weg führen. Und das hat mich auch in meinen eigenen Filmen interessiert. Ich hab in gewisser Weise einen Western gedreht, meinen eigenen Samurai-Film, einen Killer-Film, sogar eine Art Prison-Break-Film, nur, dass ich, wie gesagt, dieses Genre in meinen Filmen nicht sehr ernst genommen habe. Und so interessieren mich auch Filme von anderen Filmemachern, wie ich sie gerade erwähnt habe, im Genre des Vampir-Films, die eben die Erwartungen erst einmal nicht erfüllen und die nicht vorhersehbar sind, was das Genre betrifft.

Burg: Wären Sie denn auch gerne so ein Vampir? Wenn man jetzt von der Unsterblichkeit ausgeht, könnten Sie zumindest immer Filme drehen und Musik machen?

"Ein Film ist für mich auch wie ein Musikstück"

Jarmusch: Immer zu leben, das würde mich, glaube ich, beängstigen. Damit kann ich mich, glaube ich, nicht anfreunden, weil, ich hab schon akzeptiert, dass wir einen gewissen Lebenszyklus leben. Und ich kann mir sehr wohl vorstellen, dass Menschen eines Tages länger leben können, und natürlich ist der Tod etwas Schreckliches, aber der Gedanke, dass es den Tod nicht gibt, der ist noch schrecklicher.

Burg: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Regisseur Jim Jarmusch zu seinem neuen Film "Only Lovers Left Alive". Wenn wir über den Tod sprechen - Sie wählen ja auch häufig Orte aus in Ihren Filmen, die, sagen wir mal, schon bessere Zeiten gesehen haben. Ein Teil des Films spielt ja in Detroit. Im Film sagt einmal ein Protagonist: Das ist unsere Wildnis. Wie stark hat Sie denn diese Anarchie auch interessiert, diese Unüberschaubarkeit des Guerilla-Daseins, das ja dieser Niedergang einer Stadt auch mit sich bringt?

Jarmusch: Zunächst muss ich natürlich sagen, dass meine persönliche Meinung von Detroit eine ganz andere ist als die, die im Film ausgedrückt wird. Im Film sieht man Detroit schon in einem sehr desolaten Zustand, aber dort leben wirklich tolle Leute. Für die Figur in meinem Film, Adam, ist Detroit ein idealer Ort, weil es eben so eine verlassene Stadt ist, in der er sich ganz gut verstecken kann, in der er auch einsam sein kann. Und ich persönlich, ich liebe Detroit, schon allein wegen dieser unglaublich reichhaltigen Musikkultur, die diese Stadt hat. Und ganz egal, in welchem wirtschaftlichen Zustand sich Detroit befindet, die Musik, die überlebt. Der Swing, John Lee Hooker, Motown natürlich, der Blues, der ganz anders war als der Blues von Chicago. Aber auch, wie Rock'n'Roll wiederbelebt wird, Bands wie The White Stripes beispielsweise. Aber elektronische Musik, House Music, Dance Music - da ist so eine Vielfalt, ich liebe diese Stadt einfach. Und ich finde es tragisch und traurig, wie verlassen sie letztendlich ist, wie verwahrlost sie geworden ist. Ich bin selbst in einer Kleinstadt in Ohio aufgewachsen, und damals haben wir wirklich aufgeschaut zu Detroit. Und Cleveland war eine Stadt, die ganz in der Nähe war, aber die war bei weitem nicht so wichtig, weil Detroit eben etwas Magisches hat und so viel Lebendigeres. Insofern empfinde ich sehr viel für diese Stadt.

Burg: Wenn wir noch mal den Bogen schlagen zur Musik. Was war es eigentlich für ein Groove, für eine Stimmung, die Sie dem Film geben wollten mit der Musik? Ich frage deswegen auch, weil ich manchmal das Gefühl habe, dass Sie fast Bilder für die Stimmung suchen.

Jarmusch: Das ist sehr schwer für mich zu analysieren, weil: Für mich ist das alles irgendwo eins, und ein Film ist für mich auch wie ein Musikstück. Das ist nicht wie ein Buch, ein Gemälde, auch nicht wie ein Theaterstück, sondern ein Film bewegt sich. Man kann Dinge dort verlangsamen, andere wieder beschleunigen. Die Farben sind wichtig, die Kamerabewegungen, das Licht, das Make-up, die Kostüme. All das ist Teil von dem, was Sie Stimmung nennen, und die Atmosphäre lässt sich da wirklich nicht trennen. Beispielsweise die Farbe des Himmels ist verbunden mit dem Ton, den die Stimme einer Schauspielerin macht. Und das alles, das häuft sich an und lässt sich eben gar nicht trennen.

Burg: Adam hat sehr, sehr viel analoge Technik zu Hause, alte Aufnahmegeräte, Plattenspieler, Instrumente, Telefone - ist der Film auch in gewisser Weise eine Feier des Analogen?

Jarmusch: Es ist keine Feier, aber es ist eine Umarmung von einer anderen Technik. Wir bezeichnen das heute als antik, aber die 50er- und 60er-Jahre sind jetzt eigentlich noch nicht so lange her. Nur hat sich die Technik in den letzten 50 Jahren einfach einmal rasant entwickelt. Und: Der analoge Sound, der klingt einfach sehr, sehr schön. Ich hab jetzt überhaupt nichts gegen digitale Aufnahmen, auch die können wunderbar und sehr wertvoll sein. Ich habe ja einige Filme in Schwarzweiß gedreht, und dann hat man mich gefragt, warum drehst du noch in Schwarzweiß, wenn es Farbe gibt? Und das hat mich überrascht. Man vergleicht doch nicht ein Foto mit einem Gemälde. Und wenn man eine Schreibmaschine hat, heißt das doch nicht, dass man keinen Stift mehr benutzt. Das sind doch Techniken, die alle noch da sind und die man alle auch noch benutzen kann. Und wie gesagt: Ich hab gar kein Problem mit digitaler Technik. Das ist sogar der erste Film, den ich digital gefilmt habe. Aber es gibt auch noch eine andere Schönheit der Dinge, die in einer anderen Technik liegt, und beispielsweise schreibe ich meine Drehbücher nach wie vor mit der Hand in Hefte. Ja - ich bin wohl alt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das Interview können Sie hier auch im Original nachhören sowie in einer ausführlichen Fassung.

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