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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.06.2017

InternetnutzungWie Ältere ihre Angst vor dem Netz überwinden

Herbert Kubicek im Gespräch mit Liane von Billerbeck

(picture alliance/dpa/Katja Sponholz)
Gezielte Kurse können älteren Menschen helfen, Berührungsängste zu überwinden und sicherer im Netz zu werden. (picture alliance/dpa/Katja Sponholz)

Das Internet kann älteren Menschen das Leben erleichtern. Doch viele trauen sich nicht so recht ins World Wide Web. Herbert Kubicek, Direktor der Stiftung Digitale Chancen, hat das Phänomen untersucht und sagt: Senioren brauchen zunächst einen geschützten Raum zum Ausprobieren.

Viele Ältere haben große Scheu vor dem Internet – und sind offline. Dabei birgt ein Internet-Anschluss nebst PC oder Tablet gerade für Menschen, die nicht mehr so mobil sind, Chancen: Kommunikation mit der Familie und mit Freunden, Bankgeschäfte abwickeln, Einkaufen ohne Schlepperei.

Laut einer Studie der Stiftung Digitale Chancen mit 300 Senioren nutzen diese, wenn sie sich an die Nutzung des Internets heran trauen, dieses vor allem – in dieser Reihenfolge -, um Mails zu schreiben, um Fahrpläne abzurufen, sich irgendwo hin zu navigieren und um zu spielen. Dies ist derzeit auch Thema auf dem Digital Gipfel der Bundesregierung in Ludwigshafen.

Für Einsame ist es ein Zeitvertreib

Stiftungsdirektor Herbert Kubicek sagt: Wenn Ältere das Internet in einem geschützten Raum, mit Unterstützung und zunächst kostenlos ausprobieren könnten, würde viele ihre Bedenken ablegen – und gerade jene, die keine Familie mehr hätten, würde es nutzen, um sich die Zeit zu vertreiben.

"Es kommt nur darauf an, die erste Berührungsschwelle zu überwinden. Und dafür ist das Zur-Verfügung-Stellen und ein Betreuungsangebot sehr wichtig."

Nur 20 Prozent nutzen Online-Shopping

Interessante Erkenntnis der Studie, so Kubicek: 70 Prozent der Probanden sagten, das Internet erspare ihnen Lauferei, doch nur 20 Prozent würden im Netz einkaufen. Der Grund: mit zunehmendem Alter lässt die Merkfähigkeit für Passwörter und Co. nach.

"Es ist gar nicht so sehr die Angst davor, die persönlichen Daten einzugeben, sondern: Wenn man spielt, wenn man mailt – dann muss man nicht jedes Mal ein Passwort eingeben. Aber wenn sie online einkaufen, müssen sie das. Und dann wird in der Tat das Gedächtnis zum Problem."

Ein Angstfaktor dabei sei auch, online zu bezahlen. Etwa, wenn man aus Versehen, den falschen Button klickt.  Auch hier, zeigt die Kubicek-Studie, könnten gezielte Info-Veranstaltungen mit Verbraucherschützern, die die Widerrufsrechte im Internet transparent machten, viel zur Beruhigung beitragen.


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Dass Altern nichts für Feiglinge ist, den Satz von Mae West, den kennen Sie ja vielleicht. Heutzutage biete das Altern noch mehr Herausforderungen als die Wunden, die einem ausgerechnet der eigene Körper schlägt. Die digitale Welt sorgt dafür, dass sich Großmütter und Urgroßväter darum kümmern müssen, wenn sie weiter Kontakt zu Kindern und Enkeln, die nicht selten entfernt wohnen, halten wollen. Und auch sonst bietet die digitale Welt für Ältere große Chancen, nur nutzen sie immer noch sehr viele nicht. Immerhin elf Millionen Menschen deutschlandweit sind offline. Die meisten gehören zur Generation der über 65-Jährigen. Der Digitalgipfel der Bundesregierung findet seit gestern und heute noch statt in Ludwigshafen und steht unter dem Motto "Vernetzt besser leben". Und mit dabei ist nicht nur die Kanzlerin, sondern auch Professor Herbert Kubicek, wissenschaftlicher Direktor der Stiftung Digitale Chancen, der sich mit der Frage beschäftigt, wie Ältere die Digitalisierung nutzen und sie auch im eigenen Interesse mitentwickeln helfen können. Jetzt ist er am Telefon. Schönen guten Morgen!

Herbert Kubicek: Guten Morgen!

von Billerbeck: Skypen und mit den Enkeln in Kontakt kommen – war und ist das für viele Ältere das Motiv, digital aktiv zu werden?

Kubicek: Eins von mehreren. Wir haben im Lauf des vergangenen Jahres 300 älteren Menschen mit Hilfe von Telefónica Deutschland Tablet-PCs für acht Wochen zur Verfügung gestellt und dann danach gefragt, was sie denn damit gemacht haben. An erster Stelle, das hat fast jeder und jede gemacht, stand E-Mail empfangen und senden, und an zweiter Stelle Fahrpläne von öffentlichen Verkehrsmitteln abrufen, an dritter Stelle Navigieren mit dem Tablet, und an vierter Stelle Spielen. Es gibt also unterschiedliche, wir sagen, Gratifikationen, Belohnungen, Nutzenerwartungen, die das Internet bietet. Und es hängt dann sehr davon ab, von den familiären Umständen, vom Gesundheitsstand, von der Mobilität, was die Einzelnen machen.

Nach einem Versuch sieht die Welt ganz anders aus 

von Billerbeck: Aber nun muss das ja erst mal gelernt werden, und davor schrecken viele zurück. Wie lässt sich das Problem lösen, wenn man nicht immer die Kinder oder die Enkel belämmern möchte damit?

Kubicek: In den Einrichtungen, in denen wir waren, das waren entweder Seniorenwohnheime, zum größten Teil aber Seniorentreffs, wo die Älteren einmal oder mehrmals in der Woche hingehen, sich treffen. Und dort gab es eine einmalige Einweisung und dann jede Woche ein ein- bis zweistündiges Treffen, wo man dann die Fragen bei der Bedienung, die aufgetaucht sind, klären konnte. Und das hat tatsächlich gereicht. Ich glaube, es sind sozusagen vermutete Gefährdungen und Hindernisse, und wenn man ihnen einmal die Möglichkeit gibt mit so einem Betreuungsangebot und auch erst mal ohne Kosten – man muss erst mal wissen, was im Internet für einen drin ist, und dann ist man motiviert, auch einen Vertrag zu schließen. Und durch dieses Projekt, wo man erst mal ohne solche Hindernisse es ausprobieren konnte, betreut wird, dann sieht die Welt völlig anders aus.

von Billerbeck: Trotzdem macht man so was ja nicht ohne Fragen, um nicht das Wort Ängste zu benutzen. Was war denn das, was Ihnen da besonders begegnet ist? Was waren die Befürchtungen der Älteren, die nun plötzlich über ein Tablet verfügten?

Kubicek: Die Befürchtungen stehen erst mal im Hintergrund. Im Vordergrund stehen die Erwartungen. Wie gesagt, wir sprechen von Gratifikationen, und das ist entweder, in Kontakt zu bleiben, das ist, sich unterhalten und die Zeit vertreiben – Zeit vertreiben ist ein wichtiges Moment, wenn man auch mal keine Angehörigen mehr hat. Es ist länger mobil bleiben, es ist, sein Wissen zu erweitern, das war vielen ganz wichtig. Und es kommt nur drauf an, diese erste Berührungsschwelle zu überwinden, und da ist dieses Zur-Verfügung-Stellen und ein Betreuungsangebot ganz wichtig. Die einzigen Befürchtungen, die wir hatten, das war bei den Anwendungen, wo es darum geht, sich Laufereien zu ersparen. Das behaupten 70 Prozent, man könne das mit dem Internet, aber nur 20 Prozent haben tatsächlich online eingekauft.

Die Hürde beim Online-Shopping ist das Passwort 

von Billerbeck: Aber nun ist es ja so, dass im Alter auch manchmal das Gedächtnis nachlässt, wenn man sich nicht merkt, wie das funktioniert hat, was denn dann?

Kubicek: Das ist genau der Grund, warum das mit dem Online-Einkaufen nicht so funktioniert. Es ist gar nicht so sehr die Angst vor den persönlichen Daten, sondern wenn man spielt, wenn man E-Mail macht, dann muss man nicht jedes Mal ein Passwort eingeben, aber wenn sie online einkaufen, müssen sie das. Und dann wird in der Tat das Gedächtnis zum Problem. Das Zweite ist die Angst, dass man was falsch macht, mit dem Geld etwas passiert. Und wir haben, nachdem wir gemerkt haben, mit dem Online-Einkaufen tun sie sich schwer – auf einer Diskussionsveranstaltung dann, hier waren Referentinnen von der Verbraucherzentrale eingeladen, und die haben ihnen dann erklärt, also wenn sie online einkaufen, dann haben sie nach dem Fernabsatzgesetz vier Wochen Rückgaberecht ohne Angabe von Gründen.

von Billerbeck: Und das hat dann alle beruhigt.

Kubicek: Ja. Und wenn Sie mit Lastschrift bezahlen, dann können Sie das widerrufen, und wenn wirklich was schief geht, rufen Sie uns an. Und das war ein wesentlicher Sprung. Wir sagen, digitale Kompetenz ist nicht nur Bedienungsfertigkeit, sondern auch das Selbstvertrauen, wenn denn ein Problem auftaucht, das lösen zu können. Denn darin unterscheiden sich die Älteren von den Jüngeren. Die Jüngeren gehen einfach drauf los und sagen, na ja, wenn es ein Problem gibt, irgendwie komme ich da schon wieder raus. Und die Älteren sagen, wenn ich da nicht weiß, wie es weitergeht, dann lasse ich es lieber.

von Billerbeck: Digitalisierung als Chance also auch für Ältere. Das Thema hier bei uns und während des Digitalgipfels der Bundesregierung. Danke an Herbert Kubicek, den wissenschaftlichen Direktor der Stiftung Digitale Chancen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Kubicek: Ihnen auch noch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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