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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.10.2014

Internet und JournalismusOnline bietet tolle Möglichkeiten

Die Journalistin Barbara Weidmann-Lainer zur DJV-Tagung in Berlin

Moderation: Julius Stucke

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(picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Krautreporter-Geschäftsführer Sebastian Esser mit seinen Mitarbeitern - sie wollen mit Online-Experimenten den digitalen Journalismus umkrempeln. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Der Online-Journalismus biete völlig neue Möglichkeiten, Inhalte an den User weiterzubringen, sagt Barbara Weidmann-Lainer. Durch die Integration von Grafiken, Audio- und Videodateien könne interaktiv erzählt werden, so die Crossmedia-Dozentin.

Julius Stucke: Auch wenn die Bundeskanzlerin das Internet vor etwas mehr als einem Jahr noch zur Belustigung des einen oder anderen als "Neuland" bezeichnet hat: Das Internet begleitet natürlich längst unseren Alltag - und zwar erst recht, seit es Smartphones gibt - quasi permanent in allen Lebensbereichen und natürlich betrifft das auch die Medien, es betrifft uns als Journalisten und Sie als Nutzer, die natürlich immer wieder online unterwegs sind. Da bleiben die Fragen: Mit welchen Folgen für den Journalismus und ist das auch immer besser?

Eine Tagung des Deutschen Journalisten-Verbandes DJV befasst sich heute damit, und ich spreche darüber mit Barbara Weidmann-Lainer, sie ist freie Journalistin und bringt anderen Journalisten multimediales Arbeiten bei. Ich grüße Sie!

Barbara Weidmann-Lainer: Hallo!

Stucke: "Besser online" heißt die Tagung heute. Dass es ohne online kaum noch geht, dürfte klar sein, aber ist es auch immer besser?

Unglaublich arbeitserleichternd

Weidmann-Lainer: Das ist so die Frage. Da scheiden sich natürlich die Geister. Es hat unglaublich viele Änderungen gegeben, Erweiterungen des Tätigkeitsfeldes, gleichzeitig aber natürlich auch unglaubliche Probleme mit sich gebracht, Stichwort kostenloser Inhalt, und das wird jetzt alles auf dieser Tagung natürlich besprochen.

Stucke: Fällt Ihnen denn eine konkrete Sache ein, wo Sie sagen: Das ist wirklich besser geworden dank online?

Weidmann-Lainer: Ja. Also ich bin ja crossmedial und multimedial unterwegs, und da bin ich natürlich ein Fan dieser neuen Erzählformen. Wir haben also in der digitalen Erzählweise ganz andere Möglichkeiten, die Inhalte den Usern weiterzubringen. Beispiel: Wir können bewegte Grafiken machen, wir können Audio- und Videodateien integrieren, wir können interaktiv erzählen. Und das sind natürlich ganz tolle neue Möglichkeiten.

Auch das Stichwort mobile Reporting - wir haben ja auch die Smartphones dann immer im Einsatz dabei: Das ist schon unglaublich arbeitserleichternd.

Stucke: Ist da aber auch in diesen ganzen Möglichkeiten, was man alles irgendwie kann und wie man die Geschichten crossmedial erzählen kann, auch schon die Gefahr drin, dass man diese Möglichkeiten dann unbedingt auch alle einsetzen will und sich gar nicht mehr fragt: Ist das wirklich zielführend?

Weidmann-Lainer: Die Gefahr besteht auf alle Fälle, also Stichwort Video: Es muss alles grundsätzlich zappeln, weil das jetzt einfach mal in ist und jeder Videos auf seiner Seite braucht. Und da wird dann oft nicht überlegt, ob es so sinnig ist, da in dem Moment ein Video zu machen. Und da muss eigentlich der Inhalt erst mal die Richtung vorgeben und nicht das Medium, das ich dann benutze.

Stucke: Sie trainieren ja auch andere Journalisten, um diese Medien richtig einzusetzen und zu nutzen. Was müssen die denn heute alles lernen, was bringen Sie denen bei, um online fit zu sein?

Neue Erzählformen

Weidmann-Lainer: Also die Grundkompetenzen sind natürlich ganz, ganz wichtig: Dass sie ihr Handwerk beherrschen, dass sie eine gute Allgemeinbildung haben, Nachrichten richtig, relevant einschätzen können und so weiter. Das ist alles ganz gleich geblieben.

Und Recherchemöglichkeiten haben sich natürlich unglaublich erweitert. Sie müssen vielseitig und unglaublich flexibel sein und dann eben die neuen Erzählformen auch ein bisschen beherrschen, nicht alles, aber wenigstens die Grundkenntnisse haben, wie ich eine Audiodatei oder ein Video produziere, wie ich mit dem Smartphone unterwegs bin.

Netzkenntnisse wie die Content-Management-Systeme, bloggen, Social Media - das ist natürlich alles dazugekommen, neue Begriffe wie kuratieren, aggregieren, bis zu Suchmaschinenoptimierung, wo es dann also schon wegführt wieder vom Journalismus: Das alles sollte man schon ein bisschen draufhaben, wenn man im Journalismus heutzutage tätig sein möchte.

Stucke: Da muss ich gestehen, dass ich vieles davon nicht draufhabe. Ist aber auch eine ähnliche Frage wie vorhin: Wenn ich all das wirklich zusätzlich noch können muss, kann ich dann auch inhaltlich genauso fit noch sein, wenn ich mich auch immer technisch fit halten muss?

Weidmann-Lainer: Nein, ganz sicher nicht. Also man darf sich da auf gar keinen Fall verzetteln und zu sehr unter Druck setzen lassen. Das ist natürlich das Problem, dass gerne, ich will jetzt nicht sagen, alle Verlage oder die User oder irgendjemand, aber es ist halt einfach die Versuchung groß, sich da in den Strom einzumitten und dann einfach alles mitzumachen und überall alles bunt sein zu lassen und sich bewegen zu lassen und vielleicht das eine oder andere zu viel zu machen.

Also ich kann nicht gleichzeitig tolle Fotos schießen, gleichzeitig ein Video machen, ganz investigative Interviews führen und dann hinterher auch noch einen sensationellen Text schreiben, und das alles dann möglichst an einem Vormittag, damit ich am Nachmittag noch bloggen und twittern kann. Das funktioniert so nicht. Da muss man sich dann natürlich schon so ein paar Spezialgebiete suchen, wo man sagt: Da möchte ich mich jetzt reinfuchsen und das gehe ich jetzt an.

Stucke: Und dann ist aber ja auch noch die entscheidende Frage: Wie verdiene ich damit Geld? Sie haben es vorhin angesprochen: Das ist ein entscheidendes Problem der schönen neuen Onlinewelt, was bis heute nicht richtig gelöst ist. Wie verdienen wir damit wirklich Geld? Und im Umkehrschluss heißt das auch: Wie viel landet am Ende eben bei den Journalisten? Wie werden die bezahlt? Glauben Sie, daran ändert sich in Zukunft irgendwas?

Allgemein eine prekäre Situation

Weidmann-Lainer: Das ist natürlich die Preisfrage. Also wenn ich da eine Lösung hätte, würde ich heute wahrscheinlich von meiner Insel auf den Bahamas zugeschaltet sein.

Das Problem ist wirklich, dass die Honorare stetig sinken, das Equipment wird oft nicht mehr gestellt, man muss also als Journalist auch wirklich Investitionen tätigen, die ganzen Geräte veralten ja innerhalb von anderthalb Jahren schon wieder. Die Arbeitsverhältnisse sind meistens befristet heutzutage, die Stellenstreichungen und alles. Viele lassen sich auf eine Mischfinanzierung ein, dass sie dann also auch PR machen, was natürlich dann auch wieder schwierig ist, weil man die Unabhängigkeit unter Umständen verliert.

Also es ist allgemein eine prekäre Situation, um diesen Ausdruck mal zu benutzen.

Stucke: "Besser online" heißt zumindest eine Tagung des Deutschen Journalisten-Verbandes heute in Berlin. Darüber habe ich mit der Journalistin Barbara Weidmann-Lainer gesprochen. Ich danke Ihnen sehr fürs Gespräch!

Weidmann-Lainer: Bitte, gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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