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Konzert / Archiv | Beitrag vom 15.10.2019

Internationales Kammermusikfestival JerusalemWalzertraum am Tempelberg

Volker Michael im Gespräch mit Elena Bashkirova

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Michael Barenboim, Elena Bashkirova und Jörg Widmann im YMCA West-Jerusalem beim International Jerusalem Chamber Music Festival 2019 (Monika Rittershaus/JCMF)
Die Pianistin Elena Bashkirova ist Gründerin und künstlerische Leiterin des Kammermusikfestivals in Jerusalem, hier mit Michael Barenboim und Jörg Widmann (Monika Rittershaus/JCMF)

Feine und besondere Kammermusik bietet seit 22 Jahren Elena Bashkirova mit ihren Gästen aus aller Welt im YMCA in West-Jerusalem - auf dem Programm diesmal Musik von Johann Strauss Sohn, Tschaikowsky, Berg, Webern, Ysaÿe und Jörg Widmann.

Vor zweiundzwanzig Jahren fand das schier Unmögliche erstmals statt: Ein privat getragenes Musikfest in der Stadt, die von politisch-religiösem Starrsinn gezeichnet ist, deren Mitbewohner leider wenig für Musik an sich interessieren und sich stattdessen dem Dienst an ihrem jeweiligen einzigen und allein selig machenden Gott hingeben. Das Internationale Kammermusikfestival Jerusalem bringt immer zu Beginn des September anspruchsvolle und kulinarische Konzerte in das YMCA in West-Jerusalem. Eine Person steht als "Alma Mater" hinter diesem Festival: Die in Berlin lebende Pianistin Elena Bashkirova.

Musik für eine religiöse geprägte Stadt

Sie wird in Jerusalem von einem kleinen Freundeskreis unterstützt - alle Teilnehmer spielen ohne Honorar und nehmen zum Teil die Schwierigkeiten der Ein- und Ausreise am Flughafen in Tel Aviv auf sich, allein weil das Publikum so begeisterungsfähig ist und speziell die Bewohner Jerusalems nicht gerade verwöhnt werden mit kammermusikalischen Ereignissen.

Die Mitwirkenden des Walzers op. 388 von Johann Strauss/Arnold Schönberg im YMCA West-Jerusalem beim International Jerusalem Chamber Music Festival 2019 (Monika Rittershaus/JCMF)Die Mitwirkenden des Walzers op. 388 von Johann Strauss/Arnold Schönberg im YMCA West-Jerusalem beim International Jerusalem Chamber Music Festival 2019 (Monika Rittershaus/JCMF)

Auch im 22. Jahrgang versammelten sich wieder international renommierte Vokalisten und Musikerinnen und Musiker in Jerusalem. Elena Bashkirova und ihr Team setzen im Sinne der Festivalphilosophie nicht nur auf Repertoireperlen wie das Klavierquartett von Johannes Brahms oder das Oktett von Felix Mendelssohn Bartholdy (das alljährlich das Finalstück ist), sondern auch auf unbekannte Stücke und neue Namen. Stargast dieses Jahr in Jerusalem war der deutsche Klarinettist und Komponist Jörg Widmann. In beiden Rollen zeigte er sich auf der Bühne des Konzertsaals im YMCA.

Neue Entdeckungen

So gibt es immer etwas Neues zu entdecken -  Elena Bashkirova greift immer selbst in die Tasten, im vergangenen 22. Jahrgang war sie wieder häufig aktiv, nicht nur in Jörg Widmanns "Tränen der Musen" für Klarinettentrio, sondern auch in der Fassung von Johann Strauss' Walzer "Rosen aus dem Süden", die sein Wiener Landsmann Arnold Schönberg angefertigt hat. Das Publikum im Saal geriet dabei wie bei den anderen Strauss-Walzern, die Alban Berg und Anton Webern arrangiert haben, trotz der eher trocken-analytischen Machart dieser Bearbeitungen durchaus in tanzseliges Walzerfieber.

Alle Spielarten der Walzerseligkeit

Wiener Walzer und alle anderen Arten von Volks- und Gesellschaftstänzen - sie bilden eine der wichtigsten Grundlagen der Musik schlechthin. Im Wien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts dürfte der Walzer eine quasi religiöse Bedeutung gehabt haben - war der Walzer gar eine Art Ersatzreligion in der multikulturellen Hauptstadt des Habsburger Reiches? Eine fast blasphemische Frage in einer der heiligsten Städte der Welt! Es hat noch niemand gezählt, ob es mehr Walzer-Stücke oder Gebete gibt in der klassischen Kammermusik. Wie die Antwort darauf auch lauten würde, das ist egal - bei diesem Kammermusikfestival gilt allein die Musik als heilig.

Internationales Jerusalem Kammermusikfestival
YMCA West-Jerusalem
Aufzeichnungen vom 03.-07.09.2019

Johann Strauss (Sohn) / Arnold Schönberg
"Rosen aus dem Süden" op. 388

Anton Barakhovsky, Violine
Stephen Waarts, Violine
Ori Kam, Viola 
Xenia Jankovic, Violoncello
Elena Bashkirova, Klavier
Israel Kastoriano, Harmonium

Peter Tschaikowsky
"Sérénade mélancolique" b-Moll für Violine und Klavier op. 26 
Valse-Scherzo C-Dur für Violine und Klavier op. 34

Mark Bouchkov, Violine
Plamena Mangova, Klavier

Johann Strauss (Sohn) / Alban Berg
"Wein, Weib und Gesang" op. 333

Friedemann Eichhorn, Violine
Stephen Waarts, Violine
Madeleine Carruzzo, Viola  
Tim Park, Violoncello
Sunwook Kim, Klavier
Israel Kastoriano, Harmonium

Alban Berg
Vier Stücke für Klarinette und Klavier op. 5

Jörg Widmann, Klarinette
Kirill Gerstein, Klavier

Anton Webern 
Langsamer Satz für Streichquartett Es-Dur

Michael Barenboim, Violine
Stephen Waarts, Violine 
Adrien La Marca, Viola
Astrig Siranossian, Violoncello

Eugène Ysaÿe
Sonate a-Moll für zwei Violinen op. posth.

Michaela Martin, Violine
Stephen Waarts, Violine 

Johann Strauss (Sohn) / Anton Webern 
"Schatzwalzer" op. 418

Michael Barenboim, Violine
Stephen Waarts, Violine
Gérard Caussé, Viola
Claudio Bohórquez, Violoncello
Plamena Mangova, Klavier
Israel Kastoriano, Harmonium  

Jörg Widmann
"Tränen der Musen" für Klarinettentrio

Michael Barenboim, Violine
Jörg Widmann, Klarinette
Elena Bashkirova, Klavier 

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