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Zeitfragen | Beitrag vom 18.10.2018

Interkulturelle ForschungDas Lügen der Anderen

Von Andrea und Justin Westhoff

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Ein gesprayter Schriftzug auf einer Wand: "Mal ehrlich" (imago )
Immer ganz ehrlich sein? - Das schafft kaum einer. Kleine Notlügen machen den Alltag einfacher, aber sie werden in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich bewertet. (imago )

Kant und andere Aufklärer lehnten die Lüge kategorisch ab. Aber ist Lügen wirklich immer schlecht? Wann darf man auch mal die Unwahrheit sagen? Und wie lügen Menschen? Dabei gibt es große kulturelle Unterschiede, haben Forscher herausgefunden.

Lügen: alle Menschen tun es. Aber unterschiedlich – individuell und kulturell.

In einer Studie von 2017 fand ein britisch-niederländisches Forscherteam um den Psychologen Paul Taylor von der englischen Lancaster-Universität heraus: "Menschen aus Afrika oder Asien haben eine andere Lügenkultur als Europäer."

Das zeigt sich in der Sprache: Sie benutzen verstärkt das Wort "ich" und bauen mehr individuelle Details in die Lüge ein, während Europäer beides eher vermeiden. Die Unterschiede, so die Forscher, hängen damit zusammen, ob Kulturen eher individualistisch oder kollektivistisch sind, insbesondere wie das "Selbst" verstanden wird und wie Erinnerungen an ein Ereignis erzählt werden.

Die bisherige Forschung wurde überwiegend mit "westlichen" Probanden gemacht. Und daraus, so Taylor, resultiere eine stark vereinfachte Sicht darauf, wie Menschen sich beim Lügen verhalten.

Kulturelle Unterschiede beim Lügen? Das ist umstritten

Die britischen Ergebnisse werden von anderen Lügenforschern unterschiedlich bewertet. Professor Jörg Meibauer, Sprachwissenschaftler an der Uni Mainz:

"Es mag kulturell geprägte Verfahren geben, sich auf Wahrheit oder eben Unwahrheit zu beziehen. Und man müsste jetzt im Fall von Befragungen etwas wissen über die Standards, die dort herrschen. Wann fängt dort die Lüge an, wann hört dort die interessante, ausgeschmückte Schilderung von Ereignissen auf? Wenn Lügen eine allgemeine kognitive Fähigkeit des Menschen ist, so etwa wie Rechnen, dann müsste das sehr stabil sein. Wir würden nicht annehmen, sagen wir mal, dass Japaner anders rechnen als Deutsche. Und so ist meine Grundauffassung eigentlich auch: Das Lügen sollte universal sein.

Dr. Kristina Suchotzki, Psychologin an der Uni Würzburg mit Schwerpunkt "Lügendetektion": "Ich denke generell, dass es zu wenig kulturvergleichende Studien gibt oder Studien, die das einfach als Faktor mit aufnehmen, gerade bei Lügendetektion. Im Moment haben wir ja oft Kontexte, wo eben Verhöre in anderen Sprachen geführt werden oder eben mit verschiedenen kulturellen Hintergründen, da ist auf jeden Fall noch wesentlich mehr Forschung notwendig."

Lügen sind ein Kommunikationsmittel

Versteht man Lügen als "Täuschung", dann ist es auch im Tierreich verbreitet und lebenswichtig – um Feinde abzuwehren, die eigenen Nahrungsquellen zu schützen oder einen Partner zu finden. Beim Menschen wird Lügen im engeren Sinne als kognitive sprachliche Fähigkeit gesehen, als Teil der Kommunikation. Und da die Sprache ja eigentlich das Mittel ist, um sich zu verständigen und kooperieren zu können, wäre das Lügen eher ein Störfaktor. Viele meinen, es gibt so etwas wie den "Trieb zur Wahrheit". Kristina Suchotzki:

"Wir verlassen uns ja in unserer täglichen Kommunikation darauf, dass das, was wir gesagt bekommen, stimmt. Ansonsten wäre das Leben ja extrem anstrengend, wenn wir alles in Zweifel ziehen müssten, was uns jemand sagt."

Andererseits hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte gezeigt, dass Lügen eine Methode ist, andere zu manipulieren und Vorteile zu haben, ohne darum kämpfen zu müssen.

"Lügen kann in dem Sinne eine friedensstiftende Funktion haben: etwas wird in die Sprache verlagert, was sonst vielleicht aufgrund von physischer Gewalt passieren würde", sagt der Sprachwissenschaftler Jörg Meibauer. "Das ist eine wichtige Sache zu sehen, dass das Lügen nicht notwendig und immer schlecht ist, sondern pro-soziale Funktionen haben kann."

In modernen Gesellschaften ist Ehrlichkeit wichtiger

Schon der Soziologe Georg Simmel hat die Bedeutung des Täuschens im sozialen Leben betont. 1899 schreibt er in "Psychologie und Soziologie der Lüge":

"In sehr einfachen Verhältnissen ist die Lüge für den Bestand der Gruppe vielfach harmloser als in komplizierten."

In unseren modernen Gesellschaften spielen Ehrlichkeit und Vertrauen eine viel größere Rolle, weil eben nicht jeder alles wissen und nachprüfen kann.

"Dadurch wird die Lüge in modernen Verhältnissen zu etwas, das die Grundlagen des Lebens viel mehr infrage stellt, als es früher der Fall war."

In "primitiven Zuständen" stelle die Lüge dagegen ein Herrschaftsmittel dar, "zur Lenkung und Unterdrückung der weniger Schlauen".

Warum Kinder und Greise die Wahrheit sagen

Lügen ist also primär keine Frage von Moral. Und die Fähigkeit dazu ist bereits Teil der kognitiven und psychosozialen Entwicklung: Kleine Kinder können schlecht oder gar nicht lügen. Die Würzburger Psychologin Kristina Suchotzki:

"Der Grund, warum sehr junge Kinder das noch nicht können, ist: Zum Lügen braucht man was, das heißt in der Psychologie 'theory of mind'. Das bedeutet, dass ich weiß, dass die andere Person nicht genau das gleiche weiß wie ich. Und wenn ich denke, dass die andere Person all das weiß, was ich auch weiß, kann ich nicht lügen."

Schön zeigt das der "Sally-Anne-Versuch": Sally versteckt ihr Spielzeug in einem Korb und geht aus dem Zimmer. Anne betritt das Zimmer, nimmt das Spielzeug aus dem Korb und tut es in eine Kiste. Jetzt werden andere Kinder, die beides beobachtet haben, gefragt, wo Sally vermutlich nachschauen wird, wenn sie wieder das Zimmer betritt: in der Kiste oder im Korb? Kinder im Alter von zweieinhalb bis drei Jahren antworten immer: "in der Kiste". Weil es da ja wirklich drin ist. Die Möglichkeit des Täuschens macht für sie eben gar keinen Sinn.

Suchotzki nennt als weitere "Fähigkeit", die zum Lügen nötig ist, die Reaktionshemmung:

"Also, dass ich sozusagen automatische Äußerungen zurückhalten kann. Und die Idee da ist eben so ein bisschen, dass die Wahrheit der default mode ist. Also das, was automatisch kommt. Wenn mich jemand etwas fragt, dann will ich automatisch die Wahrheit sagen. Aber um zu lügen, muss ich das zurück halten, dass die nicht einfach so heraussprudelt, die Wahrheit. Und diese Fähigkeit zur Reaktionshemmung, von der weiß man auch, dass die bei Kindern noch nicht so ausgeprägt ist, und dass die auch im späteren Erwachsenenalter wieder abnimmt."

Lügen erfordert soziale Kompetenz

Die völlige Unfähigkeit zu lügen ist also eher eine Entwicklungsstörung. Autisten zum Beispiel sagen im Alltag meist unverblümt oder verletzend die Wahrheit. Pathologisch ist umgekehrt auch der Drang, größtenteils erfundene Geschichten zu erzählen, die "Pseudologia Phantastica". Kurz: Normalerweise benötigt man zum Lügen ein gewisses Sozialverhalten, Einsicht in die Umgangsregeln.

Sie:          (Papierrascheln) Ein ...Vase. Danke!
Er:           Du magst doch rot, oder…
Sie:          Nein, ganz toll. Mal was anderes!

Was wird in verschiedenen Kulturen als "Lüge" angesehen? Welche Wertvorstellungen in einer Gesellschaft werden dabei berührt?

Aus Bescheidenheit lügen - ist das gut?

In einer Studie des Psychologen Kang Lee von der Universität Toronto wurde Kindern aus Kanada und China zum Test eine Geschichte erzählt:

Auf dem Weg zur Schule hat ein Junge sein Essensgeld verloren. Mark, sein Klassenkamerad, steckt ihm heimlich etwas von seinem Geld zu. Die Lehrerin sieht das und fragt: "Hast du ihm das Geld gegeben?" – Die Antwort von Mark: "Nein."

Die Kinder sollten nun sagen, ob der Junge in der Situation hätte lügen dürfen? Ergebnis: Alle Kinder fanden Marks Unterstützung seines Klassenkameraden gut. Aber die Lüge gegenüber der Lehrerin wurde unterschiedlich beurteilt: Alle kanadischen Kinder und auch die jüngeren chinesischen missbilligten sie. Aber ältere chinesische Kinder bewerteten die Lüge positiv. Denn: In der konfuzianische Kultur gilt Bescheidenheit – in dem Fall also: über die gute Tat nicht zu sprechen – mehr als Ehrlichkeit. Diese Regel wird jedoch erst ab einem bestimmten Alter verinnerlicht.

Aufrichtigkeit in westlichen Kulturen ein hoher Wert

In westlichen Kulturen hingegen ist Lügen offiziell geächtet. Unter dem Einfluss des Christentums herrscht die Dichotomie von "falsch – richtig" beziehungsweise "gut" und "böse". Gott ist die Wahrheit und der Teufel "der Vater der Lüge".

In einer Studie zum Stellenwert der "Wahrhaftigkeit" in westlichen Kulturen von 1968 ließ der Psychologe Norman H. Anderson 555 Eigenschaftsbegriffe nach ihrer "Erwünschtheit" sortieren: an erster und zweiter Stelle wurden aufrichtig und redlich genannt. Die fünf "schlimmsten Eigenschaften" waren: unehrlich, grausam, niederträchtig, falsch – und an letzter Stelle lügnerisch.

Porträt des Philosophen Immanuel Kant (imago / imagebroker)Der Philosoph Immanuel Kant war ein rigoroser Gegner der Lüge. (imago / imagebroker)

Seit der Aufklärung geht man davon aus, dass es tatsächlich so etwas wie eine objektive, eine rationale Wahrheit gibt. Und im abendländischen Denken wird Lügen immer als Gegensatz dazu betrachtet.  

Anders Simone Dietz, Philosophieprofessorin an der Uni Düsseldorf. Sie beschäftigt sich mit der Lüge im Spannungsfeld von Sprache und Moral. Zwei unterschiedliche Ansätze nennt sie: die Neutralitäts- und die Missbrauchsthese.

Wenn man meint, der Sprache selbst seien eigentlich schon moralische Ziele eingeschrieben, die auf Wahrhaftigkeit und Wahrheit zielen, dann ist klar, dass das Lügen dagegen verstößt. Und das ist eben seit spätestens Thomas von Aquin so die Auffassung der Lügengegner, weshalb die Lüge dann als Missbrauch der Sprache betrachtet wird.

Immanuel Kant war so ein "Lügengegner":

"Die Lüge ist Vernichtung seiner Menschenwürde. Ein Mensch, der selbst nicht glaubt, was er einem Anderen sagt, hat einen noch geringeren Wert, als wenn er bloß Sache wäre".

Die Wahrheit ist nur ein Wert unter mehreren

Aber klar ist auch: Mit einem solch rigorosen Lügenverbot kann kein Mensch, keine Gesellschaft existieren. Und die Sprache, die für Kant so "heilig" war, ist zunächst einmal etwas Funktionales.

Simone Dietz: "Wir benutzen die Sprache, um uns was zu merken, wir benutzen die Sprache, um irgendetwas unmittelbar auszudrücken oder um Witze zu machen, aber eben natürlich auch, um uns gegenseitig Informationen zu geben, und ich halte es da lieber mit Wittgenstein und seiner Auffassung, dass die Sprache eine Praxis ist, die wir miteinander erzeugen und dass das eben unterschiedliche Sprachspiele sind, nicht im Sinne der Nichternsthaftigkeit, aber im Sinne dessen, dass wir die Regeln, während wir diese Sprache miteinander benutzen, definieren und dass das erstmal keine moralische Angelegenheit ist."

So gesehen ist auch das Lügen zunächst eine neutrale Tätigkeit des Menschen, wie das Laufen etwa. Moral kommt erst ins Spiel, wenn man nach der Absicht fragt: Läuft jemand weg, um Hilfe zu holen? Oder lässt er jemanden im Stich? Lügt jemand, um sich einen Vorteil zu verschaffen, oder hat er "edle" Motive?

Wahrheit ist ein Wert, aber nicht der einzige.

"Da geht es vielleicht auch um andere Dinge", sagt Simone Dietz: "Man möchte sich zusammen wohlfühlen, man möchte Gemeinsamkeit erfahren."

Im Englischen wird zwischen black lies und white lies unterschieden, zwischen anti-sozialen und pro-soziale Lügen. Es geht zwar immer um Täuschung, meint Simone Dietz, aber:

"Nicht jede Lüge ist ein Betrug. Und der Betrug ist eben dadurch definiert, dass er den anderen zum eigenen Vorteil zu schädigen bereit ist. Lügen können eben auch dazu dienen, dass ich mich schütze gegen einen Angriff von außen, sie können dazu dienen, dass ich die Gruppe schützen möchte. Es gibt durchaus wohlmeinende Absichten, zu denen Lügen eingesetzt werden und auch von den anderen dann akzeptiert werden."

Er (mit "Stadtplan"/Papier raschelnd): Entschuldigung… Zum Bahnhof? Railway Station?
Sie: Hai. Ja.
Er:  Wirklich da lang?
Sie: Hai. Hai.

Besonders in Asien, aber auch in vielen anderen Kulturen gelten zum Beispiel Höflichkeit und Hilfsbereitschaft mehr als unbedingte Ehrlichkeit. Eine solche Kommunikationsform kann bisweilen irritierend sein für Menschen aus Gesellschaften, in denen man sich eher daran orientiert, "was Sache ist".

Andererseits haben sich in allen Kulturen Rituale entwickelt, bei denen jeder weiß, dass es nicht um "Wahrheit" oder "Lüge" geht, sondern letztlich um eine Stabilisierung oder Bestätigung der Beziehung.

Sie:         Sind die Haare jetzt zu kurz?
Er:           Nein.
Sie:          Ehrlich?
Er:           Ehrlich!

Auch Simone Dietz sieht gerade bei Höflichkeits- oder Notlügen eher keinen prinzipiellen kulturellen Unterschied: "Es gibt nicht böswillige Kulturen, bei denen gilt es als richtig, wenn man den anderen schädigt. Sondern in der Hinsicht gibt es schon so etwas allgemein Menschliches, dass man die Schädigung anderer zu vermeiden hat und dass die Menschen einander wohlwollend gegenübertreten. Aber welche Symbole genau ein Symbol des Respekts und des Wohlwollens sind und welche Symbole nicht, das ist etwas, was wir eben nicht von vornherein wissen können, sondern was wir dann erfahren müssen in der jeweiligen Kultur."

In kollektivistischen Kulturen zählt der Schutz der Gruppe

In der kulturvergleichenden Forschung wird oft mit den Kategorien "kollektivistisch" oder "individualistisch" gearbeitet. Sie beschreiben, ob der Zusammenhalt der Gruppe stärker bewertet wird als das Wohl des Einzelnen. Die Übergänge sind zwar fließend, aber das kann durchaus zu Unterschieden führen im alltäglichen Sozial- und Kommunikationsverhalten, beispielsweise im Lügen.

In einer Studie aus den 1990er-Jahren wurden erwachsenen Hongkong-Chinesen und US-Amerikanern Videoaufnahmen von Dialogen gezeigt, in denen jemand Fragen stellt und der andere antwortet: entweder ehrlich oder ausweichend, offensichtlich falsch oder durch Weglassen einer Information. Dann wurden die Probanden gefragt, welche Antworten sie als Lüge ansehen. Die Amerikaner bezeichneten praktisch alles, was nicht ganz ehrlich war, als gelogen, während die Chinesen ausweichende oder auslassende Antworten nicht als Lüge klassifizierten.

In kollektivistischen Kulturen ist es offenbar wichtig, das soziale Miteinander im Gespräch nicht zu belasten. In eher individualistischen Gesellschaften bestimmen andere Motive die Formen und Anlässe des Lügens. Eine der ersten systematischen – westlichen – Studien zum Lügen hat 1966 die kalifornische Soziologin Bella DePaulo gemacht. Sie ließ ihre Probanden eine Woche lang aufschreiben, wie oft und weshalb sie gelogen haben. Nur etwa ein Viertel waren "uneigennützige Lügen" zur Schonung des anderen oder aus Höflichkeit. Am häufigsten wurde aus egoistischen Gründen gelogen: zur Vermeidung von Konflikten, zum Schutz der Privatsphäre und vor allem zur besseren Selbstdarstellung.

Er:  Ich bin ja mehr so der – spontane Typ, geh’ einfach los und… Also ich mags spontan: Risiko, Abenteuer, … (seufz) …natürlich bin ich offen für Neues – aber auch verlässlich…

 "Geltungslügen" - meistens das Verschweigen unvorteilhafter oder Übertreiben vorteilhafter Fakten – dürften durch den Konkurrenzdruck in modernen individualistischen Gesellschaften noch zusätzlich gefördert werden. Simone Dietz:

"Das, glaube ich, hat mit den digitalen sozialen Medien schon sehr stark zugenommen, dieses ständige Sich-Selbst-Darstellen und auch das Vergleichen damit, wie die anderen sich darstellen und so weiter. Und da gibt es sicherlich auch einen erhöhten Druck, aber ich bin nicht sicher, ob ich daraus schon ableiten würde, dass es dadurch auch einen starken Druck zum Lügen geben würde."

Jedenfalls wird Schwindeln bei der Selbstdarstellung heute relativ weit toleriert, das endet erst, wenn gegen geltendes Recht verstoßen wird. Allerdings: Wenn jemand – vor allem im öffentlichen Raum – "erwischt" wird bei einer Lüge, folgt schnell moralische Entrüstung.

"Da habe ich den Eindruck, dass das wirklich ein Symptom unseres verlogenen Umgangs mit der Lüge ist. Wenn man bei Prominenten, Politikern solche Lügen entdeckt, dann ist das einfach eine Feier der Selbstgerechtigkeit. Dass man mal ungehemmt sich empören kann und dadurch auch sich selber auch so schön als Opfer fühlen kann.

"Lüge ist Notwehr gegen unbefugte Neugier" (Schopenhauer)

Die Privatsphäre ist ein Bereich, in dem man – jedenfalls in westlichen, demokratischen Ländern - nicht zur totalen Wahrheit verpflichtet ist. Das ist eine Frage der politischen Kultur. Hier wird meistens das Verschweigen als Spielart des Lügens angewendet und toleriert. Über sexuelle oder politische Präferenzen, religiöse Überzeugungen oder auch das Einkommen muss man nicht jederzeit ehrlich sein, man darf sich etwa dem Machtanspruch des Staates entziehen. Die individuelle Freiheit wird moralisch höher bewertet und notfalls durch Lügen geschützt.

Computertaste mit der Aufschrift "alternative facts". (imago)Computertaste mit der Aufschrift "alternative facts". (imago)

Simone Dietz war früher selbst Politikerin, Abgeordnete der Grünen in Hamburg. Als Wissenschaftlerin befasst sie sich nun mit der Lügenkultur, auch im historischen Wandel: Früher ging es eher um Intrigen und Kriegslisten. Mit der Verbreitung der Massenmedien entstanden neue Arten des Lügens: PR-Strategien, Werbung, Bildmanipulation.

"Indem man systematisch Falschaussagen ins Spiel bringt und Provokationen in die Runde schickt, das ist neu. Und auch diese Kurzlebigkeit von Kommunikation. Also das geht alles viel schneller, und dann ist schon wieder die nächste Welle da, und dieses unverschämte Lügen, das ist etwas, was man nur machen kann, wenn man auf diese Schnelligkeit setzt. Wenn man sagt, ich brauch das gar nicht zu begründen, und bis die anderen dann deutlich gemacht haben, dass das völlig falsch war, ach, da ist die Diskussion schon wieder fünf Schritte weiter und ich hab meine Wirkung erzielt.

Diese medialen Lügen werden heute auch deshalb akzeptiert, weil sie für viele besser zur Wahrnehmung der gesellschaftlichen Realität passen beziehungsweise dazu taugen, das eigene Weltbild zu festigen.

Sie:          Pinocchio – wo hast du die Goldstücke?
Er:           (frech) Verloren! …  (erschrocken) Oohh!

Die Entdeckung von Falschaussagen und Täuschungen ist komplizierter. Dieses Thema ist ebenfalls Teil der Lügenforschung, und auch hier könnte ein interkultureller Ansatz interessant sein. Bisher lag der Schwerpunkt eher auf allgemeinen psychologischen Faktoren.

Jörg Meibauer: "Lügen ist für die meisten Leute eine stressige Angelegenheit. Sie müssen das kontrollieren, sie geraten unter Druck, sei wollen nicht erwischt werden, und natürlich auch die normalen Dinge, die jetzt beim Polygraphen eine Rolle spielen: muskuläre Bewegungen im Gesicht, Schweiß, unruhiger Blick, alles Dinge, die mit Stress zu tun haben."

Polizeistation im kalifornischen Berkeley. Die Beamten testen 1924 einen Lügendetektor an einem Gefängnisinsassen. (imago/UIG)Polizeistation im kalifornischen Berkeley. Die Beamten testen 1924 einen Lügendetektor an einem Gefängnisinsassen. (imago/UIG)

Inzwischen tritt der Polygraph, der Lügendetektor, in den Hintergrund. Umso mehr machen so genannte "Mikro-Ausdrücke" Furore, unwillkürliche Mimikveränderungen zur Lügendetektion: erforscht vor allem von dem US-amerikanischen Psychologe Paul Ekman, von ihm selbst als Mitautor popularisiert für die TV-Serie "Lie to me".

"Ekman ist ja sehr bekannt geworden mit seiner Idee, dass sich jede Emotion in einem Bruchteil einer Sekunde trotzdem im Gesicht widerspiegeln wird. Und dass ich diese Emotion, die ich dann erkenne, die ich trainieren kann zu sehen, nutzen kann zur Lügenerkennung", sagt die Würzburger Psychologin Kristina Suchotzki, die auch über Lügendetektion arbeitet. Die Theorie wird aber von vielen Wissenschaftlern bezweifelt. Schon die Idee, dass man überhaupt Emotionen zugrunde legt, um Lügen zu erkennen, gilt als problematisch.

"Wir wissen ja eigentlich, dass Emotionen was sind, was nicht nur jemand zeigt, der lügt. Wenn ich irgendwie beschuldigt werde, was getan zu haben, selbst wenn ich's nicht getan habe, werde ich vielleicht ähnliche Emotionen zeigen wie jemand, der lügt. Also, das führt zu einer sehr hohen Anzahl von Leuten, die man zu Unrecht des Lügens verdächtigt. Ekman selbst hat nicht sehr viele Studien gemacht, um das tatsächlich zu belegen. Und um solche großen Behauptungen aufstellen zu können, müsste man das eigentlich empirisch zeigen. Und die paar Studien, die sich mit den Microexpressions beschäftigt haben, haben eher gezeigt, dass die wohl nicht für jede Emotion auftreten, dass die wesentlich länger sind, als Ekman selbst behauptet, und dass die auch nicht sehr zweckdienlich sind, um Lügen zu erkennen."

Warum Menschen schlechte Lügendetektoren sind

Wobei Paul Ekman selbst einräumt, dass zum Entlarven von Lügen mehr gehört als die Mikromimik.

"Es gibt eine sehr witzige Studie, ob Leute, die gerade eine Folge von "Lie to me", also der Serie von Ekman gesehen haben, besser oder schlechter sind im Lügen detektieren, und die haben tatsächlich gefunden, dass Leute, die gerade eine Folge gesehen haben, schlechter darin waren, Lügen zu erkennen."

Der Mensch ist generell eher ein schlechter Lügendetektor:

"Metaanalysen kommen zu dem Schluss, dass wir so um die 54 Prozent richtig liegen, was ja ungefähr so ist, als wenn ich eine Münze werfen würde, warum sind wir nicht gut? Im Prinzip gibt es zwei Erklärungsmöglichkeiten, die eine wäre, dass wir deswegen Lügen nicht gut erkennen, weil es einfach sehr wenige allgemeingültige Anzeichen von Lügen gibt."

Die zweite Erklärung ist noch bedeutsamer für die kulturelle Lügenforschung:

"Wir sind deswegen nicht gut, Lügen zu erkennen, weil wir die falschen Zeichen verwenden, also man weiß, dass, wenn man Leute fragt, was sind den Anzeichen von Lügen, sie oftmals Sachen nennen, die gar nicht tatsächlich mit Lügen einhergehen. Blickabwenden ist etwas, was viele Leute zuerst nennen, und was in Studien sich nicht gezeigt hat, dass das mit dem Lügen zusammenhängt. Vermutlich weil es etwas ist, was wir auch gut kontrollieren können. Und von dem jeder weiß, dass das irgendwie erwartet wird, und deswegen versuchen Lügner das halt oft gerade nicht zu machen."

Gerade der Blickkontakt ist kulturell sehr verschieden:

In Japan zum Beispiel wird ständiger Blickkontakt als unangenehm wahrgenommen.

In karibischen Gemeinschaften ist das Senken des Blickes eine Demutsgeste, die Kindern im Umgang mit Erwachsenen anerzogen wird.

Im arabischen Kulturkreis sollen sich überhaupt nur Menschen gleichen Geschlechts direkt ansehen. Hier und auch in Südeuropa und Südamerika gilt es als erotische Aufforderung, wenn man sich intensiv in die Augen schaut.

Zeichnung eines Mannes mit Maske vor anderem Mann  (imago stock&people)Direkter Blickkontakt gilt nur in westlichen Kulturen als angemessen. (imago stock&people)

Fast nur in der westlichen Kultur gilt Blickkontakt während eines Gesprächs als höflich.

"Wenn ich jetzt zum Beispiel einen Befrager habe, der davon ausgeht, dass Wahrheitsagende einem in die Augen gucken, und ich habe einen Befragten aus einer Kultur, in der das als sehr unhöflich gilt, dann ist da natürlich die Gefahr, dass das als vermeintliches Lügenzeichen verwendet wird", sagt Kristina Suchotzki.

Die Sprache kennt viele Spielarten der Lüge

Und wie steht es mit sprachlichen Merkmalen, die Lügen entlarven könnten? Immerhin behauptet der Sprachwissenschaftler Jörg Meibauer: "Die Möglichkeit des Lügens ist bereits in das Sprachsystem eingebaut".

"Das ist natürlich eine etwas freche Behauptung von mir gewesen, die Linguisten haben sich eigentlich nicht viel mit Lügen beschäftigt, das hat man Psychologen und Philosophen überlassen, so als hätte das Lügen als unaufrichtige sprachliche Handlung gar nichts mit der Sprache zu tun. Aber das kann nicht sein."

Es sind jedoch nicht isolierte Wörter oder Sätze, die lügen oder wahr sind. Entscheidend ist die Intention, mit der sie gesprochen werden. Und da gibt es neben der direkten Falschaussage viele andere Formen: das Weglassen, die Über- oder Untertreibung und vor allem das bewusst Vage.

"Nehmen wir mal ein kleines Beispiel: Wenn ich in einem Theater war, meine Frau war nicht dabei, ich klatsche mit ihr dann darüber, sage: 'Du, ich habe den Schulz mit einer Frau gesehen.' Dann hätte ich auch sagen können, mit seiner Frau. Hab ich nicht gemacht, also denkt meine Frau: 'Aha, aha, geht der fremd?'" Oder irgendwo etwas in der Art. Und das ist eine Gesprächsandeutung, und wenn ich jemanden täuschen will, dann kann ich mich auf solche Andeutungen beziehen. Werde ich dann erwischt, dann streite ich alles ab, 'Moment, das hab ich nicht gesagt, das hast du dir so gedacht, ja!' Und da lügen und täuschen so wichtig ist für alle möglichen menschlichen Beziehungen, ist es ja klug, das so anzuwenden, dass die Möglichkeit, so irgendwie durchzukommen, mit falschen und täuschenden Informationen, erhöht wird.

In einer Fremdsprache fällt die Wahrheit schwerer

Für Meibauer ist das Lügen also eher universell, und insbesondere kann es für ihn keine sprachlichen Lügenmerkmale geben. Der britische Psychologe Paul Taylor sieht das anderes:

Sein Forscherteam hat 2017 Probanden aus unterschiedlichen Kulturen erfundene sowie wahre Erlebnisse aufschreiben lassen. Europäer zeigten die bereits aus anderen Studien bekannten Lügenmerkmale: Sie sagten eher "man" als "ich" und verwendeten weniger persönlichen Kontext. Sie distanzierten sich also beim Lügen von der Lüge, weil in ihren individualistischen Kulturen gilt, dass Menschen für ihre Handlungen verantwortlich sind. Bei den asiatischen und afrikanischen Probanden war es eher umgekehrt: Sie formulierten ihre unwahren Geschichten viel persönlicher, verwendeten häufiger das Wort "ich". Taylors Erklärung: In kollektivistischen Kulturen nimmt der Lügner "die Schuld" auf sich, um die Gruppe nicht zu beschädigen. 

Auch die Würzburger Psychologin Kristina Suchotzki findet sprachliche Untersuchungen in der Lügendetektion wichtig:

"Wir haben zum Beispiel eine Studie gemacht, wo wir auch geguckt haben, ob es einen Unterschied macht, ob Leute in ihrer eigenen oder in einer Fremdsprache lügen, da haben wir festgestellt, dass das einen Unterschied zu machen scheint, dass Leute anscheinend in der Fremdsprache mehr Probleme damit haben, die Wahrheit zu sagen, dass die Wahrheit kognitiv belastender ist, was auch gefährlich ist, weil wenn man sich überlegt, dass kognitive Anstrengung als Zeichen für Lügen gesehen wird, und aber jemand, der in einer Fremdsprache spricht, das automatisch mehr zeigt, auch in der Wahrheit, dann gibt es da auch wieder die Gefahr, dass solche Leute dann eher als Lügner gesehen werden."

Kann die Forschung überhaupt helfen, Vorgänge beim Lügen besser zu verstehen und damit auch zu kontrollieren? Paul Taylor von der britischen Lancaster-University ist überzeugt, dass dafür ein interkultureller Ansatz immer wichtiger wird.

Für Polizeiverhöre und Prognosen bei Straftätern, für Screenings an Flughäfen, Befragungen von Asylsuchenden oder bei Verhandlungen mit Geiselnehmern – überall ist eine höhere kulturelle Sensibilität nötig, ein tieferes Verständnis dafür, was lügen bedeutet. Es reiche nicht aus, so die britischen Forscher, einen Lügner als jemanden anzusehen, der nicht erwischt werden will. Man müsse vielmehr wissen, dass Menschen beim Lügen unterschiedliche soziale Ziele verfolgen; das beeinflusst nicht nur, was sie verbergen, sondern auch, wie sie das tun.

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