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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.06.2017

Intendant Voges über kulturelle Teilhabe"Wir haben einen Auftrag als Theater"

Kay Voges im Gespräch mit Ute Welty

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Der Regisseur Kay Voges guckt nach oben. (imago/Drama-berlin.de)
Der Regisseur Kay Voges will das Theater noch stärker öffnen, auch für Menschen, die sich die Eintrittspreise nicht leisten können. (imago/Drama-berlin.de)

Das Theater sollte auch allen offen stehen, deren Geld für die Eintrittskarte nicht ausreicht, sagt der Intendant des Schauspiels am Dortmunder Theater, Kay Voges. Er macht sich für mehr kulturelle Teilhabe stark.

"Wir haben einen Auftrag als Theater", sagte Kay Voges, Intendant des Schauspiels am Dortmunder Theater im Deutschlandfunk Kultur. Es gebe ein kulturelles Gedächtnis und ein "Wir-Gefühl" dank der Kultur. Das Theater vermittle Bildung und Empathie. Voges zitierte einen Politiker mit den Worten, dass das Theater eine friedenserhaltene Maßnahme sei. Davon sollte niemand ausgeschlossen werden. "Somit gilt es Wege zu finden, Teilhabe an der Kultur für jedermann zu ermöglichen", sagte der Regisseur.

Kostenlos ins Theater

In Dortmund könnten bereits alle Studenten kostenlos ins Theater gehen. Für Schüler, die sich den Eintritt nicht leisten könnten, gebe es eine Klassenkasse, die von Förderern unterstützt werde. Auch für Hartz IV-Empfänger kann sich der Intendant vorstellen, dass sie kostenlos ins Theater gehen sollten. Es sei wichtig die "Schwellenangst vor Kultur" für ärmere Menschen zu senken.

Früh Interesse wecken

Das Interesse an der Kultur werde bereits in der Kindheit geweckt, sagte Voges. Am Theater in Dortmund gebe es viele junge Besucher und ein Publikum im Alter von drei bis 100 Jahre. "Wer erstmal im Theater angekommen ist, der kann dort verzaubert werden und der liebt es da zu sein." Es sei aber wichtig, Hemmschwellen abzubauen. Gerade junge Menschen seien kluge, leicht zu faszinierende Zuschauer.


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Der Armutskongress 2017, der heute und morgen in Berlin stattfindet, der hat sich viel vorgenommen. Bei der ersten Veranstaltung im vergangenen Jahr hat man sich viel mit der Analyse beschäftigt: Was bedeutet Armut in einem reichen Land, wo wird Armut systematisch produziert und wer ist von Armut betroffen? In diesem Jahr will man zeigen, wie eine Gesellschaft ohne Armut aussehen kann, und dazu gehört auch kulturelle Teilhabe. Was ein solches Recht auf kulturelle Teilhabe bedeutet, darüber spreche ich jetzt mit Kay Voges, seit 2010 Intendant des Schauspiels in Dortmund. Guten Morgen!

Kay Voges: Ja, schönen guten Morgen!

Welty: Lassen Sie mich mit einer etwas ketzerischen Frage beginnen: Kann es Ihnen als Intendant nicht egal sein, wer die Tickets kauft, Hauptsache, das Haus ist voll und die Kasse stimmt?

Voges: Nein, ich glaube, wir haben einen Auftrag als Theater. Die Frage, die man beantworten muss bei kultureller Teilhabe, ist ja zuallererst, wofür brauchen wir Kultur, wofür brauchen wir Theater. Ich glaube, es gibt ein kulturelles Gedächtnis, ein Wir-Gefühl, was wir als Gesellschaft haben können durch die Kultur, und wir haben Bildung, und wir lernen Empathie im Theater durch die Kultur, durch die Kunst.

Ein berühmter Politiker hat einmal gesagt: Das Theater ist eine friedenserhaltende Maßnahme. Und friedenserhaltende Maßnahme und Bildung, das sind ja zwei Dinge – ob das nun jetzt die Polizei ist oder die Schule –, das sind Dinge, die zur Gesellschaft dazugehören für ein friedliches Miteinanderleben. Da kann ja niemand ausgeschlossen werden und sagen, für dich ist Schule nicht zu finanzieren, für dich ist Sicherheit und Frieden nicht zu finanzieren. Ich glaube, über das sind wir hinaus, und somit gilt es, Wege zu finden, Teilhabe an der Kultur für jedermann zu ermöglichen.

Freikarte in der Tasche

Welty: Was heißt das denn praktisch? Kann man so was wie Grundrecht auf kulturelle Teilhabe in Zahlen ausdrücken wie mindestens einmal im Monat Theater und jedes sechste Wochenende eine Kinokarte?

Voges: Ich weiß es nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass alle Hartz-IV-Empfänger eigentlich eine Freikarte in der Tasche haben müssen und sagen, ich kann, so oft ich möchte ins Theater gehen, ins Konzert gehen, ins Ballett gehen, in die Oper gehen, in die Bücherei gehen, das ist mein Recht. Wenn ich nicht so viel habe, dass ich mir es leisten kann, dann darf ich da auch kostenlos herein.

Welty: Auch wenn die Tickets günstiger oder umsonst wären, bei einigen gibt es wenig bis gar kein Interesse für die sogenannte Hochkultur. Wie lässt sich verhindern, dass dieser Zug überhaupt abfährt, und wann muss damit begonnen werden, eben dieses Interesse zu wecken?

Voges: Das Interesse für Kultur, das geht in frühesten Kindertagen los. Wir kriegen das mit, dass Schüler bei einem Schulausflug ins Theater sagen, wir können uns das überhaupt nicht leisten, ins Theater zu gehen. In Dortmund gibt es dafür eine Klassenkasse, dass Förderer des Theaters Geld zur Verfügung stellen, das Schülern, die eigentlich sich das nicht leisten können, über diese Klassenkasse einen Theaterbesuch bezahlt bekommen. Und ich glaube, wenn man merkt, dass nicht die, die es sich leisten können, nehmen am Theater teil, und die anderen müssen draußen bleiben, wenn das früh gelernt werden kann, dann ist vielleicht auch die Schwellenangst vor Kultur in finanziell schwächeren Gesellschaftsschichten nicht mehr so stark.

Welty: Das Geld ist das eine, aber auch der Inhalt muss ja dazu beitragen, dass junge Leute wieder ins Theater gehen. Gibt es da einen besonderen Trick, eine besondere Ausrichtung?

Voges: Ich hab das Gefühl, dass wir sehr, sehr viel junge Besucher haben. Das Theater Dortmund, das Fünf-Sparten-Haus, das hat nun wirklich ein Publikum von drei bis 100 Jahre alt. Ich hab das Gefühl, dass wer erst mal im Theater angekommen ist, der kann dort verzaubert werden, und der liebt es, da zu sein. Also ich hab' das Gefühl, die Inhalte sind da, und jetzt müssen wir gucken, dass wir die Hemmschwellen abbauen und dann Neugierde wecken und junge Menschen vor allen Dingen auch erst mal ernst nehmen in ihren Sehgewohnheiten und sie nicht behandeln, als ob sie irgendwie gestört wären, sondern das sind sehr, sehr kluge, faszinierende Zuschauer oder leicht zu faszinierende Zuschauer.

Offener über Armut reden

Welty: Hürden abbauen, was können in dieser Hinsicht Kooperationen bringen mit zum Beispiel Organisationen für Obdachlose?

Voges: Wir haben verschiedene Möglichkeiten. Ich hab's eben als Beispiel genannt, dass wir diese Klassenkassen haben, wo wir Schülern, die es sich nicht leisten können, dadurch einen Theaterbesuch finanzieren. Davon, von dieser Art und Weise gibt es mehrere Initiativen, wo wir die Hemmschwellen dadurch überwinden können finanziell. Schön wäre es, man könnte es sich leisten, einen allgemeinen Zugang zu gewähren. Wir haben Ermäßigung für Menschen mit einem Stadtpass hier in Dortmund, die Hartz IV erhalten, die bekommen eine Ermäßigung.

Vielleicht müssen wir offener über Armut reden können und sagen, wenn jemand nicht so viel hat, müssen wir ihn einladen, und das steht eigentlich an der Türe: Hier ist freier Eintritt möglich, wer es sich nicht leisten kann. Wir haben für die Studenten die Tür aufgemacht. Durch die Zusammenarbeit mit der FH und der TU können alle Dortmunder Studenten kostenlos an Theaterveranstaltungen teilnehmen, und vielleicht müsste es genauso sein, dass auch allen Hartz-IV-Empfänger und alle Kinder von Hartz-IV-Empfängern das gleiche Privileg zur Verfügung gestellt wird.

Welty: Das heißt aber doch auch, dass auf der anderen Seite das Geld irgendwo anders reinkommen muss, dass andere mehr zahlen müssen.

Voges: Ja, oder eben, dass man sagt, das gehört mit zur gesellschaftlichen Verantwortung, dass jeder ein Recht auf kulturelle Teilhabe hat. Und was die Studenten in Dortmund angeht, so führen wir darüber Buch, wie viele Studenten im Endeffekt gekommen sind kostenlos, und das verrechnen wir mit der Universität. Und somit müsste man vielleicht sagen, das, was so viele Menschen, die sich den Eintritt nicht leisten können, das zählt man auf und verrechnet das im Endeffekt mit der Stadt.

Wegkommen vom Populismus

Welty: Sie haben mal in einem Interview gesagt, ich möchte ein Theater machen, das mündige Zuschauer braucht. Was ist das für ein Theater?

Voges: Ja, ich glaube, Mündigkeit ist ja so eins der großen Ideale und etwas, was so notwendig ist in Zeiten von schnellen Antworten oder von Populismus, wo nicht mehr eine Differenzierung stattfindet. Und ich glaube, das Theater ist genau der Ort, an dem diese Mündigkeit gelernt werden kann, wo wir nicht ein Klischee oder eine Parole präsentiert bekommen, sondern wo auf einmal Debatten stattfinden, wo verschiedene Perspektiven aufgezählt werden können, wo ich als Zuschauer mich in verschiedene Rollen und in verschiedene Antworten hineinversetzen kann und dadurch Mündigkeit erlernen kann.

Das ist es vielleicht, was ich eben meinte mit friedenserhaltende Maßnahme. Wenn wir als Gesellschaft da hinkommen, dass wir diese Mündigkeit können, dass wir wegkommen vom Populismus, von der Polemik hin zur Differenzierung und zur Mündigkeit, dann ist das eine friedenserhaltende Maßnahme, und ich glaube, diese Form der Empathielehre, der Bildung, der Mündigkeit, das kann im Theater beigebracht werden, das kann erlebt werden.

Welty: Kulturelle Teilhabe geht, sagt der Dortmunder Intendant Kay Voges, dem ich herzlich für dieses "Studio 9"-Gespräch danke. Haben Sie weiter viel Erfolg mit Ihrem Projekt!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

   

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