Seit 01:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 15.11.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Interview / Archiv | Beitrag vom 31.07.2013

Integrationsexperte: Betreuungsgeld hindert Migrantenkinder an Kita-Besuch

Jan Schneider warnt vor "kontraproduktiven" Effekten der neuen Leistung

Moderation: André Hatting

Podcast abonnieren
Am 1. August startet in Deutschland das Betreuungsgeld. (AP)
Am 1. August startet in Deutschland das Betreuungsgeld. (AP)

Der Integrationsexperte Jan Schneider befürchtet, dass sich das Betreuungsgeld negativ auf den ohnehin niedrigen Kita-Besuch von Migrantenkindern auswirken wird. Dabei würde inbesondere diesen Kindern eine frühe Sprachförderung gut tun.

André Hatting: Unsere Landeskorrespondenten informierten über den Stand der Betreuungsplätze an den Beispielen Berlin, Bayern, Hessen und Bremen. Einige Kommunen haben also noch Probleme und fürchten Klagen, Eltern aus Migrantenfamilien werden aber kaum darunter sein, denn die verzichten freiwillig. Bis zu 80 Prozent der ein- bis zweijährigen Kinder mit ausländischen Wurzeln bleiben zu Hause. Warum das so ist, weiß Jan Schneider, er arbeitet beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration und hat dort eine Studie betreut, die genau das herausgefunden hat. Guten Morgen, Herr Schneider!

Jan Schneider: Schönen guten Morgen, Herr Hatting!

Hatting: Warum ist das so, warum schicken Eltern mit ausländischen Wurzeln ihr Kind so selten in eine Tagesstätte?

Schneider: Also wir haben in dieser Studie herausgefunden, dass es nicht per se der Migrationshintergrund ist, der dafür sorgt, dass Eltern ihre Kinder im Alter von einem oder zwei Jahren nicht schicken, sondern dass primär der Bildungshintergrund entscheidend ist. In der Tat ist es so, dass scheinbar nach der Statistik Zuwandererfamilien seltener unter den Kindern in der Krippe vertreten sind, in Wahrheit ist es aber so, dass sich hier verschiedene Effekte überlagern. Um das noch mal transparent zu machen, die erste Generation der Zuwanderer, da ist es tatsächlich so, dass Familien mit Migrationshintergrund eher dazu tendieren, ihre Kinder zu Hause zu lassen als die Mehrheitsbevölkerung.

Wenn wir aber auf die zweite Generation schauen und auf binationale Familien, also auf Eltern, die schon Erfahrungen mit dem deutschen Bildungssystem gemacht haben, die vielleicht auch die Kindergärten und Schulen kennen, dann gleichen sich tatsächlich diese Quoten an, das heißt, dann ist eigentlich kein messbarer Unterschied mehr zwischen den Migranten der zweiten Generation und der Mehrheitsbevölkerung festzustellen.

Hatting: Gibt es auch Unterschiede, je nachdem, woher die Familien kommen, also aus welchem Land?

Schneider: Darüber gibt es in der Forschung bislang nur Vermutungen. Die Daten, die wir ausgewertet haben, haben es nicht ermöglicht, da eine Differenzierung nach Herkunftsländern vorzunehmen. Aber es ist so, das wissen wir aus anderen Studien, dass natürlich die Herkunftsländer und die Bildungs- und Erziehungssysteme dort einen Einfluss auf das Verhalten hier haben. Das heißt zum Beispiel, dass normative Vorstellungen von Kinderbetreuung, von frühkindlicher Betreuung bei der ersten Zuwanderergeneration noch sehr stark geprägt sind vom Herkunftsland. Und wenn in einem Herkunftsland Kitabetreuung ab dem ersten Lebensjahr an der Tagesordnung ist, dann wird sicherlich die Neigung grundsätzlich erst mal höher sein, das Kind auch in Deutschland in eine frühkindliche Betreuung zu schicken, als wenn, wie das beispielsweise in vielen Regionen der Türkei der Fall ist, Kinder in der Regel vor der Einschulung gar keine Kita besuchen.

Hatting: Jetzt haben Sie vorhin das Bildungsniveau als ein entscheidendes Kriterium herausgestellt. Kann man sagen, dass das dann gleich ist, egal ob das eine Familie mit Migrationshintergrund ist, oder deutsche Familien?

Schneider: Ja, der Bildungshintergrund ist sehr entscheidend. Wir haben festgestellt, dass, wenn in den Familien mindestens ein Elternteil eine hohe Bildung hat, das heißt, mindestens ein Abitur hat, die Neigung, das Kind in die Kita zu schicken, wesentlich höher ist. Sie liegt dann ungefähr bei 50 Prozent. Und bei Familien, egal ob nun mit oder ohne Migrationshintergrund, wo maximal ein Hauptschulabschluss in der Familie vorhanden ist oder gar überhaupt kein Schulabschluss, dort ist die Neigung eben wesentlich geringer. Und der SVR-Forschungsbereich hat daraufhin die Empfehlung entwickelt – und das liegt in der Natur der Sache –, dass insbesondere für die Familien mit Migrationshintergrund der Kita-Besuch natürlich sehr hilfreich sein kann, gerade für die erste Generation, wenn der Spracherwerb ganz massiv unterstützt wird und es nur darum gehen kann, gerade jetzt im Zuge des Kitaausbaus und Rechtsanspruchs die Quote derjenigen, die ihre Kinder bereits unter drei Jahren, also mit einem oder zwei Jahren in die Kita schicken, doch deutlich zu erhöhen.

Hatting: Also, es ist sehr wichtig für Familien mit Migrationshintergrund, dass sie ihre Kinder in die Kita schicken wegen der Sprache, das haben Sie gerade ausgeführt. Aber wie schafft man das bei Familien, die eben keine hohe Bildung haben, die kein Abitur haben, die nicht studiert haben, wie bekommt man sie dazu?

Schneider: Ja, unsere Studie heißt "Hürdenlauf zur Kita", was wir feststellen aufgrund der Auswertungen von Befragungen der Eltern, wir haben Eltern befragt – oder nicht wir haben Eltern befragt, sondern das deutsche Jugendinstitut hat Eltern befragt, warum sie ihre Kinder denn zu Hause lassen im Alter von ein und zwei Jahren –, und daraus lassen sich gewisse Zugangshürden zur Kindertagesbetreuung ableiten, die liegen in ganz verschiedenen Bereichen, und es muss natürlich darum gehen, diese Zugangshürden abzubauen. Um vielleicht mal ein oder zwei Beispiele zu nennen, viele Eltern haben wenig Vertrauen in die Qualität der Kindertageseinrichtungen für die Kleinkinder. Sie haben sehr starke Zweifel daran, die zum Teil normativ begründet sind, aber dann auch tatsächlich in der Qualität der Einrichtungen vor Ort, die ihnen zur Verfügung stehen, liegen, ihre Kinder in diesem Alter tatsächlich wegzuschicken, also es sind qualitative Hürden.

Dann gibt es auch tatsächlich genuin interkulturelle Hürden, die sich auf diese erste Zuwanderergeneration beziehen, also das Gefühl kultureller Distanz zu einer deutschen Einrichtung, die Wahrnehmung, dass vielleicht die Kultur oder die Religion nicht ausreichend berücksichtigt wird. Hier müsste es aus unserer Sicht drum gehen, Kindertageseinrichtungen stärker interkulturell zu öffnen, also besonders in der Ansprache dieser Eltern etwas zu tun, sei es durch die Möglichkeit, mehrsprachige Vermittlungserzieher zum Beispiel einzurichten …

Hatting: Also mehr türkische, mehr arabische, mehr russischsprachige Erzieherinnen zum Beispiel?

Schneider: Das kann sehr hilfreich sein, dort bei der Rekrutierungspraxis tatsächlich zu schauen, dass mehr Fachkräfte mit einem Migrationshintergrund in den Erzieherberuf gehen, zum anderen können das so kleine Dinge sein, wie tatsächlich bei Kitafesten oder Elternnachmittagen stärker wertschätzend auf den Hintergrund und auf die Zuwanderungsgeschichte der Eltern einzugehen. Es hat sich herausgestellt, dass solche kleinen Schritte doch häufig sehr hilfreich sind, um Eltern einzubinden und ihnen das Gefühl zu geben, willkommen zu sein, ihr Kind sozusagen guten Gewissens in eine deutsche Institution zu geben.

Hatting: Ja, Herr Schneider, ist es auch wichtig, dass man auf die Familien zugeht, bevor sie ihre Kinder in die Krippe schicken?

Schneider: Ja, die Informationspolitik ist natürlich ganz entscheidend, man muss auf die Eltern zugehen. Es gibt hier Möglichkeiten, Unterstützungsstrukturen schon sehr früh einzurichten auf der Ebene der Kommunen beispielsweise, es kann versucht werden, entsprechend die Eltern auch durch Faltblätter, die vielleicht auch in verschiedenen Sprachen verfasst sind, anzusprechen, es gibt auf kommunaler Ebene bereits jetzt Angebote der Familienzentren, zusätzlich ist die Einrichtung von sogenannten Stadtteilmüttern sehr hilfreich, die versuchen, jeweils in ihrem Stadtteil konkret Eltern anzusprechen, Netzwerke aufzubauen …

Hatting: Die es ja nun schon seit einigen Jahren auch gibt. Herr Schneider …

Schneider: … die es seit einigen Jahren gibt, richtig.

Hatting: Herr Schneider, das Betreuungsgeld, das ebenfalls ab dem ersten August eingeführt wird, wird das Migrationsfamilien noch stärker davon abhalten, ihre Kinder in eine Kita zu geben?

Schneider: Wir befürchten das. Wir haben nämlich als eine der Zugangshürden, und das ist nun wiederum unabhängig vom Migrationshintergrund festgestellt, dass insbesondere Eltern mit niedriger Bildung dazu tendieren, als Grund anzugeben, dass die Kosten zu hoch sind, dass sie ihr Kind nicht schicken. Das heißt, gefragt, warum schicken Sie ihr Kind nicht in die Kita, antworten bis zu ein Drittel der Eltern, dass ihnen die Kosten zu hoch sind, und eben besonders unter den niedrig gebildeten Eltern. Und da sich das überlagert, dass besonders bei den niedrig gebildeten Eltern auch viele Zuwanderer sind, befürchten wir, dass sich das Betreuungsgeld doch deutlich kontraproduktiv auswirken könnte, und dass dann insbesondere die niedrig gebildeten Eltern mit Migrationshintergrund, wo den Kindern gerade die frühe Sprachförderung besonders guttun würde im Hinblick auf den späteren Bildungserfolg, dann doch dazu tendieren, das Betreuungsgeld zu beziehen und ihre Kinder erst später in die Kita zu schicken.

Hatting: Oder vielleicht sogar gar nicht. Jan Schneider, Leiter des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Herzlichen Dank fürs Gespräch, Herr Schneider!

Schneider: Danke schön, Herr Hatting!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Interview

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur