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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.12.2008

Integration als langwieriger Prozess

Paul Scheffer: "Die Eingewanderten", Carl Hanser Verlag 2008, 536 Seiten

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Türkinnen in Berlin (AP Archiv)
Türkinnen in Berlin (AP Archiv)

Geht es um die Themen Immigration und Integration, schlagen die Wellen in den Debatten hoch. Mit seinem Buch "Die Eingewanderten" will der niederländische Soziologe Paul Scheffer mehr Sachlichkeit in die Kontroverse bringen. Scheffer wirft einen Blick in die Geschichte der Zuwanderung, warnt zugleich vor einer Falschinterpretation der Toleranz und fordert ein Ende der Gleichgültigkeit gegenüber Zuwanderern.

"Das multikulturelle Drama" – unter dieser Überschrift löste ein Zeitungsessay im Jahr 2000 in den Niederlanden eine heftige Debatte über Immigration aus, die noch bis heute andauert. Der Amsterdamer Soziologe und Journalist Paul Scheffer warnte damals, Einwanderungskonflikte könnten die gesamte demokratische Gesellschaft gefährden. Nun hat Scheffer nachgelegt - ein über 500 Seiten starkes Buch zum Thema Immigration und Integration, das weithin als Standardwerk bezeichnet wird und in den Niederlanden bereits in der zehnten Auflage in den Buchläden liegt.

Im Niederländischen trägt Paul Scheffers Buch den Titel "Het land van aankomst", was übersetzt soviel bedeutet wie "Das Land der Ankunft". Viel stärker als beim deutschen Titel "Die Eingewanderten" wird dabei eines der Grundanliegen Scheffers deutlich – beide Perspektiven zu zeigen: die der Eingewanderten und die der Eingesessenen. Scheffer nimmt die Befindlichkeiten beider Gruppen ernst und übt gleichzeitig Kritik. All dies in einem bemüht sachlichen Ton.

Für beide Seiten, die Neuen und die Alten, schreibt Scheffer, ist die Geschichte der Immigration vor allem die "Geschichte einer Entfremdung und deren Folgen". Migranten verlieren ihre Heimat, sie lassen ihre Familien zurück, das Netz ihrer sozialen Beziehungen. Aber umgekehrt haben auch die Einheimischen das Gefühl, dass sich ihre vertraute Welt grundlegend ändert. Kein Wunder, dass beide Seiten zunächst versuchen, sich taub und blind zu stellen und sich aus dem Weg zu gehen. Doch das, bemerkt Scheffer, funktioniert längst nicht mehr. In Städten wie Amsterdam besteht inzwischen die Hälfte der Bevölkerung aus Migranten und ihren Kindern. Die Phase der Kontaktvermeidung sei vorbei. Die Gesellschaft befinde sich in der Phase des Konflikts.

Für Paul Scheffer ist dies ein normaler Prozess. Er zeigt in seinem Buch, dass Integration in allen Gesellschaften ähnlich verläuft: von der Vermeidung über den Konflikt hin zu Anpassung und Assimilation. Diesen Befund dokumentiert der Soziologe mit ausführlichen Beispielen verschiedenster Immigrationsgeschichten aus Europa und den USA; immer wieder bedient er sich zudem verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen wie der (Stadt-)Soziologie, der Psychologie oder der Geschichte. Auch wenn Scheffers Gedanken manchmal etwas zu mäandernd dahin fließen, sind es besonders die historischen Exkurse, die sein Buch interessant machen. Etwa wenn er ausführt, dass es auch in den USA, dem Einwanderungsland schlechthin, lange Zeit heftigste Konflikte um die Integration gab. Die Vorbehalte, die Mitte des 19. Jahrhunderts den katholischen Iren im bis dahin protestantischen Amerika entgegenschlugen, spürte sogar noch John F. Kennedy – der erste und bislang einzige katholische Präsident der USA.

Die Frage der Religion spielt in Scheffers Buch eine wichtige Rolle. Dem Islam widmet der Autor ein ganzes Kapitel. Dabei spart er nicht mit Kritik und wirft Einheimischen wie Ankommenden Scheinheiligkeit vor. Beispiel Deutschland: Hier predige die liberale, säkulare Gesellschaft den Muslimen die Trennung von Staat und Kirche, aber nach wie vor hingen Kruzifixe in deutschen Klassenzimmern und auch die Kirchensteuer gebe es noch. Umgekehrt beanspruchten viele Muslime Religionsfreiheit für sich, aber akzeptierten es nicht, wenn einer von ihnen zum christlichen Glauben konvertiert oder eine Satire über den Islam veröffentlicht wird. Dabei gehörten Religionsfreiheit und Religionskritik unmittelbar zusammen.

An diesem Punkt bringt Scheffer den Begriff der "Toleranz" ins Spiel, der seiner Meinung nach lange Zeit falsch interpretiert wurde – als bloßes Nebeneinander und Gleichgültigkeit. Scheffer fordert gegenseitiges Interesse: dem Gegenüber Fragen zu stellen und dessen Fragen zuzulassen. Das ist anstrengend und in der Tat mehr, als einmal im Jahr in der Hauptstadt den "Karneval der Kulturen" zu feiern. Aber ehrliches Interesse und eine wirkliche Gleichbehandlung, meint Scheffer, seien nun einmal die ersten Schritte auf dem Weg zu einer gelungenen Integration.

Mag sein, dass Scheffers Buch an manchen Stellen einer Sonntagsrede gleicht und wenig konkrete Lösungsansätze bietet. Das Problem der Integration mit einem einzigen Buch lösen zu wollen, wäre allerdings auch vermessen. Scheffer versucht zumindest, der Diskussion eine Richtung zu geben: Es müsse ein "Wir" geben, schreibt er, in das sich Immigranten integrieren können. Als Inhalt dieses "gesellschaftlichen Wir" bestimmt er lediglich die universellen Menschenrechte. Für das Übrige gilt: Was die Eingesessenen von den Immigranten fordern, müssen sie selbst erfüllen. Man könnte auch sagen: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.

Für Paul Scheffer ist dies keine abgedroschene Phrase. Er hofft, dass mit der Suche nach dem "Wir" ein Nachdenken darüber beginnt, was es heißt, Bürger eines Staates zu sein. Das Problem von Migration und Integration ist für ihn eine Einladung zur gesellschaftlichen Selbstreflexion. Genau dafür gibt sein Buch viele interessante Gedankenanstöße.

Rezensiert von Marcus Weber

Paul Scheffer: Die Eingewanderten. Toleranz in einer grenzenlosen Welt
Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens, Andreas Ecke, Heike Baryga und Gerd Busse
Carl Hanser Verlag, München 2008
536 Seiten, 24,90 Euro

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