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Tonart | Beitrag vom 13.10.2020

Instrumentenbauer Freeman VinesGitarren aus dem Holz von Galgenbäumen

Von Laf Überland

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Detail einer Gitarre (Gettyimages / Moment RF / Nico Soro)
Aus sehr verschiedenem Holz können Gitarren sein - bei Freeman Vines auch aus den Brettern eines Baumes, an dem 1930 jemand gelyncht wurde. (Gettyimages / Moment RF / Nico Soro)

Manche Gitarren sehen aus wie afrikanische Masken. Andere haben Schlangen auf dem Korpus. Freeman Vines aus einem Dorf im Südosten der USA, schafft nicht nur besondere Formen, er verwendet spezielles Material - und verfolgt ein klares Ziel.

"Die Gitarre ist lebendig", sagt Freeman Vines, ehemaliger Bluesmusiker, E-Gitarrenbauer und Holzschnitzer aus einem Dorf in North Carolina. Vines ist 78 Jahre alt, mit buschigem Haar, einem grauen Bart und abgetragenen Klamotten. Als Jugendlicher arbeitete er mit seiner Mutter auf einer Tabakplantage, reparierte Autos, beging Gaunereien und legte sich mit den Leuten an. Das Lesen lernte er mithilfe von Comics im Gefängnis. 

Wieder draußen, spielte er in Kneipen auf der E-Gitarre den gospeligen Blues, und eines Tages hörte er einen Gitarrenton, der ihm so durch und durch ging, dass er ihn nie wieder vergaß. Im Gegenteil: Weil er nicht rausbekam, auf welchem Instrument da gespielt worden war, fing er an, selbst Gitarren zu bauen und mit unterschiedlichen Holzklängen herumzuprobieren, auf der Suche nach dem verklungenen Ton. Einige Instrumente sahen dann aus wie die Gibson Firebird oder die Fender Telecaster - die verkaufte er dann an andere Musiker. Und mit der Zeit lernte er, dass jedes Stück Holz seinen eigenen Charakter hat und seine eigene Geschichte und sogar seine eigene Seele.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)Vines fing an, Holz zu sammeln und mit der Hand Gitarrenkorpusse daraus zu schnitzen, in seiner kleinen Werkstatt im Schuppen hinter dem Haus. Darin lebte er mit einem kleinen Rudel Hunde und hörte bei der Arbeit meist einem Radioprediger zu. Er wickelt die Spulen der Tonabnehmer selbst, und wenn er das Holz biegen muss, legt er es eine Zeit lang in den Regen und hofft, dass diesmal vielleicht der Ton dabei rauskommt, den er seit 50 Jahren sucht. Denn er hat ihn noch nicht gefunden. 

Fotograf entdeckt Freeman Vines

Auftritt: Tim Duffy, Gründer und Präsident der Music Maker Relief Foundation, einer Organisation, die alten, verarmten und kranke Musikern im Süden hilft: Sie sind die meisten Schwarze und haben den Blues gespielt. Duffy ist selbst ein Bluesfreak und ein Fotograf. Er reist im Süden herum, nimmt die Musik der Leute auf und fotografiert sie auf die aufwendige altmodische Art der 1860er/70er - mit Kollodium-Nassplatten. So stößt Duffy bei seiner Feldforschung in einem kleinen Dorf in North Carolina auf diesen Mann, der aus Holzstücken beseelte Gitarren baut.

Sie wühlen herum und finden 80 Gitarren in merkwürdigen Formen, ein paar liegen unter Stapeln von Holzschrott, den Vines als Rohstofflager auf seiner Veranda anhäuft. Einige der Instrumente sehen aus wie afrikanische Masken mit Saiten darauf oder wie Totenmasken, andere haben Tentakel wie Oktopusse. Eine sieht aus wie eine Träne, und ein paar haben Schlangen auf dem Korpus: Die hat Freeman Vines aus den Brettern eines Walnussbaumes geschnitzt, an dem 1930 ein schwarzer Pachtfarmer und Schuster zum Lynchen aufgehängt wurde, weil er angeblich die Tochter des Landbesitzers vergewaltigt hatte.

Buch und Ausstellung zu Vines und seinen Gitarren

Und irgendwas war mit dem Holz, sagt Vines: Mit ihm zu arbeiten, war eine spirituelle Sache - nicht gut, nicht schlecht, aber strange. Eines nachts hatte er das gruselige Gefühl, ihm würde jemand über die Schulter gucken. Denn natürlich sind da Geister in dem Holz des Lynchbaumes, müssen sie sein, sagt Vines, sie können sonst nirgendwo hin. Und das Holz des Baumes ist spirituell involviert: Ein bisschen bleibt an allem hängen.

Im US-amerikanischen Verlag Bitter Southerner ist jetzt ein Buch herausgekommen mit diesen kunstvollen Fotos von Vines und seinen Gitarren. Darin sind Texte über die Instrumente, das Holz und Vines’ Leben als Schwarzer im Kernland des Ku-Klux-Klan - und darüber, wie mit den Gitarren auch die gern verschwiegene Geschichte am Leben gehalten wird.

Eigentlich sollte in diesem Jahr eine Ausstellung dazu durch die Welt ziehen: Wegen Corona kam die aber nur bis England. Deshalb gibt es sie jetzt virtuell, im Netz. Und so merkwürdig wie Freeman Vines’ seltsamste Gitarren heißen auch das Buch und die Internetseite: Hanging Tree Guitars.

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