Ins Leben gestürmt
Ohne Fußball wäre dieses Kind wahrscheinlich vor die Hunde gegangen. Zuhause gibt es nur Drill und Demütigung. Die Mutter bringt sich um. Die romanhafte Erzählung, die in Goslar im Nachkriegsdeutschland spielt, ist autobiografisch. Mit diesem kleinen Stück Literatur befreit sich der inzwischen 71-jährige Journalist Jürgen Bertram endgültig von seiner traumatischen Kindheit.
Goslar, 50er-Jahre, Nachkriegszeit. Jürgen Bertram führt uns zurück in eine längst untergegangene Welt. In der niedersächsischen Provinz durchlebt er eine hochproblematische Kindheit; geprägt vom Selbstmord der Mutter und einem verschlossenen, zur Grausamkeit neigenden Vater, der gefangen ist in traumatischen Kriegserinnerungen und Verstrickungen ins Nazisystem.
Als Kind erfährt Bertram scheinbar nichts außer Drill, Demütigung und Zurückweisung. Die Eltern, einzige Bezugspersonen, sind unerreichbar, zu beschäftigt mit sich und ihren Problemen. Aggression und Depression lähmen diese deutsche Kleinfamilie. In dieser lieblosen Umgebung wächst Bertram zu einem ungeliebten, schutzlosen Wesen ohne jedes Selbstvertrauen heran. Im Suff, in Bordellen und mit kleinen Verbrechen lehnt er sich gegen diese verhasste Kleinbürgerwelt auf, die doch auch seine innere Heimat ist.
Wäre nicht der Fußball gewesen, Bertram wäre wahrscheinlich untergegangen. Im Spiel findet er Rettung. Selbst bei der Beerdigung der Mutter kann er nur an Fußball denken. Er kickt gegen alles, was ihm vor die Füße fällt, erfindet Spiele, trampt bis nach Spanien zu Real Madrid, weiß Tabellen und Aufstellungen auswendig. Immer, wenn es im Leben brenzlig wird, kann er den im "Kopf aufbewahrten Film mit schönsten Fußballszenen abspulen".
"Torschrei" ist eine romanhafte Erzählung, in der der 71-jährige Bertram nach einem geglückten Berufsleben noch einmal auf seine missglückte Kindheit zurückblickt und diese aufarbeitet. Mit einer altmodischen Sprache und präzisen Beschreibungen lässt Bertram die Verklemmtheit und den Mief der 50er-Jahre wieder lebendig werden. Fast könnte man glauben, dass für Bertram die Zeit einfach stehen geblieben ist.
Noch dichter wird dieser Rückblick durch hineinmontierte Meldungen aus dem Archiv der Goslarer Zeitung. Eindringlich beschreibt er, wie ihm der Fußball Kraft gab, sich von seinem Vater zu lösen und seinen eigenen Weg als Mensch und Journalist zu finden. In den ansonsten sehr hermetischen Text streut er Gedichte, Werbe- und Liedtexte von damals ein - allerdings etwas zu häufig: Etwas sparsamer dosiert hätte dieses Stilmittel mehr Wirkung erzielt.
Nach Jahrzehnten wagt sich Jürgen Bertram an ein sorgsam verschlossenes inneres Archiv. Mit seinen sehr bildhaften, sentimentalen Erinnerungen bewegt er sich aber auch immer wieder an der Grenze zum Kitsch – etwa bei den im Wind flirrenden Pappelblättern und dem "Keckern eines Elsterpärchens", das "den himmlischen Singsang einer Nachtigall" übertönte, als ein Stürmer bei einem Dorfspiel vor mehr als 50 Jahren mit dem Ball am Fuß auf das von ihm gehütete Tor zustürmte. Trotzdem ist "Torschrei" ein lesenswertes, leicht lesbares Buch. Jürgen Bertram hat den Mut, seine eigene tragische, anrührende Geschichte zu erzählen. Für ihn muss es wie ein Befreiungsschlag in der Nachspielzeit gewesen sein, dass er sich die traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit nun endlich in aller Offenheit von der Seele schreiben durfte. Selbst als Bertram bereits erfolgreicher Journalist war, hat er vergeblich um die Anerkennung seines Vaters, der ihn so quälte, gekämpft. Aber auch diese Enttäuschung hat er jetzt verarbeitet.
Rezensiert von Thomas Jädicke
Jürgen Bertram: Torschrei - Bekenntnisse eines Fußballsüchtigen
Osburg Verlag, Berlin 2011
255 Seiten, 19,95 Euro
Als Kind erfährt Bertram scheinbar nichts außer Drill, Demütigung und Zurückweisung. Die Eltern, einzige Bezugspersonen, sind unerreichbar, zu beschäftigt mit sich und ihren Problemen. Aggression und Depression lähmen diese deutsche Kleinfamilie. In dieser lieblosen Umgebung wächst Bertram zu einem ungeliebten, schutzlosen Wesen ohne jedes Selbstvertrauen heran. Im Suff, in Bordellen und mit kleinen Verbrechen lehnt er sich gegen diese verhasste Kleinbürgerwelt auf, die doch auch seine innere Heimat ist.
Wäre nicht der Fußball gewesen, Bertram wäre wahrscheinlich untergegangen. Im Spiel findet er Rettung. Selbst bei der Beerdigung der Mutter kann er nur an Fußball denken. Er kickt gegen alles, was ihm vor die Füße fällt, erfindet Spiele, trampt bis nach Spanien zu Real Madrid, weiß Tabellen und Aufstellungen auswendig. Immer, wenn es im Leben brenzlig wird, kann er den im "Kopf aufbewahrten Film mit schönsten Fußballszenen abspulen".
"Torschrei" ist eine romanhafte Erzählung, in der der 71-jährige Bertram nach einem geglückten Berufsleben noch einmal auf seine missglückte Kindheit zurückblickt und diese aufarbeitet. Mit einer altmodischen Sprache und präzisen Beschreibungen lässt Bertram die Verklemmtheit und den Mief der 50er-Jahre wieder lebendig werden. Fast könnte man glauben, dass für Bertram die Zeit einfach stehen geblieben ist.
Noch dichter wird dieser Rückblick durch hineinmontierte Meldungen aus dem Archiv der Goslarer Zeitung. Eindringlich beschreibt er, wie ihm der Fußball Kraft gab, sich von seinem Vater zu lösen und seinen eigenen Weg als Mensch und Journalist zu finden. In den ansonsten sehr hermetischen Text streut er Gedichte, Werbe- und Liedtexte von damals ein - allerdings etwas zu häufig: Etwas sparsamer dosiert hätte dieses Stilmittel mehr Wirkung erzielt.
Nach Jahrzehnten wagt sich Jürgen Bertram an ein sorgsam verschlossenes inneres Archiv. Mit seinen sehr bildhaften, sentimentalen Erinnerungen bewegt er sich aber auch immer wieder an der Grenze zum Kitsch – etwa bei den im Wind flirrenden Pappelblättern und dem "Keckern eines Elsterpärchens", das "den himmlischen Singsang einer Nachtigall" übertönte, als ein Stürmer bei einem Dorfspiel vor mehr als 50 Jahren mit dem Ball am Fuß auf das von ihm gehütete Tor zustürmte. Trotzdem ist "Torschrei" ein lesenswertes, leicht lesbares Buch. Jürgen Bertram hat den Mut, seine eigene tragische, anrührende Geschichte zu erzählen. Für ihn muss es wie ein Befreiungsschlag in der Nachspielzeit gewesen sein, dass er sich die traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit nun endlich in aller Offenheit von der Seele schreiben durfte. Selbst als Bertram bereits erfolgreicher Journalist war, hat er vergeblich um die Anerkennung seines Vaters, der ihn so quälte, gekämpft. Aber auch diese Enttäuschung hat er jetzt verarbeitet.
Rezensiert von Thomas Jädicke
Jürgen Bertram: Torschrei - Bekenntnisse eines Fußballsüchtigen
Osburg Verlag, Berlin 2011
255 Seiten, 19,95 Euro
