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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.01.2012

Innenleben einer Dreiecksbeziehung

Nadeschda Mandelstam: "Erinnerungen an Anna Achmatowa", Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 205 Seiten

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Denkmal von Anna Achmatowa in Sankt Petersburg (picture alliance / dpa)
Denkmal von Anna Achmatowa in Sankt Petersburg (picture alliance / dpa)

Diese Memoiren sind ein aufschlussreiches Dokument über die Rettung der Kunst, über die Bewahrung des Kunstwillens unter den feindseligen Umständen des Stalin-Regimes, wie sie grausamer kaum zu denken sind.

Wie ein Motto steht am Anfang dieser Memoiren ein erschütternder Satz: "Von dem, was mit uns war, ist das Tiefste und Stärkste die Angst und ihr Produkt – das ekelhafte Gefühl der Scham und der vollkommenen Hilflosigkeit." Und das Ende dieser Aufzeichnungen markiert ein trotziger Satz der Selbstbehauptung: "Aber wir haben ausgeharrt und alles getan, was wir konnten." Nadeschda Mandelstams "Erinnerungen an Anna Achmatowa" sind ein Zeugnis von bedingungsloser Aufrichtigkeit, eine schreibend betriebene Selbsttherapie, die das Leben dieser bemerkenswerten Frau unter den drei wichtigsten Aspekten beleuchtet: ihrer Liebe zu Ossip Mandelstam, den nicht wenige für den bedeutendsten russischen Dichter des 20. Jahrhunderts halten, ihrer Freundschaft mit Anna Achmatowa, der nicht minder geschätzten Dichterin, und den Zumutungen, ja Erbärmlichkeiten des Stalin-Regimes, dem dieses Triumvirat ausgesetzt war.

Nichts wirklich Neues wird da enthüllt. Das bittere Schicksal von Ossip Mandelstam (1891-1938) ist bekannt. Sein jämmerlicher Tod, den man recht eigentlich ein Verrecken nennen muss, in einer Krankenbaracke eines Straflagers nahe Wladiwostok ist längst kein Geheimnis mehr, ebensowenig wie das berühmte "Stalin-Epigramm", das ihm die letztlich tödlichen Schwierigkeiten einbrachte. Auch Anna Achmatowas (1889-1966) Lebensumstände liegen längst offen, die Ermordung ihres ersten Ehemannes, des Dichters Nikolai Gumiljow, die mehrfachen Verhaftungen und Lageraufenthalte ihres Sohnes Lew, der Lagertod ihres zweiten Mannes, die Abkanzelungen seitens der Kulturbehörden und Medien sind vielfach beschrieben.

Und doch reflektieren diese Memoiren eine ganz und gar eigene Sicht auf diese Geschehnisse, auf diese Biografien. Jenseits der Fakten, jenseits der äußeren Umstände erzählen sie vom Innenleben einer Dreiecksbeziehung, die von literarischer Zuneigung (Achmatowa wie auch Mandelstam gehörten zum inneren Zirkel der kurzlebigen Strömung des Akmeismus), persönlicher Sympathie und Solidarität und dem gemeinsam empfundenen Status als Bedrohte, jederzeit in der Gefahr einer Verhaftung stehende Menschen getragen wurde. Sie sind persönlich, zuweilen nahezu intim, sie sind ein in höchstem Maß aufschlussreiches Dokument über die Rettung der Kunst, über die Bewahrung des Kunstwillens unter feindseligen Umständen, wie sie grausamer kaum zu denken sind.

Besprochen von Gregor Ziolkowski

Nadeschda Mandelstam: Erinnerungen an Anna Achmatowa
Aus dem Russischen von Christiane Körner
Kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Pawel Nerler
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
205 Seiten, 18,90 Euro

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