Inklusive Bühnen in der Pandemie

    "Theater ohne Zuschauer ist wie ein schwarzes Loch"

    05:38 Minuten
    Die Schauspielerin Zora Schemm vom Theater RambaZamba in der Rolle der Antigone
    Als Theater noch ohne Maske möglich war: Zora Schemm vom Theater RambaZamba spielte 2019 in "Antigone" am Deutschen Theater Berlin. © picture alliance / dpa / Jörg Carstensen
    Von Natalja Joselewitsch · 10.04.2021
    Audio herunterladen
    Die Coronapandemie hat die inklusiven Theater hart getroffen. Viele Künstler mit Behinderung gehören zur Risikogruppe und durften in den ersten Monaten nicht proben. An zwei Theatern in Berlin wird nun die kommende Spielzeit vorbereitet.
    Alles auf Anfang: Euphorie herrscht auf der großen Bühne des Theaters Thikwa in Berlin. Gleich beginnt die Generalprobe für das Tanzstück "Move out loud". Choreografin Modjgan Hashemian gibt den acht Darstellern noch letzte Anweisungen, dann beginnt die Probe.
    Die Tänzer bewegen sich Körper an Körper hinter transparenten Stellwänden. In die Wände sind kleine Fenster eingelassen, hinter denen immer wieder eine Hand oder ein Gesicht erscheint. Die Probe wird begleitet durch ein Kamerateam. Das sei ein Konzept, mit dem das Theater Thikwa seit vergangenem Dezember arbeitet, erklärt Leiter Gerd Hartmann.
    "Das war bei uns eine relativ frühe Entscheidung zu sagen", erläutert Hartmann. "Wir verschieben gar nichts mehr, wir machen einfach alle Produktionen, so wie gedacht, und machen sie dann eben als Premiere im Livestream oder als Stream und schauen dann, dass wir zu Zeiten, wo das wieder erlaubt ist, die auch zeigen können."

    Alle Ensemblemitglieder proben

    Möglich wird das durch ein strenges Testkonzept. Alle Beteiligten werden täglich von medizinisch ausgebildeten Personal getestet. Inzwischen können auch fast alle 43 Ensemblemitglieder wieder an den Proben teilnehmen, zu Beginn der Pandemie sah das noch ganz anders aus.
    "Viele unserer Ensemblemitglieder wohnen in geschützten Wohneinrichtungen, also in WGs", erklärt Hartmann. "Die sind teilweise sehr restriktiv mit den Bestimmungen umgegangen. Die haben dann zum Teil unsere Leute nicht arbeiten lassen. Alle lieben ihren Job bei Thikwa. Plötzlich ein halbes Jahr oder länger eingesperrt zu sein, das war für einige eine sehr große Herausforderung."
    Ähnlich erging es auch Schauspieler Stephan Sauerbier, der bei Thikwa gerade an einem Theaterstück probt. Er durfte lange nicht an den Proben teilnehmen, obwohl er gesundheitlich nicht gefährdeter war als seine Kollegen.
    "Ich musste erst mal in der WG bleiben", sagt Sauerbier. "Ich durfte erst nicht raus und konnte dann nicht spielen, das war für mich tragisch und ein bisschen traurig. Das war schwierig in der Zeit."
    Aber Theaterleiter Hartmann sieht auch Vorteile, die sein Haus im Vergleich zu nicht inklusiven Theatern hatte:
    "Dadurch, dass wir immer schon sehr flexibel reagieren mussten, also es passiert dann ja auch zu Nichtpandemiezeiten, dass dann plötzlich drei Tage vor der Premiere drei Leute krank sind", so Hartmann. "Das ist bei uns Alltag. Insofern haben wir so eine Flexibilität, dass wir damit ganz gut durch die Pandemie gekommen sind."

    Fehlende Flexibilität

    Sieben Kilometer entfernt auf der Probebühne des inklusiven Theaters RambaZamba finden gerade Tanzproben statt. Die Gruppe, die aus vier behinderten und vier nicht behinderten Tänzern besteht, wird täglich getestet. Vor Publikum kann das Stück allerdings frühestens in der nächsten Spielzeit gezeigt werden, denn das Theater hat seinen Spielbetrieb bis dahin komplett eingestellt, erklärt Leiter Jacob Höhne:
    "Das Hauptproblem, das wir immer noch haben, ist die fehlende Flexibilität, beziehungsweise die fehlende Struktur, die ein großes Haus hat", berichtet Höhne. "Der zweite Punkt ist, dass wir einen etwas längeren Produktionszeitraum mit unserem Ensemble haben und das in Kombination verleiht uns überhaupt keine Flügel, sondern bremst uns in der ganzen Situation ziemlich aus."
    Denn ein inklusives Ensemble benötigt in der Regel längere Probezeiten und auch Mehrfachbesetzungen in mehreren Stücken gleichzeitig sind nicht für alle Darsteller möglich. Flexibel auf ein ständig wechselndes Infektionsgeschehen zu reagieren, ist so kaum möglich. Auch die langsame Impfgeschwindigkeit bereitet Probleme:
    Wir haben Mitglieder im Ensemble, die gerade nicht rausgelassen werden", erläutert Höhne. "Da gibt es Verwandte oder Betreuer, die sagen, es ist ihnen zu gefährlich und die lassen wir erst raus, wenn sie geimpft wurden. Die haben jetzt erst Impftermine im Sommer bekommen und das ist auch für uns ein großes Problem, weil wir mit den Künstlern dringend arbeiten müssen. Wenn die erst im Sommer kommen, ist das natürlich zu spät."

    Endlich wieder Publikum

    Trotzdem wird im Theater RambaZamba auf Hochtouren produziert. Sechs Stücke werden gerade geprobt und sollen in der nächsten Spielzeit endlich vor Publikum gezeigt werden. Ein Moment, auf den das ganze Ensemble hinfiebert, erklärt Darstellerin Eva Fuchs:
    "Ich vermisse total die Zuschauer! Ohne Zuschauer, das ist wie Kino ohne einen Saal, wie ein schwarzes Loch. Ich hoffe wirklich, dass die Zuschauer irgendwann wiederkommen."
    Theater endlich wieder vor Publikum spielen. Eine Sehnsucht, die wohl im Moment alle Schauspieler, ob mit oder ohne Behinderung, teilen.
    Mehr zum Thema