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Tonart | Beitrag vom 08.10.2019

Initiative Record in IcelandIsland lockt Musiker mit Förderung

Dirk Schneider im Gespräch mit Andreas Müller

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In einem Tonstudio in Reyk­ja­vík hängen Gitarren an der Wand, ein offener Flügel steht im Vordergrund, mehrere weitere Tasteninstrumente sind zu sehen, in der Mitte steht ein Hocker. (Juliette Rowland)
Ein Tonstudio in Reyk­ja­vík: Wer seine Platte in Island produziert, kann ein Viertel der Kosten vom Staat bekommen. (Juliette Rowland)

Isländische Musik ist ein Exportschlager - doch die Tonstudios bräuchten mehr Auslastung. Deshalb können Musiker - auch aus dem Ausland - sich ein Viertel der Kosten einer Plattenproduktion erstatten lassen. Das wurde bislang aber nur wenig genutzt.

Andreas Müller: Island hat, gemessen an seiner Einwohnerzahl von gerade mal 350.000 Menschen, eine enorm lebendige Musikszene. Jazz, Klassik, Pop: Es scheint, als würde so gut wie jeder auf dieser Insel ein Instrument spielen. Und tatsächlich sind die meisten Musikerinnen und Musiker in verschiedenen Projekten tätig, oft genreübergreifend. Losgetreten hat das natürlich der große Erfolg von Björk, die mit ihrer Band The Sugarcubes in den 80er-Jahren von Island aus gestartet ist - zu einer Zeit, als die Popmusikszene der Insel noch vor allem aus Bands bestand, die Coverversionen von bekannten Rocksongs gespielt haben, um die auf der Insel stationierten amerikanischen Soldaten zu unterhalten.

Das alles hat sich geändert, Musik aus Island ist ein Exportschlager. Und wer heute einen isländischen Souvenirshop besucht, findet dort nicht nur Strickwaren aus kratziger isländischer Wolle, sondern auch ein gut sortiertes CD-Regal mit Bands wie Sigur Rós oder Of Monsters and Men. Entsprechend hat sich in Island auch ein Netz an guten Aufnahmestudios etabliert. Die allerdings könnten noch mehr Auslastung vertragen, und darum bietet die isländische Regierung nun - dem Vorbild der Filmförderung folgend - jedem, der seine Musik in Island aufnimmt, an, 25 Prozent der dabei anfallenden Kosten zurückzuerstatten. Mehr darüber weiß mein Kollege Dirk Schneider. Warum machen die Isländer das, stehen diese Studios einfach leer?

Dirk Schneider: Diese Initiative nennt sich Record in Iceland, es gibt eine Website, auf der die sieben besten isländischen Studios vorgestellt werden, und es gibt noch mehr. Eines der interessantesten ist das Studio Silo, das liegt in den Ostfjorden, also weit im Nordosten der Insel, das sind acht Stunden Autofahrt von Reykjavik. Ein wunderschönes Studio, in dem man rein analoge Aufnahmen machen kann, untergebracht in einer alten Fischfabrik direkt am Meer, wunderschöne Aussicht, das ist ein Traum. Aber man fragt sich schon, wer da eigentlich aufnimmt, die meisten Studios sind da, wo die meisten Menschen wohnen, nämlich in Reykjavik. Eine Reise nach Island ist nicht ganz billig, und das Leben auf der Insel kostet auch mehr als auf dem Festland. Andererseits ist das natürlich ein extrem inspirierendes Umfeld für Musikaufnahmen. Anna Rut Bjarnadottir, die für Record In Iceland arbeitet, hat mir die Idee hinter dem Projekt so erklärt:

Anna Rut Bjarnadóttir: Bis jetzt ist Island immer noch ein Geheimtipp. Die Qualität der Studios und auch die kurzen Wege innerhalb der Musikszene auf der Insel. Jeder kennt sich, und wenn Sie zum Beispiel eine fantastische Harfenistin brauchen, ist das nur eine Sache von einem Telefonanruf. Wir haben so viele großartige Künstler, wir brauchen nur noch mehr Menschen, die das entdecken.

Die heimische Musikwirtschaft stärken

Müller: Das ist ja erstaunlich, mein Eindruck war, dass schon sehr viele nichtisländische Künstler dort aufnehmen. Es geht also schon vor allem darum, Geld auf die Insel zu bringen - und vielleicht, das ist ja die Idee hinter den Geldern der Filmförderung, auch etwas Werbung für Island zu machen?

Schneider: Touristische Werbung scheint Island kaum zu brauchen, dort ist man eher froh, dass die Touristenzahlen gerade etwas zurückgehen, die Insel hat einen echten Besucheransturm erlebt. Ja, es geht schon darum, die heimische Musikwirtschaft zu stärken, das will man aber nicht nur mit Geld erreichen, das dorthin fließt, sondern man möchte auch eine internationale Vernetzung anstoßen, wie mir Anna Ruth Bjarnadottir erklärt hat:

Bjarnadóttir: Es geht darum, Umsatz zu machen, na klar. Wir wollen den Studios und den Produzenten Jobs verschaffen. Aber wir möchten damit auch auf künstlerischer Ebene Kollaborationen anstoßen, und es geht unbedingt auch darum, voneinander zu lernen, wir können von den Besuchern lernen, sie aber auch von uns. Hier können alle Seiten profitieren.

Blick aus einem Fenster mit einer kleinen Pflanze auf dem Fensterbrett auf einen sonnenbeschienenen Fjord mit Bergen dahinter und blauem Himmel. (Studio Silo)Verführerisch: Blick aus dem Fenster des Tonstudios Silo im Nordosten Islands (Studio Silo)

Müller: Wie hoch ist denn das Budget, das Island für diese Förderung locker macht?

Schneider: Das liegt bei 80 Millionen isländischen Kronen, das sind ungefähr eine halbe Million Euro - das ist schon nicht wenig. Das Interessante ist, dass dieses Budget, das jetzt im dritten Jahr verfügbar ist, bislang nur zu einem Bruchteil abgerufen wurde. Man ist in Island also wirklich dankbar für jeden, der ins Land kommt und seine 25 Prozent Förderung beantragt.

Musik für Island auch wirtschaftlich wichtig

Müller: Island hat ja 2008 sehr unter der Finanzkrise gelitten. Ist das jetzt auch ein Versuch, sich abseits des Finanzsektors ein neues Standbein aufzubauen?

Schneider: Ja, ganz bestimmt. Es ist wirklich bemerkenswert, was die Finanzkrise mit diesem Land gemacht hat. Das muss ein großer Schock gewesen sein, den viele aber auch begrüßt haben. Ich war vor ein paar Jahren dort und habe das oft gehört: Wir waren total abgehoben, der Crash hat uns wieder zurück auf den Boden geholt, und der Kultursektor insgesamt hat einen enormen Aufschwung erfahren. Es gibt in Reykjavik ja die große Konzerthalle Harpa, mit deren Bau wurde 2007 begonnen, das Ding sollte allerdings ursprünglich vor allem ein Kongresszentrum werden mit Shopping-Mall, und irgendwo war auch ein kleiner Konzertsaal vorgesehen.

Im Zuge der Finanzkrise hat man dann umgedacht. Heute hat das Gebäude einen großen Konzertsaal mit 1800 Plätzen und mehrere kleine Säle und ist Heimat des Isländischen Sinfonieorchesters. Vor seinem Bau war es extrem umstritten, weil es direkt am Wasser steht und die Sicht auf das Meer und die Berge von der Stadt aus behindert. Inzwischen hat es große Akzeptanz bei der Bevölkerung gefunden, eben auch weil es vor allem ein Ort für die Kultur ist und nicht für die Wirtschaft.  

Müller: Wie funktioniert das eigentlich in einem Land mit nur so vielen Einwohnern wie Bielefeld? Da kennt man sich ja bestimmt untereinander, wahrscheinlich sind da die Wege zwischen Kultur und Politik auch sehr kurz?

Schneider: Das dachte ich auch, aber das ist offenbar nicht so. In Großbritannien hat man ja irgendwann mal festgestellt, dass die Musikindustrie einen größeren Umsatz macht als die Stahlindustrie, das ist dann auch bei der Politik angekommen. Allerdings war das zu einer Zeit, in der die Musikindustrie noch boomte und die Stahlindustrie schon im Niedergang begriffen war. In Island ist man sich schon bewusst, dass die Musik auch wirtschaftlich wichtig ist für das Land, sie ist ja auch ein wichtiger Imagefaktor. Anna Ruth Bjarnadottir, die auch für das isländische Musikexportbüro arbeitet, hat mir aber erzählt, dass die Politik nach ganz eigenen Regeln funktioniert und sie wirklich froh waren, diese Gelder dem Wirtschaftsministerium abgerungen zu haben:

Bjarnadóttir: Politik ist Politik. Da muss man schon sehr hartnäckig sein und viel Lobbyarbeit betreiben. Aber mit der Filmförderung und Record in Iceland haben wir schon viel erreicht, die Regierung hört uns inzwischen zu und sieht auch den Handlungsbedarf.

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